Psychofutter: Selbstfürsorge

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In den letzten Wochen gab es immer mal wieder längere Regenperioden. Wenn es um’s Wetter geht, war ich noch nie ein Nörgler. Im Gegenteil. Ich liebe Regen, besonders, wenn er kräftig auf die Straßen prasselt und sich meterlange Pfützen bilden. Ich liebe Sturm, besonders, wenn er gegen die Fenster peitscht und die Baumkronen sich verbiegen, während sie versuchen, den heftigen Böen Stand zu halten. Ich liebe auch Gewitter, besonders den Donner, wenn er mit schwerem Geröll den Himmel erschüttert. Und ja, ich liebe auch Schnee, besonders, wenn man in der Eiseskälte seinen eigenen Atem sehen kann und man, völlig vermummt mit Schal, Mütze und Handschuhen, durch den kniehohen Schnee hindurch stapft und wenn immer wieder kleinere Schneebatzen von den Bäumen fallen und ein dumpfes Geräusch auf dem Boden hinterlassen. Das war bei mir schon immer so. Während mein Umfeld sich nicht selten über die Wetterlage beschwerte, ließen mich Wettervorhersagen stets unbeeindruckt. Zum Einen mag das daran liegen, dass ich jedem Wetter, genauso wie auch jeder Jahreszeit, etwas Positives abgewinnen kann, zum Anderen spüre ich, dass insbesondere das vermeintlich schlechte Wetter meine Neigung zur Selbstfürsorge verstärkt. Immer dann, wenn draußen raue klimatische Bedingungen herrschen, dann erinnert mich dies häufig daran, dass es mal wieder an der Zeit wäre, mich gut um mich selbst zu kümmern. Dann ziehe ich mir zum Beispiel gemütlich-flauschige Kleidung an, ich trinke heißen Kakao, kuschele mich mit einer Decke auf’s Sofa oder ich krame mein Kirschkernkissen aus der Schublade hervor, erhitze es und nehme es mit ins Bett. Alles, was irgendwie dazu beiträgt, dass ich mich in meinem Körper wohl fühle und dass ich physisch wie mental gesund bleibe.

Neben einer schlechten Wetterlage gibt es natürlich auch noch andere Lebensumstände, die Menschen belasten und dazu führen können, dass wir uns ganz bewusst um selbstfürsorgliches Verhalten bemühen. Eines der wohl am weitesten verbreitetsten Beispiele ist Stress im Job. Die unterschiedlichsten Gründe können dazu beitragen, dass wir uns an unserem Arbeitsplatz nicht wohl fühlen: Ein tyrannischer Chef, mobbende Kollegen, eine zu große (oder auch zu kleine) Arbeitslast, schlechte Bezahlung, ein extrem weiter und umständlicher Arbeitsweg und, nicht zuletzt, natürlich auch die große Herausforderung, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. All solche Umstände können uns auf Dauer massiv stressen und dazu führen, dass wir unzufriedener, nervöser, reizbarer und unbelastbarer werden und dass unsere Leistungsfähigkeit sinkt. Wir leiden unter Schlafmangel, unsere Akkus sind leer und oft reichen dann kleinste Ärgernisse aus, die das Fass sprichwörtlich zum Überlaufen bringen. Wir explodieren schneller und brechen schneller in Tränen aus bei Ereignissen, die unter normalen Umständen nur Lapalien für uns gewesen wären. Auch unser Körper beginnt zu opponieren, indem unsere Verdauung streikt, wir weniger Lust auf Intimität mit dem Partner haben und wir häufiger krank werden, weil unser Immunsystem herunterfährt.

