Psychofutter: Zufriedenheit

image_print

Immer, wenn ich nach Italien reise, gibt es etwas, das mir dort vielerorts sofort ins Auge fällt und ich kann einfach nicht damit aufhören, es immer wieder zu fotografieren: Es sind die ärmlichen Häuserfassaden mit ihren alten, holzigen Fensterläden, die meistens geöffnet stehen, um die Wohnung zu lüften. Dazu zähle ich auch die zahllosen Wäscheleinen, die zwischen den einzelnen Gassen aufgespannt sind und auf denen sämtliche schlicht anmutende Wäschestücke hängen. In den engen, schattigen Gässchen spielen oft Kinder und aus den geöffneten Fenstern erklingt häufig das Geräusch von klirrendem Geschirr, das gerade verräumt wird.

Oft hab ich mich gefragt, weshalb mich gerade dieser spezielle Anblick, diese spezielle Szenerie so fasziniert. Heute weiß ich darauf eine Antwort.

Es ist die Einfachheit, die Schlichtheit, die Genügsamkeit, die ich mit diesem Anblick assoziiere. Die Menschen leben in einfachen Häusern, die keinen Schönheitspreis gewinnen würden und die dabei gleichzeitig so wunderbar rustikal und provinziell wirken. Und dies wiederum weckt in mir stets den Eindruck, dass die Menschen dort mehr Wert auf Zwischenmenschlichkeit legen als auf materielles Hab und Gut. Oft leben dort noch mehrere Generationen unter einem Dach. Junge Menschen ziehen nicht in Scharen in weit entfernte Großstädte zum Studieren, sondern bleiben häufig in der Großfamilie, arbeiten im familiären Betrieb mit und unterstützen so die ältere Generation.

So zumindest stelle ich mir das vor. Wahrscheinlich ist das eine sehr romantische Vorstellung, die gewiss nicht mehr auf alle Familien dort zutrifft. Doch tendenziell sind dort der familiäre Zusammenhalt, das Festhalten an alten Traditionen und das Sich-in-den-Dienst-der-Familie-Stellen noch häufiger vorzufinden als bei uns in Deutschland. Das einzelne Individuum strebt etwas seltener nach einer Einzelkarriere.

Die aufstrebende Gesellschaft

In der modernen deutschen Gesellschaft, in der ich aufwachse, erlebe ich ein anderes Bild. Die jungen Menschen um mich herum sind emsig und zielstrebig darum bemüht, ihre individuelle Karriere, ihren individuellen Lebensweg zu kreieren. Der Wegzug von der Familie ist dabei inzwischen für viele fast selbstverständlich geworden. Sie bilden sich umfangreich weiter, der Wechsel vom einst gelernten Beruf in einen anderen attraktiveren Job stellt keine Hürde mehr dar. Ganz nebenbei gründen sie eine eigene kleine Familie und viele von ihnen ziehen ihre Kinder inzwischen auf modernere Weise groß, nämlich achtsam und bedürfnisorientiert.

Ich habe großen Respekt vor all der Disziplin, der Zielstrebigkeit und Hingabe all dieser jungen Menschen. Doch eine Sache stört mich daran.

Schneller, höher, weiter

Es ist die wiederholte Beobachtung, wie häufig junge Menschen ihre eigenen Lebensentwürfe mit denen anderer vergleichen und dadurch selbst unter Druck geraten.

Der soziale Vergleich. Er begegnet mir überall. Auf der Arbeit, im Bekanntenkreis, an der Garderobe im Kindergarten, auf dem Spielplatz, beim Elternabend in der Schule.

Spätestens dann, wenn ich die Unweiten sozialer Netzwerke betrete, wird es gänzlich unerträglich. Viele Menschen nutzen diese Plattformen, um ihren Mitmenschen all ihre Errungenschaften zu präsentieren: Ihre noblen Kleidungsstücke und teuren Accessoires, die sie sich leisten können. Ihre vorbildliche Ernährungsweise, die nur bestimmte Lebensmittel zulässt, während sie andere verbietet. Ihre körperliche Fitness und Leistungsfähigkeit, wenn sie ihre täglich absolvierten Sporteinheiten, ihre gelaufenen Schritte und ihren erreichten Gewichtsverlust zur Schau stellen. Ihre berufliche Unabhängigkeit, wenn sie sich ein OnlineBusiness aufbauen, während sie gleichzeitig die ganze Welt bereisen. Und nicht zuletzt auch ihre Kinder, die nur das hochwertigste und nachhaltigste Spielzeug bekommen.

