Psychofutter: Provokation

Dieses Foto stammt aus dem Jahr 2004 und zeigt mich in einem Einkaufszentrum im Kings County im US-Bundesstaat Kalifornien, wo ich damals ein Austauschjahr verbrachte. Mein Erscheinungsbild auf diesem Foto verrät zumindest ansatzweise, dass ich mich damals einer Subkultur zugehörig fühlte, die ich durch mein Äußeres preis zu geben versuchte: Bunt gefärbte Haare und Tartanhose. Ich hörte Ramones, Sex Pistols und Rancid, ging auf Punkkonzerte und ließ dort keinen Moshpit aus. Gitarre spielte ich schon seit der Grundschule, in den USA lernte ich schließlich auch das Schlagzeugspielen. Ich trug bereits mehr als zehn Ohrringe und kurz, nachdem das Foto entstand, ließ ich mir auch noch Unterlippe und Nase piercen. Ich zerriss meine Hosen und flickte sie mit Sicherheitsnadeln wieder zusammen, trug Nietenarmbänder und Krawatten, schminkte mir Smokey Eyes und mein Schulrucksack war mit Badges und Aufnähern übersäht. Ich kaufte mir Springerstiefel, fing an zu rauchen (in den USA natürlich heimlich, da ich zu diesem Zeitpunkt erst 17 Jahre alt war) und schloss mich gleichgesinnten Jugendlichen an. Wenn ich heute daran zurückdenke, dann war das eine magische Zeit. Sicherlich schon allein deshalb, weil die Teenagerzeit an sich ja schon eine spannende und aufregende Lebensphase ist, die geprägt ist von Hormonchaos und körperlichen Veränderungen, von Orientierungslosigkeit und Selbstfindung, von Auflehnung und Rebellion. Und da fügte sich der Punk natürlich wunderbar ein, ist es schließlich der Inbegriff einer rebellischen Lebenseinstellung, die den Zweck verfolgt, der Gesellschaft zu zeigen, dass man anders, dass man individuell ist. So diente mir mein Äußeres damals also in erster Linie als Mittel zur Abgrenzung, aber auch zur Provokation, denn bunte Haare und schrille Kleidung luden die Menschen geradezu dazu ein, „hinzuglotzen“ und empört zu sein. Zu dieser provokanten äußeren Fassade gesellte sich selbstverständlich auch die für Punks typische Attitüde hinzu, nämlich der Verzicht auf unnötigen Konsum, stattdessen mehr Do It Yourself, und die Verweigerung, sich Konkurrenz- oder Leistungsdenken hinzugeben, stattdessen machte sich eine Alles-Egal-Einstellung breit. Doch weshalb schließen sich Menschen überhaupt einer Subkultur an?