Wenn diese Punkte erreicht sind, dann ist es eigentlich schon zu spät, denn dann haben wir die Anzeichen einer Überlastung entweder nicht rechtzeitig erkannt oder ihnen nicht rechtzeitig entgegen gewirkt. Das Gute, wenngleich zumeist Unerwünschte, an solchen Dauerbelastungszuständen ist, dass wir uns dann wenigstens auf unseren Körper verlassen können, denn wenn wir schon die Signale massiven Dauerstresses nicht wahrnehmen (wollen), so tut es doch unser Körper, indem er seine Funktionen auf Sparflamme herunterschraubt und damit um Hilfe ruft. Evolutionsbiologisch betrachtet, ist das auch äußerst sinnvoll, denn wenn Menschen in früheren Zeiten beispielsweise einem Säbelzahntiger gegenüber standen und der Körper sich somit entweder auf Flucht oder Angriff einstellen musste, dann war es unbedingt erforderlich, dass er alle nicht dafür notwendigen körperlichen Vorgänge ausschaltete oder zumindest nur im Sparmodus laufen ließ, da er ansonsten nicht die nötige Energie hätte bereitstellen können, um eine solch lebensgefährliche Situation zu überleben. War die Gefahr jedoch vorüber, so fuhr der Körper seine Funktionen wieder nach oben in den normalen Ausgangszustand und der Mensch konnte friedlich und entspannt weiter seines Weges gehen und sich ausruhen. Das Problem bei Dauerstress ist allerdings, dass unser Körper aus diesem – eigentlich für seltene Notfälle gedachten – Ausnahmezustand nicht mehr herauskommt und die auf Sparflamme gesetzten Körperprozesse somit gar nicht mehr in einen Normalzustand zurückwechseln können. Dass das nicht lange gut gehen kann, ist uns wohl allen klar. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass wir heute je wieder einem Säbelzahntiger über den Weg laufen, doch eine stressige und möglicherweise existenzbedrohende – und damit gewissermaßen ja auch lebensgefährliche – Jobsituation vermag ähnlichen Stress bei uns zu verursachen wie das Aufeinandertreffen mit einem wilden Tier zu Urzeiten. Doch muss es soweit kommen? Wie können wir schon früher ansetzen und dafür sorgen, dass wir möglichst frühzeitig aus einer solchen Stress-Spirale aussteigen?

Wir alle wissen inzwischen, was sich hinter dem längst abgedroschenen und in den Medien weit verbreiteten Begriff der Selbstfürsorge verbirgt. Es meint – wie das Wort ja auch zu erkennen gibt – unsere eigene Fürsorge um unser Selbst. Oder noch etwas konkreter ausgedrückt: Es bedeutet, dass wir 1) achtsam und liebevoll mit uns selbst umgehen, indem wir unsere Bedürfnisse, unser Stresslevel wahrnehmen (das ist für mich die kognitive, mentale, gedankliche Ebene) und dass wir 2) ganz aktiv dafür sorgen, ein potentielles Ungleichgewicht zwischen dem, was im Alltag von uns gefordert wird und dem, was wir zu bewältigen imstande sind, wieder ins Gleichgewicht zu bringen und somit Grenzen zu setzen (das ist für mich die aktive Handlungsebene). Selbstfürsorge bedeutet also für mich, in regelmäßigen Abständen immer wieder eine Art Update auf diesen beiden Ebenen stattfinden zu lassen: Wie geht es mir in meinem Alltag gerade? Welche Bedürfnisse habe ich und wie gut kann ich mir diese erfüllen? Wo könnte ich vielleicht Grenzen setzen, damit es mir (wieder) besser gehen kann? Wer oder was sind meine Energieräuber?

