Psychofutter: Selbstannahme

Bei meinem gestrigen Gemüseeinkauf bin ich über dieses Bund Möhren gestolpert, an dem gleich zwei von der Norm abweichende Möhrchen dran hingen und die ich so ansprechend und einzigartig fand, dass ich genau diesen einen Bund unbedingt mitnehmen musste. Oft werden leider genau diese unförmig anmutenden Lebensmittel im Preis gesenkt, aus dem normalen Gemüseregal herausgenommen und unter der Überschrift „krumme Dinger“ oder „Gemüse mit Schönheitsfehlern“ in eine extra dafür vorgesehene Ecke verfrachtet. Wieso eigentlich? Diese Extraplatzierung macht den Makel doch erst so richtig sichtbar, der mir so vielleicht gar nicht als Makel aufgefallen wäre. Und ich möchte auch nicht weniger Geld für dieses Gemüse bezahlen, denn nur weil es optisch von der Norm abweicht, hat es doch seinen Geschmack (seinen Wert) nicht verloren. Ich möchte nicht meckern, bin ich doch heilfroh, dass dieses Gemüse überhaupt in den Verkauf gelangt ist statt nach dem Motto „unvermittelbar“ auf dem Feld liegen gelassen worden zu sein.
 
Ähnlich wie mit makeligem Gemüse, gehen wir Menschen auch oft mit unseren eigenen vermeintlichen Makeln und Schwächen um. Wir schämen uns für unsere Tollpatschigkeit oder unser Stottern, wir überschminken Hautunreinheiten und photoshoppen unsere Beine schlanker oder wir lügen unsere Mitmenschen an und erfinden Ausreden, dass wir am Freitagabend leider nicht zur Party kommen können, weil wir zu viel zu tun hätten, doch in Wirklichkeit liegen wir abends einfach viel lieber mit Kuschelsocken und Chips auf der Couch. Wir hobeln und schleifen sprichwörtlich alle unsere Ecken und Kanten weg, an denen unsere Gesellschaft sich stoßen könnte und büßen dadurch einen erheblichen Teil unserer Authentizität ein. Warum ist das so? Warum fällt es uns so schwer, uns selbst anzunehmen und uns der Gesellschaft so zu zeigen, wie wir wirklich sind?
 
Der Grundstein für die Fähigkeit zur Selbstannahme und Selbstakzeptanz wird bereits im Babyalter gelegt. Eine Mutter, die liebevoll, fürsorglich und prompt die Bedürfnisse ihres Babys beantwortet, signalisiert ihrem Baby Liebe, Beachtung und Angenommensein. Unsere Selbstannahme ist daher in den ersten Lebensjahren stark von anderen Menschen abhängig (von der Mutter, aber auch von anderen Bezugspersonen). Gleiches gilt später für Kindergarten, Schule und Freizeit. Wir lernen schnell, dass wir vor allem dann angenommen sind, wenn wir uns angemessen verhalten, nicht als sonderbar auffallen und gute Leistungen erbringen. Dies impliziert auch, dass wir einige unserer Eigenschaften und Äußerlichkeiten vor der Öffentlichkeit zu verbergen versuchen, da wir sie aus unserer Lerngeschichte heraus nicht für liebens- und annehmenswürdig halten und wir auf keinen Fall riskieren wollen, damit unangenehm aufzufallen und dafür von unseren Mitmenschen abgelehnt zu werden.
 
Da wir uns selbst oft nicht oder zumindest nicht mit all unseren Facetten annehmen können, suchen wir nach Bestätigung, Akzeptanz und Liebe im Außen, bei unseren Mitmenschen. Dagegen ist an sich erstmal nichts einzuwenden, denn a) haben wir das – so wie oben bereits beschrieben – ja von Kindesbeinen an gelernt und b) sind wir Menschen soziale Wesen und somit ist es eines unserer natürlichsten und existenziellsten Grundbedürfnisse, dazu zu gehören und angenommen und akzeptiert zu sein. Gehören wir nicht dazu und haben wir keinen akzeptieren Platz in unserer Herde, dann verhungern wir, dann beschützt uns niemand, dann sterben wir. So ist das im Tierreich; bei uns Menschen würde es sicher nicht gleich so dramatisch ausfallen, doch wir würden vielleicht einsam, depressiv und unglücklich werden. Dass wir uns so abhängig von der Bewertung unserer Mitmenschen machen, ist für uns also, zum Einen, Gewohnheit und Teil unserer Erziehung und, zum Anderen, sichert es uns evolutionsbiologisch betrachtet unser Überleben.
 
