Psychofutter: Regulationsstörung

Angestoßen von dem stark umstrittenen Dokumentarfilm „Elternschule“, den ich mir vor einiger Zeit im Fernsehen angeschaut habe und den ich – ganz ähnlich wie viele andere Zuschauer auch – äußerst grenzwertig fand, ist mir das Thema Regulationsstörungen wieder ins Gedächtnis gerückt. Zum ersten Mal habe ich in einem Seminar während meines Psychologiestudiums von diesem Phänomen gehört, als wir uns haufenweise Videos angeschaut haben, in denen sowohl gesunde als auch ungesunde Interaktionen zwischen Eltern und ihren Babys zu sehen waren. Während mit dem Begriff Regulationsstörung früher vorrangig „Schreibabys“ gemeint waren, subsumieren sich heute eine ganze Reihe von Anpassungsstörungen darunter, zu denen neben dem dauerhaften Weinen bzw. Schreien vor allem auch Störungen des Schlafverhaltens und des Essverhaltens gehören. Der früher oft gebräuchliche und sich leider auch heute noch immer sehr hartnäckig haltende Ausdruck des sogenannten „Schreibabys“ ist für die Ursachenforschung und somit auch für mögliche Behandlungsansätze sehr ungünstig, scheint er nämlich ausschließlich das Kind in den Problemfokus zu rücken, während er die Rolle der Eltern oder auch die Beziehungsdynamik zwischen Eltern und Kind vernachlässigt. Vermutlich ist dies auch mit ein Grund, weshalb sich Anfang der 90er Jahre dann der sehr neutral anmutende Begriff ‚Regulationsstörung‘ durchgesetzt hat, da dieser keinen irreführenden Hinweis darauf gibt, wer die Verhaltensauffälligkeiten vom Kind zu „verschulden“ hat. Fakt ist, trotz zahlreicher Untersuchungen im Bereich der frühkindlichen Regulationsstörungen handelt es sich hierbei um ein Phänomen, über das wir bislang nur wenig wissen. Bekannt ist, dass der Zeitpunkt der Geburt eines Babys keine Rolle für regulatorische Auffälligkeiten zu spielen scheint, das heißt, dass unter allen Babys, die entweder deutlich früher als geplant zur Welt kommen (sprich Frühgeburten), die pünktlich zum errechneten Geburtstermin geboren werden oder die erst deutlich danach geboren werden, gleich viele Babys regulationsgestörtes Verhalten zeigen. Gemäß Papoušek sei jedes vierte oder fünfte ansonsten gesunde Kind zumindest vorübergehend von Regulationsstörungen betroffen, unabhängig von seinem Reifestand bei der Geburt. Studien weisen außerdem darauf hin, dass unter gestillten Kindern und Flaschenkindern gleich viele Schreibabys zu finden seien und dass es Schreibabys nicht nur in den westlichen Industrienationen gibt, sondern zum Beispiel auch in afrikanischen Naturvölkern, in denen Babys und Kleinkinder noch sehr viel getragen werden und somit viel engen Körperkontakt zur Mutter genießen. Was also trägt dazu bei, dass Regulationsstörungen entstehen? Was unterscheidet regulationsgestörte Babys und Kleinkinder von denen, die sich gut zu regulieren imstande sind?

