Psychofutter: Heimat

Nachdem ich letztens den Song „Heute hier, morgen dort“ von Hannes Wader im Radio hörte, hatte ich tagelang einen wirklich sehr hartnäckigen Ohrwurm davon. Ständig musste ich die Zeilen dieses 1972 erschienen Liedes singen, das ich bereits seit meiner Schulzeit aus dem Musikunterricht kenne und dessen Text sich seither bei mir eingebrannt hat, sodass ich es auch nach bald 20 Jahren noch auswendig mitsingen kann:

Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort, hab mich niemals deswegen beklagt. Hab es selbst so gewählt, nie die Jahre gezählt, nie nach gestern und morgen gefragt.

Manchmal träume ich schwer und dann denk‘ ich es wär Zeit zu bleiben und nun was ganz And’res zu tun. So vergeht Jahr um Jahr und es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt wie es war.

Obwohl das Lied nun also inzwischen knapp 50 Jahre alt ist, könnte sein Text aktueller nicht sein, ist unser heutiges modernes Leben geradezu geprägt von ständigen Veränderungen. Berufsbedingte Wohnortwechsel, eine hochkomplexe und sich stetig wandelnde digitale Welt und rasanter technischer Fortschritt sowie schnelllebige Beziehungen, die wir viel zu schnell verlassen anstatt sie zu reparieren und an ihnen zu wachsen. In unserer heutigen globalisierten Welt ist unser Bedürfnis, in die Ferne zu schweifen und Neues kennenzulernen, inzwischen sehr leicht zu befriedigen. Rastlos, getrieben, anpassungsfähig und flexibel bewegen wir uns durch die Welt, immer auf der Suche danach, unser eigenes Glück zu maximieren. Was dabei jedoch meist auf der Strecke bleibt, ist Beständigkeit, Dauerhaftigkeit. An einem Ort festzuwachsen, an dem man jeden Winkel kennt, dessen Geräusche und Gerüche uns vertraut sind und wo Menschen leben, die uns wichtig sind und mit denen uns Erlebnisse verbinden, an die wir uns gerne zurückerinnern. In Hannes Waders Song geht es um beides: Um die Sehnsucht nach der Ferne (Fernweh) und auch um den schmerzlichen Verlust der eigenen Heimat (Heimweh). 