Spulen wir einmal das letzte Jahrhundert zurück, so finden wir eine ganze Reihe von Subkulturen, die zu unterschiedlichen Zeiten in den verschiedensten Ländern rund um den Erdball in Erscheinung traten. Da wären zum Beispiel die sogenannten Swing Kids, die sich in den 1920er Jahren speziell in Deutschland gegen den Nationalsozialismus auflehnten, indem sie anglo-amerikanische Kleidung trugen, Anglizismen nutzten, Swing tanzten und die Hitlerjugend ablehnten. Da wäre die Beat Generation, die sich in den 1940er Jahren in den USA formierte, als ein wirtschaftlicher Aufschwung dafür sorgte, dass die Menschen plötzlich zu Wohlstand kamen und der technische Fortschritt voran schritt (z.B. konnte sich jetzt fast jeder einen Fernseher leisten), woraufhin sich junge Schriftsteller zusammenschlossen und sich durch provokantes Verhalten (wie Konsumverzicht, Drogenkonsum oder ein bevorzugtes Leben in Armut) sowie provokante literarische Werke (die zum Beispiel Themen wie Sex beinhalteten) gegen die Gesellschaft auflehnten, weil sie durch den zunehmend in den USA voran schreitenden Kapitalismus ihre individuelle Selbstentfaltung in Gefahr sahen. Da wären die Hippies, die sich in den 1960er Jahren durch farbenfrohe Kleidung, lange Haare und einen Hang zum Drogenkonsum auszeichneten, sich für den Schutz von Mutter Natur, für Frieden und für die freie Liebe einsetzten und die mit Peace-Ketten behangen in bunten Hippie-Bussen umher fuhren. Weitere Subkulturen, die das vergangene Jahrhundert zu bieten hatte, waren unter anderem Gothics, Raver, Hooligans, Skinheads, Metaler, Rocker, Emos, Skater und sogar die Fridays for Future Bewegung, die jüngst immer wieder für Schlagzeilen sorgte, wird inzwischen ebenfalls als eine neue Jugendsubkultur angesehen. Allen gemeinsam ist vor allem eines, nämlich, dass es vorrangig Jugendliche und junge Erwachsene waren, die sich zu den genannten Subkulturen zusammenschlossen und die allesamt gegen die bestehende Gesellschaft rebellierten, daher ist anzunehmen, dass es einen bedeutenden Zusammenhang gibt zwischen der Phase der Jugend und der Entstehung einer Subkultur. Doch welchen?

Die Jugend ist eine ganz besondere Phase unseres Lebens, spannend, emotional und beängstigend zugleich, ist es nämlich die Zeit der Ablösung vom eigenen Elternhaus. Jugendliche reifen jetzt nicht nur körperlich zu Erwachsenen heran, sondern auch psychisch, indem sie nun mehr und mehr einen eigenen Standpunkt entwickeln, der sich deutlich von dem ihrer Eltern unterscheiden kann, was nicht selten für ein hohes Konfliktpotential zwischen Eltern und Jugendlichen sorgt. Doch so nervenaufreibend und kräftezehrend diese Zeit auch für alle Beteiligten sein mag, genauso essenziell ist sie auch, denn wie sonst sollen Jugendliche sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln?

Ein Grund, weshalb die Jugendphase so wichtig und turbulent zugleich ist, liegt vor allem darin begründet, dass Jugendliche einer Vielzahl von Entwicklungsaufgaben gegenüberstehen, nämlich, die rasant voran schreitenden und mitunter verstörenden körperlichen Veränderungen zu akzeptieren, die eigene Geschlechterrolle anzunehmen, die eigene Sexualität kennenzulernen, wertvolle Freundschaften aufzubauen oder aufrechtzuerhalten und erste Partnerschaftserfahrungen zu sammeln, ab jetzt vermehrt selbst Verantwortung übernehmen zu müssen, sei es im elterlichen Haushalt oder, weil man nun strafmündig ist und somit für Fehlverhalten auch rechtlich zur Rechenschaft gezogen werden kann, und so ganz nebenbei auch noch gute Noten in der Schule zu schreiben, um sich einen guten Start ins Berufsleben zu ermöglichen. Und dies alles gleichzeitig. Wer wäre in einem solchen „Entwicklungsdschungel“ nicht überfordert? Auf diesem anstrengenden und mühsamen Weg zur eigenständigen Persönlichkeit sind Jugendliche also nicht nur mit einer unüberschaubaren Anzahl von Erwartungen konfrontiert, sondern auch noch mit welchen, die teilweise gar nicht miteinander vereinbar sind. Wie sollen Jugendliche lernen, selbstständig und selbstverantwortlich zu denken und zu handeln, wenn sie nach wie vor den elterlichen Erziehungsansprüchen gerecht werden und „ihre Füße unter den elterlichen Tisch stellen“ müssen? Wie sollen Jugendliche sich und ihren eigenen Körper annehmen und mögen, wenn drastische körperliche Veränderungen und Ablehnungserfahrungen im Kreise Gleichaltriger sie in Selbstunsicherheit und Selbstzweifel stürzen? Wie sollen Jugendliche sich ablenkungsfrei auf die Schule konzentrieren, wenn so viele andere (Entwicklungs-)Themen es ihnen so unsagbar schwer machen, den Fokus für das Wesentliche zu behalten? Und wenn dann noch andere Belastungen im Leben der Jugendlichen eine Rolle spielen – wie zum Beispiel körperliche oder psychische Erkrankungen eines Elternteils oder eine konflikthafte Scheidung der Eltern -, dann wird das Erwachsenwerden zu einer Herkulesaufgabe.

