Psychofutter: Interview zum Thema „Selbstannahme“

Heute möchte ich euch nach längerer Pause mal wieder einen Psychofutter-Beitrag präsentieren. Doch diesmal handelt es sich um einen sehr speziellen Beitrag, denn vor einigen Wochen hat mich der liebe Jan Morische kontaktiert, um mir ein paar Fragen zum Thema „Selbstannahme“ zu stellen. Ein Thema, zu dem ich im Jahr 2019 schon mal einen Beitrag verfasst hatte. Jan ist Künstler, lebt in Norddeutschland und auf seiner Instagram-Seite sind einige seiner Kunstwerke zu finden. Da seine Werke thematisch eng verknüpft sind mit dem Thema Selbstannahme, freue ich mich ganz besonders, dass hierüber nun ein neuer Psychofutter-Beitrag entstehen konnte. Nachstehend beantworte ich daher seine Fragen und danke Jan auch gleichzeitig für seine Erlaubnis, eines seiner Bilder in diesem Psychofutter-Beitrag veröffentlichen zu dürfen.

1. Was ist, Deiner Meinung nach, das größte Hindernis und die größte Schwierigkeit auf dem Weg zur Selbstliebe?

Der Ursprung, warum wir uns selbst oft nur ungenügend lieben und annehmen können, liegt meist schon in unserer Kindheit begründet. Zum Einen haben wir in unserer Kindheit möglicherweise oft wenig (liebevolle) Zuwendung und/oder ein Übermaß an Kritik erfahren. Zum Anderen hatten wir vielleicht in unserer Familie kein gutes Modell, kein gutes Vorbild, anhand dessen wir hätten lernen können, was es bedeutet, achtsam und liebevoll mit sich selbst und seinen eigenen Schwächen umzugehen.

Tatsächlich müssen wir aber noch um einiges tiefer graben, um zu verstehen, warum Selbstannahme häufig so schwer erreichbar scheint. Tatsächlich reicht der Blick zurück in unsere eigene Kindheit oft gar nicht aus, sondern wir müssen Generationen zurückgehen, wenn wir verstehen wollen, was unseren Wunsch nach Selbstannahme behindern kann.

Nehmen wir als Beispiel das Gefühl der Wut. Wir alle fühlen uns von Zeit zu Zeit wütend, zornig, verärgert. Das ist völlig normal. Vor allem die Wut kleiner Kinder kann ihren Niederschlag häufig in lauten, eskalativen Wutanfällen und Trotzreaktionen finden. Während Eltern heutzutage (zum Glück) immer öfter darum bemüht sind, ihre wütenden Kinder während eines solch heftigen Gefühlsausbruchs respektvoll, achtsam und annehmend zu begleiten und ihnen zu vermitteln, dass auch negative, anstößige Gefühle durchlebt und gezeigt werden dürfen, so war es jedoch ein paar Generationen zuvor noch ziemlich normal, dass wütende, tobende Kinder mit Liebesentzug, Wegsperren oder gar Schlägen bestraft wurden. Es herrschte ein autoritärer Erziehungsstil. Die Wut durfte nicht sein.

Statt also einen akzeptierten und annehmenden Umgang mit dem Gefühl der Wut zu erfahren, bekamen unsere Eltern oder Großeltern (oder Urgroßeltern) beigebracht, dass solch starke negative Gefühle sozial nicht akzeptiert sind und unbedingt still gelegt werden müssen. Und damit haben sie gleichzeitig gelernt, dass es bestimmte Anteile in ihnen selbst gibt, die nicht zeigenswürdig sind, ja, die geradezu versteckt, unterdrückt und negiert werden müssen.

Dasselbe bekamen dann häufig auch wir selbst als Kinder vermittelt. Unsere Eltern und Großeltern, die nicht gelernt hatten, dass ihre Wut aushaltbar und in Ordnung ist, konnten entsprechend auch nicht annehmend mit unseren Wutausbrüchen umgehen. Ohne böse Absicht gaben sie häufig weiter, was sie selbst gelernt hatten, nämlich, dass einige unserer Persönlichkeitsanteile verleugnet werden sollten. Solche ungeliebten Anteile bezeichne ich – in Anlehnung an den Psychiater C. G. Jung – gerne als „Schatten-Anteile“.

Werden wir nun selbst Mutter oder Vater, machen wir nicht selten die Erfahrung, dass auch wir die Wut unserer eigenen Kinder nur schwer aushalten können. Wenn unser Kind tobt, dann fühlen wir uns überfordert, wir wollen, dass das Kind sich möglichst schnell beruhigt und vielleicht schimpfen wir sogar oder schicken das Kind zur Strafe ins Zimmer. Wie könnte es auch anders sein. Auch wir haben meist nicht erleben dürfen, dass unsere eigene Wut erlaubt, akzeptiert, ja geradezu wichtig ist und wie man in einer solch heftigen Gemütsverfassung konstruktiv und liebevoll begleitet wird. Wir geben weiter, was wir selbst erlebt haben, nämlich, dass unser Gefühl der Wut nicht in Ordnung ist und dass wir nicht liebenswert sind, wenn andere uns wütend und tobend erleben.