Doch was sich so einfach und theoretisch dahersagen lässt, ist längst nicht so leicht umzusetzen, denn anders ist die ansteigende Zahl an Menschen, die unter einem Dauererschöpfungszustand leiden, nicht zu erklären. Als ich während meines Psychologiestudiums in diversen psychosomatischen Rehabilitationskliniken Praktikum machte, in denen neben einer Vielzahl psychischer Erkrankungen vor allem auch Patienten mit Burnoutsyndrom – beziehungsweise Erschöpfungsdepression, wie es im Fachjargon bezeichnet wird – behandelt wurden, hatte ich das Glück, an einem Stress-Seminar teilnehmen zu dürfen. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie der leitende Pädagoge zu Beginn des Seminars vor das Patientenpublikum trat und Folgendes sagte:

„Stellen Sie sich einmal vor, Sie laufen durch die Stadt, als plötzlich direkt vor Ihnen ein Kind auf die Nase fällt. Was tun Sie?“

Als die breite Masse an Patienten wie selbstverständlich so etwas sagte wie „Na, hingehen, dem Kind aufhelfen, es trösten und das Aua wegpusten.“, da schrie er:

„UND WARUM IN ALLER WELT MACHEN SIE DAS DANN NICHT AUCH BEI SICH SELBST???“

Nach einigen Sekunden des Gelächters verstummten die Patienten und es wurde erkennbar, wie sie alle für einen kurzen Augenblick lang in sich gingen und mit sich selbst beschäftigt waren. Das war ein sehr bewegender und emotionaler Moment, der viele Patienten zu Tränen rührte. Der Mann hatte Recht. Viel zu oft im Alltag gehen wir hart und erbarmungslos mit uns selbst ins Gericht. Viel zu oft haben wir Mitgefühl mit anderen, jedoch selten mit uns selbst. Auch wir fallen – bildlich gesprochen – einmal auf die Nase, auch wir erleben Niederlagen und Misserfolge, werden enttäuscht und ungerecht behandelt. Auch wir sind tief in unserem Inneren – mehr oder weniger – verletzte Kinder, die es verdient haben, dass man sich liebevoll um sie und ihre Befindlichkeiten kümmert. Doch nur, weil aus uns inzwischen Erwachsene geworden sind, haben wir damit aufgehört, uns zuzugestehen, dass auch wir uns im Alltag manchmal traurig, wütend oder verletzt fühlen und dass wir uns manchmal nichts mehr wünschen, als dass unsere (vor allem seelischen) Wunden von lieben Menschen verarztet werden. Doch anstatt uns um unsere (seelischen) Verletzungen zu kümmern, haben wir gelernt, nicht zu jammern und eine Fassade aufzusetzen, die bloß nichts von unserer Verletzlichkeit und unserer Sensibilität verrät. Da heißt es Zähne zusammenbeißen und durch! Oder lieber doch nicht?

Greifen wir noch einmal das vorangegangene Beispiel Stress im Job auf. Vielleicht liegt mal wieder eine anstrengende und kräftezehrende Arbeitswoche hinter euch, vielleicht war euer Chef nicht zufrieden mit eurer Arbeit und hat euch das spüren lassen, vielleicht gab es Unstimmigkeiten mit einem Kollegen oder einem Kunden oder vielleicht hat euch eure Tätigkeit einfach mal wieder keinen Spaß gemacht. Doch weil nun das Wochenende vor der Tür steht, versucht ihr, euren Kopf abzuschalten und euch auf andere Gedanken zu bringen. Vielleicht werdet ihr ausschlafen, die Natur genießen, ins Kino oder mit guten Freunden essen gehen, shoppen oder einfach nur daheim herumgammeln und Playstation spielen. Hauptsache, es bereitet euch Freude und ihr könnt euch von der stressigen Arbeitswoche ablenken. Doch wie wird es Montag Morgen aussehen? Was hat sich bis dahin an eurem Arbeitsalltag verändert? Geht die zermürbende Tretmühle dann nicht wieder genauso von vorne los, wie sie in der Woche zuvor aufgehört hat? Vielleicht wird euer Chef ja diesmal bessere Laune haben und eure Arbeit mehr wertschätzen, vielleicht wird euer Kollege ja diesmal netter zu euch sein und euch in der Kaffeepause Gesellschaft leisten? Wenn ihr so denkt, dann gebt ihr die Zügel eines zufriedenstellenderen Arbeitsalltags leichtfertig aus der Hand und macht euch von äußeren Umständen abhängig. Warum erzähle ich euch das?