„Manchmal muss man aus der Rolle fallen, um aus der Falle zu rollen.“ (Virginia Satir)

Was Jugendliche in einem solchen Zustand von Überforderung dann häufig tun, ist es, zu provozieren und aus der Reihe zu tanzen. Durch ein wunderlich schräges Aussehen, durch merkwürdig kurioses Verhalten, durch Aufmüpfigkeit und Ungehorsam, durch Regelbrüche und Experimentierfreudigkeit. All dies kann als ein Versuch des Ausbruchs gewertet werden, als ein Aufbegehren gegen unerfüllbare Erwartungen und gegen Erwachsene, die kein Verständnis für das Gefühlschaos der Jugendlichen haben. Wie ein „Schiff auf stürmischer See“ gerät der Alltag von Jugendlichen mächtig in Schieflage, denn waren sie vor Kurzem noch kindisch und niedlich, so bricht mit einem Mal ein gewaltiger Sturm der Veränderung auf sie herein und der Versuch, das Ruder zu packen und das Schiff wieder in ruhigere Gewässer zu lenken, will nicht gelingen, denn zu groß und zu zahlreich sind die Wellen (die Erwartungen und Anforderungen), die immer wieder das Deck des Schiffes fluten. Auf der Suche nach etwas, das ihnen auf dieser stürmischen Reise ein bisschen Halt und Orientierung gibt, schließen die Jugendlichen sich schließlich einer Clique (oder Szene) an, denn dort finden sie Gleichgesinnte, die mit ganz ähnlichen Turbulenzen zu kämpfen haben. Denn gemeinsam ist man stärker und gemeinsam kann es gelingen, die Kontrolle über den stürmischen Alltag wiederzuerlangen. Die eigene Clique wirkt wie ein Leuchtturm. Fest und aufrecht hält er den hereinbrechenden Wellen Stand. Kein Sturm kann ihn bezwingen. Egal, wie rau und erbarmungslos die Welt da draußen auch sein mag, im Inneren des Leuchtturms ist es warm und sicher. Viele Eltern fürchten Jugendcliquen, weil sie Sorge haben, dass ihr Kind „abrutschen“ und zu riskantem Verhalten (wie Rauchen, Drogenkonsum, Diebstahl, usw.) hingezogen werden könnte und weil es Eltern verständlicherweise schmerzt, plötzlich nicht mehr der erste Ansprechpartner für ihr Kind zu sein, das jetzt Gleichaltrige vorzieht, doch eines sollten wir uns immer vor Augen halten: Für Jugendliche hat die Clique eine immens wichtige Funktion, denn sie hilft den Jugendlichen, diese stürmische, turbulente und verletzliche Phase der Jugend zu bewältigen.