Wir lernen, uns sozial erwünscht zu verhalten und eines unserer authentischsten und ehrlichsten inneren Gefühle zu unterdrücken. Wie können wir je uns selbst bedingungslos annehmen und lieben, wenn wir bereits von klein auf die Erfahrung machen, dass nur bestimmte Anteile an uns liebens- und zeigenswert sind? 

2. …und wie kann es überwunden werden?

Die Beschäftigung mit dem Thema Selbstliebe / Selbstannahme / Selbstakzeptanz ist seit vielen Jahren allgegenwärtig und natürlich könnte ich an dieser Stelle die gängigen Tipps herunter beten, die fast überall geschrieben stehen. Tu dir selbst regelmäßig etwas Gutes, setz dich aktiv für deine eigenen Bedürfnisse ein, führe ein Glücks-Tagebuch, rede mit dir selbst wie mit einem besten Freund oder vergleiche dich nicht mit anderen Menschen. All diese Dinge haben gewiss ihre Daseinsberechtigung, doch meiner Auffassung nach kratzen sie leider oft nur an der Oberfläche.

Als Systemikerin glaube ich, dass wir unsere Liebe zu uns selbst am ehesten schützen und erhalten können, wenn wir bereit sind, ein tieferes Verständnis davon zu entwickeln, welche Facetten, welche Anteile es sind, die wir an uns selbst (noch) nicht annehmen können und warum. Was ist die tiefere Geschichte dahinter? Mit dem oben beschriebenen Gefühl der Wut habe ich ein solches Beispiel skizziert. Daneben gibt es bei jedem von uns sicherlich noch einige weitere Facetten und Anteile, die wir (noch) nicht annehmen können, die uns jedoch im Alltag häufig nicht bewusst sind und deren Entstehungsgeschichte uns oft nicht bekannt ist.

Um auf unserem Weg zu mehr Selbstannahme voran zu kommen, halte ich es daher für erforderlich, dass wir bereit sind, uns intensiver mit unserer eigenen Herkunftsgeschichte auseinanderzusetzen. Schaut euch alte Familienfotos an. Sprecht mit so vielen Familienmitgliedern wie möglich und lasst euch Geschichten von früher erzählen. Wie haben eure Eltern sich kennengelernt? Wie sind eure Großeltern aufgewachsen? Unter welchen Lebensumständen seid ihr oder eure Geschwister geboren worden? Wem in eurer Familie seid ihr in Aussehen oder Verhalten am ähnlichsten? Und wem überhaupt nicht? Welche Familienmitglieder habt ihr bisher noch nicht kennenlernen können? Welche Tabus gibt es in eurer Familiengeschichte? Wofür ist eure Familie bekannt, was können die meisten Familienmitglieder gut? Und was wird in eurer Familie nicht gemocht, womit würde man nicht gut ankommen? Und so weiter.

Wenn wir unsere eigene Herkunftsgeschichte besser kennen, dann bekommen wir eine Vorstellung davon, wer wir sind und woher wir kommen. Wir entwickeln ein Gefühl von Identität und auch ein besseres Gespür für unsere eigenen Stärken und Besonderheiten sowie auch für unsere eigenen Schwächen und (Denk-/Verhaltens-) Muster. In Familien, in denen offen über Vieles aus der Familiengeschichte gesprochen wird – insbesondere auch über negative Ereignisse (z.B. Scheidungen, Depressionen oder Suizide) -, lernen die einzelnen Mitglieder, dass auch negative Gefühle (z.B. Scham, Schuld) in Ordnung und Teil des Lebens sind, dass man darüber sprechen darf und dass man im Idealfall sogar Lösungen dafür finden kann. Sie machen die Erfahrung, dass sie mit ihren eigenen positiven wie negativen Gefühlen, Facetten und Anteilen angenommen und liebenswert sind.  

3. Wenn Du an Selbstliebe denkst, welches Bild oder Gefühl kommt Dir als erstes in den Sinn?

Ich denke zuerst an eine Apfelkiste. Eine Kiste voller Äpfel, von denen keiner einem anderen gleicht. Es gibt kleine, große und mittlere Äpfel. Es gibt rote, gelbe und grüne und manche sind sogar mehrfarbig. Es gibt Äpfel mit einer besonders glatten Schale und andere mit braunen Stellen oder Hagelschaden. Manche schmecken süß, manche säuerlich und manche sogar süß-säuerlich. Manche haben eine feste, knackige Konsistenz und manche sind eher weich und mehlig. Manche liegen ganz oben und sind für alle gut sichtbar, andere liegen weiter unten versteckt, sodass man sie fast übersieht.