Was all dies bei den Nutzern solcher Plattformen auslöst, die sich solche mitunter prahlerischen Inhalte anschauen, kann ganz unterschiedlich sein. Für die einen kann es wie ein Motivationsschub wirken, all dies auch selbst erreichen zu wollen und sich in Zukunft (noch) mehr anzustrengen.

Bei vielen anderen dagegen werden durch das regelmäßige Konfrontiertsein mit den selbstdarstellerischen Inhalten anderer vor allem negative Gefühle aufkommen. Sie fühlen sich dadurch minderwertig. Sie haben das Gefühl, auf der Schattenseite des Lebens zu stehen. Sie werden neidisch auf andere. Manche von ihnen werden sogar ihre Anonymität im Internet dafür nutzen, um ihre Minderwertigkeits- und Neidgefühle in Form von Hasskommentaren und Cybermobbing zu katalysieren, um ihr eigenes Selbstwertgefühl zu schützen. Der Vergleich mit anderen, die scheinbar mehr Glück im Leben haben als sie selbst, macht sie unzufrieden.

Neid ist evolutionsbiologisch betrachtet ein sehr altes Gefühl, das bereits seit vielen Millionen Jahren zu uns Menschen gehört. Doch was ist sein Nutzen?

Was wir von Wölfen über Neid lernen können

Neulich habe ich mir im Fernsehen eine Reportage über Wölfe angesehen. Wusstet ihr, dass es in einem Wolfsrudel ein Alpha-Pärchen gibt und das nur dieses allein für die Fortpflanzung des gesamten Rudels zuständig ist? Das bedeutet, dass alle anderen Wölfe innerhalb dieses Rudels keine eigenen Nachkommen zeugen dürfen.

Das lässt sich jedoch nicht jeder Wolf gefallen und versucht hin und wieder, das Alpha-Männchen zu entmachten, um selbst mit dem Alpha-Weibchen eigene Jungen zeugen zu können. Man kann also vermuten, dass hierarchisch untergeordnete Wölfe so etwas wie Neid auf das ranghöhere Alpha-Männchen empfinden, der sie wiederum dazu anspornt, die bestehende Hierarchie in Frage zu stellen und zu verändern, um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen (in dem Fall, um sich fortzupflanzen) und somit selbst zufriedener zu werden.

Anhand dieses Beispiels sehen wir, dass Neid an sich erstmal etwas sehr Gesundes ist. Es bringt nicht nur einzelne Lebewesen voran, nein, es treibt die gesamte Evolution voran.

Neid gibt uns Orientierung. Es zeigt uns, was wir alles erreichen >>könnten<<.

Der Neid und sein schlechtes Image

Leider haftet dem Wort „Neid“ zu Unrecht ein negatives Image an. Wir geben ungern zu, wenn wir auf jemanden neidisch sind. In der heutigen modernen Welt wählen wir daher häufig lieber das Wort >>Inspiration<<, was sich weniger schmerzhaft anfühlt, wenn wir es aussprechen. „XY inspiriert mich.“ lässt sich meist leichter über die Lippen bringen als zu sagen „Ich bin neidisch auf XY.“. Dabei bedeutet, neidisch auf jemanden zu sein, lediglich Folgendes: „Ich bemerke, dass ein anderer etwas besitzt oder erreicht hat, das ich selbst auch gerne für mich haben würde.“. Es bedeutet nicht automatisch auch, dass ich es dem anderen nicht gönne oder es ihm gar wegnehmen möchte.