Manchmal handelt es sich dabei um relativ harmlose Jugendcliquen. Und manchmal schließen Jugendliche sich nicht nur einer Clique, sondern gleich einer ganzen Szene an, mit der sie sich identifizieren und in der sie sich für den Moment aufgehoben und geborgen fühlen. Dann fangen sie an, das typische Erscheinungsbild und auch typische Verhaltensmuster zu übernehmen, die für die jeweilige Szene typisch sind. Alles, was nötig ist, um sich zugehörig und akzeptiert zu fühlen, um Teil eines Ganzen zu werden. Gemeinsam stark. Gemeinsam gegen den Rest der Welt. Die Neigung, sich in sozialen Gruppen zu organisieren, um das eigene Überleben zu sichern, ist uns Menschen nun mal angeboren und gerade dann, wenn das eigene Elternhaus mehr und mehr in den Hintergrund tritt, muss etwas anderes an diese Stelle treten. Doch von einer festen, stabilen Partnerschaft, die Treue, Loyalität, Heirat und vielleicht auch Kinder und somit die Gründung einer eigenen Familie beinhaltet, sind die Jugendlichen noch weit entfernt. Die Jugendlichen befinden sich in einer sehr sensiblen Zwischenphase zwischen Kindheit und Erwachsensein. Ein Vakuum, in dem die Jugendlichen verloren wären, gäbe es keine Cliquen und Szenen, die sie auffangen, in denen sie sich angenommen fühlen, mit denen sie sich identifizieren und in denen sie wertvolle Erfahrungen in sämtlichen Bereichen sammeln können, wie zum Beispiel Anerkennung durch andere zu erfahren, Rückmeldung zu erhalten über die eigene Attraktivität oder auch Meinungsverschiedenheiten auszutragen.

Die Zugehörigkeit zu einer Clique oder Szene ist für alle Jugendlichen wichtig, unabhängig davon, ob sie aus gesunden, intakten Familien stammen oder ob sie in schwierigeren Verhältnissen aufwachsen, denn die Ablösung vom eigenen Elternhaus und Neuorientierung sind fester Bestandteil der Jugendzeit und müssen daher auch von allen Jugendlichen gleichermaßen durchlebt werden. Dennoch scheinen Cliquen und Szenen besonders für Jugendliche aus prekären Lebenslagen eine besondere Bedeutung zu haben. In einem Interview mit der Punkband Rancid sagte Tim Armstrong, der Sänger der Band, auf die Frage, ob Punkrock heute noch relevant sei, ob Punk denn nicht inzwischen tot sei, sinngemäß Folgendes:

„Solange es Kinder gibt, die Probleme haben, die aus zerrütteten Elternhäusern stammen und solange diese Kinder Instrumente zum Spielen haben, wird Punkmusik niemals aussterben. […] Ich war immer ein Außenseiter, einer, der nicht reinpasste, mein ganzes Leben lang. Mein Zuhause war verrückt, mein Vater war Alkoholiker, meine Familie war sehr, sehr arm. Für mich war es ein Entkommen daraus, dass ich einen Ort hatte, an den ich gehen konnte. Es wäre arrogant, wenn ich behaupten würde, Punk ist tot, denn auch jetzt gibt es Kinder, die in kaputten Verhältnissen aufwachsen. 15-, 16-Jährige, die festhalten an der gleichen Punkmusik, die mir damals geholfen hat. […]“

