Psychofutter: Genügsamkeit

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Angesichts der Tatsache, dass ein Urlaub in ausländischen Gefilden aufgrund der aktuellen Corona-Krise derzeit leider in weite Ferne gerückt ist, schwelge ich momentan gerne sehnsüchtig in Erinnerungen, wenn ich mir unsere schönen Fotos von unserem letzten Campingurlaub im vergangenen Jahr anschaue. Wir sind mit einem alten Wohnwagen nach Italien gereist und haben dort zwei Wochen lang auf einem bekannten Campingplatz verbracht, nur wenige hundert Meter vom Meer entfernt. Einen Campingurlaub würde ich jederzeit einem komfortablen Hotelurlaub vorziehen. Beschränkt auf das Wesentliche, mit provisorischer Schlafmatratze und kleinem Kühlschrank, naturnah, bodenständig und ursprünglich. Inmitten von einheimischen Touristen, die italienische Volkslieder singen, während sie ihre nassen Badehandtücher auf Wäscheleinen aufhängen, die sie zuvor notbehelfsmäßig zwischen zwei Baumstämmen festgespannt haben. Sich morgens nach dem Aufstehen mit einer alten, abgenutzten Filterkaffeemaschine frischen Kaffee aufbrühen und zum Duschen die sanitären Anlagen auf dem Campingplatz nutzen. Provinziell und kinderfreundlich, überall das Lachen spielender Kinder zu hören. Klirrendes und klimperndes Geschirr und aromatische Gerüche, die zur Siesta-Zeit den ganzen Campingplatz erfüllen. Sich draußen im Freien auf dem Grill etwas zu essen machen und zum Einkaufen mit dem eigenen Bollerwagen zum nahegelegenen Obst- und Gemüsehändler laufen. Und dann diese romantischen Nächte, die man eingemummelt in eine Decke und bei schimmerndem Kerzenschein (und mit einem Jahresvorrat an Mückenvernichtungsspray) unter dem Sternenhimmel verbringt. Das ist die Art von Urlaub, die ich liebe. Ohne viel luxuriösen Schnickschnack. Und die zumeist voll ausgebuchten Campingplätze lassen mich vermuten, dass ich längst nicht die Einzige bin, die eine solche Einfachheit, eine solche Schlichtheit zu schätzen gelernt hat. Die inzwischen doch sehr abgedroschene Formel stimmt für mich: „Weniger ist mehr“. Doch was hat es damit auf sich?

„Genügsamkeit ist natürlicher Reichtum, Luxus künstliche Armut.“ (Sokrates)

Als im Jahre 1998 die sogenannte Positive Psychologie begründet wurde – und zwar maßgeblich von Martin Seligman, einem bekannten US-amerikanischen Psychologen -, rückte zunehmend die Frage in den Vordergrund, was Glück sei und unter welchen Bedingungen Menschen sich als glücklich bezeichnen würden. Während Psychologen und Psychotherapeuten sich bis dahin vorrangig damit beschäftigten, bereits psychisch erkrankte Menschen von deren Leiden zu befreien, begann der Blickwinkel sich allmählich dahingehend zu verändern, dass man auch psychisch gesunde Menschen darin unterstützen könnte, ihr bestehendes Glück und Wohlbefinden aufrechtzuerhalten und zu stabilisieren. Somit war der Grundstein gelegt für das, was heute im Alltagsjargon gerne als Glücksforschung bezeichnet wird und was es sich zum Ziel gesetzt hat, herauszufinden, welche Faktoren es sind, die uns Menschen auf Dauer glücklich und zufrieden machen. Eine wesentliche Erkenntnis daraus ist, dass eine genügsame, bescheidene und auf das Wesentliche besinnte Lebensführung Menschen glücklicher und zufriedener machen soll als eine anspruchsvolle, verschwenderische und unersättliche Lebensart. Doch warum sollte das so sein, sorgen eine Gehaltserhöhung oder ein Lottogewinn schließlich dafür, dass wir uns mehr leisten können und wir weniger Sorgen haben. Oder etwa doch nicht?

