Psychofutter: Ermutigung

Als ich vor wenigen Tagen unsere Schränke aufräumte und ausmistete, fiel mir dabei mein Uni-Abschlusszeugnis in die Hände. Masterstudium der Psychologie, bestanden mit Note Sehr Gut. Dies erreicht zu haben, hat mich damals im Jahr 2013 mit großem Stolz erfüllt, denn viele Jahre schweißtreibenden Lernens lagen hinter mir. Und nun lag es endlich vor mir, das Zeugnis, das mir einen hoffnungsvollen Blick in meine berufliche Zukunft versprach. Mutig und zuversichtlich bewarb ich mich auf ein paar offene Psychologenstellen, nahm an ein paar Vorstellungsgesprächen teil und bereits 6 Wochen später trat ich meine erste Arbeitsstelle an, an der ich übrigens auch heute noch bin.

Doch was so vielversprechend begann und sich scheinbar alles so reibungslos zu fügen scheinte, stand nicht immer unter einem so guten Stern. Besonders, wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, dann denke ich nicht nur an lustige Klassenstreiche und abenteuerliche Klassenfahrten, an meine Lieblingsfächer, an die ersten Schmetterlinge im Bauch oder an das gesellige Beisammensein auf dem Pausenhof. Nein, ich denke auch an niederschmetternde Kommentare von Lehrern, an öffentliche Bloßstellungen vor der gesamten Klasse und an Leistungsvergleiche mit anderen Mitschülern. Die mit Abstand frustrierendste Erfahrung während meiner gesamten Schulzeit war für mich jedoch der Kunstunterricht, hatte meine damalige Kunstlehrerin es sich nämlich zur Angewohnheit gemacht, zu Beginn einer jeden Unterrichtsstunde von allen Werken, an denen wir gerade arbeiteten, die aus ihrer Sicht allerschönsten vor der Klasse lobend hochzuhalten, für alle sichtbar und stets kommentiert mit den dazugehörigen Namen der Schüler, unmittelbar gefolgt von den allerschlechtesten und natürlich durften auch hierbei die Namen der offensichtlich künstlerisch am allerwenigsten begabten Schüler der Klasse nicht fehlen. Leider zählte ich fast immer zur letzten Kategorie, sodass mir damals viel öffentliche Beschämung zuteil wurde. Ich lernte, zu malen, um nicht schlecht bewertet und ausgelacht zu werden und nicht, weil es mir innerlich Freude bereitete. Ich hatte mehr und mehr das Gefühl, nie besser als Note 3 werden zu können, ganz egal, wieviel Mühe ich mir auch gab. Vor den Kunststunden hatte ich meistens Bauchweh und schleppte mich mit allergrößter Überwindung dennoch pflichtbewusst dorthin, nur, um wieder die gleiche deprimierende Erfahrung zu machen, die ich immer machte. Rückblickend war das eine emotionale Tragödie für mich. Meine Freude, mein Interesse an Kunst? Nachhaltig verschwunden. Malerisches oder gestalterisches Talent? Fehlanzeige. Alles im Keim erstickt, noch ehe es sich entwickeln durfte. Es überrascht wohl wenig, dass ich das Fach Kunst nach der zehnten Klasse erleichtert abgewählt habe und dass ich mich auch in meiner Freizeit nie freiwillig künstlerisch beschäftigte. Genauso wenig überraschend ist es, dass ich auch keinen Beruf im kreativen Bereich gewählt habe, obwohl ich früher zeitweise großes Interesse an Modedesign oder Mediengestaltung hatte. Alles verpufft. Alle meine Hoffnungen zerstört, dass in einem solchen Bereich etwas aus mir werden könnte.

