Psychofutter: Tiefgang

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Zwei Personen. Sie sitzen im Empfangsbereich einer größeren Firma und warten auf ihren Auftritt. Beide sind so aufgeregt, dass die eine Person an ihren Nägeln kaut, während die andere unaufhörlich mit ihren Füßen wippt. Welche Fragen werden sie erwarten? Werden die Personaler freundlich zu ihnen sein? Plötzlich geht die Tür auf. Nacheinander werden beide hereingebeten. Am Ende wird eine der beiden Personen den Job bekommen, die andere nicht.

Wenn ihr jetzt glaubt, die Qualifikation beider würde maßgeblich darüber entscheiden, wer sich im Bewerbungsgespräch durchsetzt, dann ist dies leider weit gefehlt. Denn als viel ausschlaggebender für den Auswahlprozess werden sich das Aussehen und auf den ersten Blick hervorstechende Verhaltensweisen beider erweisen.

Schönheit zieht an

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird diejenige Person den Job erhalten, die hübscher ist und die sich extrovertierter präsentiert. Dagegen wird es eine mäßig attraktive und zugleich introvertierte Person deutlich schwerer haben, einen potentiellen Arbeitgeber von sich zu überzeugen.

„Nie im Leben!“ werden jetzt einige denken. Oder: „Das ist doch oberflächlich und unfair!“. Ähm ja, stimmt. Es ist oberflächlich und unfair.

Was steckt dahinter?

Nun, wenn wir jemanden kennenlernen – zum Beispiel im Rahmen eines Bewerbungsgesprächs -, dann möchten wir uns möglichst schnell einen umfassenden Eindruck von dieser Person machen. Doch wir haben weder die Zeit noch die geistige Kapazität, ihre ganze Lebensgeschichte zu erfahren und ihre Persönlichkeitsstruktur zu analysieren.

Deshalb werden wir uns wenige oberflächliche Merkmale dieser Person herausgreifen (müssen) – und zwar meist diejenigen, die am allerdeutlichsten hervorstechen wie Äußerlichkeiten oder Auftreten – und von diesen werden wir auf den Rest der Persönlichkeit schließen. Wir bilden uns also vorschnell eine Meinung und füllen unsere Wissenslücken mit Mutmaßungen und Spekulationen. Das ist eine äußerst effektive Strategie, die der Person, über die wir urteilen, leider kaum gerecht wird.

In der Psychologie nennt man solche mentalen Strategien übrigens Heuristiken“. Sie wollen uns dabei helfen, möglichst schnell und ohne viel kognitiven Aufwand zu einem Urteil zu gelangen.

Schublade auf, Schublade zu

Man könnte es auch anders nennen: Schubladen-Denken. Dieses nutzen wir in der Regel unbewusst. Wir wollen damit niemandem schaden, sondern es ist ein Automatismus, ein Geschenk unseres Gehirns, damit wir uns in unserer komplexen Welt rasch zurechtfinden und damit wir beim Denken und Wahrnehmen schlichtweg Energie sparen können.

Ein Geschenk ist es allerdings nur bedingt, denn so schließen wir von einem kleinen, häufig sogar unbedeutenden Detail auf das große Ganze. Und das führt uns häufiger zu Fehleinschätzungen über andere Menschen.

Es gibt zahlreiche Arten von Heuristiken. Das eingangs beschriebene Beispiel ist der sogenannte Halo-Effekt“ (Heiligenschein-Effekt). Er besagt: Ist jemand hübsch, dann schreiben wir dieser Person ganz automatisch auch andere positive Eigenschaften zu wie eine hohe Intelligenz oder Fleiß. Ist jemand mäßig attraktiv oder dick, dann schreiben wir dieser Person oft ganz automatisch negative Eigenschaften zu wie Dummheit oder Faulheit. Und das ist gehörig falsch und ungerecht!

Wer nur nach Oberflächkeiten Ausschau hält, verpasst die interessantesten Menschen

Wenn es also um die Einschätzung unserer Mitmenschen geht, dann mangelt es uns ganz eindeutig an Objektivität und Tiefgang. Denn unsere kognitive Bequemlichkeit hat ihren Preis. Nämlich spätestens dann, wenn ein Arbeitgeber nach einiger Zeit feststellen muss, dass ein für eine Festanstellung ausgewählter Bewerber sich fachlich oder persönlich doch nicht als für die Stelle geeignet erweist. Das ist bitter, doch das Risiko besteht, wenn wir uns bei solchen Auswahlverfahren eher intuitiv von oberflächlichen Merkmalen leiten lassen.

Halbwissen hat unser Überleben gesichert

Dass unser Gehirn uns mit solchen vorschnellen Verurteilungen wertvolle Dienste zu erweisen gedenkt, ist natürlich klar. Ein Mensch, der im Angesicht eines großen Tieres mit säbelartigen Zähnen steht, sollte wohl besser sofort davon laufen anstatt erst einmal ausgiebig darüber zu sinnieren, ob es sich hierbei wirklich um einen gefährlichen Säbelzahntiger handelt oder nicht vielleicht doch lediglich um ein friedfertiges Walross.

Sich auf Halbwissen zu verlassen, hat evolutionär betrachtet also gewiss Sinn gemacht. Wahrscheinlich säße ich ansonsten heute auch nicht hier und würde klug darüber dozieren. Ohne diese heuristischen Denkstrategien wären wir längst ausgestorben.

Ein zweiter Blick lohnt sich

In der heutigen Zeit jedoch führen solche „verkürzten Denkwege“ häufig dazu, dass wir mitunter sehr ungerecht über unsere Mitmenschen urteilen. Ja, dass wir sie ver-urteilen. Und damit nehmen wir sowohl uns selbst als auch dem anderen die Chance, uns besser kennen und mögen zu lernen. In diesem Sinne: Lasst euch nicht blenden. Unter der Oberfläche eines jeden Menschen gibt es noch so viel mehr zu entdecken.

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