Wenn ich an meine Heimat zurückdenke, in der ich geboren und aufgewachsen bin (Thüringen), dann fallen mir auf Anhieb zahlreiche Bilder, Erinnerungen, Gerüche, Geräusche, Gefühle, Stimmen und Melodien, Speisen und Traditionen ein, die ich mit diesem Ort verbinde. Beispielsweise erinnere ich mich an die leckeren Thüringer Klöße, die es immer sonntags zum Mittagessen bei meiner Oma gegeben hat und an die kleinen Toastbrotwürfel (Kräckerchen haben wir sie immer genannt), die meine Oma immer liebevoll in den Klößen versteckt hat. Ich denke an die alte Speisekammer meiner Großeltern und an den Geruch der Knackwürste, die dort immer an der Decke hingen. Ich denke an fröhliche, unbeschwerte Kindergeburtstage mit Topfschlagen und Mehlschneiden und an heiße Sommertage beim Baden mit Tschisi-Eis und Botinchen mit der (roten oder grünen) Kaugumminase. Ich denke an unsere alte Scheune, in der wir im Heu herumsprangen, an den Hühnerstall und das Gegacker der Hühner und an die große, in die Jahre gekommene Zinkwanne im verstaubten Schuppen, in der die Körner drin waren, die wir jeden Tag an die Hühner verfütterten. Ich denke daran, wie wir nach der Schulspeisung immer in Windeseile mit unserem schweren, überdimensionalen Scout-Schulranzen nach Hause gerannt sind, um ja nicht den Anfang der Kickers zu verpassen und an Nachmittage auf dem staubigen Bolzplatz mit Freunden und an aufgeschürfte Knie. Ich denke an andere Nachmittage, an denen wir mit Freunden stundenlang in den Kirschbäumen gesessen und uns die Bäuche mit Süßkirschen vollgeschlagen haben. Ich denke daran, als wir mit sämtlichen Kindern aus dem Dorf gemeinsam im Wald verstecken gespielt haben und an den großen Kastanienbaum, der uns zum Zählen diente. Ich denke an stundenlanges Schaukeln im Garten mit meiner Schwester, bei dem wir alle möglichen Lieder gesungen haben und das gegen jedes Trübsal half. An den Spaziergang zum Bäcker Sonntag Morgen, bei dem es die allerbesten Brötchen gab und bei dem wir Kinder immer Dreh-und-Trink-Flaschen bekommen haben, die zuckersüß schmeckten. Ich kenne noch genau den Geruch der Klassenzimmer in meiner alten Grundschule und auch die langen Gänge in meinem alten Gymnasium. Ich denke an das Kulturhaus, in das wir zu Jugendzeiten immer an den Wochenenden zum Tanzen gegangen sind und an meine damalige Lieblings-Coverband Swagger. All diese Erinnerungen berühren mich auch heute noch sehr, wenn ich an sie zurückdenke, und sie stimmen mich nicht nur fröhlich. Die Tatsache, dass all dies nun der Vergangenheit angehört und dass einige Menschen, die ich mit dieser wunderbaren Zeit verbinde, nicht mehr leben, überfällt mich ebenso mit Wehmut und Traurigkeit. Wenn ich an meine Kindheit und Jugend und somit an meine Heimat von damals zurückdenke, dann gibt es in mir eine Seite, die großes Heimweh verspürt und dies ungeachtet der Tatsache, dass ich inzwischen ein gutes Leben im Süden von Deutschland führe, ich eine eigene kleine, glückliche Familie habe und dass ein tatsächliches Zurückkehren in meine alte Heimat unrealistisch wäre und keine Zukunft für mich versprechen würde, denn zu mau und unattraktiv sehen meine beruflichen Chancen dort aus. Doch was der Kopf rational weiß, muss das emotional fühlende Herz nicht verstehen, denn Heimat, das ist einfach etwas Magisches, etwas Zauberhaftes. Es ist mehr als nur ein Ort. Es ist ein Gefühl, es sind nostalgische Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, die wir nicht selten idealisieren, denn natürlich war nicht alles schön. Doch wieso hat unsere Heimat, auch nachdem wir sie verlassen haben, noch eine solch anziehende Wirkung auf uns? 