Nun, blättern wir durch Lifestyle-Magazine oder schauen wir TV, dann erleben wir seit einigen Jahren eine regelrechte Welle der Selbstfürsorge, in der uns die Medien darin unterrichten wollen, wie wir mit diversen Selbstfürsorgepraktiken unseren Körper und unsere Psyche von Stress befreien können. Da ist die Rede von einem ausgedehnten Spaziergang in der Natur, von wohltuenden Atemübungen, von Jogging am Morgen oder einem ausgiebigen Brunch in der Mittagspause. Versteht mich nicht falsch. Es ist ja durchaus nichts dagegen einzuwenden, sich im stressigen Alltag immer wieder auch ein bisschen Wellness für Körper und Seele zu gönnen, nichtsdestotrotz, kann ich mich nicht recht des Eindrucks erwehren, dass all diese gut gemeinten, zur Selbstnährung bestimmten Methoden uns jedoch in der Regel nur kurzzeitig zu erfreuen und abzulenken vermögen, allerdings greifen sie meistens nicht tief genug, um den Stress bei der Wurzel zu packen. Damit wir auch langfristig zufriedener und glücklicher im Job sein können, sollte Selbstfürsorge mehr sein, als ein Gläschen Wein und ein Vollbad am Abend.

Als Systemische Therapeutin, die berufsbedingt davon überzeugt ist, dass psychische Erkrankungen meist im Wechselspiel mit einer krankmachenden Umgebung entstehen, bin ich der Meinung, dass es nicht ausreichen kann, sich selbst zu verwöhnen, wenn dieselben krankmachenden Gegebenheiten und dieselben toxischen Beziehungen, die uns umgeben, auch nach erfolgreicher „Selbstbehandlung“ immernoch dieselben geblieben sind. Ein Job, der mich – aus verschiedenen Gründen – in erheblichem Maße über längere Zeit hinweg belastet, wird für mich nicht angenehmer, wenn ich am Wochenende wandern gehe oder meinen Kreislauf regelmäßig durch Kneipp-Fußbäder ankurbele. Mich selber zu verwöhnen, jedoch nichts an meinem schädlichen Umfeld zu verändern, ist aus meiner Sicht nichts mehr als Schadensbegrenzung. Vielmehr erscheint es erforderlich, dass wir lernen, der Belastung, der Überforderung Grenzen zu setzen, indem wir uns aktiv dafür einsetzen, dass sich die destruktive Umgebung, in der wir arbeiten, so verändert, dass wir besser mit ihr klarzukommen imstande sind. Selbstfürsorge heißt also demzufolge auch, dass wir Verantwortung für uns selbst übernehmen können.

Doch wie könnte eine solche Veränderung aussehen? Nicht alles liegt in unserer Macht. Beispielsweise können wir um eine Gehaltserhöhung bitten und diese auch sachlich wie fachlich möglichst gut begründen, ob wir sie jedoch bekommen, entscheiden andere. Doch auch dann, wenn wir sie nicht bekommen, kann allein schon die Bitte darum etwas Neues in Gang setzen. Vielleicht merkt unser Chef, dass wir nicht zufrieden mit der Bezahlung oder mit der Würdigung unserer Arbeit sind und vielleicht muss er befürchten, dass wir uns nach einem neuen Job umschauen könnten. Allein dies könnte ihn schon dazu veranlassen, uns respektvoller und wertschätzender zu behandeln. So haben wir zwar auf den ersten Blick nicht unser ursprünglich anvisiertes Endziel – nämlich eine Gehaltserhöhung – erreicht, doch vielleicht können wir mit unserer – zwar abgeschlagenen – Bitte trotzdem etwas Gewinnbringendes für uns erreichen. Nichts ist schlimmer, als nichts zu tun.