Doch sie alle haben eines gemeinsam: Es sind alles reife Äpfel, die lecker schmecken und die gesund sind. Unter all diesen verschiedenen Äpfeln gibt es keinen einzigen, der perfekter, beliebter oder attraktiver ist als die anderen. Und jeder erfüllt einen wichtigen Zweck. Möchte ich einen Apfelkuchen backen, dann wähle ich am ehesten einen süß-säuerlichen Apfel mit einer etwas festeren Konsistenz, der beim Backen nicht so schnell zerfällt. Möchte ich stattdessen Apfelmus kochen, dann entscheide ich mich eher für Äpfel mit einer weicheren, mehligeren Konsistenz. Und überreife Äpfel oder Äpfel mit einer beschädigten Schale eignen sich immernoch hervorragend dazu, um Apfelsaft daraus zu pressen.

Diese Apfelkisten-Metapher kann man auch wunderbar auf uns Menschen übertragen. Wir alle haben unsere Eigenarten und Besonderheiten, unsere Stärken und Schwächen. Doch trotz unserer Unterschiede sind wir alle gleich wertvoll. Leider vergessen wir das im Alltag manchmal, wenn wir mal wieder damit beschäftigt sind, uns im Vergleich mit unseren Mitmenschen minderwertiger und makelhafter zu fühlen. In Wirklichkeit sind es aber vor allem unsere Schwächen, unsere blinden Flecke, die uns zeigen, wo ein guter Platz für uns sein könnte. Ein Apfel mit unschönen Dellen wird sich wahrscheinlich nicht dafür eignen, um einen ansehnlichen Bratapfel für die weihnachtliche Festtafel daraus zuzubereiten. Wer das dennoch versucht, wird am Ende möglicherweise frustriert sein. Oder zumindest unzufrieden mit dem Ergebnis.

4. (Bonusfrage) Was gefällt Dir oder gefällt Dir nicht an meinen Bildern?

Mit deinen Kunstwerken sprichst du ein gesellschaftlich sehr aktuelles Thema an, nämlich das Portraitieren von Menschen und deren unvollkommenen Körpern. Obwohl die meisten Personen auf deinen Bildern nackt sind, erwecken sie nicht den Eindruck einer skandalösen, sexuellen Zurschaustellung, sondern es handelt sich um eine stilvolle und authentische Darstellung menschlicher Körper und Gesichter, die sehr natürlich wirken. Nicht makellos, nicht glattgebügelt, nicht gephotoshoppt. Sondern ungeschliffen und echt. Und trotzdem – oder gerade deshalb – natürlich schön.

Da jedoch insbesondere die Medienwelt erheblich dazu beigetragen hat, unseren Blick auf natürliche Schönheit zu verstellen, indem sie uns eine übernatürliche und unrealistische Schönheitsillusion vermittelt, fühlen viele Menschen sich im Vergleich dazu äußerlich makelhaft. Sie finden ihren Bauch zu dick, ihre Brüste zu klein, ihre Nase zu krumm. Obwohl die meisten Menschen inzwischen verstanden haben, dass mediale Schönheiten häufig extrem geschminkt oder durch Bildbearbeitung geschönt wurden, können wir dennoch kaum verhindern, dass die permanente Darbietung solcher Fake Beauties unser eigenes Selbstbild nachhaltig gestört sein lässt. Wir fühlen uns unästhetisch, sind vielleicht sogar neidisch auf andere und unsere Bereitschaft zu schönheitschirurgischen Eingriffen steigt, weil wir befürchten, ansonsten nicht mithalten zu können.

Hinzu kommt übrigens noch der sogenannte „Halo – Effekt“, der aus der Sozialpsychologie bekannt ist. Damit ist gemeint, dass wir Menschen, die äußerlich sehr attraktiv sind, unbewusst und automatisch auch eine Reihe weiterer positiver Eigenschaften zuschreiben wie zum Beispiel, dass sie gleichzeitig auch intelligenter, kompetenter, erfolgreicher oder gesellschaftlich beliebter sind (was natürlich nicht stimmen muss, aber genauso schätzen wir das intuitiv ein). Dies lässt unser eigenes Selbstbild noch weiter sinken.

Und genau an dieser Stelle können Kunstwerke wie deine ein Gegengewicht schaffen, um dieser in erster Linie medial gesteuerten Selbstbild-Verzerrung Einhalt zu gebieten. Ohne genau zu wissen, unter welchen Umständen die einzelnen Werke entstanden sind, sehe ich die Botschaft hinter deinen Bildern eng verknüpft mit dem Thema der Selbstannahme. Denn deine Bilder transportieren Menschlichkeit, Natürlichkeit, Ehrlichkeit und Authentizität. Sie erinnern uns daran, wie natürliche Körper wirklich aussehen, dass Fältchen kein Makel, sondern ein Zeichen für Lebenserfahrung sind und dass ausdrucksstarke Gesichter und authentische Persönlichkeiten viel schöner sind als künstliche, leere Menschenhülsen.

