Psychofutter: Freiheit

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Im vergangenen August waren wir im Sommerurlaub. Wie schon oft, waren wir auch diesmal wieder in Italien, meinem Lieblingsland, das mich schon seit Kindertagen begleitet und mich bis heute fasziniert, ja geradezu magisch anzieht. Am allerliebsten haben wir dort unsere Zeit am Meer verbracht, wo die Kinder baden und Sandburgen bauen, nach Muscheln und Steinen suchen und Krebse entdecken konnten. Auch ich habe mir öfter meine Taucherbrille geschnappt, um zu tauchen und den Meeresboden nach kleinen Schätzen abzusuchen. Zeit zu haben für die Dinge, die gut tun, die Spaß machen und dem sonst so eintönigen und mit Verpflichtungen vollgestopften Alltag endlich einmal zu entfliehen, das ist für mich Freiheit und dieses Gefühl vom Freisein erlebe ich im Urlaub am Meer. Wenn meine Haut nach einer Mischung aus salzigem Meerwasser, fruchtiger Sonnencreme und Schweiß riecht, wenn zwischen meinen Zehen Billionen winzig kleiner Sandkörner knirscheln und wenn eine leichte Meeresbrise meinen Rücken streichelt und meine Haare im Wind flattern lässt. Wenn wir keine Termine haben und uns einfach in den Tag hinein treiben lassen, ganz ohne Hektik und ganz ohne Erwartungen. Wenn die Fischerboote in der Ferne wie kleine Spielzeugboote wirken und das rauschende Wasser unzählig viele Muscheln ans Ufer spült, von denen nicht eine einzige in Größe, Form und Farbe einer anderen gleicht. Wenn ich meinen Blick stundenlang über das Meer schweifen lasse, ich seine unendliche Weite spüre und ich für einen kurzen Augenblick das Gefühl habe, dass auf dieser Welt Frieden herrscht, dann haben Sorgen und bedrückende Gedanken für einen kleinen Augenblick nicht den Hauch einer Chance, sich an die Oberfläche meines Bewusstseins zu drängeln. Wie weggespült scheinen dann alle besorgniserregenden Alltagsthemen und ein Gefühl von Leichtigkeit durchzieht jede Faser meines Geistes. Dann kann ich mir alles vorstellen und die salzige Meeresluft riecht nach unzähligen Möglichkeiten. Dann bin ich wahrlich frei. Für einen kurzen Augenblick.

„Das Meer ist der letzte freie Ort auf dieser Welt.“, hat Ernest Hemingway einmal gesagt und ich kann diesen Spruch fühlen. Sucht man im World Wide Web nach dem Stichwort „Freiheit“, so findet man tatsächlich eine Vielzahl von Bildern und Beiträgen, die allesamt etwas ganz Ähnliches zeigen: Menschen posieren an Sandstränden am Meer, beim Baden oder Tauchen im Meer oder auch vor einem Sonnenuntergang, häufig ebenfalls am Meer. Sie posieren auch an Klippen, auf Bergen oder vor einem Wolkenspektakel, sie machen Luftsprünge oder sitzen auf ihrem Caravan, in den meisten Fällen – oh Überraschung –  direkt am Meer. Das ist interessant, denn es zeigt, dass es vor allem zwei Dinge sind, die ein beträchtlicher Großteil der Menschen sich im Alltag unter dem Freisein vorzustellen scheint, nämlich zum Einen das Meer und zum Anderen die natürliche Weite. Doch warum ist das so?

Nun, einige Zeit am Meer zu verbringen, kann uns Menschen so Einiges lehren, denn verlassen wir nur für wenige Wochen einmal unser gewohntes Zuhause und gönnen uns somit sprichwörtlich einen (äußeren) Tapetenwechsel, dann merken wir häufig schnell, dass eine Veränderung unserer sonst so vertrauten äußeren Umgebung auch unser Innerstes – unsere Gedanken und Gefühle – verändern kann. Sind wir plötzlich umgeben von fremden Orten, unbekannten Menschen und ungewohnten Alltagsroutinen, dann kommen wir viel leichter auf andere Gedanken, wir werden geistig flexibler und unsere Ängste und Sorgen wirken plötzlich kleiner als vorher. Und das Meer im Speziellen kann viele Facetten annehmen. Manchmal ist es ruhig und unbewegt und manchmal kann es lebendig, wild, rau und kraftvoll, ja geradezu gewaltig sein. Wenn die Sonne auf die Wasseroberfläche scheint, dann glitzert und strahlt es wie eine Discokugel, doch wenn ein Unwetter aufzieht, dann wirkt es trüb, dunstig und finster. Somit ist das Meer eine wunderbare Metapher für das Leben, denn auch das Leben kann manchmal ruhig und harmonisch und manchmal turbulent und unberechenbar sein.