Wunderbar anschaulich erklären kann man dies anhand der Mobile-Metpapher, die ich ganz zu Beginn meiner Systemischen Therapeutenausbildung kennenlernen durfte und die erklärt, wie wir in unserem Alltag in zwischenmenschliche Beziehungen verstrickt sind und dass wir sehr wohl Einfluss auf unsere Beziehungen zu anderen nehmen können: Jeder weiß, was ein Mobile ist. Besonders Eltern kleiner Kinder haben diese frei hängenden Windspiele beispielsweise über dem Wickeltisch hängen, die schon von einem geringen Luftzug in Bewegung gebracht werden können und an denen sich Babys und Kleinkinder herrlich erfreuen. Es gibt sie in allerlei erdenklichen Ausführungen, mit Muscheln, mit Perlen, mit Treibholz, mit Flugzeug- oder Wolken-Motiv, manche klirren und klappern bei Bewegung, andere geben keine Töne von sich, sondern sind einfach nur hübsch anzuschauen. Alle Elemente in einem solchen Mobile sind über (Nylon-)Fäden miteinander verbunden. Ziehen wir an einer Stelle, an einem Element des Mobiles, so verändern sich auch alle anderen Elemente desselben Mobiles und das ganze „System“ gerät in Schieflage.

Auch sämtliche unserer Beziehungen, die wir im Alltag pflegen, funktionieren ganz genauso wie ein solches Mobile, sind wir nämlich – zum Beispiel auf der Arbeit – alle wechselseitig miteinander verstrickt, verbunden und verwoben. Wenn beispielsweise ein Mitarbeiter kündigt, dann hat dies nicht selten zur Folge, dass die Arbeitslast, die der ausgeschiedene Kollege zuvor übernommen hatte, nun für geraume Zeit auf sämtliche andere Mitarbeiter verteilt werden muss, bis die Stelle neu besetzt werden konnte, was den Stress der übrigen Mitarbeiter sehr wahrscheinlich erstmal vergrößern und vielleicht auch etwas organisatorisches Chaos hervorrufen wird, weil die Zuständigkeiten für die Mehrarbeit nun neu geklärt werden müssen. Oder wenn der Chef einen Mitarbeiter mahnt und rügt und dieser in der Folge schlechte Laune hat oder schlechte Arbeit vollbringt, so werden in der Regel auch die anderen Mitarbeiter dessen Unmut zu spüren bekommen und vielleicht wird der getadelte Mitarbeiter seine Arbeit nun etwas unzuverlässiger vollbringen, wodurch für die anderen Mitarbeiter möglicherweise ebenfalls Mehrarbeit entstehen könnte.