An dem Ort, den wir Heimat nennen, gibt (gab) es einen festen Platz für uns. Wir haben (hatten) ein eigenes Bett, einen für uns vorgesehenen Stuhl im Klassenzimmer und eine eigene Rückennummer auf dem Fußballtrikot, die Verkäuferin in der Bäckerei grüßt(e) uns jeden Morgen, unsere Klassenkameraden kennen (kannten) wir bereits aus dem Kindergarten und wir werden (wurden) jedes Jahr auf die gleichen Geburtstage von Verwandten und Freunden eingeladen. Heimat bedeutet also vor allem eines, nämlich Sicherheit, Geborgenheit, Zugehörigkeit und Stabilität. Wir kennen uns aus und leben nach wiederkehrenden Routinen, wodurch es wenig Fremdartiges und somit wenig Bedrohliches gibt. Jeder, der schon einmal umgezogen ist, weiß, wie komplex, unüberschaubar und fremd einem ein neuer Wohnort in der ersten Zeit erscheinen kann und wie wenig heimisch man sich dort fühlt. Erst, wenn wir unseren Mut zusammennehmen und uns hinaus wagen, um erste Eindrücke und Erfahrungen mit dem neuen Wohnort zu sammeln (z.B. sich beim Sport anmelden oder die neuen Arbeitskollegen besser kennenlernen), reduziert sich diese anfängliche Komplexität und die neue räumliche Umgebung wird zunehmend vertrauter, vorhersehbarer und sicherer. Hier spielen sich also im Hintergrund auch ganz simple, primitive, evolutionäre Mechanismen ab, denn in einer fremden Umgebung ohne festen sozialen Verband bin ich allein und ungeschützt und laufe Gefahr, nicht zu überleben. Unsere Gene haben noch längst nicht kapiert, dass wir in der heutigen Zeit auch ganz gut alleine klarkommen können. Ein anderer Grund, warum Heimat für uns so magisch und besonders ist, liegt außerdem darin begründet, dass dies der Ort ist, an dem wir als Kind zum allerersten Mal die Welt mit all unseren Sinnen erkundet und kennengelernt haben. Die ersten Schritte als Baby, das erste Spielen im Sandkasten, die ersten Freundschaften, das erste Mal woanders übernachten, das erste Mal Fahrrad fahren, eingeschult werden, das erste Mal verliebt sein, das erste Mal enttäuscht werden, das erste Mal in die Disco gehen, die erste Zigarette probieren, den Schulabschluss machen. All dies sind äußerst prägende Ereignisse, die wir emotional sehr intensiv erleben, die uns für immer im Gedächtnis bleiben werden und die wir für immer mit unserem Heimatort in Verbindung bringen werden.

Der Ort, an dem wir aufwachsen, prägt und formt außerdem, wie wir die Welt sehen und er beeinflusst, was wir normal finden und was nicht. Verlässt man seine Heimat, sind herkunftsbedingte Missverständnisse daher vorprogrammiert. Als ich vor 13 Jahren meine Heimat Thüringen verlassen habe und in den darauffolgenden Jahren verschiedene andere deutsche Bundesländer bewohnte, wurden missverständliche und unangenehme Vorkommnisse mit meinen Mitmenschen zu meinem ständigen Begleiter. Wenn ich an der Bäckertheke nach einem Pfannkuchen fragte, wurde ich seltsam beäugt, wenn ich die Uhrzeit mit „viertel drei“ oder „dreiviertel sechs“ angab, verstand mich plötzlich keiner mehr, wenn ich meine Mitmenschen lieber per Handschlag begrüßte anstatt Wangenküsschen zu verteilen, war mein Gegenüber regelmäßig irritiert und als ich mich nach einer Feier von einer Kommilitonin verabschieden wollte und sagte „ich mache mich dann los“, hallte mir großes Gelächter entgegen. Ich fühlte plötzlich das Gegenteil von Zugehörigkeit, denn, wohin ich auch ging, schien ich auf einmal gegen sämtliche offenbar in meiner neuen Lebensumgebung herrschende Benimmregeln und Sprachgepflogenheiten, mit denen ich schlichtweg nicht vertraut war, zu verstoßen und als Sonderling aufzufallen. Eine Vielzahl der Sprach- und Verhaltensstandards, die ich einst als Kind in meiner früheren Heimat gelernt und verinnerlicht hatte, konnten mir plötzlich nicht mehr länger dienlich sein, um mich in meiner neuen Lebensumwelt zurechtzufinden. Ich fühlte mich plötzlich gesellschaftsfremd und deplatziert. Plötzlich entstand ein Gefühl des Abgelehnt-Werdens und des Nicht-Dazu-Gehörens und das ist für uns Menschen, die wir ja soziale Wesen sind, fast unerträglich. Um zu verhindern, dass wir uns ausgeschlossen fühlen, werden wir daher in der Regel große Anstrengungen unternehmen, um auch am neuen Lebensort schnell wieder Zugang zur Gesellschaft zu finden und Teil einer sozialen Gruppe zu werden.