Und noch etwas macht das Meer so besonders, denn es bringt uns unsere Sinnlichkeit zurück, die wir im hektischen Alltag leider oft schon vergessen haben. Halten wir uns längere Zeit am Meer auf, so spüren wir uns plötzlich wieder selbst. Eingangs hatte ich es bereits beschrieben: Wir schmecken das Meersalz auf unserer Zunge, wir riechen den algig-mineralischen Geruch des Meeres, wir fühlen, wie der Wind unsere Haut berührt und wie der Sand zwischen unseren Zehen knirschelt, wir hören das Rauschen der Wellen, das Pfeifen des Windes und die hellen Schreie der Möwen und was wir sehen, ist unbezahlbar.

Seien wir doch mal ehrlich: Wie oft nehmen wir uns im Alltag Zeit für sinnliche Momente? Wann sitzen wir schon mal gemütlich und ohne Zeitdruck im Nacken in einem bequemen Sessel und inhalieren den köstlichen Duft unseres Kaffees (oder Tees)? Wann, bitteschön, begleiten wir unsere Kinder nicht nur bis zur Spielplatz-Bank, auf die wir uns setzen und von der aus wir unseren Kindern beim Spielen zusehen, sondern begleiten sie auch bis hinein in den Sandkasten, um unsere Schuhe auszuziehen und mit unseren nackten Füßen im goldenen Sand zu baden? Wann, um alles in der Welt, lassen wir ein kleines Stückchen von unserer Lieblingsschokolade ganz bewusst auf unserer Zunge zergehen anstatt die ganze Tafel in einem Bissen herunter zu schlingen, während wir uns von Trash TV berieseln lassen? Die Antwort lautet: Äußerst selten. Vielleicht einmal im ganzen Jahr, wenn wir in den Urlaub fahren und endlich einmal Zeit haben. Für uns, für unsere Kinder, für sinnliche Momente.

„Der Urlaub, den wir [wirklich] brauchen, ist Freiheit von unseren eigenen Gedanken.“ (Jack Adam Weber)

Was Freiheit im juristischen Sinne bedeutet, ist relativ einfach zu erfassen, denn je nachdem, in welchem Land man lebt, gelten bestimmte Gesetze, deren Nichteinhaltung mit bestimmten freiheitsentziehenden Maßnahmen verbunden sein kann und diese sind den Menschen innerhalb eines Landes ja in der Regel bekannt, sodass der Großteil der Menschen sich an diese Gesetze hält und somit ein Leben in (relativer) Freiheit genießen kann. Doch die Freiheit, die wir meinen, wenn wir im alltagsgebräuchlichen Sinne von Freiheit sprechen, meint weit mehr als die bloße Abwesenheit von Gefangenschaft. Da wir Menschen in sozialen Verbänden leben, würden die meisten sicher zustimmen, dass Freiheit in der Regel da endet, wo ein anderer verletzt wird und auch, dass wir uns an bestimmte soziale Normen und Gepflogenheiten anpassen müssen, um weitgehend konfliktfrei miteinander leben zu können, leuchtet den meisten ein. Ein Schüler, der beispielsweise im Unterricht sitzt, weiß in der Regel, dass er nicht aufstehen darf, bevor nicht die Pausenglocke das Ende der Unterrichtsstunde eingeläutet hat, ansonsten droht ihm Tadel vom Lehrer sowie unter Umständen auch Freiheitsentzug in Form von nachmittäglichem Nachsitzen. Doch während der Freiheitsentzug in diesem Beispiel sehr offensichtlich ist, so wird unsere persönliche Freiheit jedoch im Alltag nicht selten auch ganz unbemerkt eingeschränkt.

„Frei will ich sein und ganz mein, und was ich gebe, soll mich nicht binden.“ (Bettina von Arnim)