Die Personen auf deinen Bildern strahlen Leben aus, ihre Körper erzählen Geschichten. Wenn ich die Bilder anschaue, dann verspüre ich keinen Drang, mich zu vergleichen oder mich minderwertig zu fühlen. Vielmehr empfinde ich Respekt und Bewunderung, weil die Protagonisten in deinen Bildern den Mut haben, ihre Einzigartigkeit offen zu zeigen und ihre Eigenarten ins Rampenlicht zu stellen. Und das wiederum schafft Sympathie und zugleich Irritation, weil die Gesellschaft von heute das nicht (mehr) gewöhnt ist. Deshalb, lieber Jan: Mach weiter so! Wir brauchen mehr davon!




Psychofutter: Freiheit

Im vergangenen August waren wir im Sommerurlaub. Wie schon oft, waren wir auch diesmal wieder in Italien, meinem Lieblingsland, das mich schon seit Kindertagen begleitet und mich bis heute fasziniert, ja geradezu magisch anzieht. Am allerliebsten haben wir dort unsere Zeit am Meer verbracht, wo die Kinder baden und Sandburgen bauen, nach Muscheln und Steinen suchen und Krebse entdecken konnten. Auch ich habe mir öfter meine Taucherbrille geschnappt, um zu tauchen und den Meeresboden nach kleinen Schätzen abzusuchen. Zeit zu haben für die Dinge, die gut tun, die Spaß machen und dem sonst so eintönigen und mit Verpflichtungen vollgestopften Alltag endlich einmal zu entfliehen, das ist für mich Freiheit und dieses Gefühl vom Freisein erlebe ich im Urlaub am Meer. Wenn meine Haut nach einer Mischung aus salzigem Meerwasser, fruchtiger Sonnencreme und Schweiß riecht, wenn zwischen meinen Zehen Billionen winzig kleiner Sandkörner knirscheln und wenn eine leichte Meeresbrise meinen Rücken streichelt und meine Haare im Wind flattern lässt. Wenn wir keine Termine haben und uns einfach in den Tag hinein treiben lassen, ganz ohne Hektik und ganz ohne Erwartungen. Wenn die Fischerboote in der Ferne wie kleine Spielzeugboote wirken und das rauschende Wasser unzählig viele Muscheln ans Ufer spült, von denen nicht eine einzige in Größe, Form und Farbe einer anderen gleicht. Wenn ich meinen Blick stundenlang über das Meer schweifen lasse, ich seine unendliche Weite spüre und ich für einen kurzen Augenblick das Gefühl habe, dass auf dieser Welt Frieden herrscht, dann haben Sorgen und bedrückende Gedanken für einen kleinen Augenblick nicht den Hauch einer Chance, sich an die Oberfläche meines Bewusstseins zu drängeln. Wie weggespült scheinen dann alle besorgniserregenden Alltagsthemen und ein Gefühl von Leichtigkeit durchzieht jede Faser meines Geistes. Dann kann ich mir alles vorstellen und die salzige Meeresluft riecht nach unzähligen Möglichkeiten. Dann bin ich wahrlich frei. Für einen kurzen Augenblick.

„Das Meer ist der letzte freie Ort auf dieser Welt.“, hat Ernest Hemingway einmal gesagt und ich kann diesen Spruch fühlen. Sucht man im World Wide Web nach dem Stichwort „Freiheit“, so findet man tatsächlich eine Vielzahl von Bildern und Beiträgen, die allesamt etwas ganz Ähnliches zeigen: Menschen posieren an Sandstränden am Meer, beim Baden oder Tauchen im Meer oder auch vor einem Sonnenuntergang, häufig ebenfalls am Meer. Sie posieren auch an Klippen, auf Bergen oder vor einem Wolkenspektakel, sie machen Luftsprünge oder sitzen auf ihrem Caravan, in den meisten Fällen – oh Überraschung –  direkt am Meer. Das ist interessant, denn es zeigt, dass es vor allem zwei Dinge sind, die ein beträchtlicher Großteil der Menschen sich im Alltag unter dem Freisein vorzustellen scheint, nämlich zum Einen das Meer und zum Anderen die natürliche Weite. Doch warum ist das so?