Während das Baby im Mutterleib bestens versorgt war und es sich selbst um nichts kümmern brauchte, ändert sich das schlagartig mit der Geburt, müssen Babys sich nämlich von nun an selbst regulieren, das heißt, sie müssen beispielsweise selber atmen, ihre Körpertemperatur halten und sich durch Schreien bemerkbar machen, wenn sie körperliche Nähe, Nahrung, Unterhaltung, Einschlafbegleitung oder eine frische Windel benötigen. Das ist ganz schön viel auf einmal und so ist es verständlich, dass Babys Zeit brauchen, um all das zu lernen. Doch sie schaffen das nicht alleine, sondern sind dabei dringend auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen, sind Babys schließlich zum Zeitpunkt der Geburt unreif, hilflos und abhängig, ihre motorischen Fertigkeiten äußerst beschränkt und um sich ihren Bezugspersonen mitzuteilen, bleibt ihnen vorerst nur die Möglichkeit, zu weinen. Adolf Portmann, ein Schweizer Biologe und Anthropologe, prägte hierfür den in viele wissenschaftliche Bücher eingegangenen Begriff der „physiologischen Frühgeburt“, der besagt, dass menschliche Babys im Vergleich zu tierischen Babys viel zu früh geboren werden, nämlich in einem Zustand völliger Gehirnunreife und absoluter Abhängigkeit von ihren Eltern. Man stelle sich nur einmal vor, dass eine Antilope in der afrikanischen Savanne ähnlich unreif wie der Mensch zur Welt kommen würde. Was würde passieren? Richtig, sie hätte nicht den Hauch einer Chance, zu überleben, und würde auf der Stelle von einem hungrigen Tiger gefressen werden, denn dieser wartet nicht, bis die Antilope laufen gelernt hat. Wieso also lässt die Evolution den Menschen so derartig hilflos und abhängig zur Welt kommen, wo er doch als das intelligenteste Lebewesen der Welt gilt? Ist das nicht ein Widerspruch? Nun, dazu gibt es etliche Theorien. Eine davon – ebenfalls von Portmann angeregt – erklärt, dass das menschliche Gehirn sich „bewusst“ erst dann entwickeln soll, wenn der Mensch nach der Geburt Teil eines sozialen Verbandes geworden ist, also in engen Kontakt kommt mit den eigenen Eltern, Verwandten sowie anderen Bekannten drumherum. Dies habe den Vorteil, dass das Gehirn eines Babys sich an seine Umweltbedingungen anpasst und sich nicht bereits isoliert im Mutterleib entwickeln konnte, wo die situative und kulturelle Umgebung noch keinen Einfluss nehmen kann. Celeste Kidd, eine amerikanische Psychologin, geht sogar soweit, zu vermuten, dass die Menschen sich vermutlich auch genau deshalb zu solch intelligenten Wesen entwickeln konnten, eben weil ihre Babys so unreif geboren werden, denn Babys, die nichts alleine können, brauchen Eltern, die besonders viel können, um den Babys möglichst viel beizubringen. Vielleicht ist es aber auch gar nicht die Evolution, die den Menschen zu einer solch evolutionierten Superspezies hat entwickeln lassen, sondern vielleicht ist es auch der Mensch selbst, der der Evolution schlichtweg in ihr Handwerk pfuscht, indem er durch zunehmend bessere Lebensbedingungen (wie medizinische Versorgung, Hygiene, sauberes Trinkwasser oder ein differenzierteres Nahrungsangebot) seine Lebensdauer zu verlängern vermag und sich dadurch sowohl seine Physis als auch seine Psyche zunehmend weiterentwickeln, ausdifferenzieren und spezialisieren. Wir wissen es nicht und können darüber nur spekulieren. Aber was hat all das jetzt mit Regulationsstörungen zu tun?

Der Ausgangspunkt für eine Regulationsstörung scheint, wie bereits oben beschrieben, darin begründet zu sein, dass Babys – so unreif sie bei der Geburt nun einmal sind – eben nicht über die Fähigkeit verfügen, sich selbst zu regulieren. Sie können sich nicht selbst beruhigen, sich nicht selbst ernähren und auch nicht selbst in den Schlaf finden, sondern sie sind in allen Belangen darauf angewiesen, dass ihre Bezugspersonen ihnen dabei helfen. Da die Kommunikation zwischen Eltern und Kind unmittelbar nach der Geburt sowie in den ersten Monaten und Jahren zunächst einmal nonverbal abläuft, erfordert dies von den Bezugspersonen ein hohes Maß an Intuition und Feinfühligkeit, damit sie die Bedürfnisse ihres Babys erkennen und angemessen und prompt beantworten können. Indem das Baby durch sein Schreien Hilfe einfordert und diese auch in angemessener Form zeitnah von den Eltern bekommt, lernt es mit der Zeit, dass es selbst etwas dafür tun kann, damit es ihm gut geht, dass es Nahrung bekommt, wenn es Hunger hat, dass es einschlafen kann, wenn es müde ist oder dass es beschäftigt wird, wenn ihm langweilig ist. Oder kurz gesagt: Es kann (und muss) selbst etwas dafür tun, um zu überleben, indem es dafür sorgt, dass seine Bezugspersonen für es aktiv werden. Die Regulationsfähigkeit eines Babys kann sich also ausschließlich im Zusammenspiel mit einer liebevollen und verfügbaren Bindungsperson entwickeln. Doch was passiert, wenn dieser Prozess gestört wird?

