Psychofutter: Das Krankheitsgefühl

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Jeder Mensch kennt das Gefühl, krank zu sein. Wir alle sind von Zeit zu Zeit krank, wenn wir uns zum Beispiel einen grippalen Infekt oder eine Magen-Darm-Grippe eingefangen haben. Dann fühlen wir uns erschöpft, müde und elend. Unsere Nase läuft, ist rot und wund vom ständigen Naseputzen. Der Kopf tut weh. Uns ist schlecht, vielleicht müssen wir uns sogar übergeben. Wir leiden unter lästigem Reizhusten, haben Halsweh und Gliederschmerzen. Wir bekommen Fieber und möchten am liebsten nur herumliegen und ausruhen.

Genauso erging es uns vor Kurzem, als wir hier allesamt mit einer dicken Erkältung flach lagen und unseren Alltag nur noch auf Sparflamme bewältigen konnten. Diese ganze Reihe von lästigen Krankheitssymptomen nennen die Forscher „Krankheitsverhalten“ (sickness behavior) und laut einer amerikanischen Forschergruppe um Joshua Schrock (2020) setzt unser Körper dieses Verhalten gezielt in Gang, um uns beim Gesundwerden zu helfen. Doch was genau ist damit gemeint?

Nun, den Ausspruch „Der Körper zwingt uns zur Ruhe.“ hat sicher jeder schon einmal gehört, doch dahinter verbirgen sich offenbar weitaus komplexere Vorgänge als wir auf den ersten Blick vielleicht annehmen würden. Sobald es in unserem Körper Krankheitserreger zu bekämpfen gibt, nimmt unser Immunsystem seine Arbeit auf, doch weil die Immunreaktion unserem Körper sehr viel Energie kostet, muss er diese an anderer Stelle wieder einsparen. Und das tut er folgendermaßen:

Wenn wir uns während einer Erkrankung müde und schlapp fühlen, dann hat das den Vorteil, dass wir durch unseren Wunsch, liegen bleiben und ausruhen zu wollen, keine körperliche Kraft verschwenden, die unser Körper stattdessen für die Immunreaktion gebrauchen könnte.

Wenn wir während einer Erkrankung keinen Appetit haben, dann mag das zwar im ersten Augenblick beunruhigend sein, da wir möglicherweise befürchten, dass unser Körper nicht mit ausreichend Nährstoffen versorgt werden könnte, doch tatsächlich würde es den Körper zu viel wertvolle Energie kosten, Nahrung, die wir zu uns genommen haben, im Anschluss auch wieder verdauen zu müssen. Erst, wenn der Infekt allmählich abklingt, kehrt in der Regel auch unser Hungergefühl zurück.

Wenn wir während einer Erkrankung schneller frieren und uns in dem Zuge automatisch wärmer anziehen oder uns heißen Tee oder Suppe gönnen, dann hat das den Vorteil, dass unser Körper keine kostbare Energie aufwenden muss, um unsere Körpertemperatur zu halten. Durch das Frieren sorgt unser Körper dafür, dass wir uns selbst um unsere Körpertemperatur kümmern und entsprechende thermoregulatorische Verhaltensweisen einleiten.

Hinzu kommt auch noch der soziale Effekt vom Kranksein. Sehen wir nämlich krankheitsbedingt äußerlich schlecht aus und fallen wir durch Niedergeschlagenheit auf, dann führt dies bei unseren Mitmenschen in der Regel dazu, dass diese uns vermehrt umsorgen und wir somit Fürsorge und Pflege erhalten, die wir auch dringend benötigen.

So lästig und quälend Krankheitssymptome also auch sein mögen und so sehr wir möglicherweise durch die Einnahme verschiedenster Mittelchen, wie Hustenlöser oder Schmerzmittel, versuchen, diese zu bekämpfen und schnellstmöglich wieder los zu werden, so scheinen all diese Symptome doch weit mehr zu sein als nur ein zufälliger, nutzloser Nebeneffekt vom Kranksein. Nein, denn genau diese Krankheitssymptome bringen uns dazu, uns genau so zu verhalten, dass unser Körper die bestmögliche Aussicht hat, um sich effektiv erholen zu können.

Die Forschergruppe geht sogar noch einen Schritt weiter und stellt die These in den Raum, dass es sich bei dem Gefühl, krank zu sein, um ein wesentliches menschliches Gefühl handelt, das im Verlauf unserer Menschheitsgeschichte unser Überleben gesichert hat. So, wie es auch bei anderen wesentlichen Gefühlen (sogenannte „Basisemotionen“, vgl. Paul Ekman) der Fall ist, wie zum Beispiel beim Gefühl der Angst.

Wir stellen uns vor, dass wir gerade friedlich durch den Urwald streifen, als wir plötzlich ein Knacken im Gebüsch vernehmen. Schnell geraten wir in Alarmbereitschaft, denn wir wissen, dass es sich hierbei auch um ein großes, gefährliches Tier handeln könnte. Was passiert? Richtig, unser Puls beginnt, schneller zu schlagen, wir fangen an, hastiger zu atmen, unser Muskeltonus nimmt zu und unsere Pupillen weiten sich, damit wir möglichst viel sehen können. All diese körperlichen Vorgänge werden ausgelöst durch unser eigenes empfundenes Gefühl der Angst und sie sorgen dafür, dass wir der Gefahr möglichst schnell entkommen können. Entweder, indem wir uns verteidigen und kämpfen oder, indem wir fliehen („Fight or Flight„, vgl. Walter Cannon).