Aber noch etwas bringt der Verlust der eigenen Heimat mit sich: Wenn wir uns mit einem bestimmten Heimatort verbunden fühlen, wenn wir dessen Werte, Normen und Eigenheiten in uns aufgenommen haben, wenn wir gelernt haben, seine typische Sprache zu sprechen und nach seinen typischen Traditionen zu leben, dann hat all dies auch dazu beigetragen, dass wir eine bestimmte Persönlichkeit, eine bestimmte Identität entwickelt haben. Gewissermaßen kann man sagen, wir SIND unsere Heimat, denn in ihr wurde im Laufe unserer Kindheit unsere Identität zum allerersten Mal konstruiert. Doch in dem Moment, in dem wir unsere Heimat verlassen und in die Fremde ziehen, lassen wir all diese Wurzeln, die unsere Identität ausmachen, zurück. Plötzlich keimen Fragen auf wie „Wo ist nun mein Platz?“, „Welche Menschen stehen mir jetzt noch nahe?“, „Wer war ich früher?“ und „Wer bin ich heute?“. Wie wichtig der eigene Heimatort für die eigene Identität ist, wird besonders dann deutlich, wenn gravierende Umbaumaßnahmen bevorstehen, die in aller Regel von einem Großteil der Bürger des Heimatortes abgelehnt oder sogar mit Protest und Demonstrationen beantwortet werden. Die alte Schule, die saniert werden und einen frischeren Anstrich bekommen soll, der kleine Tante Emma Laden um die Ecke, der nun durch einen gigantischen Supermarkt mit grellen Leuchtbuchstaben ersetzt werden soll oder auch das Stückchen Wald, das nun gerodet und einer Schnellstraße weichen muss. All solche Veränderungen machen das Leben in einem Ort nicht nur moderner und futuristischer, nein, es stürzt die Bewohner dieses Ortes häufig auch in Trauer, da sie mit ihrem Wohnort zahlreiche eigene emotionale Erlebnisse und Erinnerungen verbinden, die durch die Umbaumaßnahmen gleich miterschüttert werden. Dies macht deutlich, wie identitätsstiftend Orte und Umgebungen für uns Menschen sein können und wirft die Frage auf, wie man noch ein und dieselbe Person bleiben kann, wenn sich die Umgebung plötzlich verändert. Seine Heimat durch Wegzug zu verlieren, bedeutet demzufolge nicht nur, ein großes Stück Identität zurückzulassen, sondern es heißt auch, umso mehr gefordert zu sein, seine Identität am neuen Wohnort wiederzufinden und zu stabilisieren. Für jemanden, der gläubig ist und an seinem alten Wohnort regelmäßig die Kirche besucht hat, könnte es daher zum Beispiel heilsam sein, dass er sich auch am neuen Wohnort schnell einer Glaubensgemeinschaft anschließt und in Zukunft auch dort wieder in die Kirche geht.