Eine sehr interessante Studienreihe um Harlow, die untersuchte, wie sich mütterliche Fürsorge auf die Entwicklung von kleinen Menschenaffen auswirkte, konnte hierzu sehr bindungsrelevante Erkenntnisse darlegen: So konnte bei Makaken-Äffchen, die direkt nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt wurden (über die ethischen Grundlagen dieser Studie kann man durchaus streiten) und die alleine in einen Käfig gesetzt wurden, in welchem sich sowohl eine (unechte) Ersatzmutter aus weichem Frotteestoff sowie eine (ebenfalls unechte) Ersatzmutter aus kaltem Drahtgestell, jedoch mit einer Milchflasche in der Hand befanden, gezeigt werden, dass diese nahezu ausschließlich auf der weichen Frottee-Mutter lebten, diese selbst dann nicht verlassen wollten, wenn sie hungrig waren und wenn sie dann doch Nahrung aufnehmen wollten (mussten), dies auf umständliche Weise taten, indem sie weiterhin an der Frottee-Mutter festhielten, was natürlich fiel schwieriger war, da die Milchflasche sich ja an der Draht-Mutter befand. Die Forscher schlossen daraus, dass unser Bedürfnis nach Wärme, Geborgenheit und Nähe viel größer ist als unser Bedürfnis nach Nahrung. In einer späteren Untersuchung gingen die Forscher noch einen Schritt weiter und setzten neugeborene Äffchen alleine in einen Käfig, in dem entweder nur eine Frottee-Mutter mit Milchflasche oder nur eine Draht-Mutter mit Milchflasche zu finden war. Dabei untersuchten sie neben der Menge der aufgenommenen Nahrung auch das Verhalten der kleinen Äffchen in Stresssituationen. In beiden Käfigen tranken alle Äffchen gleich viel, es gab im Trinkverhalten aller Affen also keine signifikanten Unterschiede, doch während die Äffchen, die mit der Frottee-Mutter aufwuchsen, sich scheinbar normal verhielten, zeigten die Äffchen, die mit der Draht-Mutter aufwuchsen, deutliche Verhaltensauffälligkeiten: Wurden die Äffchen nämlich mit angstauslösenden, unbekannten oder lauten Reizen konfrontiert (z.B. Trommelgeräuschen), suchten die Äffchen der Frottee-Mutter diese umgehend auf, beruhigten sich dort rasch und waren danach wieder zum Explorieren ihrer Umgenung bereit, während die Äffchen, die von der Draht-Mutter versorgt wurden, diese nicht aufsuchten und sich stattdessen auf den Boden warfen, sich zusammenkauerten und vor sich hin schrien. Gemäß Harlow konnten die Äffchen zu ihrer weichen, gemütlichen Frottee-Mutter so etwas wie Bindung aufbauen, da sie sich bei dieser geborgen und warm fühlten und ihr gerne nah waren; Selbiges konnte nicht für die Draht-Mutter nachgewiesen werden. Das Forscherteam schloss daraus, dass auch wir Menschen Wärme, Geborgenheit und Nähe brauchen, damit wir uns psychisch gesund entwickeln können (Quelle).

