Psychofutter: Gefühle

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Ich bin ein Mensch voller Gefühle. Mal bin ich überglücklich wie ein Flummi, der vor Freude auf und ab springt. Mal bin ich traurig wie ein schwerer Kloß, dessen Mundwinkel und Schultern herabhängen bis zum Boden. Mal bin ich wütend wie ein Dampfkocher, der innerlich brodelt und kurz vorm Explodieren steht. Mal bin ich ängstlich wie ein Hase vor einer Schlange, der wie gelähmt und kaum noch handlungsfähig ist.

All das steckt in mir und noch viel mehr. Bin ich in dem einen Moment noch gefasst, überwältigen mich im nächsten Augenblick heftige Gefühle, die wie ein Tornado durch meinen Körper hindurch fegen und mich mitreißen. Es ist ein Cocktail an Emotionen, der sich von Zeit zu Zeit seinen Weg an die Oberfläche bahnt und sich auf verschiedenste Weise zu erkennen gibt. Dann klopft mein Herz, dann bebt meine Stimme, dann zittern meine Knie, dann wird mir ganz flau im Magen.

Gefühle klopfen nicht an die Tür und fragen, ob es gerade passt

Gefühle können überwältigend sein. Sie klopfen nicht an meine Haustüre und fragen, ob es gerade passt. Nein, sie überrumpeln mich, ungefragt brechen sie meine Tür ein. Und dann sind sie da. Wie ungebetene Gäste, die man schnell wieder los werden möchte. Sie warten nicht ab, ob ich Tee und Kekse vorbereitet habe, sondern ungefragt setzen sie sich an den ungedeckten Tisch und konfrontieren mich mit ihrer Gegenwart. Ich brauche Zeit, um mich darauf einzustellen, kann nicht klar denken. Ich möchte sie vor die Tür setzen, doch sie haben ihren Aufenthalt gerade verlängert. Doch eines Tages wache ich morgens auf. Und sie sind abgereist.

Kein Gefühl bleibt für die Ewigkeit

Manche Gefühle sind besonders schmerzhaft. Trauer, Wut, Scham, Schuld, Liebeskummer. Wir möchten sie nicht fühlen, möchten am liebsten vor ihnen davon laufen, sie irgendwo tief vergraben. Doch seien diese Gefühle auch noch so bitter und qualvoll, eines ist hundertprozentig gewiss: Auch sie werden eines Tages vergehen und das Leben wird wieder leichter werden.

Unterdrückte Gefühle kommen durch die Hintertür

Wir haben unsere Gefühle nicht, um sie unter Verschluss zu halten, sondern um sie zu fühlen. Um sie ernst zu nehmen. Um ihnen für einige Zeit Raum zu geben. Und um sie im Umgang mit unseren Mitmenschen nutzbar zu machen. Selbst dann, wenn ich meine Tränen aus Gründen sozialer Erwünschtheit wegwische und leugne, bin ich tief in mir drin noch immer traurig.

Und auch wenn es mir gelingt, meine Traurigkeit (oder andere Gefühle) für längere Zeit vor der Öffentlichkeit zu verbergen, so ist sie dennoch da. Und weil die Traurigkeit (oder andere Gefühle) gesehen und gehört werden will, wird sie auch dafür Sorge tragen, dass sie ihre verdiente Aufmerksamkeit bekommt. Und wenn es sein muss, dann auch auf unbequemem Wege. Zum Beispiel in Form von Bauchweh, Rückenschmerzen, einer erhöhten Infektanfälligkeit oder Ängsten bis hin zu depressiven Verstimmungen.

Ich zeige meine Gefühle dosiert, ohne ihnen hilflos ausgeliefert zu sein

Dass unsere Gefühle uns von Zeit zu Zeit überkommen, ist normal und gesund. Doch wir alle kennen auch solche Momente, in denen ausufernde, ungefilterte Gefühlsausbrüche nicht nur unangebracht sind, sondern uns sogar mächtig schaden können, wie etwa im Berufsleben.