Dieses Phänomen, die Anstrengungen und Bemühungen eines Menschen derart herabzuwürdigen, ja regelrecht zu verspotten, hat einen Namen. Es nennt sich Entmutigung und so harmlos dieses Wort auch klingen mag, genauso dramatisch kann es sich auf die Entwicklung eines Menschen auswirken. Wie das Wort „Ent-Mutigung“ erkennen lässt, ist damit gemeint, dass einem Menschen der Mut genommen wird. Der Mut, an sich und seine eigenen Fähigkeiten zu glauben, der Mut, ein Ziel zu erreichen, das zwar vielleicht herausfordernd sein mag, das man mit Fleiß, Anstrengung und Durchhaltevermögen jedoch sehr wohl erreichen kann und an dem man selbst wachsen könnte. Entmutigt zu werden, bedeutet, seiner eigenen Hoffnung beraubt zu werden, dass man etwas aus eigener Kraft heraus positiv beeinflussen kann, was wiederum unseren inneren Motor, unseren inneren Antrieb so bleiern und schwer werden lässt, dass wir jegliche Motivation verlieren, uns überhaupt noch weiter anzustrengen. Entmutigt zu werden, bedeutet, deprimiert und verunsichert zu werden, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu verlieren, sich (handlungs-)unfähig zu fühlen und von Selbstzweifeln geflutet zu werden. Kurz gesagt: Entmutigung kann unsere Entwicklung nachhaltig hemmen.

Wenn es um das Thema Entmutigung geht, dann sind wir alle gebrannte Kinder. Wir alle haben irgendwann schon einmal erleben müssen, dass unsere Fähigkeiten nicht erkannt oder angezweifelt wurden oder dass andere nicht an uns glaubten. Entmutigung findet ständig und überall statt. Meistens ist sie so subtil, dass wir sie gar nicht bemerken. Ein klassisches Beispiel, das mir in meiner Arbeit in der Erziehungsberatung in der Art schon des Öfteren aufgefallen ist, ist das folgende: Ein Elternpaar mit zwei Kindern, Junge und Mädchen, sitzt vor mir und wir unterhalten uns zum lockeren Einstieg ins Beratungsgespräch zunächst einmal darüber, wie die Familie ihre Freizeit verbringt und was jedes Familienmitglied gerne tut. Noch ehe eines der Kinder darauf antworten kann, wirft ein Elternteil ein „Unser Sohn liest gerne Winnetou-Bücher, aber für Mädchen ist das nichts.“. Und zack! Passiert! Ob die Tochter sich insgeheim wirklich nicht für diese Buchreihe interessiert oder ob sie nicht eigentlich doch gerne einmal darin blättern würde, wissen wir nicht, doch das ist auch ganz egal, denn eines ist nun sehr wahrscheinlich: Nach einem solchen Kommentar wird die Tochter die Bücher wohl eher nicht mehr anrühren, denn a) spürt sie die elterliche Erwartung, dass nur bestimmte Buch-Genres für sie geeignet sind und b) spürt sie, dass die Eltern ihr ein solches jungenhaftes, abenteuerliches Gebiet nicht zutrauen, wodurch sie es sich in der Folge vermutlich auch selbst nicht mehr zutrauen wird. Das Fatale an der ganzen Sache ist, dass es hier zu einem sich selbst verstärkenden Prozess kommt: Die Tochter wird Winnetou vermutlich nie lesen und die Eltern fühlen sich darin bestätigt, dass es tatsächlich nichts für ihre Tochter ist. Anstelle der Winnetou-Bücher können hier sämtliche andere Dinge stehen, wie zum Beispiel Interesse am Kochen, an Technik, an Fußball oder Ballett. Doch warum lassen wir uns von entmutigenden Worten so leicht beeinflussen? Wieso kann es uns nicht einfach egal sein, was andere über uns denken?

Die Antwort darauf gibt uns – wie so oft – die Evolution. Wir Menschen sind von Natur aus soziale Wesen und als diese leben wir immer in einem gesellschaftlichen Bezug, das heißt, wir brauchen zwischenmenschlichen Kontakt, emotionale Zuwendung und einen festen, akzeptierten Platz in einer Gruppe und wir sind auf die Hilfe und Unterstützung durch andere angewiesen, sonst könnten wir nicht überleben. Um dafür zu sorgen, dass wir unseren (überlebenswichtigen) Platz in unserem sozialen Umfeld nicht verlieren, müssen wir uns daher an bestimmte in unserer sozialen Umgebung vorherrschende Regeln halten, auch, wenn diese nicht immer mit unseren eigenen innersten Wünschen und Bedürfnissen vereinbar sind. Um also erfolgreich in der Gemeinschaft mitschwimmen zu können, müssen wir daher den ein oder anderen Teil von uns selbst zurückstellen oder manchmal sogar aufgeben und uns anpassen.

