Psychofutter: Rituale

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Ostern ist für dieses Jahr bereits längst vorüber, nun steht bald Weihnachten vor der Tür. Feste wie diese berühren mich jedes Jahr sehr. Die Beobachtung, dass viele Menschen um uns herum diese traditionellen Feste im Kreise ihrer Familien verbringen, schmerzt mich jedes Jahr auf’s Neue, da unsere Familien so weit von uns entfernt leben, dass wir leider häufig nicht gemeinsam Ostern oder Weihnachten feiern können.

Nichtsdestotrotz, hatte ich unsere Wohnung für das diesjährige Osterfest österlich-frühlingshaft geschmückt. Eine Vase mit Zweigen von Korkenzieherweide, an denen zahlreiche bunte Ostereier hingen. Kerzen in Eierform, die wir regelmäßig zu den Mahlzeiten anzündeten. Häschen, Küken und Ostereier aus Holz oder Porzellan, die wir auf unseren Tischen, Kommoden und Fensterbänken platzierten. Osterkörbchen, die mit Ostergras und selbstgefärbten Ostereiern gefüllt waren. All diese hübschen, kleinen Details zierten an Ostern unsere Wohnung und läuteten unmissverständlich die Osterzeit ein. Und auch die bevorstehende Weihnachtszeit macht sich in unserer Wohnung schon so langsam bemerkbar, denn wir haben bereits ein paar weihnachtliche Teelichter, Räuchermännchen, ein kleines Weihnachtsgesteck sowie einen Teller mit Nüssen und Mandarinen aufgestellt.

Ja, es gibt Dinge, die sind jedes Jahr gleich. Genauso wie an Weihnachten, gibt es auch an Ostern Bräuche und Rituale, die wir jedes Jahr immer wieder auf die gleiche Weise begehen. Dabei handelt es sich um Abläufe, die uns vertraut sind und die unseren Alltag strukturieren und ihn somit etwas vorhersehbarer machen. In einer Welt, die sich rasant verändert und in der Vieles überhaupt nicht vorhersehbar, sondern geradezu unberechenbar ist, bekommen solche Rituale für uns eine wichtige Bedeutung, da sie unsere Ängste reduzieren und uns zumindest ein wenig Sicherheit und Geborgenheit schenken. Wenn wir wissen, was kommt, dann haben wir weniger Angst. Dann wirken Rituale wie ein Anker, man könnte auch sagen, wie kleine Fixpunkte, an denen wir uns orientieren können und die uns das Gefühl geben, ein bisschen Kontrolle über unsere Lebenswelt zu erlangen.

Auch ganz besonders für Kinder sind solche sich stets wiederholenden Rituale und Bräuche wichtig. Kinder haben je nach Alter noch kein oder zumindest nur ein unzureichendes Zeitgefühl und Kinder sind naturgemäß viel ungeduldiger als Erwachsene. Ich kann mich beispielsweise noch sehr genau daran erinnern, dass ich als Kind das Warten auf Weihnachten und die heiß ersehnten Weihnachtsgeschenke immer als ewig lang empfunden habe. Doch durch feste Rituale, wie das wöchentliche Anzünden der ersten, zweiten, dritten und schließlich vierten und letzten Adventskerze, wurde die quälende Wartezeit bis zur weihnachtlichen Bescherung vorhersehbar strukturiert, wodurch ich die Wartezeit bis dahin besser aushalten konnte.

Und Rituale haben eine weitere wesentliche Funktion: Wenn wir Rituale, Bräuche, Traditionen begehen, dann tun wir dies in aller Regel gemeinschaftlich, zusammen mit anderen Menschen, meistens mit unserer Familie sowie engen Freunden. Vielleicht treffen wir unsere Familienmitglieder zum Osterbrunch, besuchen gemeinsam ein Osterfeuer, machen einen Osterspaziergang oder gehen mit den Kindern zum Ostereier-Rollen. Auch wenn die einzelnen Rituale von Familie zu Familie ein wenig variieren mögen, so ist den meisten Familien doch eines gemeinsam: In der Regel verbringen wir unsere Zeit mit uns wichtigen Menschen, zu denen wir uns zugehörig fühlen. Und damit haben Rituale also häufig auch etwas Gemeinschaftstiftendes. Sie sorgen dafür, dass uns wichtige Beziehungen und Bindungen erhalten bleiben und wir nicht alleine da stehen, was ja bekanntlich von immenser evolutionärer Bedeutung ist.