Daher ist es sehr zu empfehlen, eine Unterscheidung vorzunehmen zwischen Gefühle „unterdrücken“ und Gefühle „dosiert offenbaren“. Sind wir beispielsweise gerade sehr traurig, kann es hilfreich sein, unseren Mitmenschen dies in abgespeckter Form mitzuteilen, indem wir (zum Beispiel) sagen: „Heute bin ich traurig gestimmt. Meine Katze ist gestorben und das macht mich zur Zeit sehr betroffen.“.

Denn unsere Mitmenschen bemerken unsere Stimmung. Sie merken, wenn etwas mit uns nicht stimmt, wenn wir ver-stimmt sind. Wenn etwas „komisch“ und anders ist an uns als sonst. Und sie werden anfangen, unser Auftreten zu deuten, zu interpretieren. Vielleicht werden sie unser „diffuses Komisch-Sein“ auf sich beziehen. Die Gefahr für Missdeutungen und Missverständnisse steigt, was unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen unnötig verkompliziert.

Daher macht es wenig Sinn, so zu tun, als ginge es uns prächtig, wenn das Gegenteil gerade der Fall ist. Unsere Gefühle nie zu zeigen oder zu überspielen, lässt uns unnahbar, unstimmig und wenig authentisch wirken.

Wir dürfen uns anderen gegenüber also ein Stück offenbaren und ein gewisses Maß an Verletzlichkeit zeigen. Wir müssen nicht gleich unsere ganze Lebensgeschichte auspacken oder in Tränen ausbrechen, aber unserem Gegenüber mitzuteilen, welche Gefühle gerade in uns stecken oder was ein Ereignis gerade mit uns macht, schafft Vertrauen und macht uns für den anderen greifbar. Mehr noch, es macht uns be-greifbar.

Unser Gegenüber bekommt eine Idee davon, wer wir sind. Was unsere „Ecken und Kanten“ sind. Dabei bestimmen wir selbst, wieviel von unseren Gefühlen, von unserer Verletzlichkeit wir unserem Gegenüber zeigen möchten und was davon wir lieber für uns behalten möchten.

Gefühle zu zeigen ist eine Kompetenz

Diese Fähigkeit, unsere eigenen Gefühle differenziert wahrzunehmen und selbst Einfluss darauf zu nehmen, inwieweit wir unsere erlebten Gefühle gegenüber unseren Mitmenschen in sozial angemessener, dosierter Form zum Ausdruck bringen, nennt die Psychologie „Emotionsregulation“ . Nicht alle Menschen sind gleich gut ausgestattet mit dieser Fähigkeit, die gute Nachricht jedoch ist: Emotionsregulation kann jeder lernen!

Zunächst müssen wir uns klar machen, dass es sich lohnt, Gefühle zu zeigen. Denn nur, wenn ich meine Gefühle für andere sichtbar mache, können andere angemessen darauf reagieren. Nur, wenn ich (zum Beispiel) meine Trauer über meine verstorbene Katze offenbare und benenne, kann ich Trost, Nähe und Zuwendung von anderen erhalten. Mein Bedürfnis kann gesehen und gestillt werden (wenn ich das will).

Emotionsregulation bedeutet also nicht, dass wir unsere Gefühle unterdrücken, sondern, dass wir sie selbstbestimmter kontrollieren lernen. Wie die Wellen des Meeres, die in regelmäßigen Abständen auf die Küste treffen, so werden auch wir immer wieder von unseren Gefühlen getroffen. Wir können die Wellen nicht aufhalten, doch wir können selbst entscheiden, ob wir uns den Wellen in den Weg stellen und sie bekämpfen wollen oder ob wir ein Stück mit ihnen mitschwimmen, um sie anschließend wieder zu verlassen. Letzteres kostet uns deutlich weniger Kraft.

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