Nun, einige Zeit am Meer zu verbringen, kann uns Menschen so Einiges lehren, denn verlassen wir nur für wenige Wochen einmal unser gewohntes Zuhause und gönnen uns somit sprichwörtlich einen (äußeren) Tapetenwechsel, dann merken wir häufig schnell, dass eine Veränderung unserer sonst so vertrauten äußeren Umgebung auch unser Innerstes – unsere Gedanken und Gefühle – verändern kann. Sind wir plötzlich umgeben von fremden Orten, unbekannten Menschen und ungewohnten Alltagsroutinen, dann kommen wir viel leichter auf andere Gedanken, wir werden geistig flexibler und unsere Ängste und Sorgen wirken plötzlich kleiner als vorher. Und das Meer im Speziellen kann viele Facetten annehmen. Manchmal ist es ruhig und unbewegt und manchmal kann es lebendig, wild, rau und kraftvoll, ja geradezu gewaltig sein. Wenn die Sonne auf die Wasseroberfläche scheint, dann glitzert und strahlt es wie eine Discokugel, doch wenn ein Unwetter aufzieht, dann wirkt es trüb, dunstig und finster. Somit ist das Meer eine wunderbare Metapher für das Leben, denn auch das Leben kann manchmal ruhig und harmonisch und manchmal turbulent und unberechenbar sein.

Und noch etwas macht das Meer so besonders, denn es bringt uns unsere Sinnlichkeit zurück, die wir im hektischen Alltag leider oft schon vergessen haben. Halten wir uns längere Zeit am Meer auf, so spüren wir uns plötzlich wieder selbst. Eingangs hatte ich es bereits beschrieben: Wir schmecken das Meersalz auf unserer Zunge, wir riechen den algig-mineralischen Geruch des Meeres, wir fühlen, wie der Wind unsere Haut berührt und wie der Sand zwischen unseren Zehen knirschelt, wir hören das Rauschen der Wellen, das Pfeifen des Windes und die hellen Schreie der Möwen und was wir sehen, ist unbezahlbar.

Seien wir doch mal ehrlich: Wie oft nehmen wir uns im Alltag Zeit für sinnliche Momente? Wann sitzen wir schon mal gemütlich und ohne Zeitdruck im Nacken in einem bequemen Sessel und inhalieren den köstlichen Duft unseres Kaffees (oder Tees)? Wann, bitteschön, begleiten wir unsere Kinder nicht nur bis zur Spielplatz-Bank, auf die wir uns setzen und von der aus wir unseren Kindern beim Spielen zusehen, sondern begleiten sie auch bis hinein in den Sandkasten, um unsere Schuhe auszuziehen und mit unseren nackten Füßen im goldenen Sand zu baden? Wann, um alles in der Welt, lassen wir ein kleines Stückchen von unserer Lieblingsschokolade ganz bewusst auf unserer Zunge zergehen anstatt die ganze Tafel in einem Bissen herunter zu schlingen, während wir uns von Trash TV berieseln lassen? Die Antwort lautet: Äußerst selten. Vielleicht einmal im ganzen Jahr, wenn wir in den Urlaub fahren und endlich einmal Zeit haben. Für uns, für unsere Kinder, für sinnliche Momente.

„Der Urlaub, den wir [wirklich] brauchen, ist Freiheit von unseren eigenen Gedanken.“ (Jack Adam Weber)

Was Freiheit im juristischen Sinne bedeutet, ist relativ einfach zu erfassen, denn je nachdem, in welchem Land man lebt, gelten bestimmte Gesetze, deren Nichteinhaltung mit bestimmten freiheitsentziehenden Maßnahmen verbunden sein kann und diese sind den Menschen innerhalb eines Landes ja in der Regel bekannt, sodass der Großteil der Menschen sich an diese Gesetze hält und somit ein Leben in (relativer) Freiheit genießen kann. Doch die Freiheit, die wir meinen, wenn wir im alltagsgebräuchlichen Sinne von Freiheit sprechen, meint weit mehr als die bloße Abwesenheit von Gefangenschaft. Da wir Menschen in sozialen Verbänden leben, würden die meisten sicher zustimmen, dass Freiheit in der Regel da endet, wo ein anderer verletzt wird und auch, dass wir uns an bestimmte soziale Normen und Gepflogenheiten anpassen müssen, um weitgehend konfliktfrei miteinander leben zu können, leuchtet den meisten ein. Ein Schüler, der beispielsweise im Unterricht sitzt, weiß in der Regel, dass er nicht aufstehen darf, bevor nicht die Pausenglocke das Ende der Unterrichtsstunde eingeläutet hat, ansonsten droht ihm Tadel vom Lehrer sowie unter Umständen auch Freiheitsentzug in Form von nachmittäglichem Nachsitzen. Doch während der Freiheitsentzug in diesem Beispiel sehr offensichtlich ist, so wird unsere persönliche Freiheit jedoch im Alltag nicht selten auch ganz unbemerkt eingeschränkt.

