Psychofutter: Interview zum Thema „Selbstannahme“

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Heute möchte ich euch nach längerer Pause mal wieder einen Psychofutter-Beitrag präsentieren. Doch diesmal handelt es sich um einen sehr speziellen Beitrag, denn vor einigen Wochen hat mich der liebe Jan Morische kontaktiert, um mir ein paar Fragen zum Thema „Selbstannahme“ zu stellen. Ein Thema, zu dem ich im Jahr 2019 schon mal einen Beitrag verfasst hatte. Jan ist Künstler, lebt in Norddeutschland und auf seiner Instagram-Seite sind einige seiner Kunstwerke zu finden. Da seine Werke thematisch eng verknüpft sind mit dem Thema Selbstannahme, freue ich mich ganz besonders, dass hierüber nun ein neuer Psychofutter-Beitrag entstehen konnte. Nachstehend beantworte ich daher seine Fragen und danke Jan auch gleichzeitig für seine Erlaubnis, eines seiner Bilder in diesem Psychofutter-Beitrag veröffentlichen zu dürfen.

1. Was ist, Deiner Meinung nach, das größte Hindernis und die größte Schwierigkeit auf dem Weg zur Selbstliebe?

Der Ursprung, warum wir uns selbst oft nur ungenügend lieben und annehmen können, liegt meist schon in unserer Kindheit begründet. Zum Einen haben wir in unserer Kindheit möglicherweise oft wenig (liebevolle) Zuwendung und/oder ein Übermaß an Kritik erfahren. Zum Anderen hatten wir vielleicht in unserer Familie kein gutes Modell, kein gutes Vorbild, anhand dessen wir hätten lernen können, was es bedeutet, achtsam und liebevoll mit sich selbst und seinen eigenen Schwächen umzugehen.

Tatsächlich müssen wir aber noch um einiges tiefer graben, um zu verstehen, warum Selbstannahme häufig so schwer erreichbar scheint. Tatsächlich reicht der Blick zurück in unsere eigene Kindheit oft gar nicht aus, sondern wir müssen Generationen zurückgehen, wenn wir verstehen wollen, was unseren Wunsch nach Selbstannahme behindern kann.

Nehmen wir als Beispiel das Gefühl der Wut. Wir alle fühlen uns von Zeit zu Zeit wütend, zornig, verärgert. Das ist völlig normal. Vor allem die Wut kleiner Kinder kann ihren Niederschlag häufig in lauten, eskalativen Wutanfällen und Trotzreaktionen finden. Während Eltern heutzutage (zum Glück) immer öfter darum bemüht sind, ihre wütenden Kinder während eines solch heftigen Gefühlsausbruchs respektvoll, achtsam und annehmend zu begleiten und ihnen zu vermitteln, dass auch negative, anstößige Gefühle durchlebt und gezeigt werden dürfen, so war es jedoch ein paar Generationen zuvor noch ziemlich normal, dass wütende, tobende Kinder mit Liebesentzug, Wegsperren oder gar Schlägen bestraft wurden. Es herrschte ein autoritärer Erziehungsstil. Die Wut durfte nicht sein.

Statt also einen akzeptierten und annehmenden Umgang mit dem Gefühl der Wut zu erfahren, bekamen unsere Eltern oder Großeltern (oder Urgroßeltern) beigebracht, dass solch starke negative Gefühle sozial nicht akzeptiert sind und unbedingt still gelegt werden müssen. Und damit haben sie gleichzeitig gelernt, dass es bestimmte Anteile in ihnen selbst gibt, die nicht zeigenswürdig sind, ja, die geradezu versteckt, unterdrückt und negiert werden müssen.