„Die Ironie will es so, dass wir dann, wenn wir das Objekt unserer Wünsche erlangt haben, immer noch nicht zufrieden sind. Auf diese Weise nimmt die Begierde nie ein Ende und ist eine ständige Quelle der Schwierigkeiten. Das einzige Gegenmittel ist die Genügsamkeit.“ (Dalai Lama)

Die westliche Konsumgesellschaft, in der wir leben, verführt uns immer wieder dazu, uns neue Dinge anzuschaffen und dies stets unter dem Vorwand, dass wir dadurch glücklicher werden würden. Schimmerndes Make-Up und Cremes mit irgendeinem wissenschaftlich anmutenden Wirkkomplex sollen unsere Poren feiner und glatter und unseren Teint frischer und jungendlicher machen. Eiweiß-Shakes, Superfood und Joghurtdrinks mit speziell zugesetzten Bakterienkulturen sollen unseren Körper schlanker, fitter und vitaler und unser Immunsystem robuster machen. Outfits für jeden erdenklichen Anlass, die bereits als Fertigpaket zusammengestellt sind und uns direkt an die Haustür geliefert werden, sodass man sich selbst nicht mal mehr den eigenen Kopf darüber zerbrechen muss, was man zum Geschäftsessen oder zur Familienfeier anziehen könnte. Immer das neueste Handy, den neuesten Fernseher, die neueste Spielekonsole haben, um auch technisch stets up to date zu sein. Die Erfinder all dieser modernen, innovativen Ideen und Gerätschaften arbeiten mit Hochdruck daran, uns das Leben immer angenehmer und bequemer zu machen – selbstverständlich nicht zuletzt auch mit dem Ziel, an uns zu verdienen -, doch mal ernsthaft: Brauchen wir all das wirklich? Brauchen wir den zehnten Mascara, der unsere Wimpern fünf Grad stärker in Schwung bringt als unsere neun anderen? Brauchen wir die zwölfte Leggings, nur weil sie dank ihres hohen Taillenbundes unsere feminine Silhouette (angeblich) noch etwas deutlicher zum Ausdruck bringt als die elf anderen Leggings in unserem Kleiderschrank, der so vollgestopft ist, dass wir gar nicht mehr recht wissen, was sich alles darin befindet? 

Die Psychologie weiß inzwischen, dass immer mehr Besitz und Reichtum uns auf Dauer nicht glücklich machen. Am Anfang begehren wir vielleicht ein Auto, das wir in einem Werbespot gesehen haben oder eine sündhaft teure Handtasche von Louis Vuitton, doch haben wir uns diesen Wunsch erst einmal erfüllt, dann gewöhnen wir uns sehr schnell an diesen Zustand. Kurzzeitig mögen wir vielleicht ein freudiges Hochgefühl erleben, doch genauso schnell wie es gekommen ist, flacht dieses auch schon wieder ab. Denn auch die neue Handtasche nutzt sich mit der Zeit ab, wird schmutzig, gefällt uns mit der Zeit nicht mehr, weil sich unsere Vorlieben, unser Stil verändern und so geht unsere Unzufriedenheit wieder von vorne los. Deshalb nennt man diesen Gewöhnungseffekt in der Psychologie auch eine „hedonistische Tretmühle“ (Hedonismus = das Streben nach Freude und Genuss), weil wir unserem (vermeintlichen) Glück immer wieder auf’s Neue hinterher rennen müssen, nie endend, wie ein Hamster im Hamsterrad, indem wir immer weiter konsumieren und glauben, dass wir dadurch endlich glücklich werden. Doch dies ist ein fataler Trugschluss, der uns teuer zu stehen kommen kann. Aber worin, wenn nicht in materiellen Luxusgütern, können wir dann beständige Zufriedenheit, beständiges Glück finden? Wie können wir genügsamer leben und trotzdem glücklich sein? 