„Frei will ich sein und ganz mein, und was ich gebe, soll mich nicht binden.“ (Bettina von Arnim)

Stellt euch einmal vor, ich wärd ein Teenager, der nicht viel Geld hätte. Vielleicht geht ihr an den Wochenenden gerne in die Disco, vielleicht legt ihr Wert auf hippe Kleidung oder vielleicht übt ihr regelmäßig ein Hobby aus. Auf jeden Fall könnte es nicht schaden, wenn ihr ein bisschen mehr Geld hättet, um euch all diese Dinge und Aktivitäten leisten zu können. Angenommen, in dieser Situation begegnet euch euer Nachbar und stellt euch in Aussicht, euch 20 Euro zu zahlen, wenn ihr bereit wärd, am Nachmittag nach der Schule den Rasen in seinem Garten zu mähen. Würdet ihr dieses verlockende Angebot annehmen? Nun, sehr wahrscheinlich würdet ihr das, denn ihr seid jung und braucht das Geld, doch würdet ihr das auch dann tun, wenn ihr genug Geld hättet oder wenn das Rasenmähen nicht mit Geld, sondern lediglich mit einem freundlichen Schulterklopfen belohnt werden würde? Wohl eher kaum. Folgendes ist hier passiert: Eine uns in Aussicht gestellte monetäre Belohnung führt dazu, dass wir bereit sind, eine Handlung (das Rasenmähen) auszuführen, die wir ohne Aussicht auf Belohnung wahrscheinlich eher nicht vollführt hätten. Trotzdem käme hier kaum einer auf die Idee, zu behaupten, dass unsere persönliche Freiheit in diesem Beispiel eingeschränkt wurde, da wir schließlich etwas Angenehmes (in dem Fall Geld) gewinnen würden. Ganz anders würde das allerdings aussehen, wenn unsere Eltern uns aufgrund einer miserablen Mathenote zur Bestrafung zum Rasenmähen verdonnert hätten, denn dann würden wir mit großer Gewissheit lauthals protestieren und verkünden, dass wir uns wie Sklaven fühlen, da unsere Freiheit hiermit – zumindest kurzzeitig – eingeschränkt wird. Interessant ist, dass unser Verhalten in beiden Fällen manipuliert und unsere persönliche Freiheit, neutrale Entscheidungen zu treffen, beschnitten wurde, doch nur im Falle der Bestrafung empfinden wir das auch so.

Diese motivationspsychologische Herangehensweise ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit, an das Konzept der Freiheit heranzutreten, nein, denn auch die Systemische Therapie hat dazu Einiges zu sagen. In meinem letzten Psychofutter-Beitrag zum Thema „Selbstfürsorge“ hatte ich euch von der Mobile-Metapher berichtet, die grob vereinfacht besagt, dass wir Menschen in allen Lebensbereichen (daheim, auf der Arbeit, im Sportverein, usw.) in wechselseitigen Abhängigkeiten zueinander stehen. Wir leben in einem ständigen Bezug zu anderen Menschen und alles, was wir tun oder nicht tun, hat Einfluss auf unsere Mitmenschen und umgekehrt. Jede Rolle, die wir ausüben, bringt Verpflichtungen und Verstrickungen mit sich. Als Partner sollen (und wollen) wir treu und loyal, aufmerksam und respektvoll sein, als Arbeitnehmer sollen (und wollen) wir tüchtig, fleißig, pünktlich und bereit sein, Überstunden zu leisten und als Eltern sollen (und wollen) wir unsere Kinder gut versorgen und zu kleinen, vernünftigen Menschen heranziehen. Dass es manchmal an eine echte Herkulesaufgabe grenzt, diese drei Rollen (Partner, Arbeitnehmer, Eltern) unter einen Hut zu kriegen, wird uns ganz besonders dann bewusst, wenn eines unserer Kinder in kurzer Zeit wiederholt krank wird und wir somit gezwungen sind, wiederholt von der Arbeit fern zu bleiben, um unser Kind zu pflegen, während wir selbst eigentlich keine Fehlzeiten auf der Arbeit anhäufen dürfen, weil wir uns vielleicht noch in Probezeit befinden oder weil der Chef uns mächtig Druck macht. Dann sitzen wir plötzlich zwischen zwei Stühlen, denn auf der einen Seite sind wir unserem Kind gegenüber fürsorgeverpflichtet und auf der anderen Seite sind wir unserem Arbeitgeber gegenüber verpflichtet, unsere Arbeit zu erledigen. Vielleicht geraten wir in genau dieser Situation dann auch noch mit unserem Partner in Streit, weil wir uns nicht einig werden, wer nun mit dem kranken Kind daheim bleibt oder wer weiter arbeiten geht. Ja, wie bringen wir Kind, Karriere und Partnerschaft nun in Einklang? Treffen wir in dieser Angelegenheit nun eine Entscheidung, so tun wir das in der Regel auf Basis von Vernunftsüberlegungen. Sehr wahrscheinlich wird derjenige daheim bleiben, der nicht der Hauptverdiener ist oder es wird derjenige daheim bleiben, der bei der letzten Erkrankung des Kindes arbeiten gegangen ist, einfach um zu verhindern, dass der andere Elternteil seine ihm gesetzlich zustehenden Krankentage nicht über die Maßen ausreizen muss. Leider wird es hier ebenso Eltern geben, die ihr Kind nur halbgesund zurück in Schule oder Kindergarten schicken (müssen), weil der finanzielle Druck, unter dem sie stehen, viel größer ist, als ihr schlechtes Gewissen ihrem Kind gegenüber. Ganz egal, welche Entscheidung wir in dieser Angelegenheit treffen, diese Entscheidung ist nicht selten vor allem getrieben von äußeren Zwängen, Verpflichtungen und (Existenz-)Ängsten, doch sie ist eines meistens nicht: Frei.