Wenn Eltern erfahren, dass ihr Kind sich einer bestimmten Szene zugetan fühlt, wie etwa dem Punk, der Gothickultur oder der Hippiezene, dann befürchten Eltern häufig das Schlimmste, doch in Wirklichkeit sind diese Bezeichnungen in der Regel nichts mehr als thematische Aushängeschilder, die lediglich darauf hinweisen, dass ihr Kind mit anderen Jugendlichen ein gemeinsames Interesse teilt (Quelle), nämlich beispielsweise das Hören lauter, aggressiver Musik, das Tragen von überwiegend schwarzer Kleidung oder eine Vorliebe für Räucherstäbchen und lange Haare. Im Kern jedoch sind sich alle Szenen, ganz egal, um welche es sich handelt, insofern ähnlich, als dass sie Zufluchtsort und Übungsfeld zugleich sind für die Jugendlichen. Sie bieten etwas, das Eltern ihnen – so engagiert, mitfühlend und junggeblieben Eltern auch sein mögen – nicht bieten können und dies zu akzeptieren, kann für Eltern zu einer Mammutaufgabe werden. In meiner Arbeit in der Erziehungsberatung konnte ich in diesem Zusammenhang schon häufiger ein ganz bestimmtes Phänomen miterleben: Sobald Kinder anfangen, sich mehr und mehr von ihrem Elternhaus abzusondern, sich also mehr nach außen hin zu orientieren und sich Jugendgruppen anzuschließen und sowohl mit ihrem Aussehen als auch mit ihrem Verhalten herumzuexperimentieren – wenn Kinder also flügge werden -, dann reagieren nicht wenige Eltern mit einem Verhalten, das in Fachbüchern gerne als „Turbo-Erziehung“ bezeichnet wird (vgl. z.B. Jesper Juul). Gemeint ist damit, dass Eltern spüren, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt, bis ihr Kind sich von zu Hause abnabelt und dass ihr Erziehungseinfluss sich somit allmählich dem Ende neigt, weshalb sie dann dazu tendieren, in kurzer Zeit noch schnell alles richtig machen zu wollen, bevor das Kind endgültig den elterlichen Fingern entgleitet, was sich häufig darin äußert, dass Eltern in der Folge meist besonders viel Druck auf ihr Kind ausüben. Das Kind wiederum, das sich altersbedingt sowieso schon von den Eltern abgrenzt – wie sonst sollte es auch unabhängig und selbstständig werden? -, wird sich im Zuge des vermehrten elterlichen Drucks nun noch vehementer abgrenzen, es wird entweder noch mehr rebellieren und provozieren oder es wird sich noch mehr zurückziehen und sich einigeln. Dadurch kann ein kontraproduktiver Kreislauf in Gang kommen: Die Eltern üben immer mehr Druck aus und das Kind verhält sich immer „schwieriger“.

„Bevor ein Kind Schwierigkeiten macht, hat es welche.“ (Alfred Adler)

Eine weitere – noch ganz andere – sehr interessante Erklärung dafür, weshalb es vorrangig Jugendliche sind, die sich zu Subgruppen wie Punks, Hippies & Co. zusammenschließen, habe ich außerdem im Buch „Aufwachsen heute: Veränderungen der Kindheit – Probleme des Jugendalters“ von Rolf Göppel gefunden, welches vor allem kulturelle Aspekte in den Blick nimmt. Demnach entstehen die eingangs erwähnten Subgruppen überwiegend in den westlichen, modernen Kulturen, dagegen jedoch kaum in archaischen (d.h. altertümlicheren oder primitiveren) Kulturen, die noch sehr stark an alten Traditionen festhalten (wie zum Beispiel in muslimischen Ländern oder auch bei Naturvölkern wie in Papua-Neuguinea). So zeichnen sich Letztere nämlich dadurch aus, dass Heranwachsende sich während des Jugendalters einem sogenannten „Initiationsritual“ unterziehen müssen, um symbolisch in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen zu werden, indem die Heranwachsenden ihre Familien verlassen und eine Zeit lang an abgeschiedenen Orten leben (Trennung vom Elternhaus), indem sie einen anderen Namen erhalten und somit der Tod ihres früheren, kindlichen Ichs symbolisiert wird, indem sie sich mitunter schmerzhaften Prozeduren hingeben müssen (wie Tätowierungen oder Beschneidungen) oder, indem sie in bestimmte kulturelle Geheimnisse und Bräuche eingeweiht werden. In westlichen Gesellschaften dagegen gibt es solche Rituale, die den Übergang vom Jugendalter ins Erwachsenenalter begleiten, kaum noch. Zwar stellen zum Beispiel in Deutschland Feste wie die Konfirmation oder die Kommunion und in nicht-religiösen Kreisen auch die Jugendweihe ebenfalls Initiationsrituale dar, doch diese werden längst nicht mit der gleichen Ernsthaftigkeit zelebriert wie in archaischen Gesellschaften. Doch was hat das jetzt mit Jugendsubkulturen zu tun?