Im Alltag tun wir genau das andauernd, meistens unbewusst. Angenommen, ihr wollt am Abend mit drei Freunden ins Kino gehen, doch während die anderen drei sich darüber einig sind, dass sie sich gerne eine lustige Komödie ansehen möchten, stimmt ihr jedoch für Star Wars. Und nun? Mit größerer Wahrscheinlichkeit werdet ihr euch gruppenkonform verhalten und euch der Mehrheit anpassen, indem ihr der Komödie zustimmt und eure Vorliebe für Science-Fiction hinten anstellt. Um die Harmonie zu wahren und keinen Konflikt zu provozieren und um eure Zugehörigkeit zu ebendieser Gruppe nicht auf’s Spiel zu setzen, denn das sind nachvollziehbare, zutiefst menschliche Grundbedürfnisse, die ihr selbstverständlich nicht durch Selbstbezogenheit gefährden wollt. Überspitzt könnte man auch sagen: Um in unserer sozialen Umgebung nicht negativ aufzufallen und unseren Herdenschutz nicht zu verlieren, bedienen wir uns gewissermaßen der Schauspielerei, wir setzen uns eine Maske auf und lassen uns bestechen; als Dank winken Akzeptanz und Zugehörigkeit, allerdings oft zulasten unserer eigenen Authentizität und Integrität. Wir lassen uns entmutigen, unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu vertreten und geben uns stattdessen mit etwas zufrieden, das nicht unsere erste Wahl gewesen wäre. Wie gesagt, das ist menschlich, ja, wir haben häufig gar keine andere Wahl, als dies zu tun, denn ansonsten droht uns Ausschluss.

Dieser Vorgang tritt verständlicherweise noch stärker zu Tage, wenn es sich bei den Personen, mit denen wir Meinungsverschiedenheiten haben, um Familienangehörige (z.B. Mutter oder Vater) handelt. Insbesondere Kinder, die noch völlig abhängig davon sind, dass sie von ihren Eltern ernährt werden und emotionale Nähe und Fürsorge erhalten, werden sich daher eher der Meinung ihrer Eltern anpassen, denn diese Bindung zu verspielen, würde – wieder evolutionsbiologisch gesprochen – ihren sicheren Tod bedeuten. Deshalb wird auch die Tochter, für die laut Aussage ihrer Eltern Winnetou nichts ist, sich den Erwartungen ihrer Eltern sehr wahrscheinlich anpassen und sich mit anderen Buch-Genres abfinden.

Und noch etwas spielt eine Rolle, wenn es speziell um die Entmutigung von Kindern geht: Kinder haben häufig noch nicht die notwendige soziale Kompetenz erwerben können, um sich gegenüber Entmutigungsangriffen angemessen zur Wehr zu setzen, was, zum Einen, daran liegt, dass die Gehirnareale, die für unser Sozialverhalten bedeutsam sind, sich erst etwa bis zum 20. Lebensjahr vollständig ausgebildet haben (Quelle) und dass Kinder, zum Anderen, auch schlichtweg auf weniger Lebenserfahrung zurückgreifen können als Erwachsene, wodurch sie in schwierigen sozialen Situationen weniger konstruktive Handlungsstrategien zur Verfügung haben. In meinem eingangs dargestellten Beispiel mit dem Kunstunterricht wird genau dies deutlich. Was es auch für ein Auftrag war, den wir Schüler damals im Kunstunterricht zu erbringen hatten – ein Stillleben, Masken aus Pappmaschee oder simples Malen mit Wasserfarben -, meine Leistungen wurden von der besagten Lehrerin durchgehend als mittelmäßig vor der gesamten Klasse offenbart. Regelmäßig versank ich verlegen und eingeschüchtert in meinem Stuhl und sagte nichts. Aber was hätte ich tun können?