Als Gegenbewegung zu einer nach Konsum geifernden Überfluss-Gesellschaft entwickelte sich der Minimalismus, der besonders im letzten Jahrzehnt immer bekannter wurde und dem sich immer mehr Menschen mehr oder weniger radikal anschlossen, die ihren Besitz auf ein Minimum herunterschrauben, um ein einfacheres Leben zu führen. Doch was sich so einfach anhört, ist gar nicht so leicht, umzusetzen, denn obwohl unsere Wohnungen bis oben hin vollgestopft sind mit ungeliebtem Krempel und nutzlosem Klimbim, tun wir uns dennoch oft schwer damit, uns von solchen Dingen zu trennen. Warum das so ist, beschreiben zwei psychologische Phänomene: Der „Besitztumseffekt“ besagt, dass wir Dinge, die uns gehören, als wertvoller einschätzen als Dinge, die uns nicht gehören und wir uns in der Folge nur schwer von unserem Besitz trennen können. Dies führt übrigens häufig dazu, dass Menschen, die Dinge aus ihrem eigenen Besitz verkaufen wollen, den Verkaufspreis nicht selten unrealistisch hoch ansetzen, wodurch sie ihre Sachen oft nicht loswerden. Die „Verlustaversion“ (Aversion = Abneigung) bezeichnet unsere Neigung, einen Verlust als schwerwiegender zu gewichten als einen Gewinn, sodass wir es demzufolge als schmerzhaft empfinden, unseren Besitz zu verlieren, wegzugeben, zu verkaufen oder zu verschenken. In der Tat konnten neurophysiologische Studien nachweisen, dass, wenn Menschen aufgefordert wurden, sich von ihrem Besitz zu trennen, die gleichen Gehirnregionen aktiv waren wie bei der Verarbeitung von Schmerz (nämlich die sogenannte Inselrinde). Kein Wunder also, dass es uns oft große Mühe bereitet, Kleiderschrank, Dachboden oder Keller auszumisten und nutzlose Dinge loszulassen und wegzugeben.

Was die genauen Hintergründe beider Phänomene sind, ist aus evolutionsbiologischer Sicht bisher nur unzureichend geklärt, doch es ist zu vermuten, dass wir deshalb so sehr an unseren Habseligkeiten festhalten, weil sie unser Überleben zu sichern vermögen. Diese Tendenz, unseren Besitz unbedingt behalten zu wollen, konnte zum Beispiel in einer Affenstudie von Jones und Brosnan (2007) nachgewiesen werden: Schimpansen bekamen Erdnussbutter und Saft angeboten und konnten sich für eines von beiden entscheiden; so fanden die Forscher zunächst heraus, was jeder Schimpanse präferierte, also lieber mochte. Als man den Schimpansen dann im weiteren Verlauf der Versuchsanordnung beliebig eines von beiden Nahrungsmitteln in die Hand gab und sie anschließend die Möglichkeit hatten, es gegen das jeweils andere einzutauschen, lehnten signifikant mehr Schimpansen den Tausch ab und zwar unabhängig davon, ob sie ihr präferiertes Nahrungsmittel bereits in der Hand hielten oder nicht. Die Forscher schlossen daraus, dass unsere nächsten Verwandten ihren Besitz vermutlich deshalb nicht eintauschten, weil für sie das Risiko zu groß war, dass ihr Gegenüber sie täuschen könnte und sie am Ende gar nichts mehr hatten. Um ihr Überleben zu gewährleisten, musste die Evolution sie daher gewissermaßen mit einem Misstrauen (oder man könnte auch sagen, mit einer gewissen Grundzufriedenheit) ausstatten, das (die) sie dazu veranlasst, das zu behalten, was sie bereits besitzen. Interessanterweise konnte in derselben Studie ebenfalls gezeigt werden, dass die Schimpansen allerdings ihren Besitz bereitwillig einzutauschen bereit waren, wenn es sich bei den Tauschobjekten nicht mehr um Nahrung handelte, sondern um Spielzeug (Seile und Gummiknochen).

