Seelenfutter: Stille

„Wir wohnen schon seit einiger Zeit am Bodensee und sind es gewohnt, mit einem großen Touristenansturm zurechtzukommen. Zwischen April und Oktober stockt es auf den Straßen, in den Innenstädten flanieren unzählige Menschen und die Hotels und Ferienwohnungen sind hoffnungslos ausgebucht. Einerseits hab ich dadurch sehr zu schätzen gelernt, in was für einer wunderschönen Gegend wir wohnen, denn offenbar zieht es viele Menschen hierher, andererseits erschwert uns dieser Trubel manchmal den gewöhnlichsten, alltäglichsten Gang zum Supermarkt, da wir nicht immer im gewünschten Tempo vorankommen. Alles hat zwei Seiten. Wo Sonne ist, da ist auch Schatten. Umso mehr genieße ich den Ausklang der Saison, denn genau jetzt, Anfang November, wird es ruhiger am Bodensee. Selten sieht man noch ein Boot auf dem See entlang schippern, ein grau-trüber Nebelschleier legt sich über den See und verleiht ihm ein mystisches Antlitz, zahlreiche Eisdielen und Gasthäuser schließen vorübergehend, die Flaniermeilen sind wie leer gefegt und am Hafen legen weniger Schiffe an. Es kehrt Stille ein und es wirkt, als wollte die Region sich erholen, sich regenerieren, um neue Kraft zu tanken für die bevorstehende nächste Saison im kommenden Frühjahr.

In der heutigen Zeit ist Stille zu einem seltenen Ort geworden. Viele Menschen finden in ihrem mit Terminen vollgestopften Alltag keinen Platz mehr für stille Momente, einige Menschen meiden die Stille sogar ganz bewusst, weil sie Angst davor haben, dass sich in ihrem Kopf unangenehme Themen breit machen, die sie in ihrem hektischen Alltag erfolgreich verdrängen konnten. Doch um alltägliche Stressoren gut verarbeiten zu können und somit auf Dauer psychisch gesund zu bleiben, ist es unabdingbar, dass wir uns immer wieder stille Pausen gönnen. Während meiner 4-jährigen Ausbildung zur Familientherapeutin konnte ich die „Blumentopf-Metapher“ aufschnappen, die sehr schön erklärt, warum Stille unserem Gehirn so gut tut: Unser Gehirn funktioniert wie ein Blumentopf, in dem eine Pflanze heranwächst. Damit die Pflanze wachsen und gedeihen kann, braucht sie Wasser, doch zu viel Wasser würde sie ertränken. Daher ist es notwendig, einige Zeit zu warten, bis das Wasser versickert ist, bevor wir erneut Wasser nachgießen. Genauso wie mit der Pflanze, verhält es sich auch mit uns Menschen. Damit unser Gehirn den ganzen Stress verarbeiten kann, den wir tagtäglich erleben, braucht es Zeit und Stille, um anschließend wieder bereit für neue Reize und neue Herausforderungen sein zu können.“

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