Interessant an der ganzen Studienreihe ist außerdem, dass diese um 1958 herum durchgeführt wurde. Hält man sich vor Augen, dass die Forschung schon damals eindeutige Hinweise dafür liefern konnte, welchen (psychischen, seelischen) Schaden ein (Affen-)Baby erleiden kann, wenn es keine Wärme, Geborgenheit, Nähe, Fürsorge oder Liebe von seinen Bezugspersonen erhält, dann erscheint es ungeheuerlich, zu wissen, dass dies damals auch die Zeit war, in der es noch ganz üblich war, Babys schreien zu lassen, da dies ja angeblich die Lungen kräftige oder verhindern würde, dass man sein Baby zu sehr verwöhnt. Tatsächlich kann das Schreienlassen eines kleinen, wehrlosen, abhängigen, schutzbedürftigen Babys, das auf seine Bezugspersonen angewiesen ist, drastische Folgen haben. So kann damit verhindert werden, dass ein Baby lernt, Urvertrauen zu seinen Bezugspersonen aufzubauen, da diese seine Bedürfnisse nur sehr unzuverlässig beantworten. Das Baby wird zunehmend emotional unsicher, hat keinerlei Vertrauen in die Verfügbarkeit seiner Bezugspersonen und entwickelt Ängste, die auch im Kontakt mit seiner Umwelt spürbar werden. Auch hat ein immer wieder schreien gelassenes Baby kaum eine Chance, Selbstbewusstsein oder Selbstwirksamkeit zu entwickeln, da es sich selbst nicht von den Eltern gesehen und angenommen fühlt, es sich somit nicht als wertvolle Person erlebt und es weiterhin die Erfahrung macht, dass, egal wie es sich verhält, es keine verlässliche, konsistente Strategie findet, um seine Eltern dazu zu bewegen, dass diese seine Bedürfnisse befriedigen. Das Baby in seiner Not immer wieder zu ignorieren und alleine zu lassen, führt außerdem dazu, dass das Baby Todesangst durchlebt, was – wie übrigens bei allen Säugetieren – ein evolutionäres Notfallprogramm in Gang setzt, nämlich, das Baby wird stumm, erstarrt, gefriert. Leider hat dies in der Vergangenheit viele Eltern (und auch Fachleute) fälschlicherweise dazu bewogen, daraus zu schließen, dass das Baby wohl offenbar erfolgreich gelernt hat, alleine einzuschlafen, ist es doch nach wenigen Nächten des Schreienlassens plötzlich ganz „brav“, wenn man es in sein Bettchen legt und verhält sich ruhig, schläft vielleicht sogar auf den ersten Blick ein. In Wirklichkeit hat das Baby jedoch nur eines gelernt: Nämlich, dass niemand kommen wird, der auf sein Schreien reagiert. Das Baby kann nun mal nichts anderes tun als zu schreien, wenn es etwas braucht und so kräftezehrend, frustrierend oder ohrenbetäubend es sein kann, wenn das eigene Baby viel schreit, so groß ist seine Not, dass wir es lieb haben und ihm helfen, das zu bekommen, was es braucht. Auch ich habe nach der Geburt meiner Kinder öfter den Rat“schlag“ bekommen, sie doch auch mal schreien zu lassen, müssten Babys schließlich dazu erzogen werden, sich den (Schlaf-)Bedürfnissen der Erwachsenen anzupassen und zu gehorchen oder gar nach einem festen Zeitplan Nahrung aufzunehmen. Doch egal wie unsicher man gerade beim ersten Kind ist, dies war zu jedem Zeitpunkt meines Mutterdaseins völlig entgegen meiner eigenen Intuition. Keines meiner Kinder musste auch nur ein einziges Mal alleine schreien oder hat nur in einem festen Rhythmus etwas zu essen bekommen (unter anderem habe ich diese Tipps tatsächlich auch von einer Hebamme bekommen; ein Grund, warum ich mich bei unserem zweiten Kind gegen eine Hebamme entschieden habe). Es macht mich innerlich noch immer wütend, dass derartige Praktiken selbst in der heutigen Zeit noch empfohlen werden. Tatsächlich hat mich auch während meiner Arbeit in einer Erziehungsberatungsstelle in den letzten Jahren kein anderes Thema so derart in Bedrängnis gebracht wie dieses Thema des Schreienlassens, war ich nämlich gegenüber Eltern, die mir