Stellt euch einmal vor, ich wärd ein Teenager, der nicht viel Geld hätte. Vielleicht geht ihr an den Wochenenden gerne in die Disco, vielleicht legt ihr Wert auf hippe Kleidung oder vielleicht übt ihr regelmäßig ein Hobby aus. Auf jeden Fall könnte es nicht schaden, wenn ihr ein bisschen mehr Geld hättet, um euch all diese Dinge und Aktivitäten leisten zu können. Angenommen, in dieser Situation begegnet euch euer Nachbar und stellt euch in Aussicht, euch 20 Euro zu zahlen, wenn ihr bereit wärd, am Nachmittag nach der Schule den Rasen in seinem Garten zu mähen. Würdet ihr dieses verlockende Angebot annehmen? Nun, sehr wahrscheinlich würdet ihr das, denn ihr seid jung und braucht das Geld, doch würdet ihr das auch dann tun, wenn ihr genug Geld hättet oder wenn das Rasenmähen nicht mit Geld, sondern lediglich mit einem freundlichen Schulterklopfen belohnt werden würde? Wohl eher kaum. Folgendes ist hier passiert: Eine uns in Aussicht gestellte monetäre Belohnung führt dazu, dass wir bereit sind, eine Handlung (das Rasenmähen) auszuführen, die wir ohne Aussicht auf Belohnung wahrscheinlich eher nicht vollführt hätten. Trotzdem käme hier kaum einer auf die Idee, zu behaupten, dass unsere persönliche Freiheit in diesem Beispiel eingeschränkt wurde, da wir schließlich etwas Angenehmes (in dem Fall Geld) gewinnen würden. Ganz anders würde das allerdings aussehen, wenn unsere Eltern uns aufgrund einer miserablen Mathenote zur Bestrafung zum Rasenmähen verdonnert hätten, denn dann würden wir mit großer Gewissheit lauthals protestieren und verkünden, dass wir uns wie Sklaven fühlen, da unsere Freiheit hiermit – zumindest kurzzeitig – eingeschränkt wird. Interessant ist, dass unser Verhalten in beiden Fällen manipuliert und unsere persönliche Freiheit, neutrale Entscheidungen zu treffen, beschnitten wurde, doch nur im Falle der Bestrafung empfinden wir das auch so.

Diese motivationspsychologische Herangehensweise ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit, an das Konzept der Freiheit heranzutreten, nein, denn auch die Systemische Therapie hat dazu Einiges zu sagen. In meinem letzten Psychofutter-Beitrag zum Thema „Selbstfürsorge“ hatte ich euch von der Mobile-Metapher berichtet, die grob vereinfacht besagt, dass wir Menschen in allen Lebensbereichen (daheim, auf der Arbeit, im Sportverein, usw.) in wechselseitigen Abhängigkeiten zueinander stehen. Wir leben in einem ständigen Bezug zu anderen Menschen und alles, was wir tun oder nicht tun, hat Einfluss auf unsere Mitmenschen und umgekehrt. Jede Rolle, die wir ausüben, bringt Verpflichtungen und Verstrickungen mit sich. Als Partner sollen (und wollen) wir treu und loyal, aufmerksam und respektvoll sein, als Arbeitnehmer sollen (und wollen) wir tüchtig, fleißig, pünktlich und bereit sein, Überstunden zu leisten und als Eltern sollen (und wollen) wir unsere Kinder gut versorgen und zu kleinen, vernünftigen Menschen heranziehen. Dass es manchmal an eine echte Herkulesaufgabe grenzt, diese drei Rollen (Partner, Arbeitnehmer, Eltern) unter einen Hut zu kriegen, wird uns ganz besonders dann bewusst, wenn eines unserer Kinder in kurzer Zeit wiederholt krank wird und wir somit gezwungen sind, wiederholt von der Arbeit fern zu bleiben, um unser Kind zu pflegen, während wir selbst eigentlich keine Fehlzeiten auf der Arbeit anhäufen dürfen, weil wir uns vielleicht noch in Probezeit befinden oder weil der Chef uns mächtig Druck macht. Dann sitzen wir plötzlich zwischen zwei Stühlen, denn auf der einen Seite sind wir unserem Kind gegenüber fürsorgeverpflichtet und auf der anderen Seite sind wir unserem Arbeitgeber gegenüber verpflichtet, unsere Arbeit zu erledigen. Vielleicht geraten wir in genau dieser Situation dann auch noch mit unserem Partner in Streit, weil wir uns nicht einig werden, wer nun mit dem kranken Kind daheim bleibt oder wer weiter arbeiten geht. Ja, wie bringen wir Kind, Karriere und Partnerschaft nun in Einklang? Treffen wir in dieser Angelegenheit nun eine Entscheidung, so tun wir das in der Regel auf Basis von Vernunftsüberlegungen. Sehr wahrscheinlich wird derjenige daheim bleiben, der nicht der Hauptverdiener ist oder es wird derjenige daheim bleiben, der bei der letzten Erkrankung des Kindes arbeiten gegangen ist, einfach um zu verhindern, dass der andere Elternteil seine ihm gesetzlich zustehenden Krankentage nicht über die Maßen ausreizen muss. Leider wird es hier ebenso Eltern geben, die ihr Kind nur halbgesund zurück in Schule oder Kindergarten schicken (müssen), weil der finanzielle Druck, unter dem sie stehen, viel größer ist, als ihr schlechtes Gewissen ihrem Kind gegenüber. Ganz egal, welche Entscheidung wir in dieser Angelegenheit treffen, diese Entscheidung ist nicht selten vor allem getrieben von äußeren Zwängen, Verpflichtungen und (Existenz-)Ängsten, doch sie ist eines meistens nicht: Frei.