Dies zeigt, dass unsere Neigung, an unserem Besitz festzuhalten, sehr wahrscheinlich zumindest in Teilen einen evolutionären Ursprung hat. Während Affen jedoch vorrangig an (lebenserhaltenden) Nahrungsmitteln festhalten und sie materielle (nicht zum Überleben notwendige) Gegenstände ohne großes Zögern abzugeben bereit sind, scheinen materielle Güter für den Menschen häufig eine ähnlich große Bedeutung zu haben wie Nahrung. Auf den ersten Blick mag dies unsinnig klingen, doch bei genauerer Betrachtung wird klar, dass uns Menschen etwas Wesentliches von unseren nahen Verwandten, den Affen, unterscheidet: Die Dinge, die wir besitzen, stehen in engem Zusammenhang zu dem, was wir sind oder sein wollen und damit zu unserer Persönlichkeit, unserer Identität. Unser Besitz zeigt, wohin wir gehören, zu welcher sozialen Schicht, zu welcher Clique, und er grenzt uns von dem ab, zu dem wir nicht gehören (wollen). Wir definieren uns über unsere Kleidung, unseren Schmuck, unsere CD-Sammlung, unsere Wohnzimmerdekoration oder auch über unsere Sporttrophäen. Etwas davon auszusortieren, bedeutet überspitzt gesagt, einen Teil von uns wegzugeben. Zwar sind all diese materiellen Dinge streng genommen nicht überlebensnotwendig im evolutionären Sinne, doch sie symbolisieren unsere soziale Zugehörigkeit, unseren sozialen Status und sind daher für unser gesellschaftliches Leben sehr wohl relevant, ja geradezu unabdingbar. Es erscheint daher sinnvoll, dass wir uns nicht so leichtfertig von unserem Besitz trennen wollen.

Unsere Schwachstelle, Dinge nicht mehr hergeben zu wollen, die einst in unseren Besitz gekommen sind, machen sich übrigens auch Händler zunutze: Jeder, der einmal etwas bestellt und zur zweiwöchigen Probe nach Hause bekommen hat, hat vielleicht bemerkt, dass es schwerer fällt, etwas zu retournieren, das wir bereits für längere Zeit in den Händen hatten, anprobiert oder ausprobiert haben. Um also nicht in einen solchen Automatismus zu verfallen, müssen wir uns ganz bewusst dafür entscheiden, nicht in unseren Habseligkeiten zu versinken, denn diese können uns, wenn sie Überhand nehmen, auf Dauer ganz schön belasten. Doch warum ist es für uns so wichtig, unsere Wohnungen aufzuräumen, sie von Zeit zu Zeit zu entrümpeln und uns von unnötigem Ballast zu befreien?