Das Problem dabei ist nur, dass Bestätigung von außen uns meist nur vorübergehend, meist nur kurzweilig glücklich macht, sodass wir immer wieder auf’s Neue die Bestätigung und Beachtung anderer Menschen suchen müssen, zum Beispiel, indem wir den Menschen tolle Storys über uns erzählen oder indem wir in den sozialen Netzwerken besonders ansprechende Fotos posten oder die Anzahl unserer vermeintlichen Freunde künstlich nach oben treiben. Das kann auf Dauer ganz schön anstrengend sein und nicht zuletzt lügen wir uns damit in die eigene Tasche. Tatsächlich hat all das nichts damit zu tun, dass wir uns selbst annehmen, sondern eher damit, dass wir wollen, dass andere Menschen uns annehmen. Wir leben also meist keine SELBSTannahme, sondern sind eher auf FREMDannahme aus und genau da liegt häufig die Ursache unserer eigenen inneren Unzufriedenheit. Wir leihen uns die Liebe von anderen Menschen anstatt uns selbst zu lieben. 
 
Sich selbst im Ganzen anzunehmen, heißt, sich emotional unabhängig vom Feedback anderer zu machen und seine Erfüllung und seinen Selbstwert nicht nur aus dem zu ziehen, was andere über uns denken und sagen oder wie andere sich uns gegenüber verhalten. Viel mehr geht es darum, (wieder) zu entdecken, wer wir sind, was unsere Werte im Leben sind, was uns Spaß macht und was nicht, was wir uns wünschen und was nicht. Also kurz gesagt: Eine Bestandsaufnahme über uns selbst, über unsere Persönlichkeit zu machen und dazu gehören unsere Stärken, Vorzüge und Vorlieben genauso wie unsere Macken und Unzulänglichkeiten. Um ein halbwegs objektives Bild von uns selbst zu bekommen, kann es hierbei hilfreich sein, auch ein paar uns vertraute Menschen zu bitten, eine ehrliche Einschätzung über uns abzugeben. Zu wissen, wo wir (noch) unzulänglich sind, kann sich besonders dann als vorteilhaft erweisen, wenn andere Menschen uns kritisieren oder gar angreifen wollen, denn jemand, der seine eigenen Schwachstellen kennt, wird nicht überrascht werden, wenn jemand anders sie ihm vorhält und jemand, der seine eigenen Schwachstellen angenommen hat, kann auch nicht mit ihnen verletzt werden. 
 
An dieser Stelle möchte ich die Geschichte von den zwei Wölfen anbringen, auf die ich während meiner psychologischen Arbeit in den letzten Jahren gestoßen bin und die inzwischen auch im Internet weit verbreitet ist. Die Geschichte ist eine schöne Metapher dafür, warum es sich lohnt, dass wir uns selbst annehmen und dass wir gut zu uns selbst sind:
 
Ein Indianerhäuptling sitzt mit seinem Enkel am Lagerfeuer und erzählt ihm davon, dass jeder von uns zwei Wölfe (zwei Anteile) in sich trägt, die gegeneinander kämpfen. Der eine Wolf ist böse. Er steht für Ängste, Sorgen, Selbstzweifel, Minderwertigkeitsgefühle, Vorwürfe, Selbstmitleid, Schuldgefühle, Gier, Neid, Vorurteile, Arroganz, Hass, Lügen und Missgunst. Der andere Wolf ist gut. Er steht für Liebe, Freude, Hoffnung, Mitgefühl, Großzügigkeit, Wohlwollen, Akzeptanz, Selbstannahme, Vertrauen, Demut und Aufrichtigkeit. Nach einiger Zeit fragt der Enkel: „Und welcher Wolf gewinnt den Kampf?“. Und der Indianerhäuptling antwortet: „Der, den du fütterst.“.
 
Nur, wenn wir unsere Stärken kennen, wenn wir unsere Schwachstellen annehmen, akzeptieren und vielleicht sogar zu verbessern suchen, wenn wir alte Wunden und Verletzungen liebevoll versorgen, dann können wir den Herausforderungen des Lebens trotzen und standhalten, dann können wir gesunde Beziehungen führen und dann können wir uns mit unserem ganzen Potenzial selbstverwirklichen. Seid gut zu euch selbst!

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