Jeder kleine Impuls, jede kleine Veränderung in einem System (im Mobile, auf der Arbeit) hat Einfluss auf alle übrigen Elemente (Mitarbeiter), die sich in diesem Gesamtsystem befinden. Je nachdem, wie groß oder klein dieser Veränderung herbeiführende Impuls ist, desto stärker oder schwächer wird das Gesamtsystem aus seiner bisherigen Balance geworfen und umso mehr oder weniger ist das Gesamtsystem irritiert, wodurch es dazu herausgefordert wird, wieder ein neues Gleichgewicht zu finden, indem es sich neue Verhaltenswege sucht. Und genau an dieser Stelle kann etwas Neues im System entstehen. Genau aus diesem Grund kann es sich – wie oben dargestellt – sehr wohl lohnen, beispielsweise den eigenen Chef um eine Gehaltserhöhung zu fragen. Es wäre natürlich schön, wenn es dann auch wirklich klappt, doch wenn nicht, dann war es in den allermeisten Fällen nicht umsonst, denn es kommt etwas in Gang, was zwar vielleicht nicht immer sofort sichtbar wird, was sich jedoch ganz allmählich seinen Weg im System bahnen wird. Vielleicht wird der Mitarbeiter nun in den Genuss anderer Gratifikationen (z.B. Lob) kommen oder vielleicht wird eine Ablehnung der gewünschten Gehaltserhöhung auch einfach dazu führen, dass der Mitarbeiter nun öfter auch mal ganz bewusst pünktlich nach Hause geht, ohne Überstunden zu machen, da diese gehaltsmäßig ja sowieso nicht gewürdigt werden, sodass der Mitarbeiter jetzt etwas mehr Zeit für sich hat und das ganz ohne schlechtes Gewissen. Was auch immer passieren wird, es kommt etwas in Bewegung und das wiederum bringt immer auch die Chance mit sich, dass die Umstände sich verbessern. Nichts ist schlimmer, als nichts zu unternehmen. Nichts ist schlimmer, als wenn sich das Mobile fest verhakt, wenn destruktive Umstände und Beziehungen sich so verhärtet und eingeschliffen haben, dass keine fließende Bewegung, keine Veränderung mehr stattfindet. Solange das Mobile in Bewegung bleibt, wird es immer Raum für etwas Neues, etwas Innovatives, etwas Besseres geben. Neben der eigenen Arbeit gibt es übrigens zahlreiche weiterer solcher menschlichen Systeme, wie Beispiel die eigene Herkunftsfamilie, eine Paarbeziehung, eine Schulklasse, ein Sportverein oder eine Theatergruppe. Und alle funktionieren nach demselben „Mobile-Prinzip“.

Selbstfürsorge bedeutet also vor allem auch, unsere Beziehung zu anderen immer wieder neu aktiv zu gestalten und zwar so, dass es uns selbst dabei gut geht. Wir müssen Umstände nicht einfach nur passiv hinnehmen, ertragen und erdulden, sondern wir können sie – bis zu einem höheren Grad, als wir denken – mitgestalten und verändern, indem wir etwas unternehmen, indem wir mit anderen kommunizieren und uns mitteilen. Als ich vor einigen Jahren meine Ausbildung zur Systemischen Therapeutin begann, lernte ich in diesem Zusammenhang – neben vielen anderen nützlichen Dingen und Techniken – einen ganz bestimmten Leitsatz kennen, der mich in meiner Arbeit in der Erziehungsberatung immer wieder begleitete und der auch für das Thema Selbstfürsorge eine große Bedeutung hat: „Wir können nicht nicht kommunizieren.“. Dieser zugegebenermaßen auf den ersten Blick etwas klobig und ungelenk daherkommende Satz stammt vom österreichischen Kommunikationswissenschaftler und Psychotherapeuten Paul Watzlawick und möchte Folgendes ausdrücken: Wir kommunizieren andauernd. Permanent. Die ganze Zeit über. Ob wir wollen oder nicht. Wir kommunizieren nicht nur mit unserer Sprache, sondern auch mit unserem Verhalten; um zu kommunizieren sind also nicht notwendigerweise Worte nötig. Immer dann, wenn Menschen aufeinander treffen, ist Kommunikation allgegenwärtig und dessen müssen wir uns bewusst werden. Alles, was wir sagen oder nicht sagen, alles, was wir tun oder nicht tun, hat Mitteilungscharakter. Wenn es uns selbst nicht gut geht und wir entscheiden, dies aus den unterschiedlichsten Gründen nicht zu sagen, nicht mitzuteilen, sondern für uns zu behalten und in uns hinein zu fressen, dann werden die Menschen um uns herum trotzdem zu spüren bekommen, dass etwas an uns „seltsam“ ist. Die Folge ist: Es kommt zu Missverständnissen und dies kann sich mitunter viel schlimmer auswirken als wenn wir „das Kind beim Namen genannt“ hätten.