Nun, ich hätte mich erheben und der Lehrerin mitteilen können, dass es mich beschämt, dass es mir peinlich ist, wenn sie meine Werke vor der Klasse verspottet. Doch wie gesagt: Die meisten Kinder und Jugendlichen haben reifebedingt noch nicht die nötige Souveränität entwickeln können, um ihren eigenen Unmut einer – noch dazu – Autoritätsperson mitzuteilen, die imstande ist, sie durch die Vergabe von guten oder schlechten Noten entweder an die Klassenspitze oder in die Versetzungsgefährdung zu katapultieren. Dass ich also damals in der Lage gewesen wäre, selbstbewusst aufzutreten und ein respektvolleres Verhalten von Seiten der Lehrerin einzufordern, ist demzufolge eher unwahrscheinlich. Ich hätte aber auch noch einige andere Optionen gehabt, wie ich mich damals hätte verhalten können. So hätte ich nämlich beispielsweise den Unterricht durch blödsinniges Verhalten stören und den Klassenclown raushängen lassen können oder ich hätte den Unterricht gleich ganz schwänzen können, um der Entmutigung und der Demütigung zu entfliehen, der ich damals über lange Zeit hinweg ausgesetzt war. An dieser Stelle können wir uns alle einmal fragen, wie oft sich wohl hinter einem aufmüpfigen, schuleschwänzenden, kriminellen oder mit Drogen in Kontakt kommenden Jugendlichen in Wirklichkeit ein entmutigtes Kind verbergen mag, das tief in seinem Inneren gute Absichten hatte, in seiner Welt zurechtzukommen und das jedoch durch wiederholte Entmutigungserfahrungen auf die schiefe Bahn geraten ist, weil es auf der Suche nach Auswegen aus seiner Misere in regelwidrigem Verhalten fündig geworden ist?

Entmutigungserfahrungen finden längst nicht nur in der Schule statt, sondern überall im Alltag, doch wenn Entmutigung im schulischen Kontext stattfindet, dann ist dies in der Tat immer ganz besonders brisant, denn die Bewertungen (und Abwertungen), die wir vor allem von Lehrern erhalten, sind in den meisten Fällen nachhaltig wegweisend für unsere eigene berufliche (und mitunter auch persönliche) Laufbahn. Im schlimmsten Fall führen wiederholte und als extrem belastend empfundene Entmutigungserfahrungen dazu, dass der Betroffene sich zurückzieht, sich selbst als unfähig und wertlos wahrnimmt und er daraufhin die Erwartung ausbildet, dass andere Menschen ihn sowieso nicht akzeptieren und seine Bemühungen nicht schätzen werden und er dadurch völlig resigniert. In der Psychologie kennt man in diesem Zusammenhang auch den Begriff der „gelernten Hilflosigkeit“ , der vom US-amerikanischen Psychologen Martin Seligman geprägt wurde. Durch die wiederholte Erfahrung, keinen (positiven) Einfluss auf unsere Lebensumstände nehmen zu können, gewinnen wir mehr und mehr die Überzeugung, keine Kontrolle zu haben und widrigen Umständen hilflos ausgeliefert zu sein, sodass wir in der Folge auch kaum noch Mühe investieren und wir unsere Handlungsspielräume zunehmend einengen. Laut Seligman kann dieser entmutigte, hoffnungslose Zustand im schlimmsten Fall einer Depression vorausgehen.

Psychologen gehen sogar noch weiter und stellen die These in den Raum, dass wiederholte, andauernde Entmutigungserfahrungen bei Weitem nicht nur zu Depressionen führen können, sondern zu allen möglichen Auffälligkeiten, angefangen bei leichtem Fehlverhalten eines scheinbar unartigen Kindes über kriminelle Handlungen eines Jugendlichen bis hin zu schwerwiegenden, diagnosewürdigen, psychischen Erkrankungen (Quelle). Daher halte ich es für dringend angezeigt, ein Bewusstsein für das – meiner Meinung nach vor allem von pädagogischen Lehrkräften sehr unterschätzte – Thema Entmutigung zu schaffen und es in sämtlichen Berufen und Bereichen, in denen man insbesondere mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, immer wieder auf den Tisch zu bringen und dafür zu sorgen, dass wir stattdessen ERmutigung praktizieren. Doch wie funktioniert Ermutigung?