Seit ich nun bereits seit weit mehr als 10 Jahren nicht mehr in meinem Heimatbundesland Thüringen lebe und ich inzwischen viel Zeit hatte, mich an die Bräuche und Rituale in meinem Wahlheimat-Bundesland Baden-Württemberg zu gewöhnen, konnte ich feststellen, dass Rituale nicht nur die Zugehörigkeit zur eigenen Familie festigen, sondern vor allem auch die Zugehörigkeit zu einer weitaus größeren Gemeinschaft, in der man lebt. So war es beispielsweise als gebürtige Thüringerin ganz selbstverständlich für mich, dass zum Osterfest auch ein großes Osterfeuer dazu gehört. Ein gemeinschaftlicher Treffpunkt, an dem alle Dorfbewohner zusammen kommen, gemeinsam essen und trinken, die Kinder spielen gemeinsam auf der Wiese, unzählige Stimmen und Gelächter sind zu hören und die Luft riecht nach einer Mischung aus würziger Bratwurst, seifig-herbem Bier, erdig-feuchtem Wald und dem Rauch der lodernden Flammen.

Was bei einem solchen Osterfeuer stattfindet, mutet wie eine regelrechte Inszenierung von Gemeinschaft an. Hat man – überspitzt gesagt – vor, noch etwas länger Teil dieser dörflichen, thüringischen Gemeinde zu bleiben, so ist es durchaus empfehlenswert, sich bei solchen Gemeinschaftsritualen auch in Zukunft weiterhin blicken zu lassen. Wenn wir an solchen regional typischen Ritualen teilnehmen, dann zeigen wir damit unseren Mitmenschen, dass wir uns selbst als Teil dieser größeren Gemeinschaft bekennen, wodurch wir von anderen auch eher gesehen und akzeptiert werden. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für Integration. Würden wir daran nicht teilnehmen, dann könnten Ausschluss und soziale Isolation die Folge sein.

Seit wir allerdings in einer baden-württembergischen Gemeinde leben, konnte ich die Erfahrung machen, dass Osterfeuer, wie ich sie bislang kannte, hier eher unüblich sind (dafür vollzieht man hier das Funkenfeuer, das ich vorher nicht kannte). Was bedeutet das jetzt für mich? Nun, es bedeutet, dass ich mich nach einem Umzug in eine neue, fremde Region in die dortige Gemeinschaft einordnen muss, indem ich meine altbekannten Rituale ein Stück weit über Bord werfe und mich an neue, dort übliche Gepflogenheiten gewöhne, wenn ich in meiner neuen Heimat von den dort einheimischen Menschen gesehen und wahrgenommen werden möchte. Somit haben Rituale, Bräuche und Traditionen also häufig auch etwas mit Anpassung – oder provokant gesagt, mit Unterwerfung – zu tun. 

Hier ein kleines Beispiel aus meinem Alltag: Seit ich Thüringen verlassen habe und im Süden Deutschlands sesshaft geworden bin, gerate ich immer mal wieder in amüsante Situationen. So ist es besonders in den ersten Jahren meiner Zeit im Schwabenländle häufiger vorgekommen, dass ich an der Bäckertheke „Pfannkuchen“ bestellte, woraufhin die Bäckereifachangestellten mich regelmäßig verdutzt anschauten und mit den Worten „Sowas verkaufen wir hier nicht.“ kommentierten. Besonders zu meiner Anfangszeit entgegnete ich daraufhin öfter ganz automatisch „Doch, da liegen doch welche.“ und deutete dabei mit dem Finger auf etwas, von dem ich mit der Zeit einsehen musste, dass es sich dabei um „Berliner“ handelte. Auch wenn es sich hierbei nüchtern betrachtet nur um eine winzige Definitionssache handelt und ich, salopp gesagt, meine sprachlichen Gewohnheiten scheinbar „einfach nur“ umgewöhnen müsste, indem ich von jetzt an einen Berliner nenne, was für mich von klein auf ein Pfannkuchen war, so handelt es sich hierbei doch in Wirklichkeit um einen weitaus tiefergehenden – und für mich innerlich durchaus schmerzhaften – Prozess.

Denn neben den besagten Pfannkuchen durfte ich mir auch gleich noch eine ganze Reihe weiterer sprachlicher Gepflogenheiten umgewöhnen: So werden Steaks nicht gebrätelt, sondern gegrillt, einen Hut trage ich auf dem Kopf, nicht auf dem Nischel, ein Schlüpper ist eigentlich eine Unterhose, an den Füßen trage ich keine Botten, sondern Schuhe, beim Fahrradfahren wird nicht in die Pedale gedämmelt, sondern getreten, ich gehe nicht arbeiten, sondern schaffen, am 1. April werden Leute veräppelt, nicht verhohnebibelt, wenn einem der Fuß schmerzt, dann könnte damit auch der Oberschenkel gemeint sein, „ha noi“ hat nichts mit Vietnam zu tun, zum Abendessen schmiere ich die Butter auf’s Weckle, nicht auf’s Brötchen und schon gar nicht auf die Bemme, das Endstück vom Brot ist kein Renftchen und an (nicht zu) Weihnachten gibt es Christstollen und kein Schittchen. Ach und übrigens, die Weihnachtsgeschenke bringt das Christkind, nicht der Weihnachtsmann. 