Die Kapazität unseres Gehirns ist begrenzt. Das bedeutet, wir können nur eine begrenzte Menge an Informationen gleichzeitig in unserem Arbeitsgedächtnis aufnehmen und verarbeiten, uns nur auf eine begrenzte Anzahl an Dingen und Einflüssen konzentrieren (vgl. Cognitive Load Theory). Je komplexer und unübersichtlicher jedoch die Welt um uns herum ist, umso schwerer fällt es uns, den Fokus für das Wesentliche zu behalten. Mediale Reize strömen tagtäglich ungefiltert auf uns ein, seien es die überquillenden Werbeprospekte in unserem Briefkasten, die Werbeplakate an der Bushaltestelle oder das Handy, das sich alle paar Minuten bemerkbar macht und über das wir stets und ständig erreichbar sind. Ein volles E-Mail-Postfach, das vor Spam-Nachrichten und unbearbeiteten Mails überschäumt. Dazu Chaos in der eigenen Wohnung, weil wir viel zu viele Dinge besitzen, von denen wir nicht wissen, wo wir sie überhaupt verstauen sollen geschweige denn, wofür wir sie überhaupt benötigen. Morgens wissen wir nicht, was wir anziehen sollen, weil sich in unserem Kleiderschrank 3587 Anziehsachen tummeln, von denen wir aber gerade mal drei Handvoll gerne anziehen und alle restlichen Kleidungsstücke jeden Tag auf’s Neue konsequent ignorieren, weil sie zu klein, zu groß, zu ausgeblichen, zu neonfarben oder zu unserem Stil nicht mehr passend sind, doch davon trennen können wir uns auch nicht. All dies lenkt uns ab von den Dingen, die in unserem Leben wirklich wichtig sind. Wie in einem großen Wimmelbild wissen wir nicht, wohin wir zuerst schauen sollen, was wir zuerst tun oder denken sollen. Viel zu viele Sinneseindrücke, die gleichzeitig auf uns hereinprasseln. Wir fühlen uns zerstreut, wir verlieren den Überblick und vor allem verlieren wir eine nicht unerhebliche Menge an wertvoller Lebenszeit, während wir ständig damit beschäftigt sind, unseren ganzen Krempel abzustauben, ihn immer wieder neu aufräumen oder etwas Wichtiges darunter wiederfinden zu müssen. Die Folge ist: Mentaler Overload. Wir fühlen uns erschöpft und überfordert und kompensieren unsere geistige Zerstreuung mit reichlich Kaffee, Yoga und anderen Tricks. Tief in unserem Inneren wünschen wir uns nichts mehr, als unser Leben, unseren Alltag zu vereinfachen. Doch wie soll das denn bitteschön gehen?

„Die wichtigsten Dinge im Leben sind keine Dinge.“ (Verfasser unbekannt)

Der Gedanke, dass ein genügsameres, anspruchsloseres, bescheideneres Leben uns Menschen zufriedener machen könnte, ist keineswegs neu, denn bereits seit Jahrtausenden stellt es für einige große Weltreligionen (z.B. Christentum, Hinduismus, Buddhismus) eine erstrebenswerte Tugend dar, einem materiellen Leben zu entsagen und sich im Leben stattdessen auf einige wesentliche Dinge zu beschränken, die uns erfüllen. Um herauszufinden, was uns im Leben wirklich erfüllt, können wir uns selbst fragen: Was macht mir wirklich Spaß? Womit beschäftige ich mich richtig gerne? Was kann ich so richtig genießen? Mit welchen Menschen bin ich so richtig gerne zusammen? Wie möchte ich meine Zeit nutzen, um danach das Gefühl zu haben, dass sie nicht vergeudet war? Was gibt mir Energie und was raubt mir welche? Was fordert mich angenehm heraus und regt mich dazu an, mich weiterzuentwickeln? Wann, unter welchen Bedingungen geht es mir am besten? Das Problem ist, dass wir in der heutigen medial überfluteten Welt gar nicht merken, wie sehr wir fremdgesteuert werden. Wir glauben, Pläne zu verfolgen, die unsere eigenen sind, doch in Wirklichkeit sind es häufig gesellschaftliche Zwänge und Einflüsse, die dahinter stecken und die uns vorgaukeln, dass wir etwas wollen. Wollen wir also dem wahren Kern auf den Grund gehen, der uns Erfüllung bringt, kommen wir nicht umhin, uns mit uns selbst und mit unserem Konsumverhalten zu beschäftigen. Dabei geht es längst nicht mehr nur darum, unsere Kleiderschränke, Briefkästen oder Dachböden auszumisten, sondern auch gleich unsere Gewohnheiten und Alltagsabläufe, unsere Hobbys, unsere destruktiven Gedanken oder auch unsere Bekanntschaften. Hier geht es vor allem darum, (wieder) wahrzunehmen und zu bemerken, welche (vor allem immateriellen) Schätze und Kostbarkeiten wir bereits in unserem Leben haben und dafür ernsthaft dankbar zu sein. 

„Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“ (Francis Bacon)

Schlägt man das Wort Genügsamkeit im Duden nach, so findet man dort neben Einfachheit, Bescheidenheit und Enthaltsamkeit auch das Synonym „Dankbarkeit“. Das ist deshalb so interessant, weil vielen Menschen nicht bewusst ist, dass eine wesentliche Voraussetzung für ein genügsameres Leben die Dankbarkeit ist. Erst, wenn wir lernen, dankbar zu sein für die Dinge, die wir haben, streben wir nicht mehr danach, noch mehr zu wollen. Dankbar zu sein, bedeutet weit mehr als „danke“ zu sagen, weil dir jemand beim Betreten der Bäckerei die Tür aufgehalten hat oder weil du von der netten Verkäuferin an der Wursttheke im Supermarkt eine Scheibe Lyoner umsonst bekommen hast, sondern es ist eine innere Einstellung, die man sich selbst (zunächst mühsam) antrainieren muss. Sich in Dankbarkeit zu üben, bedeutet, zu lernen, unsere Aufmerksamkeit vor allem auf das zu richten, was wir an und in unserem Leben mögen, was wir schätzen und was wir nicht missen wollen. In unserer konsumdominierten (westlichen) Welt wird unser Blick dagegen leider immer auf das Mangelhafte gelenkt, also auf das, was uns fehlt, was wir nicht haben, aber unbedingt haben wollen (sollen). Ist ja auch kein Wunder, schließlich wollen die Hersteller ja an uns verdienen. Wer kauft schon teure Cremes, feuchtigkeitsspendende Glanzshampoos oder aufhellende, kieselsäurehaltige Zahnpasta, wenn er glaubt, dass sein Hautbild in Ordnung, seine Haare gesund und seine Zähne weiß genug sind? Das beste Gegenmittel, um für solch verlockende Werbeversprechen nicht länger empfänglich zu sein, ist es, mit sich und seinem Leben zufriedener zu werden und dies schafft man, indem man zuallererst einmal anerkennt, was schon alles Gutes im eigenen Leben vorhanden ist und dafür ganz bewusst dankbar zu sein. Dabei kann man Dankbarkeit empfinden in Bezug auf alle erdenklichen Zeitpunkte im Leben, für Dinge aus der Vergangenheit, für Dinge im Hier und Jetzt und auch für Dinge, die noch in der Zukunft liegen.

Jedoch scheint wohl eine der größten Herausforderungen hierbei zu sein, dass wir Dankbarkeit im hektischen, schnelllebigen und mit Konsumverlockungen gespickten Alltag immer wieder neu entwickeln müssen. Das bedeutet, es ist nicht damit getan, einmal zu überlegen, wofür wir alles dankbar sind und es dann wieder monatelang bleiben zu lassen, sondern Dankbarkeit ist ein fortlaufender Prozess, ein Zustand, den wir immer wieder neu bewusst herbeiführen müssen. Wenn es uns gelingt, den Wert von Dingen, Menschen und Ereignissen (wieder) zu erkennen, dann werden wir bemerken, dass wir plötzlich weniger Neues brauchen, dass wir weniger begehren und demzufolge auch weniger kaufen. Das soll keineswegs heißen, dass wir gar nicht mehr konsumieren sollen, sondern, dass wir bewusster konsumieren und uns sehr gut überlegen, ob wir etwas wirklich benötigen oder nicht, um zu verhindern, dass Werbeversprechen vermeintliche Bedürfnisse in uns erzeugen, die vorher gar nicht in uns existent waren. Genügsamkeit hat nichts mit Armut zu tun, denn während Armut bedeutet, einen tatsächlichen Mangel an etwas zu erleiden, meint die Genügsamkeit den bewussten Verzicht auf materielle Dinge, die man zwar haben könnte, bei denen man jedoch zu dem Entschluss gekommen ist, dass man sie in Wirklichkeit nicht braucht, weil sie kein ernsthaft vorhandenes Bedürfnis befriedigen. Es ist eine bewusste Entscheidung gegen Verschwendung, Überfluss und Prasserei (Quelle). Es ist ein bewusstes Genießen der Dinge, Menschen und Ereignisse, die wir in unserem Leben bereits haben und ein Verabschieden all dessen, was uns keine Freude, keine Erfüllung bringt. 