„Echte“ Freiheit würde bedeuten, dass wir alleiniger Urheber unserer Gedanken, Handlungen und Entscheidungen sind und dass keinerlei  – vor allem äußere – Umstände einen Einfluss darauf hätten. Wären wir in dieser Angelegenheit „wirklich frei“, dann würden sich sicherlich fast alle Eltern diese Entscheidung leicht machen und sagen: Natürlich bleibe ich mit meinem Kind daheim, bis es wieder gesund ist. Halten wir uns dieses Beispiel vor Augen, so müssen wir leider ganz klar feststellen, dass wir Menschen psychologisch betrachtet alles andere als frei sind und dass es doch sehr viele Dinge (Zwänge, Ängste, Druck, Verpflichtungen) im Alltag gibt, von denen wir uns manchmal gerne befreien möchten. Tatsächlich scheint es, dass wir den Begriff der Freiheit häufig mit dem freien Willen verwechseln. Wir Menschen verfügen über einen freien Willen, das bedeutet, haben wir die Wahl, aus verschiedenen, endlichen Möglichkeiten zu wählen (z.B. was wir trinken möchten oder welches Kleidungsstück wir anziehen wollen), dann entscheiden wir uns bewusst für eine bestimmte Option und wir entscheiden uns ebenso bewusst gegen eine oder mehrere andere Optionen. „Wahrhaftig“ frei sind wir deshalb noch nicht.

Würden wir noch tiefer in die Systemische Therapie einsteigen, so würden wir feststellen, dass auch mehrgenerationale Einflüsse unsere „wahre“ Freiheit zu schmälern drohen. Vererbte Gene sowie Erziehungsstile unserer Eltern und Großeltern beeinflussen uns meistens ganz unbewusst dahingehend, wie wir die Welt sehen und welchen Weg wir in unserem Leben einschlagen. In meiner früheren systemischen, mehrgenerationalen Arbeit mit Familien konnte ich immer wieder das Phänomen beobachten, dass überzufällig viele Mitglieder einer Familie über viele Generationen hinweg einen ähnlichen Werdegang einschlugen. So konnte ich beispielsweise klassische Arbeiterfamilien kennenlernen, in denen fast alle Familienmitglieder frühzeitig die Schule beendeten und einen Beruf erlernten. Ebenso konnte ich Familien kennenlernen, in denen beispielsweise der überwiegende Teil aller männlichen Familienmitglieder über mehrere Generationen hinweg eine Arzt- oder Ingenieurskarriere einschlug. Ich durfte Familien begleiten, in denen sämtliche weibliche Mitglieder über mehrere Generationen hinweg Lehrerinnen wurden. Ich erinnere mich an Familien, in denen einzelne Familienmitglieder rückblickend berichteten, einen bestimmten Lebensweg vor allem deshalb eingeschlagen zu haben, weil sie spürten, dass ein anderer, davon abweichender Weg von wichtigen Bezugspersonen womöglich mit Missachtung oder gar Liebesentzug gestraft worden wäre und weil sie ihren Eltern und Großeltern gefallen wollten. Und so könnte ich diese Liste an Beispielen endlos fortführen, die allesamt nur eines aufzuzeigen versuchen, nämlich, dass wir in Wirklichkeit gar nicht so frei in unseren vermeintlich selbstgewählten Entscheidungen sind, wie wir gerne glauben möchten, sondern dass unsere Herkunft, unsere Gene und all das, was uns anerzogen wurde, einen entscheidenden Teil zu dem beiträgt, was wir uns für uns selbst wünschen. 