Beim Schreiben dieser Zeilen wird mir gerade bewusster denn je, wie sehr ich meine sprachlichen Gepflogenheiten inzwischen meiner neuen Lebensumgebung angeglichen habe. Manches davon ganz absichtlich und bewusst und manches davon aber auch weitgehend unbewusst. Und dass ich dies tue, dient natürlich in erster Linie dem Zwecke einer möglichst schnellen Integration, denn ich möchte im schwäbischen Alltag mit meinen thüringisch geprägten Eigenheiten nicht als fremdartig oder gar sonderbar auffallen. Als soziales Wesen möchte ich von meinen Mitmenschen gesehen und akzeptiert werden, ich möchte mich als Teil eines „Wir“, eines „Ganzen“ fühlen, indem ich meinen Mitmenschen möglichst ähnlich bin, denn das verspricht mir Bindung und Beziehung zu anderen anstatt durch Andersartigkeit aufzufallen und vielleicht sogar ausgeschlossen zu werden (Gruppenkohäsion). Das ist ein natürliches Grundbedürfnis eines jeden Menschen.

Diese besagte Anpassungsleistung ist zugleich sinnvoll wie schmerzhaft. Denn unsere von klein auf gelernten und tief verinnerlichten Gewohnheiten und Gepflogenheiten, Bräuche und Rituale sind auch ein Teil unserer eigenen Identität geworden. Sie sind eng verknüpft mit unserer eigenen Kindheit, unserem eigenen Heranwachsen. Oft handelt es sich dabei um positive Erinnerungen an Zeiten, die wir mit uns nahestehenden Personen verbinden oder zumindest um Zeiten, in denen unsere heranwachsende Persönlichkeit geprägt wurde und die deshalb sehr bedeutsam für uns sind. Geben wir diese Gewohnheiten und Rituale auf, weil wir beispielsweise woanders hinziehen, so geben wir gewissermaßen auch ein Stückchen dieser früheren Identität auf. Und das kann weh tun. Wer sind wir noch, wenn wir all das plötzlich aufgeben müssen? Ich kann daher nur im Ansatz erahnen, was es für Menschen aus anderen Ländern (z.B. Flüchtlinge) bedeuten muss, in ein neues Land, womöglich auf einen anderen Kontinent zu kommen, wo wirklich alles, das sie bisher kannten, schlichtweg nicht mehr existiert und sie sich an ein für sie völlig fremdartiges Leben anpassen müssen.

Und ein letzter Gedanke noch zum Schluss: Wir alle leben in familiären Bezügen. Wenn wir aufwachsen, dann leben meistens mindestens drei, manchmal sogar vier Generationen gleichzeitig miteinander und hierbei geben die älteren Generationen ihre Traditionen und Rituale an die jüngeren Generationen weiter. Beschließt jedoch eine der jüngeren Generationen das gewohnte Lebensumfeld zu verlassen – etwa, weil es in einer anderen, weiter entfernten Region mehr oder besser bezahlte Arbeit gibt – , dann gestaltet es sich deutlich schwieriger, die alten, bisher verinnerlichten Familientraditionen und -gewohnheiten bedingungslos fortzuführen. So wird es Bräuche und Rituale geben, die eine Familie auch in einer neuen, fremden Umgebung problemlos weiterhin ausleben kann. Ist es der Familie jedoch wichtig, auch in der neuen Umgebung schnell sozialen Anschluss zu finden, so wird es allerdings ebenso erforderlich sein, sich auch an neue Traditionen und Rituale anzupassen, die für die dortige Lebenswelt nun einmal typisch sind. Einerseits mag das etwas schade sein, gehen damit nämlich möglicherweise einige alte und wertvolle Familientraditionen verloren. Doch andererseits steckt darin auch die Möglichkeit, die Chance, dass alte, überholte, vielleicht sogar destruktive Bräuche, Rituale und Traditionen verändert und transformiert werden können in gesündere.

Neben sämtlichen positiven, nutzbringenden Aspekten von Ritualen gibt es – wie bei fast allen Dingen – schließlich auch eine Kehrseite. Rituale, Bräuche und Traditionen, die wir vor allem deshalb ausführen, weil sie über Generationen hinweg vertraut geworden sind und „weil man das schon immer so gemacht hat“, birgen die Gefahr, dass wir unseren gesunden Menschenverstand nicht mehr bemühen und Dinge nicht mehr ausreichend hinterfragen. Dann geben wir möglicherweise etwas weiter, das unseren Kindern und Enkelkindern schaden könnte oder wir verhindern zumindest, dass wir zusammen mit unseren Kindern oder Enkelkindern neue Rituale und somit eine neue, eigene Familienidentität kreieren können, die eher unseren (neuzeitlicheren) Vorstellungen entspricht.

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