Psychofutter: Geduld

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Diese Orangenbäume stehen in Genua. Genauer gesagt, im Stadtteil Nervi. Neben Palmen sind viele Straßen in dem ehemaligen Fischerort vor allem mit Orangenbäumen gesäumt und diese hier gefielen mir besonders gut. Sie hingen voller reifer Früchte, deren knallig-kräftiges Orange mir sofort ins Auge gefallen ist. Hin und wieder fielen einzelne Früchte vom Baum herunter und landeten auf den Straßen und Gehwegen. Hin und wieder eilten Menschen herbei und hoben die Früchte auf, um sie mitzunehmen. Und zwischendurch wehte ein salziger Duft vom nicht weit entfernten Meeresufer herüber.

Wie lange hat es wohl gedauert, bis die Orangenbäume so groß gewachsen sind? Und bis sie eine so reiche Ernte hervorbringen konnten?

Nun, damit ein Baum gut wachsen und gedeihen kann, braucht es so einige Dinge. Er muss Wurzeln bilden, die sich fest im Erdboden verankern und sich dort großflächig ausdehnen, damit der Baum standhaft sein kann, wenn ein Sturm weht, und damit er ausreichend Wasserquellen im Boden finden kann, wenn er durstig ist. Er braucht nährstoffreiches Wasser, um sich zu ernähren und um zu wachsen. Er benötigt auch Wärme und Sonnenlicht, damit er Photosynthese betreiben kann. Und er braucht Pflege und viel Geduld.

Einen Baum zu pflegen, kann bedeuten, dass seine Äste und Zweige von Zeit zu Zeit etwas zurückgeschnitten werden müssen, um anschließend wieder kräftiger nachzuwachsen. Oder dass welkige, abgestorbene Blätter und Zweige entfernt werden müssen, damit die gesunden Baumanteile mehr Platz zum Gedeihen haben.

All diese genannten Erfordernisse müssen über Jahre hinweg sichergestellt sein, damit ein Baum sich von einer kleinen, zerbrechlichen Pflanze hin zu einem kräftigen, standfesten, hochgewachsenen Baum mit satten Erträgen entwickeln kann. Je nach Standortbedingungen kann es bis zu 5 Jahre dauern, bis ein Orangenbaum erstmals Früchte trägt. Das ist nichts für Ungeduldige, die schnelle Ergebnisse erwarten.

Genauso wie mit den Orangenbäumen, verhält es sich manchmal auch in unserem eigenen Leben. Vielleicht sehnen wir uns nach etwas. Nach einer Gehaltserhöhung im Job, nach mehr Zufriedenheit in unserer Partnerschaft, nach mehr Harmonie im Umgang mit unseren Kindern, nach mehr Sozialkontakten oder nach unserem Wunschgewicht. Häufig werden wir jedoch feststellen müssen, dass der Zustand, den wir uns herbei sehnen, sich nicht von heute auf morgen einstellen wird. So wie ein Orangenbaum Zeit benötigt, um sich gesund zu entwickeln und irgendwann fruchtbar zu sein, so müssen auch wir geduldig und ausdauernd auf unsere Ziele hinarbeiten. Und das ist gewiss nicht immer leicht.

Das Problem dabei ist, dass wir den – mitunter längeren – Weg hin zu unserem Ziel meistens nicht genießen können. Wir sind ungeduldig und das lange Warten auf bessere Zeiten beschert uns häufig schlechte Gefühle. Dann sind wir gefrustet, unzufrieden und unsere Gedanken verhängen in der Zukunft, nämlich darin, was einmal sein soll, damit es uns besser gehen kann. Wenn wir erstmal Betrag X verdienen oder wenn wir erstmal beruflich aufgestiegen sind, dann werden wir endlich glücklich sein. Was wir dabei häufig verpassen, ist, das Hier und Jetzt anzunehmen und darin schon j-e-t-z-t Zufriedenheit zu finden.

Indem wir zum Beispiel dankbar sind für all diejenigen Dinge, die wir jetzt schon haben. Oder, indem wir uns auf unserem Weg zum Endziel ein oder mehrere kleinere Teilziele stecken, die wir schneller erreichen können und die uns zwischendurch kleine Erfolgserlebnisse verschaffen, die uns nicht nur zufriedener machen, sondern uns auch motivieren, weiterzumachen.

Für das Wort „Geduld“ kennen wir zahlreiche Synonyme, wie etwa Ausdauer, Disziplin, Selbstkontrolle, Zähigkeit oder Beharrlichkeit. Das wohl ungebräuchlichste Synonym ist der Langmut, der jedoch am allerbesten auf den Punkt bringt, was wir brauchen, um unsere Ziele nicht aus den Augen zu verlieren: Wir brauchen nämlich lange Mut, unser Ziel auch über längere Durststrecken hinweg weiter zu verfolgen und uns auch von aufkommenden Rückschlägen und Widerständen nicht entmutigen zu lassen.

Geduld bedeutet daher nicht einfach nur, auf etwas zu warten, sondern sich beim Warten seine innere Freude und Motivation zu erhalten. Es bedeutet, auszuhalten, dass die Dinge noch nicht so sind, wie ich sie mir wünsche und dennoch nicht missgestimmt und lustlos zu werden. Geduld bedeutet, zuversichtlich zu sein und innerlich darauf zu vertrauen, dass das Meiste so kommen wird, wie ich es mir erhoffe.

Und während wir geduldig auf unser Ziel hinarbeiten, können wir uns überlegen, wie wir die Zeit dazwischen nutzen möchten.

Ein Orangenbaum, dessen Äste und Zweige noch nicht genügend Zeit hatten, um so kräftig zu werden, damit sie die schweren Orangen tragen und mit Nährstoffen versorgen können und damit sie bei einer Sturmböe nicht sofort abbrechen, würde keine Früchte hervorbringen. Es nützt dem Orangenbaum also nichts, in Eile und Unrast zu geraten und seine schwachen, noch nicht ausgereiften Baumanteile vorzeitig zu überlasten. Nein, der Orangenbaum wartet, bis die Zeit reif ist dafür. Damit der nächste Schritt gut werden und er erfolgreich sein und Früchte tragen kann.

In unserem Leben ist das auch oft so. Wenn sich eine gewünschte Veränderung im Moment noch nicht ergibt, dann ist das sehr schade. Doch anstatt in ein inneres Dauergrämen darüber zu verfallen, dass wir (noch) nicht das haben können, was wir uns erhoffen, könnten wir uns fragen:

„Was möchte ich in der Zwischenzeit schon heute tun, um mein anvisiertes Ziel vorzubereiten?“

Das kann eine Fortbildung sein. Das kann ein Tagebuch sein, das mir täglich dabei hilft, alles Gelingende oder meine (persönlichen oder beruflichen) Fortschritte zu dokumentieren, um an innerem Selbstvertrauen zu gewinnen. Das kann auch einfach ein gutes Buch sein, das mich gerade innerlich stärkt und nährt. So können wir die Wartezeit sinnvoll und gewinnbringend für uns nutzen, um uns selbst besser kennenzulernen und uns schon beim Warten weiterzuentwickeln.

Denn: „Wer immer in Eile ist, begegnet niemandem. Nicht mal sich selbst.“ (französisches Sprichwort)

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