Nun, auch dies wird in Göppels Buch nachvollziehbar beschrieben, denn Initiationsrituale haben eine wichtige Funktion: Sie sorgen nämlich dafür, dass die Jugendlichen die alten Traditionen und Werte ihrer Vorfahren übernehmen, ja, dass sie sich praktisch im Rahmen dieser Rituale geradezu dazu verpflichten, dass diese am Leben erhalten werden. Sie sorgen also dafür, dass die Jugendlichen – überspitzt gesagt – nicht auch noch anfangen, selber zu denken und die alten Traditionen und Werte in Frage zu stellen. Damit wird verhindert, dass die Gesellschaft sich weiterentwickelt, weil keine neuen Traditionen, keine neuen Weltanschauungen entstehen können, die die alten womöglich ablösen. Umgekehrt, können sich in Gesellschaften, die keine oder kaum noch ernsthafte Initiationsrituale pflegen, sehr viel leichter neue Bewegungen, neues Gedankengut etablieren, wodurch das Wesen einer Gesellschaft dynamisch und veränderbar wird. Und genau hier setzen Jugendsubkulturen (wie Punk, Hippie, Beat Generation, usw.) an, denn sie sind es, die der Gesellschaft durch ihr provokantes, grenzüberschreitendes Verhalten zeigen, dass sie mit aktuellen Zuständen und Bräuchen nicht mehr länger einverstanden sind und die der Gesellschaft sozusagen neue Ideen und Impulse einhauchen, ja fast schon aufzwingen, mit denen sie sich zweifelsohne nicht immer beliebt machen, mit denen sie jedoch Aufmerksamkeit erregen und Beachtung finden. Solche Subkulturen können für eine Gesellschaft Fluch und Segen zugleich sein: Zum Einen, werden dadurch alte, mitunter wertvolle Traditionen bedroht, ja sie mögen geradezu verschwinden und in Vergessenheit geraten, doch, zum Anderen, besteht damit auch die Chance, dass alte, mitunter ungesunde Traditionen ausgetauscht werden können durch neue, gesündere, konstruktivere.

Hält man sich dies also vor Augen – und ist man gegenüber neuen Entwicklungen aufgeschlossen -, dann können wir Jugendsubkulturen also prinzipiell als etwas Nützliches betrachten. Das sonderbare Erscheinungsbild, das aufmüpfige Verhalten, diese ganze jugendliche Provokation ist in Wirklichkeit eine äußerst produktive Kraft, eine Problemlösestrategie, um den Weg vom abhängigen, naiven Kind zur selbstdenkenden, eigenständigen, selbstverantwortlichen Erwachsenenpersönlichkeit zu meistern. Und das wiederum macht sie – die Provokation, die Rebellion – fast schon wieder legitim.

Leider gibt es zum Thema Provokation bisher nur wenig psychologische Grundlagenforschung, denn tatsächlich handelt es sich dabei um eine Art „umbrella term“ (Regenschirm-Begriff), was bedeutet, dass die Provokation ein sehr unspezifischer Begriff ist, der, ähnlich wie unter einem großen aufgespannten Regenschirm, sehr viele verschiedenartige Ausprägungen umspannt, die zum Teil nur wenig miteinander zu tun haben (Quelle). So kann man beispielsweise provozieren, um sein Gegenüber einzuschüchtern oder Macht zu demonstrieren, doch man kann genauso gut auch provozieren, weil man Angst hat, weil man sich hilflos fühlt und zu provozieren der einzige Handlungsspielraum zu sein scheint, der einem noch geblieben ist, da man nichts mehr zu verlieren hat. Manchmal wird man vom Chef oder von Arbeitskollegen provoziert, die einen zum Beispiel vor dem gesamten Team bloßstellen, manchmal provoziert auch ein Kleinkind, das auch nach mehrmaliger Aufforderung, sich endlich anzuziehen, immer noch nicht tut, was es soll und dabei vielleicht sogar noch frech die Zunge herausstreckt. Auch ein Gesprächspartner, der während des Gesprächs permanent auf sein Handy schaut und augenscheinlich nicht zuhört und damit Geringschätzung und Desinteresse signalisiert, kann sein Gegenüber provozieren und ärgerlich stimmen. Man kann bewusst und gezielt provozieren oder unbewusst und ausversehen, weil man mit bestimmten Benimmregeln nicht vertraut ist. Man kann intellektuell provozieren, indem man sprichwörtlich klugscheißt und andere damit dumm dastehen lässt, man kann aber auch sexuell provozieren durch aufreizende Kleidung und anzügliches Verhalten. Die Bandbreite an möglichen Provokationsarten scheint schier unendlich und kann beliebig fortgeführt werden. Dies verdeutlicht noch einmal mehr, wie schwer dieser Begriff zu greifen ist. Und weil das, was uns provoziert und das, womit wir glauben, andere provozieren zu können, auch sehr subjektiv ist, wird das Phänomen Provokation nur schwer tiefgründiger spezifiziert werden können.