„Was Menschen über ihre eigenen Fähigkeiten glauben, hat einen starken Effekt auf ebendiese Fähigkeiten.“ (Albert Bandura)

Das Zauberwort lautet Selbstwirksamkeit, ein Begriff, der in den 1970er Jahren vom kanadischen Psychologen Albert Bandura geprägt wurde und der auf der Annahme fußt, dass alle Menschen ein natürliches Bedürfnis danach haben, selbstwirksam zu sein, das bedeutet, wir alle möchten aus unserer eigenen Kraft heraus etwas bewirken, wir möchten unsere eigenen Fähigkeiten einsetzen, um Herausforderungen zu bewältigen. Jemand, der daran glaubt, Schwierigkeiten mit dem Einsatz seiner eigenen Kräfte meistern und somit selbst Einfluss auf seine Lebensumstände nehmen zu können, hat demzufolge eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung. Mit jedem Mal, bei dem es uns gelingt, eine Schwierigkeit aus eigener Kraft zu bewältigen, wird dieser Glaube an uns selbst und an unsere Fähigkeiten gestärkt und wir fühlen uns motiviert und zuversichtlich, auch in Zukunft weitere Hürden und Herausforderungen zu überwinden. Umgekehrt kann unser Glaube an unsere eigenen Fähigkeiten allerdings ebenso gut durch wiederholt erlebte Misserfolge erschüttert werden.

Die schlechte Nachricht ist: Wir Menschen machen bereits als Babys die ersten entscheidenden Selbstwirksamkeitserfahrungen, nämlich in der Interaktion mit unseren Eltern. Da wir als Babys noch völlig hilflos und abhängig von unseren Eltern sind, haben wir selbst kaum Einfluss darauf, ob diese Erfahrungen gut oder schlecht für uns verlaufen. Ein schreiendes Baby, das wiederholt die Erfahrung macht, dass sein Schreien von den Eltern gehört und durch Zuwendung beantwortet wird, lernt, dass es mit seinem Verhalten etwas bewirken kann und wird sich daher auch in Zukunft ermutigt fühlen, selbst aktiv zu werden, wenn es etwas braucht. Ein Baby, das allerdings wiederholt alleine schreien gelassen wird, lernt dagegen, dass es mit seinem Verhalten nichts bewirken kann und wird demzufolge sehr wahrscheinlich irgendwann ruhiger (weil handlungsunfähiger) werden und aufhören, nach Hilfe zu rufen.

Die gute Nachricht ist allerdings: Unsere Selbstwirksamkeitserwartung kann nachträglich noch verändert werden. Dafür stehen uns laut Bandura vier Möglichkeiten zur Verfügung, wie wir unsere eigene Selbstwirksamkeit erhöhen können:

1) Durch eigene Erfolgserlebnisse: Hierbei steht nicht im Vordergrund, dass uns stets und ständig alles gelingt und wir permanent erfolgreich sind, sondern viel wichtiger ist, dass wir uns bewusst machen, dass es eine große Rolle spielt, worauf wir unsere Erfolge und auch Misserfolge zurückführen. Jemand, der beispielsweise glaubt, er habe eine Prüfung nur deshalb bestanden, weil der Lehrer ihn mochte oder jemand, der glaubt, er habe einen Job nur deshalb bekommen, weil er Glück hatte oder weil er die Frauenquote halten musste, wird sich entsprechend eher wenig selbstwirksam fühlen, da er zu der Überzeugung gelangt ist, dass er seinen Erfolg äußeren Umständen zu verdanken hat und nicht seinem eigenen Können und Handeln. Dagegen wird jemand, der glaubt, er habe eine Prüfung bestanden, weil er sich angestrengt und sich gut vorbereitet hat, oder jemand, der glaubt, er habe einen Job bekommen, weil er unter allen Bewerbern am besten dafür geeignet war, sich selbstbewusst und selbstwirksam fühlen, da er seinen Erfolg auf seine eigenen (inneren) Fähigkeiten zurückführt. Es geht hier also grundsätzlich darum, dass wir (wieder) lernen, unsere Erfolge und Misserfolge möglichst objektiv zu beurteilen und zu reflektieren. Es geht nicht darum, sich etwas vorzumachen, denn natürlich wird es auch immer mal wieder Situationen geben, in denen wir selbst etwas vermasseln und da nützt es wenig, sich einzureden, dass andere dafür die Verantwortung tragen. Wenn ich für eine Prüfung nicht ausreichend gelernt habe, dann brauche ich mich nicht wundern, wenn ich durchfalle. Für die nächste Prüfung kann ich aber etwas an diesem Zustand ändern und dann ändert sich vermutlich auch das Ergebnis.