Die britische Psychologin Margaret Stroebe bezeichnet Heimweh als eine Art Trauer. Während Menschen, die nahe Angehörige durch Tod verloren haben, um ebendiese Personen trauern, trauern Menschen mit Heimweh um eine verloren gegangene Umgebung, veränderte Alltagsroutinen und um den Verlust von vertraut gewordenen Gerüchen, Geräuschen und anderen Sinnesempfindungen, die mit der früheren Heimat verbunden sind. Das Buch „Flucht vor der Heimat – ewige Trauer oder Aufbruch zu neuen Ufern?“ schlägt vor, dass zwei Dinge gleichsam darüber entscheiden, ob jemand es schafft, einen guten Umgang mit seinem Heimweh zu finden oder nicht: Zum Einen komme es darauf an, wie man mit der eigenen Sehnsucht nach der alten Heimat umgeht, zum Anderen sei wichtig, dass man sich bemüht, sich dem neuen Wohnort gegenüber aufzuschließen und gewillt zu sein, sich an diesen neu anzupassen. Anders ausgedrückt könnte man auch sagen, dass sowohl der Blick zurück in die Vergangenheit als auch der Blick nach vorn in die Zukunft gleichwertig bedeutsam scheinen. Jemand, der immer nur zurück schaut, seine frühere Heimat permanent vermisst und sich selbst dauerhaft bemitleidet, wird kaum in der Lage sein, seiner neuen Heimat etwas Positives abzugewinnen geschweige denn sich überhaupt auf diese einzulassen. Umgekehrt, wird jemand, der sich sofort in ein völlig neues Leben am neuen Wohnort stürzt, sehr wahrscheinlich irgendwann von starken Heimweh-Gefühlen eingeholt werden. Genauso wie in der Trauer um einen verstorbenen Menschen pendeln Menschen mit Heimweh permanent hin und her zwischen einem hoffnungsvollen, enthusiastischen Blick in die Zukunft und einem trauernden, schmerzhaften Blick in die Vergangenheit (vgl. Duales Prozessmodell der Trauerbewältigung nach Stroebe & Schut, 1999). Während zu Beginn eines Wohnortwechsels sich noch beide Zustände – der enthusiastische und der trauernde – einigermaßen gleichmäßig abwechseln, sollte – vorausgesetzt, die betreffende Person ist ernsthaft darum bemüht, sich den neuen Wohnort zu eigen zu machen – die Trauer mit der Zeit abnehmen und die Freude am neuen Wohnort überwiegen. Positiv zu vermelden in diesem Trauerprozess ist außerdem, dass es uns die modernen Zeiten von Social Media inzwischen deutlich erleichtern, den Kontakt zu unserer alten Heimat zu halten, indem wir auch über große räumliche Distanzen hinweg die Verbindung zu uns wichtigen Menschen aufrechtzuerhalten imstande sind und wir sogar per Video miteinander kommunizieren können, fast so, als säße man tatsächlich nebeneinander.

Eine Metapher, die man gut mit dem Thema Heimat und Identität in Zusammenhang bringen kann, ist der Baum. Dort, wo unsere Heimat ist, sind wir verwurzelt; haben wir dagegen unsere Heimat verlassen, fühlen wir uns häufig entwurzelt. Daher wird der Baum gerne auch in der Therapie eingesetzt, um Menschen dazu einzuladen, in sich hinein zu spüren und sich selbst, ihre Identität, ihre Herkunft und ihre Werte besser kennenzulernen. Eine ganz spezielle Selbstwahrnehmungstechnik ist „der Rosenbusch“, der vom US-amerikanischen Psychologie-Dozent John O. Stevens entwickelt wurde und eine klassische gestalttherapeutische Methode darstellt, die ich selbst bereits zahlreich in der Therapie eingesetzt habe. Es ist eine kleine Phantasiereise, eine Wahrnehmungsübung, zu der ich euch hiermit einladen möchte. Sucht euch ein gemütliches Plätzchen, vielleicht in einem weichen, bequemen Sessel oder auch auf einer weichen Decke auf dem Boden, und lasst die nachfolgenden Fragen und Anregungen auf euch wirken. Wenn ihr wollt, könnt ihr die Fragen im Stillen für euch beantworten. Achtet darauf, welche eurer Körperteile sich während der Übung bemerkbar machen, indem sie sich beispielsweise mehr verspannen und verkrampfen; solltet ihr das bemerken, so versucht, die Spannung behutsam zu lösen und euren Körper anders auszurichten. Ihr könnt eure Augen während der Übung schließen oder offen lassen. Es empfiehlt sich, die Übung zu zweit mit einer euch vertrauten Person zu machen. Die nachstehende Version ist meine abgewandelte Form des Originals. 

„Stell dir vor, du bist ein Rosenbusch. Aus deinen Füßen erwachsen Wurzeln, dein Körper ist der Stamm und deine Arme sind die Äste und Zweige, an denen Knospen, Blüten und Blätter entspringen. 

Was für eine Art Rosenbusch bist du? Bist du besonders groß oder eher klein? Bist du sehr breit und dick oder eher dünner und schmächtiger? 

