Psychofutter: Neubeginn

image_print

Es war ein harter Tag. Der Chef, der heute nicht zufrieden war mit mir. Die Kinder, die immer wieder meine Grenzen testen und mich an meiner Kompetenz als Erziehungsperson zweifeln lassen. Der Partner, mit dem ich mal wieder über eigentlich Belangloses gestritten habe. Und dann noch der Haushalt, der mich aus jeder Ecke zu beobachten scheint, weil er sich offenbar vernachlässigt fühlt.

Es gibt Tage, da bin ich wie erschlagen von all der Verantwortung, die der Alltag tagtäglich so von mir fordert. Dann fühle ich mich überfordert, erschöpft und habe Angst, nicht zu genügen und alles falsch zu machen. Und dann kullern auch mal Tränen.

Doch schon am nächsten Morgen ist die Düsterkeit der vergangenen Nacht meist verschwunden. Glitzernde Sonnenstrahlen bahnen sich jetzt ihren Weg durch den leicht geöffneten Rolladen und erhellen den Raum. Vögel sitzen draußen vor meinem Fenster und zwitschern fröhliche Melodien. Ich höre, wie der Nachbar ein freundliches Gartenzaun-Gespräch mit einem vorbei laufenden Fußgänger unterhält. Ich vernehme Kinderlachen von einer vorbei eilenden Kindergarten-Gruppe.

Alles wirkt wieder leicht und unbeschwert. Nur die eingetrockneten Tränen auf meinen Wangen deuten noch auf den Schmerz von letzter Nacht hin. Ein neuer Tag ist angebrochen. Der Morgen ist frisch und unverbraucht und ein Duft von Möglichkeiten macht sich breit. Heute glaube ich wieder an alles. Zum Glück. 

In unserem Leben erleben wir immer wieder Frust und Enttäuschungen. Sie sind fester Bestandteil unseres Alltags und wenn sie uns ereilen, dann können sie uns für einige Zeit jeglicher Motivation und Lebensfreude berauben. Nicht nur große Rückschläge wie Liebeskummer oder Jobverlust können uns psychisch und physisch zusetzen. Auch kleinere Niederlagen und Misserfolge können an uns zehren und uns nachhaltig unzufrieden stimmen.

Doch eines sollte uns dabei immer bewusst sein: Auch der größte Frust hält nicht für immer an. Frusterlebnisse und schlechte Gefühle sind vergänglich. Sie sind nur Gäste in unserem Leben. Manche verweilen nur kurz bei uns, andere bleiben ein wenig länger. Aber sie alle werden uns früher oder später wieder verlassen und weiterziehen. Und Platz machen für freudigere Gefühle.

So schlecht ihr Ruf auch sein mag, Leid und Frust sind manchmal notwendig. Denn sie können uns dazu motivieren, etwas in unserem Leben zu verändern. Manchmal müssen wir an einen Tiefpunkt gelangen, um zu erkennen, dass es so wie bisher nicht mehr weitergehen kann.

Vielleicht haben uns unsere Selbstzweifel bisher davon abgehalten, unsere heimlichen Träume zu leben. Doch spätestens jetzt, wenn wir maximal unzufrieden sind und anhaltend leiden, ist der Zeitpunkt gekommen, in dem viele Menschen den Mut fassen, etwas Neues zu wagen. Wie heißt es so schön? Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Oder auch: Was habe ich schon zu verlieren? Es läuft doch eh schon alles schlecht.

Ein Neubeginn entsteht. Geboren aus Gefühlen der Trauer, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Weil in uns allen ein natürlicher Selbsterhaltungstrieb steckt, der uns dazu bemächtigt, an Krisen nicht zu zerbrechen, sondern sie zu nutzen, um unser Leben neu auszurichten. Um uns neu zu erfinden und zu definieren.

Neuanfänge müssen nicht gleich bedeuten, dass wir unseren Job kündigen und zu einer Weltreise aufbrechen. Neuanfänge fangen im Kleinen an.

Zum Beispiel, indem ich beim morgendlichen Aufstehen ein neues Ritual einführe, das mich bereits morgens freudig stimmt und mich zuversichtlich in den Tag starten lässt. Ich könnte inspirierende Musik einschalten oder mir besondere Kleidung anziehen, in der ich mich wohl, attraktiv und souverän fühle.

Den ersten Kaffee (oder Tee) am Morgen könnte ich bei einem Spaziergang durch den Garten zu mir nehmen, während ich barfuß durch das Gras laufe und die kalten Tautropfen auf meinen Zehen spüre.

Statt meinem gewöhnlichen Weg zur Arbeit könnte ich mir eine neue Route aussuchen, die ich noch nie zuvor ausprobiert habe. Und vielleicht entdecke ich auf diesem Umweg ein neues Café, das mir noch nie zuvor aufgefallen war und in dem ich schon bald zum ersten Mal drin sitzen und eine Tasse heiße Schokolade trinken werde. Vielleicht mit netten Menschen, die ich dort kennengelernt habe.

Und mit all diesen neuen kleinen  Verhaltensweisen werden automatisch auch neue Gedanken Einzug in meinen Kopf halten. Plötzlich kann ich neue Gedanken denken. Ich breche aus. Aus meinen gewohnten negativen Gedankenschleifen, die mich schon viel zu lange begleitet haben. Ich wage etwas Neues. Im Kleinen. Und schon bald werden diese kleinen Veränderungen eine große Wirkung entfalten.

Ich habe wieder Hoffnung. Jetzt glaube ich wieder an alles. Was für ein Glück.

„Das Leben ist wie eine Leinwand. Jeden Morgen kannst du dir aussuchen, ob du am alten Bild weitermalst oder ob du ein neues Bild beginnst.“ (Verfasser unbekannt)

Leave a Reply