Große, wilde, gefährliche Tiere wären uns eigentlich weitaus überlegen, denn sie sind zweifelsohne schneller als wir und sie haben zweifelsohne die gefährlicheren Krallen und Reißzähne. Doch weil sich bei uns Menschen über hunderttausende Jahre hinweg das Gefühl der Angst herausgebildet hat, sind wir in der Lage, dieser Gefahr dennoch zu entgehen, denn die Angst warnt uns und setzt uns zur richtigen Zeit in Alarmbereitschaft und sie mobilisiert Kräfte in uns, die es uns ermöglichen, davon zu kommen und zu überleben.

Jetzt fragt ihr euch vielleicht, was das mit dem Kranksein zu tun hat. Nun, die besagte Forschergruppe geht davon aus, dass es sich auch beim Kranksein um ein solch überlebenswichtiges Gefühl handelt. Denn ganz ähnlich wie beim Gefühl der Angst, setzt auch das Gefühl des Krankseins bestimmte körperliche Vorgänge in uns in Gang, die dafür sorgen, dass wir uns selbst erhalten. Wir wollen viel ausruhen und schlafen, damit sich unser Körper regenerieren kann, wir wollen nichts essen, damit unser Magen nicht verdauen muss oder damit wir keine weiteren Erreger zu uns nehmen, wir suchen eine warme Umgebung auf und wir signalisieren unseren Mitmenschen, dass wir hilfsbedürftig sind. Ohne dieses spezielle Krankheitsverhalten hätten wir womöglich nicht überlebt.

Zugegebenermaßen, führt diese Einsicht nun nicht gerade dazu, dass die Symptome erträglicher werden, doch zu verstehen, dass das Gefühl, krank zu sein, evolutionär bedeutsam ist, könnte uns zumindest von dem inneren Druck befreien, auch im Krankheitszustand noch leistungsfähig sein zu wollen und über unsere Belastungsgrenze hinaus zu gehen. Stattdessen können wir uns ganz ohne schlechtes Gewissen das gönnen, was unser Körper jetzt dringend braucht, nämlich Ruhe und Erholung.

Warum ist diese Erkenntnis außerdem noch wichtig?

Kommen wir zurück zum Beispiel der Angst. Wir sind uns sicher alle einig, wie existenziell und fundamental bedeutsam es ist, dass wir Menschen Angst empfinden können. Angst steuert unsere Aufmerksamkeit in Richtung einer real existierenden Gefahr und macht uns kurzzeitig leistungsfähiger. Angst ist normal, natürlich und gesund und sie kann uns das Leben retten. Ist die Gefahr vorüber, dann verschwindet die Angst und wir kehren wieder zurück in einen Entspannungszustand. Zumindest ist das in den meisten Fällen so.

Doch wir sind uns sicher ebenso einig darüber, dass es auch Menschen mit Angststörungen gibt. Bei diesen Menschen ist die Angst keine natürliche, berechtigte Gefühlslage mehr, sondern hier haben angstvolle Gedanken und Einstellungen Überhand genommen und bestimmen den Großteil des Alltags. Diese Menschen können kaum noch unterscheiden zwischen realen Gefahren und irrealen, eingebildeten Gefahren. Diese Menschen sind kaum noch in der Lage, in einen Entspannungszustand zurückzukehren. Der Alltag dieser Menschen wird von der Angst dominiert, was das Leben dieser Menschen erheblich einschränken und einen großen Leidensdruck hervorbringen kann. Eine solche irrationale und alltagseinschränkende Angst ist behandlungsbedürftig.

Wenn wir davon ausgehen, dass es sich auch beim Kranksein um ein wesentliches menschliches Gefühl – eine Basisemotion – handelt, dann müsste man hier ähnliche Überlegungen anstellen. Dann gibt es ein natürliches, angemessenes und der Genesung dienliches Krankheitsverhalten, das kurzzeitig einsetzt, bis ein Mensch wieder gesund und bei Kräften ist und das danach wieder verschwindet. Und es gibt möglicherweise ein unangemessenes, dysfunktionales Krankheitsverhalten, das dauerhaft anhält, den Betroffenen jedoch keine Genesung bringt. In letzterem Fall hätten wir es dann zum Beispiel mit Phänomenen wie Burnout (oder Erschöpfungsdepression) zu tun.

Die Erkenntnis, dass unser spezielles Krankheitsverhalten die Voraussetzung für unsere Genesung ist – und nicht nur eine lästige, nutzlose Begleiterscheinung – , könnte Konsequenzen für die Therapie von langanhaltenden Krankheitszuständen haben. Denken wir zum Beispiel an den sozialen Aspekt unseres Krankheitsverhaltens: Wenn wir krank sind, führt dies häufig dazu, dass wir unser äußeres Erscheinungsbild und unsere Körperpflege vernachlässigen, dass wir niedergeschlagen, vielleicht sogar weinerlich wirken, dass wir unsere Wohnung nicht mehr ordentlich halten, vielleicht quillt unser Briefkasten über, oder dass wir eine gebeugte Körperhaltung einnehmen, die unsere gedrückte Stimmung widerspiegelt. All dies sind eindeutige und von außen gut sichtbare Krankheitsanzeichen, die von unseren Mitmenschen bemerkt werden können.

Sind wir sozial gut integriert und verfügen über reichlich positive Sozialkontakte, so wird es in der Regel nicht lange dauern, bis die ersten lieben Menschen auf uns zukommen, uns umsorgen, uns heiße Suppe vorbeibringen oder uns emotional beistehen. Sind wir dagegen sozial sehr isoliert oder verfügen wir über wenig emotional bedeutsame Kontakte, werden wir jedoch auf diesen Teil des Genesungsprozesses weitgehend verzichten müssen. Und eventuell daher länger krank bleiben.

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