Psychofutter: Authentizität

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Es ist 18:30 Uhr. Abendessen. Die Kinder sitzen am Esstisch, während ich in der Küche stehe und das Essen auf die Teller verteile. Es gibt Kartoffelbrei mit Spinat und Spiegelei. Als ich den Kindern ihre Teller hinstelle, folgt plötzlich lautstarker Protest. „Ich mag das Essen nicht! Ich will lieber Milchreis mit Apfelmus essen!“ brüllt eins der Kinder. Dicht gefolgt von nach unten gezogenen Mundwinkeln und kleinen Händen, die ihre Teller energisch und demonstrativ von sich weg schieben. Ich war verblüfft. Nicht nur, weil mir bisher noch nicht bekannt geworden war, dass meine Kinder besagtes Gericht offenbar plötzlich nicht mehr gerne aßen, sondern vor allem auch deshalb, weil beide mir ihre Enttäuschung über das soeben aufgetischte Essen so ehrlich und ungefiltert zeigten. Ohne dabei auch nur den geringsten Gedanken daran zu verschwenden, ob dies unserer Beziehung schaden könnte.

Und das tut es natürlich nicht. Ich nahm ihre Ablehnung keineswegs persönlich. Vielmehr beneidete ich meine Kinder in diesem Moment ein wenig darum, dass sie sich beide noch in einem Alter befinden, in dem ihnen das offene und aufrichtige Zeigen ihrer echtesten und wahrhaftigsten Gefühle noch zugestanden wird. Dies brachte mich geradewegs zu der Frage, wann ich meiner Umwelt eigentlich das letzte Mal so offen, ehrlich und authentisch meine innersten Gedanken und Gefühle offenbart habe? Und zwar ohne, dass ich unmittelbar mit unangenehmen Konsequenzen zu rechnen hatte.

Es ist 10 Uhr am nächsten Morgen. Ich bin auf der Arbeit. Ich sitze in einer Teambesprechung und die Chefin wirft die Frage in den Raum, wer von den anwesenden Mitarbeitern sich mit einer bestimmten therapeutischen Methode auskennt. Ein selbstverständliches und einheitliches Nicken und Beipflichten durchflutet den Raum. Offenbar sind alle anwesenden Mitarbeiter bestens vertraut damit. Später wird mir jedoch eine Mitarbeiterin nachträglich berichten, dass sie die besagte Therapiemethode nach der Besprechung erst einmal heimlich nachgoogeln musste, da sie davon noch nie zuvor etwas gehört hatte, dass sie dies jedoch in der Besprechung nicht offen zugeben wollte, um im Team und gegenüber der Chefin keinen unwissenden, inkompetenten Eindruck zu hinterlassen. Und ich bin schon wieder verblüfft. Nicht, weil ich kein Verständnis für meine Kollegin und ihre Ängste hätte, sondern, weil ich das Bedürfnis, andere nicht zu enttäuschen und nicht als inkompetent wahrgenommen zu werden, auch sehr gut von mir selbst kenne.

Denn im Job inkompetent zu wirken, kann durchaus mit realen negativen Konsequenzen verbunden sein: Geben wir fachliche Wissenslücken offen zu, dann müssen wir befürchten, dass wir von Kollegen nicht mehr respektiert werden, dass uns bestimmte Verantwortungsbereiche nicht mehr übertragen werden oder dass wir für eine anvisierte Führungsposition nicht mehr in Frage kommen.

Wir wollen gegenüber anderen nicht unfähig oder inkompetent wirken. Wir wollen uns anderen gegenüber nicht schwach und verletzlich zeigen. Wir wollen unser Gegenüber nicht kränken oder enttäuschen. Und wir wollen uns nicht blamieren und verspottet werden. Die Liste all derjenigen Dinge, die wir auf keinen Fall in unserem sozialen Alltag erleben wollen, ist lang. Und um dieser Gefahr zu entgehen, sind wir tagtäglich mehrfach herausgefordert, unsere wahren Befindlichkeiten nach außen hin zu maskieren und zu überspielen.

Kleine Kinder dagegen sind zutiefst authentisch. Noch. Sie fürchten keine Konsequenzen, die ihre Aufrichtigkeit mit sich bringen könnte. Doch auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden werden auch sie mit der Zeit lernen, sich den sozialen Normen und Erwartungen unserer Gesellschaft mehr und mehr anzupassen und ihre tiefe Verbundenheit mit ihren innersten Gedanken und Gefühlen allmählich aufzugeben. Sie werden lernen, dass es sich im Leben in manchen Situationen lohnt, ihre authentischen Empfindungen zu verbergen. Das ist einerseits sehr schade. Und andererseits sehr hilfreich. 

All unsere Gefühle, die wir durchleben, sind echt. Mehr noch, sie sind uns angeboren und haben, evolutionsgeschichtlich betrachtet, eine Überlebensfunktion. Die Gesellschaft jedoch hat uns beigebracht, dass wir sie dennoch nicht immer und überall offen zum Ausdruck bringen sollten. Wir stehen daher im Alltag immer wieder vor der Herausforderung, neu zu entscheiden, wieviel von uns und unserer eigenen Wahrhaftigkeit wir unseren Mitmenschen zeigen wollen und wieviel davon wir lieber zurückhalten möchten, weil uns ansonsten gesellschaftliche Nachteile entstehen.

Wir können tagtäglich üben, uns immer wieder bewusst dafür zu entscheiden, in einer bestimmten Situation authentisch und im Einklang mit unseren innersten Werten und Gefühlen zu handeln. Und die damit verbundenen Konsequenzen zu tragen. Oder wir können uns dagegen entscheiden, authentisch zu handeln, einfach weil die daraus resultierenden Konsequenzen zu nachteilig für uns wären. Beides ist in Ordnung, solange ich mir selbst Wahlfreiheit gönne und ich mir die Gründe für mein Handeln immer wieder bewusst mache.

Das Leben gibt uns genug Gelegenheit dazu, uns darin zu üben, der zu sein, der wir wirklich sind. Ob wir die Einladung annehmen, liegt an uns selbst.

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