Wo wächst du? In was für einem Boden steckst du? Fühlt der Boden sich eher fest und hart an oder ist er eher locker und weich? Wieviel Spielraum lässt der Boden dir, um dich zu bewegen?

Deine Wurzeln sind tief in der Erde verankert. Spüre nach, wie sie sich anfühlen. Sind sie besonders fest verankert oder eher locker? Geben sie dir Halt oder fühlst du dich eher wackelig? Sind es viele Wurzeln oder eher wenige? Sind sie lang und reichen sehr tief in die Erde hinein oder sind sie eher kurz und befinden sich eher an der Erdoberfläche? Was brauchst du, um dich sicherer, fester, standhafter zu fühlen? 

Wie ist dein Stamm? Ist er dick und kräftig oder eher dünner und schwächer? Ist er starr und fest oder eher biegsam und flexibel?

Wie sind deine Äste und Zweige? Sind sie dick und kräftig oder eher dünner und schmächtiger? Sind sie starr und fest oder eher biegsam und flexibel?

Wie sind deine Knospen, Blüten und Blätter? Sind es viele Knospen, viele Blüten und Blätter oder eher wenige? Sind die Blüten prächtig und farbenfroh oder eher mickrig und farblos? Halten die Blüten und Blätter dem Wind stand oder werden sie davon geweht? 

Wo liegen deine Kraftquellen? Woher beziehst du deine Kraft? Was brauchst du, um gut wachsen und gedeihen zu können?

Wie sieht es in deiner Umgebung aus? Stehen dort weitere Büsche, Bäume, Blumen? Sind es viele oder eher wenige? Wie fühlst du dich in der Umgebung, in der du stehst? Fühlst du dich in guter Gesellschaft oder fühlst du dich eher einsam und allein oder gar bedroht? 

Wie geht es dir im Wechsel der Jahreszeiten? Wie leicht können dich raue oder veränderte Bedingungen erschüttern? Wer oder was hilft und unterstützt dich dabei, widrige Zeiten zu überstehen? Was brauchst du, um dich von schlechten Einflüssen und Einschnitten wieder gut erholen zu können? 

Versuche immer mehr, zu erspüren, wer du bist und was dir zustößt. Entdecke alle Einzelheiten darüber, wie es ist, ein Rosenbusch zu sein.“

Wenn ihr wollt, könnt ihr, nachdem ihr euch in euren Rosenbusch eingefühlt habt, diesen auch aufmalen und somit bildlich veranschaulichen. Wie ihr euch selbst in dieser Übung wahrnehmt, kann mitunter Einiges über eure eigene Identität, über eure eigenen Wurzeln verraten. Wer bin ich? Was macht mich aus? Was ist typisch für mich? Es ist eine Einladung, sich wirklich intensiv und begleitet von sämtlichen Emotionen mit sich selbst auseinanderzusetzen. Wo komme ich her und wo gehöre ich hin? Was ist von dem, wer ich einst war, heute noch übrig? Kindheit und Jugend, das ist eine unwahrscheinlich prägende Zeit und egal, wohin wir als Erwachsene gehen, wir nehmen immer ein Stück mit davon und tragen es in uns wie kleine Mosaiksteinchen. Verändert sich unsere Umgebung, fühlen wir uns oft nicht mehr vollständig, nicht mehr authentisch, nicht mehr stimmig. Wie kann ich also meine aktuelle Lebensumwelt so beeinflussen, dass ich mich wieder vollständiger, authentischer, stimmiger fühle? In einer Welt, die sich stets und ständig verändert, scheint es permanent notwendig, sich selbst und seine Identität immer wieder neu finden und stabilisieren zu müssen. Dies ist und bleibt ein dynamischer, nie endender Prozess.

One Response

  1. Netti
    Netti 14. April 2020 at 14:13 |

    Schön geschriebener Text. Berührt mich sehr!

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