„Echte“ Freiheit würde bedeuten, dass wir alleiniger Urheber unserer Gedanken, Handlungen und Entscheidungen sind und dass keinerlei  – vor allem äußere – Umstände einen Einfluss darauf hätten. Wären wir in dieser Angelegenheit „wirklich frei“, dann würden sich sicherlich fast alle Eltern diese Entscheidung leicht machen und sagen: Natürlich bleibe ich mit meinem Kind daheim, bis es wieder gesund ist. Halten wir uns dieses Beispiel vor Augen, so müssen wir leider ganz klar feststellen, dass wir Menschen psychologisch betrachtet alles andere als frei sind und dass es doch sehr viele Dinge (Zwänge, Ängste, Druck, Verpflichtungen) im Alltag gibt, von denen wir uns manchmal gerne befreien möchten. Tatsächlich scheint es, dass wir den Begriff der Freiheit häufig mit dem freien Willen verwechseln. Wir Menschen verfügen über einen freien Willen, das bedeutet, haben wir die Wahl, aus verschiedenen, endlichen Möglichkeiten zu wählen (z.B. was wir trinken möchten oder welches Kleidungsstück wir anziehen wollen), dann entscheiden wir uns bewusst für eine bestimmte Option und wir entscheiden uns ebenso bewusst gegen eine oder mehrere andere Optionen. „Wahrhaftig“ frei sind wir deshalb noch nicht.

Würden wir noch tiefer in die Systemische Therapie einsteigen, so würden wir feststellen, dass auch mehrgenerationale Einflüsse unsere „wahre“ Freiheit zu schmälern drohen. Vererbte Gene sowie Erziehungsstile unserer Eltern und Großeltern beeinflussen uns meistens ganz unbewusst dahingehend, wie wir die Welt sehen und welchen Weg wir in unserem Leben einschlagen. In meiner früheren systemischen, mehrgenerationalen Arbeit mit Familien konnte ich immer wieder das Phänomen beobachten, dass überzufällig viele Mitglieder einer Familie über viele Generationen hinweg einen ähnlichen Werdegang einschlugen. So konnte ich beispielsweise klassische Arbeiterfamilien kennenlernen, in denen fast alle Familienmitglieder frühzeitig die Schule beendeten und einen Beruf erlernten. Ebenso konnte ich Familien kennenlernen, in denen beispielsweise der überwiegende Teil aller männlichen Familienmitglieder über mehrere Generationen hinweg eine Arzt- oder Ingenieurskarriere einschlug. Ich durfte Familien begleiten, in denen sämtliche weibliche Mitglieder über mehrere Generationen hinweg Lehrerinnen wurden. Ich erinnere mich an Familien, in denen einzelne Familienmitglieder rückblickend berichteten, einen bestimmten Lebensweg vor allem deshalb eingeschlagen zu haben, weil sie spürten, dass ein anderer, davon abweichender Weg von wichtigen Bezugspersonen womöglich mit Missachtung oder gar Liebesentzug gestraft worden wäre und weil sie ihren Eltern und Großeltern gefallen wollten. Und so könnte ich diese Liste an Beispielen endlos fortführen, die allesamt nur eines aufzuzeigen versuchen, nämlich, dass wir in Wirklichkeit gar nicht so frei in unseren vermeintlich selbstgewählten Entscheidungen sind, wie wir gerne glauben möchten, sondern dass unsere Herkunft, unsere Gene und all das, was uns anerzogen wurde, einen entscheidenden Teil zu dem beiträgt, was wir uns für uns selbst wünschen. 