2) Durch stellvertretende Erfahrungen (Vorbilder): Beobachten wir, dass eine Person, die uns selbst ähnlich ist, es schafft, eine Schwierigkeit zu bewältigen, dann trauen wir es uns meist automatisch auch eher zu, dieselbe Schwierigkeit zu überwinden. Dies macht sich übrigens auch die Werbebranche zunutze: Denken wir nur einmal an Diät-Werbespots, in denen meist eine sich auf dem Weg zu einer schlankeren Linie befindliche Frau davon berichtet, dass sie schon unzählige Diäten ausprobiert und sie nun endlich die ultimative Lösung gefunden hat, nämlich ein Protein-Pulver, das sie nicht nur satt macht, sondern das auch nach und nach die Pfunde purzeln lässt. Hält man sich vor Augen, dass die Hälfte der Erwachsenenbevölkerung in Deutschland als übergewichtig gilt (d.h. einen Body Mass Index / BMI von mehr als 25 hat; Quelle) und sich darunter wahrscheinlich eine nicht unerhebliche Anzahl von Betroffenen findet, die sich einen schlankeren Körper wünscht, dann werden sich mit großer Wahrscheinlich viele dieser Menschen mit der Protagonistin aus ebendiesem Spot identifizieren. Genauer gesagt, wird Folgendes passieren: Die Protagonistin erscheint ihnen sympathisch und zwar deshalb, weil sie den Zuschauern in ihrem Wunsch nach einem schlankeren Körper und in ihren Bemühungen um einen solchen sehr ähnlich ist (vgl. Ähnlichkeits-Attraktions-Paradigma nach Byrne, 1971) und weil die Zuschauer in der Folge zu der Überzeugung gelangen „Was die kann, kann ich also auch schaffen!“ (ihre eigene Selbstwirksamkeitserwartung steigt). Auf diese Weise können uns Vorbilder dazu ermutigen, uns eine Herausforderung auch zuzutrauen und dies wiederum kann bewirken, dass wir dabei tatsächlich erfolgreich sind. Dass allerdings in diesem konkreten Beispiel die Werbeindustrie mit unserer Selbstwirksamkeitserwartung spielt, um an uns zu verdienen, sollten wir dabei nicht vergessen.

3) Durch verbale Ermutigung: Hier geht es darum, dass wir durch verbalen Zuspruch darin ermutigt werden, uns weiter anzustrengen. Dagegen geht es nicht darum, dass wir Honig um den Mund geschmiert bekommen. Lob zu erhalten für etwas, das wir geleistet haben, ist jedoch nur ein Teil davon, denn viel wichtiger ist es, auch den Prozess, also den Weg zum Ziel positiv zu kommentieren und zwar noch, bevor das Endziel erreicht ist. Für einen Schüler, der über einer kniffligen Matheaufgabe grübelt, wäre es beispielsweise sicher hilfreich, so etwas zu hören wie „Mensch, es ist toll, wie du dran bleibst. Bestimmt findest du bald eine Lösung.“. Für ein Kleinkind, das seiner Mutter beim Aufräumen hilft, wäre es motivierend, so etwas zu hören wie „Wenn du mir beim Aufräumen hilfst, dann geht es viel schneller.“. Und wenn man die Leistung eines Schülers überhaupt nicht wertschätzen kann, weil sein Talent in Kunst vielleicht unterirdisch ist, dann gibt es keinen Grund, weshalb man auch hier nicht wenigstens seine Bemühungen anerkennen kann – vorausgesetzt natürlich, dass er nicht wirklich nichtstuend auf seinem Stuhl gesessen und Löcher in die Luft gestarrt hat -, indem man zum Beispiel sagt „Ich habe gesehen, du hast dich heute angestrengt.“ oder einfach nur „Das wird schon.“. Dass Mimik und Gestik hier auch mit dem Gesagten übereinstimmen sollten, versteht sich von selbst.