Dasselbe bekamen dann häufig auch wir selbst als Kinder vermittelt. Unsere Eltern und Großeltern, die nicht gelernt hatten, dass ihre Wut aushaltbar und in Ordnung ist, konnten entsprechend auch nicht annehmend mit unseren Wutausbrüchen umgehen. Ohne böse Absicht gaben sie häufig weiter, was sie selbst gelernt hatten, nämlich, dass einige unserer Persönlichkeitsanteile verleugnet werden sollten. Solche ungeliebten Anteile bezeichne ich – in Anlehnung an den Psychiater C. G. Jung – gerne als „Schatten-Anteile“.

Werden wir nun selbst Mutter oder Vater, machen wir nicht selten die Erfahrung, dass auch wir die Wut unserer eigenen Kinder nur schwer aushalten können. Wenn unser Kind tobt, dann fühlen wir uns überfordert, wir wollen, dass das Kind sich möglichst schnell beruhigt und vielleicht schimpfen wir sogar oder schicken das Kind zur Strafe ins Zimmer. Wie könnte es auch anders sein. Auch wir haben meist nicht erleben dürfen, dass unsere eigene Wut erlaubt, akzeptiert, ja geradezu wichtig ist und wie man in einer solch heftigen Gemütsverfassung konstruktiv und liebevoll begleitet wird. Wir geben weiter, was wir selbst erlebt haben, nämlich, dass unser Gefühl der Wut nicht in Ordnung ist und dass wir nicht liebenswert sind, wenn andere uns wütend und tobend erleben.

Wir lernen, uns sozial erwünscht zu verhalten und eines unserer authentischsten und ehrlichsten inneren Gefühle zu unterdrücken. Wie können wir je uns selbst bedingungslos annehmen und lieben, wenn wir bereits von klein auf die Erfahrung machen, dass nur bestimmte Anteile an uns liebens- und zeigenswert sind? 

2. …und wie kann es überwunden werden?

Die Beschäftigung mit dem Thema Selbstliebe / Selbstannahme / Selbstakzeptanz ist seit vielen Jahren allgegenwärtig und natürlich könnte ich an dieser Stelle die gängigen Tipps herunter beten, die fast überall geschrieben stehen. Tu dir selbst regelmäßig etwas Gutes, setz dich aktiv für deine eigenen Bedürfnisse ein, führe ein Glücks-Tagebuch, rede mit dir selbst wie mit einem besten Freund oder vergleiche dich nicht mit anderen Menschen. All diese Dinge haben gewiss ihre Daseinsberechtigung, doch meiner Auffassung nach kratzen sie leider oft nur an der Oberfläche.

Als Systemikerin glaube ich, dass wir unsere Liebe zu uns selbst am ehesten schützen und erhalten können, wenn wir bereit sind, ein tieferes Verständnis davon zu entwickeln, welche Facetten, welche Anteile es sind, die wir an uns selbst (noch) nicht annehmen können und warum. Was ist die tiefere Geschichte dahinter? Mit dem oben beschriebenen Gefühl der Wut habe ich ein solches Beispiel skizziert. Daneben gibt es bei jedem von uns sicherlich noch einige weitere Facetten und Anteile, die wir (noch) nicht annehmen können, die uns jedoch im Alltag häufig nicht bewusst sind und deren Entstehungsgeschichte uns oft nicht bekannt ist.

Um auf unserem Weg zu mehr Selbstannahme voran zu kommen, halte ich es daher für erforderlich, dass wir bereit sind, uns intensiver mit unserer eigenen Herkunftsgeschichte auseinanderzusetzen. Schaut euch alte Familienfotos an. Sprecht mit so vielen Familienmitgliedern wie möglich und lasst euch Geschichten von früher erzählen. Wie haben eure Eltern sich kennengelernt? Wie sind eure Großeltern aufgewachsen? Unter welchen Lebensumständen seid ihr oder eure Geschwister geboren worden? Wem in eurer Familie seid ihr in Aussehen oder Verhalten am ähnlichsten? Und wem überhaupt nicht? Welche Familienmitglieder habt ihr bisher noch nicht kennenlernen können? Welche Tabus gibt es in eurer Familiengeschichte? Wofür ist eure Familie bekannt, was können die meisten Familienmitglieder gut? Und was wird in eurer Familie nicht gemocht, womit würde man nicht gut ankommen? Und so weiter.