Was ist der Unterschied zwischen einem Mitarbeiter, der sich nicht traut, den eigenen Chef um eine Gehaltserhöhung zu bitten und der lieber schweigend weiter seine Arbeit verrichtet und einem Mitarbeiter, der seinen Chef um eine Gehaltserhöhung bittet, jedoch keine bekommt? Auf den ersten Blick würden die meisten vielleicht sagen, dass es keinen Unterschied gibt, denn beide Mitarbeiter werden auf ihrem bisherigen Gehaltsniveau bleiben. Auf den zweiten Blick jedoch haben beide Mitarbeiter durch ihr Handeln (oder Nicht-Handeln) etwas gänzlich Unterschiedliches kommuniziert: Der erste, schweigende Mitarbeiter teilt seinem Chef durch sein Verhalten in etwa mit „Ich bin zufrieden mit meiner jetzigen Gehaltssituation, meine Arbeit wird angemessen entlohnt.“, während der zweite Mitarbeiter durch sein Verhalten so etwas ausdrückt wie „Ich bin nicht zufrieden mit meinem Gehalt, ich mache gute Arbeit und möchte dafür besser entlohnt werden.“. Das ist ein großer Unterschied. Und wir können davon ausgehen, dass beide Verhaltensweisen unterschiedliche Reaktionen beim Chef hervorrufen werden.

Leider ist die Sache mit der Kommunikation im Alltag gar nicht so einfach, denn – wie weiter oben bereits angedeutet – wir kommunizieren oft uneindeutig, indem wir zum Beispiel nicht das sagen, was wir wirklich meinen oder indem das, was wir sagen, nicht mit dem übereinstimmt, wie wir uns verhalten. Wieso fällt es uns so schwer, das auszusprechen und gegenüber anderen zu vertreten, was wir uns in unserem Innersten denken und wünschen? Weil wir nicht unhöflich rüberkommen wollen, wenn wir von unserem Gegenüber etwas einfordern? Weil wir uns schuldig oder gar egoistisch fühlen, wenn wir unserem Gegenüber klar machen, was für uns selbst jetzt gerade das Beste wäre? Weil wir vielleicht in unserer Herkunftsfamilie gelernt haben, zurückzustecken und genügsam, ja geradezu maximal leidensfähig zu sein? Weil wir vielleicht selbst nicht genau wissen, was wir wollen? Oder liegt es an unserer eigenen Bequemlichkeit? Mir fallen hier unzählige Gründe ein, weshalb Menschen mehrdeutig kommunizieren, doch wir müssen uns darüber im Klaren werden, dass es uns nicht weiterbringt, unsere Wünsche und Bedürfnisse schwammig und dehnbar wie Kaugummi zu formulieren und es anderen zu überlassen, ob sie verstanden haben, was wir brauchen. Wenn wir – wie in Watzlawicks Maxime beschrieben – ja sowieso schon die ganze Zeit über (unfreiwillig) kommunizieren und unserem Gegenüber Signale senden, dann können wir doch auch gleich eindeutig und authentisch dabei sein. Was wäre einfacher als das? Selbstfürsorge bedeutet demzufolge auch, authentisch und integer zu sein, das heißt, dass unsere inneren Überzeugungen sich auch weitgehend in unserem Verhalten gegenüber anderen ausdrücken. Wenn wir es also schaffen, eindeutig und im Einklang mit unseren Bedürfnissen zu kommunizieren, dann lassen wir so wenig Spielraum wie möglich übrig für Missverständnisse, für Grauzonen, für dehnbare black Boxen. „Der andere wird schon wissen, was ich meine.“. Sind wir da sicher? Niemand wird kommen und uns unsere Wünsche von unseren Lippen ablesen.

„Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“ (Molière)

„Wer sich nur für ein kleines Rädchen im Getriebe hält, dokumentiert mangelnde Selbstachtung und Eigenverantwortung.“ (Margit Kraker)

Natürlich kann nicht jeder Arbeitstag ein buntes, leuchtendes Feuerwerk sein und ja, es gibt auch unliebsame Umstände, die wir kaum oder gar nicht beeinflussen können. Vielleicht üben wir einen Job aus, dessen Inhalte uns überhaupt keinen Spaß machen, doch wir haben keine Möglichkeit, in eine interessantere Abteilung zu wechseln und der Arbeitsmarkt bietet uns im Moment keine bessere Alternative. Vielleicht gehören wir einem Team an, in das wir uns auch nach längerer Arbeitsdauer einfach nicht gut integrieren können, weil es zwischen den einzelnen Teammitgliedern einfach nicht zu harmonieren scheint, doch wir können nicht in ein anderes Team wechseln.