4) Durch Steuerung / Kontrolle unserer emotionalen Erregung: Wenn wir in einer stressgeladenen Anforderungssituation bemerken, dass wir vor Aufregung eine zittrige Stimme, weiche Knie oder schweißnasse Hände bekommen, dann kann dies leicht dazu führen, dass sich diese mit Angst assoziierten körperlichen Vorgänge auch auf unsere Psyche niederschlagen und wir infolgedessen ängstlicher und unsicherer werden, dass wir beginnen, an uns selber zu zweifeln und dass wir uns eine Herausforderung weniger zutrauen. Dies wiederum kann – im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung – dazu führen, dass wir tatsächlich versagen. Aus diesem Grund kann es hilfreich sein, wenn wir ganz bewusst versuchen, einer solchen körperlichen und letztendlich auch psychischen Stressreaktion entgegen zu wirken, indem wir zum Beispiel vor einer schwierigen Aufgabe oder Prüfung ein Entspannungsritual einüben, das uns dabei hilft, unsere Ängste zu steuern. Zum Beispiel können wir Entspannungsmusik hören, unsere Sorgen aufschreiben, tief in den Bauch einatmen, einen Glücksbringer bei uns tragen oder destruktive Gedankenspiralen unterbrechen. All das kann uns dabei helfen, dass wir trotz unserer Anspannung handlungsfähig bleiben und Herausforderungen meistern können.

„Jedes Kind ist eine andere Art von Blume. Und alle zusammen machen diese Welt zu einem wunderschönen Garten.“ (Verfasser unbekannt)

Heute bin ich erwachsen und als erwachsener Mensch kann ich selbst Bemühungen anstellen, um mein Selbstwertgefühl und meine Selbstwirksamkeit zu verbessern. Als Kind und Jugendliche war ich jedoch noch nicht so reflektiert, sodass ich damals in hohem Maße davon abhängig war, dass Erwachsene mir Ermutigung zukommen ließen. Ein Kind, das das Gefühl bekommt, dass Erwachsene an es glauben, fängt selbst an, an sich und seine Fähigkeiten zu glauben. Ein Kind, das an sich selbst glaubt, entwickelt eine positive Einstellung sich selbst gegenüber und gewinnt somit ein positives Selbstwertgefühl. Und dieses wiederum kann besonders in schwierigen, dunklen Phasen, in denen das Leben es nicht so gut mit uns meint, sehr hilfreich sein, denn es macht uns widerstandsfähiger und befähigt uns dazu, Herausforderungen auszuhalten und zu überstehen (Resilienz). Aus diesem Grund kommt insbesondere Lehrkräften, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, neben der Wissensvermittlung tatsächlich eine weitere sehr wichtige Rolle zu: Sie tragen in erheblichem Maße dazu bei, dass Kinder und Jugendliche Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit entwickeln, die für das weitere Leben dieser Kinder und Jugendlichen in beträchtlichem Ausmaß wegweisend sein werden. Im Übrigen betrifft dies längst nicht nur Lehrer, nein, denn zum Beispiel auch Führungskräfte, die Mitarbeiter führen, sollten ebenso dazu in der Lage sein, ihre Mitarbeiter zu ermutigen, denn ein Mitarbeiter, der sich ermutigt fühlt, kann über sich hinauswachsen und dies wiederum kommt ja auch der ganzen Firma zugute. Und dies wiederum entlastet auch unser Gesundheitssystem, da weniger Mitarbeiter aufgrund psychischer Erkrankungen professionelle Hilfe benötigen und aus dem Job aussteigen.

Menschen zu ermutigen, heißt, sie zu respektieren und ihnen vor allem Kritik auf eine Weise zu vermitteln, dass der Kritisierte sich gewertschätzt und zugleich motiviert fühlt, sich in Zukunft trotz – oder gerade wegen der – Kritik weiter anzustrengen. Und nicht, ihn so einzuschüchtern, dass er sowohl den Glauben an sich selbst als auch seine Motivation verliert. Vor allem in Bezug auf Kinder und Jugendliche ist es nicht damit getan, von ihnen zu verlangen, sich halt mal nicht so anzustellen, sich doch nichts aus solchen kränkenden, entmutigenden Worten zu machen und darüber zu stehen, denn nicht einmal die meisten Erwachsenen stehen Entmutigungen souverän gegenüber, sondern lassen sich durch sie stark verunsichern. Wie sollen also Kinder souverän damit umgehen können?