enthusiastisch davon berichteten, wie erfolgreich sie ihren Babys mithilfe von (fragwürdigen) Ratgebern wie „Jedes Kind kann schlafen lernen“ das Alleineschlafen beibrachten, doch immer wieder gefordert, mich dazu in einer fachlich und sozial angemessenen Art und Weise zu positionieren, ohne mein Gegenüber vor den Kopf zu stoßen, fand ich derartige „Schlaftrainings“, wie sie gerne genannt werden, nämlich einfach nur grausam, brutal und primitiv. Babys und Kleinkinder lernen keinen Gehorsam. Vielmehr haben sie die instinktive Bereitschaft, alles zu tun, was eine harmonische Bindung zur Bezugsperson fördert und alles zu unterlassen, was ebendiese Bindung schädigt. Gehorsam zu sein, bedeutet, sich dem Willen einer Autoriät unterzuordnen und seine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, doch Babys können das nicht. Ein kleines Wesen, das nichts, aber wirklich gar nichts alleine kann, hat keine andere Wahl als egoistisch zu sein und durch vehementes Schreien seine Bezugspersonen davon zu überzeugen, dass es jetzt Zuwendung braucht. Dieser Egoismus, den alle Babys in sich tragen (müssen), ist überlebenswichtig; ohne ihn würden sie sterben. Das Gegenteil von Gehorsam ist ja bekannterweise Ungehorsam. Ist ein Baby, das nachts schreit, weil es vielleicht Hunger hat oder den wärmenden, schützenden Kontakt zur Mutter sucht, ungehorsam? Ist es böse, unartig, verzogen oder gar respektlos? Die Antwort lautet ganz entschieden „Nein“. Ganz dreist finde ich es übrigens, wenn Ratgeber und Elternbroschüren das Schreienlassen versuchen, zu verniedlichen, indem sie Eltern dazu raten, dass „das Baby lernen müsse, den Nachtschlaf alleine zu bewältigen“. Bei solchen Formulierungen haben Eltern schnell das Gefühl, ihrem Baby wertvolle Kompetenzen beizubringen, wenn sie es sich selbst überlassen, doch die Wahrheit ist, dass kein Baby irgendetwas alleine bewältigen kann. Es kann nicht selbst an den Kühlschrank gehen und sich einen Teller Nudeln warm machen, es kann nicht selbst aufstehen und sich eine frische Windel oder ein wärmeres Kleidungsstück anziehen, es weiß nicht, dass es im behüteten Kinderzimmer liegt, wo es keine gefährlichen Fressfeinde gibt, je nach Alter kann es sich wahrscheinlich noch nicht einmal von A nach B drehen und seine Position verändern, wenn es etwas zwickt. Kein Baby auf der ganzen Welt spielt einen Machtkampf gegen seine Eltern, wenn es schreit, sondern es möchte einfach nur überleben. Wie können wir also nur eine einzige Sekunde darüber nachdenken, ein Baby, das schreit, nicht auf den Arm zu nehmen und alles dafür zu tun, herauszufinden, was es jetzt von uns braucht?

Wenn wir von Regulationsstörungen sprechen, dann muss uns klar sein, dass die Ursachen immer auf beiden Seiten liegen können. Besonders in den ersten drei Lebensmonaten sind Anpassungsschwierigkeiten auf Seiten des Babys wahrscheinlich, das bedeutet, dass vor allem unausgereifte Organfunktionen und Blähungen durchaus dazu beitragen können, dass das Baby vermehrt Bauchschmerzen hat und deshalb viel schreit. Die Eltern können dann versuchen, ihrem Baby mit verschiedenen Methoden (z.B. Gabe von Kümmel-/Fencheltee oder auch Sab Simplex) zu helfen. Jenseits der ersten drei Lebensmonate sollten jedoch auch andere Ursachen in Betracht gezogen werden, wie zum Beispiel anhaltende elterliche Partnerschaftskonflikte, Mütter (oder Väter), die unter Depressionen leiden sowie eigene destruktive frühkindliche Bindungserfahrungen mit unseren eigenen Eltern. Dauerhaft anhaltende Partnerschaftskonflikte der Eltern können im Grunde ganz ähnliche Folgen haben wie das bereits oben beschriebene Schreienlassen von Babys. Eltern, die sich auf partnerschaftlicher Ebene ständig streiten, wenden sich ihrem Baby