Immer dann, wenn das, was wir denken oder fühlen („Meine Arbeit macht mir keinen Spaß.“ oder „Im Team fühle ich mich nicht wohl.“) nicht mit dem zusammenpasst, was wir tun („Ich muss die Arbeit trotzdem ausüben, um Geld zu verdienen.“ oder „Ich muss trotzdem in dem Team bleiben und mit den anderen zusammenarbeiten.“), dann stoßen wir auf etwas, das im (sozial-)psychologischen Fachjargon als „kognitive Dissonanz“ (nach Festinger, 1957) bezeichnet wird und das sich für uns sehr unangenehm anfühlen kann. Unser Denken, unsere Gefühle stehen dann in einem deutlichen Widerspruch zu dem, wie wir uns verhalten (müssen). Dann kann etwas Anderes hilfreich sein, nämlich, dass wir lernen, unsere Haltung zu einer problematischen Situation zu verändern, damit wir uns wieder stimmiger fühlen können. Ich gebe zu, dass dies auf den ersten Blick wie Selbstverrat wirken mag. Auch auf den zweiten Blick vermag sich der Umstand nicht besser anzufühlen, dass wir uns scheinbar verstellen sollen, um mit einem Übel besser klar zu kommen. Doch lassen wir diesen Gedanken einmal wirken, dann kann damit die Chance verbunden sein, dass wir zu ganz neuen Denkweisen gelangen, die unser Leben nachhaltig positiv beeinflussen können.

Über eine Sache, über die wir uns längst eine feste Meinung gebildet haben, noch einmal völlig neu nachzudenken und somit die eigene Meinung, die eigenen Gedanken dazu ganz bewusst zu verändern, bezeichnet man als „Mindshift“ . Können wir eine für uns unangenehme und belastende Situation nicht verändern, dann vermag es manchmal hilfreich zu sein, dass wir uns beispielsweise fragen: „Wie kann ich die Situation noch sehen?“ oder „Wofür könnte all das hier gut sein?“ . Eine Arbeit, die uns inhaltlich keinen Spaß macht, kann uns beispielsweise dazu herausfordern, unsere Interessen zu erweitern. Ein Team, mit dessen einzelnen Mitgliedern wir nur schwer zurechtkommen, kann zum Beispiel ein Hinweis darauf sein, dass wir uns bestimmte Fähigkeiten noch nicht angeeignet haben, die allerdings hilfreich wären, damit wir im zwischenmenschlichen Kontext besser zurechtkommen können. Wenn uns während der Arbeit ein Fehler passiert, dann können wir vielleicht lernen, beim nächsten Mal rechtzeitig um Hilfe zu bitten, wir können auch lernen, um Verzeihung zu bitten oder wir können lernen, in ein liebevolles, konstruktives Selbstgespräch mit uns selbst zu gehen anstatt uns – wie sonst – mit Selbstvorwürfen selbst zu vernichten. Unsere größten Stolpersteine im Alltag beherbergen unser allergrößtes Wachstumspotential, doch es braucht Mut, sie auch anzugehen. Es braucht Mut, um unsere eigene Komfortzone zu verlassen und uns auf völlig neue Wege des Denkens und Handelns zu begeben, um persönlich daran zu wachsen.

„If you change the way you look at things, the things you look at change.“ (Wayne Dyer)

„Mich gut um mich selbst zu kümmern heißt nicht „ich zuerst“, sondern es heißt „ich auch“. (L.R. Knost)

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