Wenn wir unsere eigene Herkunftsgeschichte besser kennen, dann bekommen wir eine Vorstellung davon, wer wir sind und woher wir kommen. Wir entwickeln ein Gefühl von Identität und auch ein besseres Gespür für unsere eigenen Stärken und Besonderheiten sowie auch für unsere eigenen Schwächen und (Denk-/Verhaltens-) Muster. In Familien, in denen offen über Vieles aus der Familiengeschichte gesprochen wird – insbesondere auch über negative Ereignisse (z.B. Scheidungen, Depressionen oder Suizide) -, lernen die einzelnen Mitglieder, dass auch negative Gefühle (z.B. Scham, Schuld) in Ordnung und Teil des Lebens sind, dass man darüber sprechen darf und dass man im Idealfall sogar Lösungen dafür finden kann. Sie machen die Erfahrung, dass sie mit ihren eigenen positiven wie negativen Gefühlen, Facetten und Anteilen angenommen und liebenswert sind.  

3. Wenn Du an Selbstliebe denkst, welches Bild oder Gefühl kommt Dir als erstes in den Sinn?

Ich denke zuerst an eine Apfelkiste. Eine Kiste voller Äpfel, von denen keiner einem anderen gleicht. Es gibt kleine, große und mittlere Äpfel. Es gibt rote, gelbe und grüne und manche sind sogar mehrfarbig. Es gibt Äpfel mit einer besonders glatten Schale und andere mit braunen Stellen oder Hagelschaden. Manche schmecken süß, manche säuerlich und manche sogar süß-säuerlich. Manche haben eine feste, knackige Konsistenz und manche sind eher weich und mehlig. Manche liegen ganz oben und sind für alle gut sichtbar, andere liegen weiter unten versteckt, sodass man sie fast übersieht.

Doch sie alle haben eines gemeinsam: Es sind alles reife Äpfel, die lecker schmecken und die gesund sind. Unter all diesen verschiedenen Äpfeln gibt es keinen einzigen, der perfekter, beliebter oder attraktiver ist als die anderen. Und jeder erfüllt einen wichtigen Zweck. Möchte ich einen Apfelkuchen backen, dann wähle ich am ehesten einen süß-säuerlichen Apfel mit einer etwas festeren Konsistenz, der beim Backen nicht so schnell zerfällt. Möchte ich stattdessen Apfelmus kochen, dann entscheide ich mich eher für Äpfel mit einer weicheren, mehligeren Konsistenz. Und überreife Äpfel oder Äpfel mit einer beschädigten Schale eignen sich immernoch hervorragend dazu, um Apfelsaft daraus zu pressen.

Diese Apfelkisten-Metapher kann man auch wunderbar auf uns Menschen übertragen. Wir alle haben unsere Eigenarten und Besonderheiten, unsere Stärken und Schwächen. Doch trotz unserer Unterschiede sind wir alle gleich wertvoll. Leider vergessen wir das im Alltag manchmal, wenn wir mal wieder damit beschäftigt sind, uns im Vergleich mit unseren Mitmenschen minderwertiger und makelhafter zu fühlen. In Wirklichkeit sind es aber vor allem unsere Schwächen, unsere blinden Flecke, die uns zeigen, wo ein guter Platz für uns sein könnte. Ein Apfel mit unschönen Dellen wird sich wahrscheinlich nicht dafür eignen, um einen ansehnlichen Bratapfel für die weihnachtliche Festtafel daraus zuzubereiten. Wer das dennoch versucht, wird am Ende möglicherweise frustriert sein. Oder zumindest unzufrieden mit dem Ergebnis.