Eines müssen wir uns immer mal wieder in Erinnerung rufen: Wir Menschen sind von Natur aus selbstbewusst, doch entmutigende Erfahrungen und unschöne Erlebnisse haben mit der Zeit dazu beigetragen, dass wir es verlernt haben, uns selbstbewusst und selbstwirksam zu fühlen. Wenn wir Liebesentzug, Ablehnung, Beschämung, Demütigung, Enttäuschungen und Misserfolge erleben, dann führt dies leider nicht selten dazu, dass wir den Fehler bei uns selbst suchen, dass wir uns selbst die Schuld daran geben und dass wir uns zunehmend unzulänglicher und ungenügender fühlen. Jeder von uns schleppt einige solcher „blinden Flecke“ mit sich herum, die ihren Ursprung oft in der Kindheit haben und die uns bis ins heutige Erwachsenenleben – meistens unterbewusst – in unserem Potential beeinträchtigen, uns selbst zu entfalten. Einer meiner blinden Flecke seit meiner Schulzeit war die Kunst. Mich künstlerisch auszuprobieren und Spaß daran zu entwickeln, ist mir aufgrund einer sehr gravierenden und über mehrere Klassenstufen hinweg andauernden Entmutigungserfahrung für lange Zeit abhanden gekommen. Erst zwei Kinder und einige Therapieerfahrungen später konnte ich diese „Wunde“ für mich selbst überwinden und heilen, sodass ich heute sagen kann, dass sie mich nicht mehr länger blockiert. Viel zu gerne male, bastle und gestalte ich inzwischen mit unseren Kindern die kreativsten Dinge und finde meine eigenen Leistungen dabei ansehnlich und schön, doch bis ich das so empfinden konnte, hat es viele Jahre gedauert. 

In der kognitiven Verhaltenstherapie würde man sagen, dass „mein innerer Zensor“ (bzw. innerer Kritiker) – das ist die kritische Stimme in mir, die mein Können anzweifelt und mich damit verunsichert – sich regelmäßig zu Wort gemeldet hat, wann immer ich in irgendeiner Form künstlerisch-kreativ gefordert wurde. Dann sorgte er dafür, dass in mir Gedanken aufkamen wie „Das kannst du sowieso nicht.“ und „Probier es gar nicht erst, denn sonst lachen wieder alle.“. Der innere Zensor hat Botschaften, die wir in unserer Kindheit wiederholt verbal oder auch non-verbal bekommen haben, verinnerlicht und ist nun im Alltag permanent damit beschäftigt, uns an diese zu erinnern. Er hat sozusagen die Aufgabe, unser Tun zu zensieren, das bedeutet, er teilt uns mit, wie wir uns verhalten sollten und was wir besser bleiben lassen sollten, damit wir in der Gesellschaft unauffällig mitschwimmen können, ohne anzuecken und schlimmstenfalls ausgeschlossen zu werden. Er möchte uns also im Grunde genommen nur beschützen und das ist an sich ja erstmal eine gute Sache. Die Kehrseite ist allerdings, dass zu viel Schutz unsere Weiterentwicklung hemmt. Wenn mein innerer Zensor mich also immer wieder davon abhält, mich künstlerischen Herausforderungen zu stellen, dann werden mein künstlerisches Interesse und mein Können mit der Zeit verkümmern. 

„Die Komfortzone ist ein gemütlicher Ort, aber dort wächst nichts.“ (Verfasser unbekannt)

„Dein Leben beginnt dort, wo deine Komfortzone endet.“ (Verfasser unbekannt)

Deshalb sind zwei Dinge für uns wichtig: Zum Einen, müssen wir überhaupt erst einmal wahrnehmen und bemerken, wann sich unser innerer Zensor unter unsere Gedanken mischt und, zum Anderen, haben wir dann die Wahl, an welcher Stelle wir ihn höflich in seine Schranken weisen möchten, weil er nämlich gerade dabei ist, unsere Entwicklung zu boykottieren. 

Eine liebevolle Auseinandersetzung mit unserem inneren Zensor kann zum Beispiel so aussehen:

„Danke, mein lieber innerer Zensor, du bist ein Freund für mich, der es gut mit mir meint und der mich vor unangenehmen Erfahrungen beschützen möchte und das schätze ich an dir. Doch im Augenblick habe ich mehr Lust auf Veränderung. Ich möchte das Alte, Vergangene loslassen und Neues ausprobieren und über mich hinaus wachsen. Und dir, lieber innerer Zensor, möchte ich damit die Möglichkeit geben, die alte, destruktive Botschaft, die du aus früheren Zeiten für mich abgespeichert hast, zu löschen und mit einer neuen, konstruktiveren, heilsameren Botschaft zu überschreiben. Damit ich wachsen kann.“ 🖤🖤🖤

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