Seelenfutter: Vorbilder

Wisst ihr noch, wer früher eure Kindheitshelden waren? Unser vierjähriger Sohn hat auch schon ein paar Lieblingshelden. In den letzten Jahren schwankte es immer mal wieder zwischen der Paw Patrol, Feuerwehrmann Sam, Super Wings und PJ Masks und ganz aktuell liebt er die Ninja Turtles. Er besitzt etliche Kuscheltiere, Spielfiguren und Kleidungsstücke davon. Wenn wir miteinander spielen, dann liebt er es, in die jeweiligen Rollen zu schlüpfen und Zitate seiner Helden nachzusprechen. Und genauso war das auch bei mir damals, als ich noch ein Kind war, nur, dass meine Helden eben andere waren. Ich wollte immer sein wie Mogli aus dem Dschungelbuch, bin nur im Schlüppi bekleidet auf Bäume geklettert, hab mir aus gebogenen Ästen einen Bumerang gebaut, unsere vielen Katzen waren für mich ein Wolfsrudel, ich versuchte, mich nur von dem zu ernähren, was es draußen zu finden gab und wollte am liebsten auch nachts draußen schlafen. Als ich älter wurde, fand ich neue Helden, darunter Gregor von den Kickers, Mila Superstar oder Sailor Moon. Alle hatten in einer bestimmten Phase meiner Kindheit und Jugend eine wichtige Bedeutung für mich und obwohl jeder Held irgendwann auch wieder verblasste, so war er doch für einen kurzen Lebensabschnitt mein treuer Begleiter und eine immense Bereicherung für meine Identität und für mein psychisches Wachstum.

Egal, welche Figur gerade besonders angesagt ist, die Figuren haben alle eines gemeinsam: Sie geben Kindern die Möglichkeit, sich mit ihnen zu identifizieren und mit ihnen zu wachsen. Kinder übernehmen dabei die typischen Denk- und Verhaltensmuster ihrer Vorbilder und fast immer handelt es sich dabei um jene Muster, die Kinder bewundern und die sie sich auch an sich selbst wünschen. Mit der Paw Patrol zum Beispiel löst man schwierige Fälle und erlebt dabei, was Freundschaft, Zusammenhalt und Teamwork bedeuten, mit Feuerwehrmann Sam rettet man Menschen und Tiere aus misslichen Lagen und erlebt dabei Hilfsbereitschaft, Mut und auch Wertschätzung und Anerkennung für geleistete Heldentaten, mit Mogli lernt man das Leben und die Gefahren in der Natur sowie die Nähe zu Tieren kennen und mit Mila Superstar erfährt man, wie man durch Ehrgeiz, Übung und Durchhaltevermögen immer besser in dem werden kann, was man tut. Für eine kurze Zeit begleiten uns diese Helden und Vorbilder, so lange, bis wir genug von ihnen gelernt haben und wir bereit sind, ohne sie weiterzugehen.

Doch nicht nur fiktive Fernseh- oder Bücherhelden können als Vorbilder fungieren, sondern auch ganz reale Personen. Ganz besonders in den ersten Lebensjahren nehmen Kinder sich zunächst einmal ihre Eltern sowie andere nahestehende Bezugspersonen zum Vorbild. Durch diese lernen sie zum Beispiel, wie man sich gegenüber anderen Menschen verhält, wie man mit seinen Gefühlen umgeht oder wie man Konflikte löst. Lernen am lebenden Modell sozusagen. Wir beobachten Verhalten und ahmen es nach. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang, der ebolutionsbiologisch betrachtet überlebenswichtig ist. (Auf die negativen Folgen vom Nachahmen, die am Beispiel von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ und der damit verbundenen Nachahmungswelle von Suiziden besonders deutlich werden, werde ich hier übrigens nicht eingehen.)

Doch Vorbilder können noch mehr, denn wir können sie nutzen, um eine Menge über uns selbst zu erfahren, sind sie nämlich ein wichtiger Hinweis auf unsere innersten Sehnsüchte. Wir können uns beispielsweise fragen: „Was hat oder kann mein Vorbild, das ich gerne hätte oder können würde? Wohin möchte ich mich entwickeln?“. Häufig haben Kinder gleich mehrere Vorbilder gleichzeitig und das ist auch gar nicht unlogisch, denn die Wahrscheinlichkeit, das uns jemand so sehr gefällt, dass wir ihm oder ihr in absolut jeder Beziehung nacheifern möchten, ist eher gering. Vielmehr sind es nur ganz vereinzelte Eigenschaften, die uns gefallen und die wir uns von ihnen abschauen möchten. Vielleicht wollen wir so rebellisch, furchtlos und selbstbestimmt sein wie Pipi Langstrumpf, so abenteuerlustig wie Huckleberry Finn, so schelmisch wie Michel aus Lönneberga, so fleißig und bescheiden wie Aschenputtel, so clever und einfallsreich wie Wickie, so frei, emanzipiert und entschlossen wie Ronja Räubertochter, so tiefgründig wie Momo oder so mutig wie Buffy, die Vampirjägerin. Was es auch immer ist, das wir sein wollen, durch die Nachahmung unserer kleinen Helden können wir all das im Alltag spielerisch ausprobieren und einüben.