Zu einer weiteren, ganz speziellen Form der Provokation gehört es beispielsweise, dass wir uns von unserem Gegenüber provoziert fühlen, obwohl dieses das möglicherweise gar nicht bewusst beabsichtigt hat. Eine subtile Bemerkung, eine winzige Äußerlichkeit oder eine bestimmte Verhaltensweise reichen da oft schon aus, damit wir uns getroffen fühlen. In der Tiefenpsychologie (genauer gesagt, in der Psychoanalyse) bezeichnet man diesen Vorgang übrigens als „Übertragung“ . Damit ist gemeint, dass sämtliche Gefühle, die wir insbesondere während unserer Kindheit verdrängt haben, weil sie zu schmerzhaft und unangenehm waren, durch einen kleinen Reiz (Trigger) im Hier und Jetzt wieder hervorgeholt werden können. Meistens sind genau die Dinge, von denen wir uns im Alltag provoziert fühlen, die, die wir vorher erfolgreich verdrängt und in unser Unterbewusstsein verbannt haben, doch klitzekleine Auslöser im Alltag vermögen sie wieder an die Oberfläche zu befördern, wo sie uns heftig erschüttern können. Dann reagieren wir gereizt, verärgert, aggressiv und wütend auf die Person, die den Auslöser ausgesendet hat und werden schnell in einen Konflikt mit dieser Person verwickelt, doch selten bemerken wir dabei, dass unser Unbehagen gar nichts mit der auslösenden Person zu tun hat, sondern dass es unsere eigenen Themen sind, die uns gerade um die Ohren fliegen. Wer sich das bewusst macht und wer ein bisschen Mut hat, der hat die Möglichkeit, an genau dieser Stelle, an der wir so verletzlich sind, etwas genauer hinzuschauen. Wann immer wir die Erfahrung machen, das uns etwas provoziert, haben wir die Chance, dies als Wachstumsangebot zu betrachten, das wir entweder annehmen oder ablehnen können. Dann können wir uns beispielsweise fragen: Was genau provoziert mich gerade? Ist es ein Wort, ein Satz, ein optisches Merkmal, eine Verhaltensweise? An wen oder was erinnert mich das? Wo habe ich so etwas Ähnliches schon einmal erlebt? Und wie war das für mich? Die gute Nachricht ist: Wenn wir es schaffen, unsere eigenen wunden Triggerpunkte zu erkennen, an denen uns unsere Mitmenschen (oft unbeabsichtigt) immer wieder verletzen können, dann lernen wir uns selbst nicht nur besser kennen, sondern wir erlangen auch gewissermaßen Kontrolle darüber, wie wir auf solche schmerzlichen Verletzungen reagieren möchten. Wir haben es dann selbst in der Hand.

„Sei dankbar für alle Trigger, denn sie zeigen dir, wo du nicht frei bist.“ (Verfasser unbekannt)

„Trigger zu vermeiden, schafft keine Heilung. Heilung passiert, wenn man getriggert wird und man in der Lage ist, durch diesen Schmerz, dieses Muster und diese Geschichte hindurch zu gehen – und den Weg weiter zu gehen, bis man ein anderes Ende daraus macht.“ (Vienna Pharaon)

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