Doch der Neid hat noch eine böse Schwester, die vielleicht der Grund dafür ist, dass wir nicht als neidisch gelten wollten. Nämlich die >>Missgunst<<. Bei dieser handelt es sich um die destruktive Form des Neids, die durchaus verwerflich ist, da sie anderen ihr Glück nicht gönnt und sie das Glück der anderen in extremen Fällen sogar zu schädigen versucht. An dieser Stelle werden häufig auch Mobbing und Ausgrenzung geboren, doch darauf werde ich in diesem Artikel nicht eingehen.

Ich entscheide ganz bewusst, mit wem ich mich vergleichen möchte.

Neid und Missgunst spielen eine wesentliche Rolle für unsere eigene Zufriedenheit oder Unzufriedenheit. Neid ist dann eine Quelle für Unzufriedenheit und Minderwertigkeitsgefühle, wenn wir uns mit Menschen vergleichen, die uns in bestimmten Dingen weit überlegen sind. In der Psychologie nennt man dies einen Aufwärtsvergleich“ . Dieser muss nicht zwingend selbstwertschädlich sein, solange wir uns dadurch auf psychisch gesunde Weise angespornt und motiviert fühlen, uns anzustrengen und höhere Ziele zu erreichen. In den allermeisten Fällen wird der Vergleich mit uns überlegenen Personen allerdings eher dazu führen, dass unsere Stimmung sich verschlechtert und wir unzufrieden werden.

Demgegenüber steht der sogenannte „Abwärtsvergleich“, bei dem wir uns mit Menschen vergleichen, die uns in bestimmten Dingen unterlegen sind. Dieser Vergleich hat den Vorteil, dass wir dabei selbst gut wegkommen, was unser Selbstwertgefühl und unsere Zufriedenheit steigert und unsere Stimmung hebt. Gleichzeitig werden wir uns hierbei allerdings kaum motiviert fühlen, uns selbst zu verbessern, weil wir uns gegenüber dem anderen ja bereits in einer überlegenen Position befinden.

Wie ihr sehen könnt, haben beide Vergleichsarten ihre Berechtigung und auch ihre Nachteile. Wenn wir uns dies bewusst machen, dann können wir beide Vergleichsarten (rauf und runter) gezielt einsetzen, um unser eigenes Zufriedenheitsgefühl zu beeinflussen.

Der beste Vergleich ist der mit mir selbst

Um uns möglichst objektiv vergleichen zu können, sollten wir uns mit solchen Menschen vergleichen, die uns selbst sehr ähnlich sind. Das können andere Menschen sein, die gleich alt sind wie wir und die eine ähnliche Ausbildung gemacht haben wie wir oder die sich in einer ähnlichen Lebenssituation befinden wie wir. Denn bei diesen uns sehr ähnlichen Menschen ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir es genauso weit bringen können wie sie, viel höher als bei Menschen, die uns total unähnlich sind.

So erscheint es beispielsweise völlig unsinnig (und äußerst selbstwertschädigend!), wenn wir uns mit jemandem vergleichen würden, der 20 Jahre älter ist als wir und dementsprechend über deutlich mehr Berufs- oder Lebenserfahrung verfügt als wir oder der aus einem extrem reichen Elternhaus stammt und eine Villa am See geerbt hat.

Tun wir uns also selbst einen Gefallen und sorgen wir dafür, dass wir uns eine günstige, selbstwertförderliche Vergleichsstrategie aneignen. Indem wir uns mit uns ähnlichen Menschen vergleichen.

Eine noch bessere Möglichkeit besteht darin, dass wir uns – statt mit anderen – mit uns selbst vergleichen. Wo stand ich gestern? Wo stehe ich heute? Inwiefern konnte ich mich verbessern? Und wie habe ich das geschafft? Ein solcher Selbst-Vergleich kann dazu führen, dass Neid- oder Missgunstgefühle schwinden und dass wir unser eigenes Glück, unsere eigene Zufriedenheit hauptsächlich von uns selbst und unserer eigenen Entwicklung abhängig machen. Und nicht vom Vergleich mit anderen.

Ich möchte zufrieden sein. Und nicht zufriedener als die anderen.

Leave a Reply