Auch haben wir als Kinder noch einen entscheidenden Vorteil: Wir sind naiver und denken noch nicht so rational wie Erwachsene. Wir halten es absolut für möglich, dass wir geschrumpft auf Miniaturformat wie Nils Holgersson auf Wildgänsen durch die Lüfte fliegen können und wir kümmern uns auch noch nicht darum, ob die Geschichte um die Turtles – humanoide Schildkrötenmutanten, die in der Kanalisation leben und eine ebenfalls mutierte und in Kampfkunst ausgebildete Ratte als Ziehvater haben -, wirklich realistisch ist. Als Kinder hatten wir noch eine lebhaftere Fantasie, wir waren spontan und leichter zu begeistern, wir haben mehr im gegenwärtigen Moment gelebt und haben uns voller Hingabe ins Spielen vertieft, ohne dabei über die Vergangenheit zu grübeln oder uns mit Zukunftsängsten zu lähmen. Doch mit dem Erwachsenwerden steigen auch unser Realitätsanspruch und unsere Verantwortung und wir können heute mit vielen unserer damalig geliebten Heldencharaktere nicht mehr so viel anfangen. 

Es gibt eine weitere Fähigkeit, um die ich Kinder beneide, weil sie uns Erwachsenen nämlich oft schon lange abhanden gekommen ist, und die sicherlich mit ein Grund ist, weshalb Kinder ganz unterschiedliche Helden aus verschiedenen Themenzweigen haben: Kinder sind vielen (vielleicht allen) Dingen gegenüber sehr viel mehr aufgeschlossen als es Erwachsene sind. Meiner Meinung nach hat das wahrscheinlich am ehesten etwas damit zu tun, dass Kinder sich vor allem beruflich noch nicht festgelegt haben und ihnen noch viele verschiedene Optionen für ihr späteres Leben möglich erscheinen. Sie mögen vielleicht Tiere, fühlen sich von Kinderserien wie Lassie oder Wendy angesprochen und liebäugeln innerlich mit einer späteren Karriere als Tierarzt oder Reitsportler. Gleichzeitig sind sie vielleicht neugierig, lieben Schnitzeljagden, schauen TKKG und halten durchaus auch eine spätere Laufbahn als Detektiv oder Privatermittler für denkbar. Zur selben Zeit sind sie vielleicht absolut sportbegeistert und mögen den Manschaftsgedanken, lieben die Kickers oder Tsubasa von den tollen Fußballstars und sehen sich in ihrem späteren Leben ebensogut als Fußballer. Alles ist möglich. Bei uns Erwachsenen ist das längst nicht mehr so. Haben wir erstmal unseren Schulabschluss in der Tasche, eine Ausbildung oder ein Studium in einem bestimmten Themenbereich absolviert und haben wir vielleicht sogar noch einige Jahre Berufserfahrung und Zusatzqualifikationen in ebendiesem Bereich gesammelt, dann sind wir inhaltlich festgelegter, sind thematisch spezialisierter und interessieren uns vorrangig für Themen, die unserer Profession entsprechen, während wir uns mit anderen Disziplinen – wenn überhaupt – nur noch am Rande beschäftigen. Als Erwachsene glauben wir, zu wissen, wer wir sind, doch damit vergeben wir uns selbst die Möglichkeit, noch jemand Neues werden zu können. 

Doch wir brauchen auch als Erwachsene wieder Vorbilder. Viele Vorbilder. Denn Vorbilder inspirieren uns und machen uns Mut. Wie kleine innere Helfer sprechen sie auch in schwierigen Momenten zu uns und geben uns motivierende Denk- und Handlungsanstöße, die es uns ermöglichen könnten, über uns hinaus zu wachsen und uns weiterzuentwickeln. Wenn wir heute als Erwachsene in unserem Leben auf Hindernisse stoßen, dann kann es sich durchaus als hilfreich erweisen, einmal unsere kleinen, heimlichen Helden um Hilfe zu bitten: „Wie würde Bibi Blocksberg den Konflikt mit meinem Arbeitskollegen lösen?“, „Was würde die Gummibärenbande mir zum Thema Jobwechsel raten?“, „Was würde Steve Urkel über meine derzeitige Freizeitgestaltung denken?“. Zugegeben, den ein oder anderen inneren Schmunzler könnte man sich an dieser Stelle sicher nicht verkneifen, doch tatsächlich kann ein inneres Gespräch mit einem früheren Kindheitsheld oder auch mit einem aktuellen Vorbild ganz neue Impulse hervorbringen, denn in dem Moment, indem wir uns einen kleinen Held wieder ins Gedächtnis rufen, können auch mit dieser Heldenfigur verknüpfte Ressourcen in uns (wieder) wirksam werden. Auf diese Weise kann uns ein Held dazu verhelfen, persönliche Ressourcen und Potentiale, die in uns schlummern und in den letzten Jahren (oder Jahrzehnten) verborgen und ungenutzt blieben, hervorzuholen und für unsere Ziele und Bedürfnisse einzusetzen. 

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