häufig nur sehr wechselhaft zu, während sie es öfter auch ignorieren und schreien lassen, schlichtweg, weil sie viel zu sehr mit ihrer konfliktbehafteten Partnerschaft beschäftigt sind als sensibel für die Bedürfnisse ihres Babys zu sein. Dies kann zur Folge haben, dass das Baby seine Eltern als unberechenbar, unvorhersehbar und nicht konstant verfügbar wahrnimmt und dass es, egal wie es sich verhält, nicht weiß, welche Reaktionen es von seinen Eltern zu erwarten hat. In diesem Zuge beginnt das Baby damit, sich selbst widersprüchlich zu verhalten, indem es beispielsweise einerseits Nähe sucht, während es die Eltern jedoch andererseits ablehnt. Das Baby hatte somit auch hier keine Möglichkeit, eine verlässlich funktionierende Strategie zu erlernen, wie es seine Bedürfnisse erfüllt bekommt. Leider kommt hier auch schnell eine Negativspirale in Gang: Wenn Eltern merken, dass ihre Bemühungen, die Signale ihres Babys zu beantworten, erfolglos bleiben, weil das Baby sich beispielsweise beim Schreien nicht beruhigen lässt oder es trotz aller Fütterungsversuche die Nahrung verweigert oder wieder ausspuckt, führt das bei Eltern nicht selten zu Frust, Erschöpfung und Versagensgefühlen, was wiederum zur Folge haben kann, dass Eltern ihren eigenen intuitiven Kompetenzen zunehmend weniger vertrauen, dass sie selbst stark verunsichert sind, wie sie sich dem Kind gegenüber verhalten sollen und dass sie bereits vor einer vermeintlich schwierigen Situation eine entmutigende, negative Erwartungshaltung entwickeln, mit der sie ihrem Baby begegnen und die von vornherein zum Scheitern verurteilt ist (Papoušek, 2004). An diesem Beispiel wird sehr nachvollziehbar deutlich, dass Regulationsstörungen meist auch Interaktionsstörungen sind. Weiterhin können kommunikative Entgleisungen zwischen Eltern und Kind auch daher rühren, weil einer der Eltern unter Depressionen leidet. Nicht selten sind es die Mütter, die beispielsweise nach einer schweren, mitunter traumatischen Geburt oder auch nach falschen Erwartungen darüber, wie die Mutterschaft sein würde, eine postpartale Depression entwickeln, die es ihnen schwer macht, feinfühlig auf die Signale ihres Babys einzugehen. Depressive Mütter (und auch Väter) haben häufig weniger Geduld mit ihrem Baby und reagieren unter Stress oft viel schneller aggressiv auf das Baby, sie sind häufig selbst sehr affektflach (zeigen also selbst mimisch und gestisch nicht die gesamte Palette an möglichen Emotionen) und engagieren sich deutlich weniger in der Interaktion mit ihrem Baby, sie ziehen sich häufiger zurück und haben deutlich weniger Vertrauen in ihre eigenen intuitiven Kompetenzen. In dem sehr populär gewordenen Still Face Experiment (Video ist auf Englisch) vom amerikanischen Entwicklungspsychologen Edward Tronick ist ganz deutlich zu beobachten, wie sehr Babys darunter leiden, wenn die Mutter ihnen lieblos, kalt, affektflach und unsensibel begegnet. Da die Mutter in der Regel die Hauptbezugsperson für das Baby ist (sie hat es in ihrem Bauch getragen, sie stillt das Baby, sie übernimmt den größten Teil der Elternzeit und verbringt somit deutlich mehr Zeit mit dem Baby als der Vater), sind es außerdem auch vor allem ihre eigenen frühkindlichen Bindungserfahrungen, die schwer wiegen, wenn es darum geht, wie gut es ihr gelingen wird, Bindung zu ihrem Baby aufzubauen und mit ihrem Baby zu kommunizieren (Papoušek, 2004). Alles, was die Mutter in ihrer eigenen Kindheit unbewusst darüber gelernt hat, wie man miteinander in Beziehung tritt und wie man aufeinander eingeht, tritt plötzlich wieder zu Tage und beeinflusst die Mutter in ihrem eigenen aktuellen Verhalten ihrem Baby gegenüber. Vieles davon ist der Mutter nicht bewusst. Was können Eltern also tun?