4. (Bonusfrage) Was gefällt Dir oder gefällt Dir nicht an meinen Bildern?

Mit deinen Kunstwerken sprichst du ein gesellschaftlich sehr aktuelles Thema an, nämlich das Portraitieren von Menschen und deren unvollkommenen Körpern. Obwohl die meisten Personen auf deinen Bildern nackt sind, erwecken sie nicht den Eindruck einer skandalösen, sexuellen Zurschaustellung, sondern es handelt sich um eine stilvolle und authentische Darstellung menschlicher Körper und Gesichter, die sehr natürlich wirken. Nicht makellos, nicht glattgebügelt, nicht gephotoshoppt. Sondern ungeschliffen und echt. Und trotzdem – oder gerade deshalb – natürlich schön.

Da jedoch insbesondere die Medienwelt erheblich dazu beigetragen hat, unseren Blick auf natürliche Schönheit zu verstellen, indem sie uns eine übernatürliche und unrealistische Schönheitsillusion vermittelt, fühlen viele Menschen sich im Vergleich dazu äußerlich makelhaft. Sie finden ihren Bauch zu dick, ihre Brüste zu klein, ihre Nase zu krumm. Obwohl die meisten Menschen inzwischen verstanden haben, dass mediale Schönheiten häufig extrem geschminkt oder durch Bildbearbeitung geschönt wurden, können wir dennoch kaum verhindern, dass die permanente Darbietung solcher Fake Beauties unser eigenes Selbstbild nachhaltig gestört sein lässt. Wir fühlen uns unästhetisch, sind vielleicht sogar neidisch auf andere und unsere Bereitschaft zu schönheitschirurgischen Eingriffen steigt, weil wir befürchten, ansonsten nicht mithalten zu können.

Hinzu kommt übrigens noch der sogenannte „Halo – Effekt“, der aus der Sozialpsychologie bekannt ist. Damit ist gemeint, dass wir Menschen, die äußerlich sehr attraktiv sind, unbewusst und automatisch auch eine Reihe weiterer positiver Eigenschaften zuschreiben wie zum Beispiel, dass sie gleichzeitig auch intelligenter, kompetenter, erfolgreicher oder gesellschaftlich beliebter sind (was natürlich nicht stimmen muss, aber genauso schätzen wir das intuitiv ein). Dies lässt unser eigenes Selbstbild noch weiter sinken.

Und genau an dieser Stelle können Kunstwerke wie deine ein Gegengewicht schaffen, um dieser in erster Linie medial gesteuerten Selbstbild-Verzerrung Einhalt zu gebieten. Ohne genau zu wissen, unter welchen Umständen die einzelnen Werke entstanden sind, sehe ich die Botschaft hinter deinen Bildern eng verknüpft mit dem Thema der Selbstannahme. Denn deine Bilder transportieren Menschlichkeit, Natürlichkeit, Ehrlichkeit und Authentizität. Sie erinnern uns daran, wie natürliche Körper wirklich aussehen, dass Fältchen kein Makel, sondern ein Zeichen für Lebenserfahrung sind und dass ausdrucksstarke Gesichter und authentische Persönlichkeiten viel schöner sind als künstliche, leere Menschenhülsen.

Die Personen auf deinen Bildern strahlen Leben aus, ihre Körper erzählen Geschichten. Wenn ich die Bilder anschaue, dann verspüre ich keinen Drang, mich zu vergleichen oder mich minderwertig zu fühlen. Vielmehr empfinde ich Respekt und Bewunderung, weil die Protagonisten in deinen Bildern den Mut haben, ihre Einzigartigkeit offen zu zeigen und ihre Eigenarten ins Rampenlicht zu stellen. Und das wiederum schafft Sympathie und zugleich Irritation, weil die Gesellschaft von heute das nicht (mehr) gewöhnt ist. Deshalb, lieber Jan: Mach weiter so! Wir brauchen mehr davon!

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