Aber halt! Genauso, wie viele Mitglieder einer Familie über viele Generationen hinweg ähnliche Wege gehen, so gibt es in den meisten Familienstammbäumen auch häufig „schwarze Schafe“, es gibt „Traumtänzer“, „Querulanten“ und „Andersmacher“, die es wagen, aus der (Familien-)Reihe zu tanzen und einen gänzlich anderen Weg einzuschlagen als der Großteil der Familie. Beispielsweise denke ich dabei an die junge Frau, die es in ihrem Familienstammbaum als erste gewagt hat, zu studieren. Ich denke auch an den jungen Mann, der sich dafür entschieden hat, als erster in seiner Familiengeschichte nicht zu studieren und stattdessen einen Beruf zu erlernen, der ihm zwar weniger Geld einbringt, für den er jedoch innerlich brennt und der ihn völlig erfüllt. Ich bewundere auch den älteren Herren, der sich wenige Jahre vor dem Eintritt ins Rentenalter noch einmal traute, seinen alten Beruf aufzugeben, um einen Traum zu verwirklichen, den er lange zurückstellte, da er befürchtete, dafür von der Familie verachtet zu werden. Und ich denke an die ältere Dame, die einer äußerst konservativen und streng gläubigen Familientradition entstammte und die es als erste wagte, ihren Familienglauben zu verlassen, um ihr Glück auf anderen spirituellen Wegen zu finden.

Freiheit bedeutet also auch, Dinge anders machen zu können, als es bisher üblich war. Und das erfordert Mut. Großen, manchmal riesengroßen Mut. Und es erfordert manchmal auch, dass wir uns ein dickes Fell zulegen müssen. Ein Fell, das uns davor schützt, für unsere Träume und Visionen von anderen, uns nahestehenden Menschen ausgelacht, verspottet, kritisiert oder für verrückt erklärt zu werden. Sich die Freiheit zu nehmen, andere, fremde Wege zu gehen und Dinge anders zu machen als bisher, (muss nicht, aber) kann mit Ablehnung, Missachtung oder Geringschätzung durch andere Familienmitglieder oder Nahestehende gestraft werden. Ja, Freiheit ist nichts für Feiglinge und nichts für diejenigen, die es allen immer nur recht machen wollen. Freiheit kostet Kraft und Überwindung und es birgt das Risiko, sich unbeliebt zu machen oder gar verstoßen zu werden. Freiheit kann unbequem sein, leidvoll und schmerzhaft.

Doch die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, birgt auch eine große Chance: Die Chance, sich für ein anderes, für ein besseres Leben zu entscheiden, das uns glücklicher machen könnte als das, was unsere Familiengeschichte für uns „vorgesehen“ hat. Nicht, dass ihr mich falsch versteht: Ich bin der Meinung, dass Familien grundsätzlich das Beste für ihre Mitglieder wollen, doch das Glück, was andere sich für uns vorstellen, vermag manchmal nicht dasselbe Glück zu sein, das wir uns selbst für uns vorstellen. Und wenn das so ist, dann haben wir die (schmerzhafte) Freiheit, uns daraus zu lösen, um unser eigenes Glück zu suchen.

Übrigens: Ich bin noch immer der Meinung, dass es „echte“, „wahrhaftige“ Freiheit für uns Menschen nicht gibt, denn Vieles, das uns gegeben wird, können wir uns nun mal nicht aussuchen (unsere genetische Ausstattung, unsere sozioökonomische Herkunft, unsere Intelligenz, etc. pp.). Gleichwohl bin ich ebenfalls der Überzeugung, dass wir Menschen unseren Umständen dennoch nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern, dass wir immer die Möglichkeit haben, uns mit allem, was wir uns wünschen, selbst zu verwirklichen. Wenn wir uns trauen.

Damit ist eines allerdings auch klar: Die Freiheit zu haben, unser Leben aktiv und selbstbestimmt zu gestalten und immer wieder aus verschiedenen uns verfügbaren Optionen zu wählen, bedeutet auch, potentiell eine Entscheidung zu treffen, die sich – vor allem rückblickend betrachtet – möglicherweise als falsch oder nachteilig für uns herausstellen könnte. Freiheit und Selbstbestimmung bedeuten also auch, Risiken einzugehen und Enttäuschungen zu erleben. Eine Beziehung einzugehen, die wir uns ersehnt haben, die sich jedoch als unglücklich entpuppt, eine Arbeitstelle anzutreten, von der wir feststellen, dass sie uns nicht erfüllt oder uns finanziell auf Dauer nicht trägt oder eine Freundschaft einzugehen, die sich als schädlich für uns herauskristallisiert. All das kann uns passieren und dieses Risiko muss uns immer dann, wenn wir freie Entscheidungen treffen, bewusst sein. Doch auch hier gilt: Wir haben die Freiheit, schädliche Umstände auch wieder zu verlassen. Um das Leben zu suchen und zu finden, das uns wahrhaftig glücklich macht. 

„Was du bist, hängt von drei Faktoren ab: Was du erlebt hast, was deine Umgebung aus dir machte und was du in freier Wahl aus deiner Umgebung und deinem Erbe gemacht hast.“ (Aldous Huxley)

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