Besonders im Hinblick auf den letzten Punkt – die eigenen frühkindlichen Bindungserfahrungen – können Eltern etwas tun: Sie können sich selbst reflektieren. Auch Eltern waren früher einmal Kinder und als Kinder waren auch sie früher einmal sehr abhängig von ihren eigenen Eltern. Um in Beziehung mit ihren Eltern zu gehen und auch zu bleiben, um deren Liebe, Zuwendung und Fürsorge zu bekommen, haben sie unterbewusst gelernt, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen, von dem sie glaubten, dass ihre Eltern es sich von ihnen wünschten oder aber ein bestimmtes Verhalten zu unterlassen, von dem sie glaubten, damit die Gunst ihrer Eltern zu „verspielen“. Das war überlebensnotwendig. Daher spricht man in diesem Zusammenhang auch von (Über-)Lebensregeln oder Glaubenssätzen. Einerseits geben uns diese inneren Glaubenssätze Orientierung, anhand derer wir als Kinder unterbewusst wissen, was wir tun müssen, um geliebt zu werden, doch andererseits passiert es nicht selten, dass ebendiese Glaubenssätze uns später im Erwachsenenalter mächtig in Schwierigkeiten bringen können. Einige Beispiele solcher typischen Glaubenssätze sind „Fall nicht auf (was sollen denn die Leute denken?)“, „Ich bin nicht gut genug (das Nachbarskind hat bessere Noten als du!)“ oder „Jungen weinen nicht (ein Indianer kennt keinen Schmerz!)“. Viele unserer inneren Glaubenssätze wurden übrigens gar nicht von unseren Eltern „erfunden“, sondern reichen viele Generationen zurück und wurden von allen Familienmitgliedern immer wieder unreflektiert weitergegeben, ohne je in Frage gestellt worden zu sein. Wissend, dass Erziehungsmethoden wie das Schreienlassen und Ignorieren von kleinkindlichen Bedürfnissen eigentlich längst überholt sind und dass Eltern des 21. Jahrhunderts in Zeiten des Internets und der fortschreitenden Vernetzung und Wissensverfügbarkeit doch viel aufgeklärter darüber sein sollten, wie man achtsam und bindungsorientiert mit Babys und Kleinkindern umgeht, mutet es auf den ersten Blick frappierend an, dass derartige Praktiken auch heute noch von zahlreichen Eltern befürwortet werden. Auf den zweiten Blick jedoch ist das gar nicht so unlogisch, handelt es sich nämlich auch hierbei um verinnerlichte und leider sehr destruktive Glaubenssätze, die noch aus früheren Generationen stammen und sich bis heute hartnäckig halten, nämlich so etwas wie „Kinder müssen brav, artig und still sein“ oder „Kinder müssen gehorchen und folgsam sein“. Darunter fällt eben auch, dass sie schlafen (oder essen oder alleine spielen), wenn wir als Eltern dies wollen. Wir müssen uns darüber klar werden, dass wir häufig gar nicht so frei in unseren Entscheidungen und in unserem Verhalten sind, wie wir gerne sein wollen. Vielmehr ist Vieles in uns bereits unterbewusst angelegt und wenn wir uns selbst nicht tiefgründig genug reflektieren und uns mit unserer Herkunft, unseren Wurzeln auseinandersetzen, dann werden wir wie kleine Lemminge es unseren Eltern, Großeltern und Vorfahren gleich tun. Paul Claudel, ein französischer Schriftsteller hat einmal den weisen Satz gesagt

„Die Wahrheit hat nichts zu tun mit der Zahl der Leute, die von ihr überzeugt sind.“

Man könnte auch sagen, nur weil eine beträchtliche Anzahl unserer Vorfahren bestimmte Dinge schon immer so gemacht hat, heißt das noch lange nicht, dass sie richtig sind. Es hat sie nur bislang noch keiner in Frage gestellt. Deshalb: Babys und Kleinkinder brauchen unsere Hilfe, unsere Fürsorge, unsere Nähe, unsere Liebe. Und das verlässlich, bedingungslos und zu jeder Tages- und Nachtzeit. Denn:

„Gestillte Bedürfnisse verschwinden. Unerfüllte begleiten uns ein Leben lang.“ (Nora Imlau, deutsche Journalistin und Buchautorin).

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