Die „Kieselsteine-Übung“ ist eine geeignete Methode, um im Alltag den eigenen Blick für all die kleinen angenehmen, positiven Dinge zu schärfen, die uns tagtäglich widerfahren und die wir in unserem hastigen Alltag leicht übersehen. Und so wird’s gemacht: Steckt euch am Morgen einige Kieselsteine in eure linke Hosentasche. Wann immer euch im Verlauf des Tages etwas Schönes, Angenehmes, Positives begegnet, nehmt ihr dafür jeweils einen Kieselstein aus eurer linken Hosentasche heraus und lasst ihn in eure rechte Hosentasche wandern. Worüber habt ihr euch heute gefreut? Was ist euch heute gut gelungen? Am Ende des Tages – vielleicht immer abends vor dem Zubettgehen – nehmt ihr euch eine kleine Reflektionszeit, in der ihr all eure Kieselsteine, die im Tagesverlauf von der linken in die rechte Hosentasche gewandert sind, noch einmal Revue passieren lasst, indem ihr sie euch noch einmal ganz bewusst ins Gedächtnis ruft und sie genießt. Am Anfang werdet ihr euch vielleicht noch etwas schwer tun damit, denn unseren Fokus auf das Gelingende, auf das Funktionierende, auf die Erfolgserlebnisse zu richten – und seien diese auch noch so klein -, ist etwas, das wir nicht gewöhnt sind und das wir regelrecht einüben müssen, doch je öfter ihr die Übung macht, desto leichter wird es euch mit der Zeit fallen, das Gute zu bemerken. Dabei geht es hier nicht um Bauchpinselei beziehungsweise darum, alles schön zu reden, sondern schlicht darum, echte kleine Tageshighlights wahrzunehmen, angefangen bei der wohlduftenden Tasse frisch aufgebrühtem Kaffee am Morgen, der netten Nachbarin, die uns beim Verlassen der Wohnung grüßt, dem fremden Herren in der U-Bahn, der uns seinen Sitzplatz anbietet über die Kollegin, die uns fragt, ob wir nicht die Mittagspause mit ihr verbringen wollen bis hin zu unserer Lieblingssendung, die nach einem langen, stressvollen Tag abends auf uns wartet. Statt Kieselsteinen könnt ihr übrigens auch andere kleine Gegenstände verwenden, wie zum Beispiel Murmeln, getrocknete Erbsen oder – wer nichts gegen den Geruch hat – auch Kaffeebohnen. Ihr könnt die Übung täglich anwenden, wenn ihr wollt.

Eine tolle Erweiterung dieser „Glücksmethode“ könnte sein, dass ihr euch das, wofür die einzelnen Kieselsteine jeweils standen und das euch dankbar, zufrieden und glücklich gemacht hat, auch in einer Art Dankbarkeits-Tagebuch notiert. Dies hat den Vorteil, dass ihr schwarz auf weiß nachlesen könnt, welche Dinge, Menschen und Ereignisse es sind, die euch in eurem Alltag wirklich erfüllen. Ein weiterer Vorteil ist, dass ihr euch euer Dankbarkeits-Tagebuch auch an besonders miesen Tagen heranziehen könnt, um euch daran zu erinnern, dass es auch andere, bessere, hellere, leichtere Tage gibt. 

Für welche Dankbarkeitsübungen ihr euch auch entscheiden mögt, lasst sie zu einem festen Ritual werden, denn dann werden sie euch auf Dauer dazu verhelfen, mit dem, was oft so selbstverständlich erscheint, zufriedener zu sein, nämlich mit den kleinen „Dingen“.

„Viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das große vergebens warten.“ (Pearl S. Buck)

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