Aber halt! Genauso, wie viele Mitglieder einer Familie über viele Generationen hinweg ähnliche Wege gehen, so gibt es in den meisten Familienstammbäumen auch häufig „schwarze Schafe“, es gibt „Traumtänzer“, „Querulanten“ und „Andersmacher“, die es wagen, aus der (Familien-)Reihe zu tanzen und einen gänzlich anderen Weg einzuschlagen als der Großteil der Familie. Beispielsweise denke ich dabei an die junge Frau, die es in ihrem Familienstammbaum als erste gewagt hat, zu studieren. Ich denke auch an den jungen Mann, der sich dafür entschieden hat, als erster in seiner Familiengeschichte nicht zu studieren und stattdessen einen Beruf zu erlernen, der ihm zwar weniger Geld einbringt, für den er jedoch innerlich brennt und der ihn völlig erfüllt. Ich bewundere auch den älteren Herren, der sich wenige Jahre vor dem Eintritt ins Rentenalter noch einmal traute, seinen alten Beruf aufzugeben, um einen Traum zu verwirklichen, den er lange zurückstellte, da er befürchtete, dafür von der Familie verachtet zu werden. Und ich denke an die ältere Dame, die einer äußerst konservativen und streng gläubigen Familientradition entstammte und die es als erste wagte, ihren Familienglauben zu verlassen, um ihr Glück auf anderen spirituellen Wegen zu finden.

Freiheit bedeutet also auch, Dinge anders machen zu können, als es bisher üblich war. Und das erfordert Mut. Großen, manchmal riesengroßen Mut. Und es erfordert manchmal auch, dass wir uns ein dickes Fell zulegen müssen. Ein Fell, das uns davor schützt, für unsere Träume und Visionen von anderen, uns nahestehenden Menschen ausgelacht, verspottet, kritisiert oder für verrückt erklärt zu werden. Sich die Freiheit zu nehmen, andere, fremde Wege zu gehen und Dinge anders zu machen als bisher, (muss nicht, aber) kann mit Ablehnung, Missachtung oder Geringschätzung durch andere Familienmitglieder oder Nahestehende gestraft werden. Ja, Freiheit ist nichts für Feiglinge und nichts für diejenigen, die es allen immer nur recht machen wollen. Freiheit kostet Kraft und Überwindung und es birgt das Risiko, sich unbeliebt zu machen oder gar verstoßen zu werden. Freiheit kann unbequem sein, leidvoll und schmerzhaft.

Doch die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, birgt auch eine große Chance: Die Chance, sich für ein anderes, für ein besseres Leben zu entscheiden, das uns glücklicher machen könnte als das, was unsere Familiengeschichte für uns „vorgesehen“ hat. Nicht, dass ihr mich falsch versteht: Ich bin der Meinung, dass Familien grundsätzlich das Beste für ihre Mitglieder wollen, doch das Glück, was andere sich für uns vorstellen, vermag manchmal nicht dasselbe Glück zu sein, das wir uns selbst für uns vorstellen. Und wenn das so ist, dann haben wir die (schmerzhafte) Freiheit, uns daraus zu lösen, um unser eigenes Glück zu suchen.

Übrigens: Ich bin noch immer der Meinung, dass es „echte“, „wahrhaftige“ Freiheit für uns Menschen nicht gibt, denn Vieles, das uns gegeben wird, können wir uns nun mal nicht aussuchen (unsere genetische Ausstattung, unsere sozioökonomische Herkunft, unsere Intelligenz, etc. pp.). Gleichwohl bin ich ebenfalls der Überzeugung, dass wir Menschen unseren Umständen dennoch nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern, dass wir immer die Möglichkeit haben, uns mit allem, was wir uns wünschen, selbst zu verwirklichen. Wenn wir uns trauen.

Damit ist eines allerdings auch klar: Die Freiheit zu haben, unser Leben aktiv und selbstbestimmt zu gestalten und immer wieder aus verschiedenen uns verfügbaren Optionen zu wählen, bedeutet auch, potentiell eine Entscheidung zu treffen, die sich – vor allem rückblickend betrachtet – möglicherweise als falsch oder nachteilig für uns herausstellen könnte. Freiheit und Selbstbestimmung bedeuten also auch, Risiken einzugehen und Enttäuschungen zu erleben. Eine Beziehung einzugehen, die wir uns ersehnt haben, die sich jedoch als unglücklich entpuppt, eine Arbeitstelle anzutreten, von der wir feststellen, dass sie uns nicht erfüllt oder uns finanziell auf Dauer nicht trägt oder eine Freundschaft einzugehen, die sich als schädlich für uns herauskristallisiert. All das kann uns passieren und dieses Risiko muss uns immer dann, wenn wir freie Entscheidungen treffen, bewusst sein. Doch auch hier gilt: Wir haben die Freiheit, schädliche Umstände auch wieder zu verlassen. Um das Leben zu suchen und zu finden, das uns wahrhaftig glücklich macht. 

„Was du bist, hängt von drei Faktoren ab: Was du erlebt hast, was deine Umgebung aus dir machte und was du in freier Wahl aus deiner Umgebung und deinem Erbe gemacht hast.“ (Aldous Huxley)




Psychofutter: Selbstfürsorge

In den letzten Wochen gab es immer mal wieder längere Regenperioden. Wenn es um’s Wetter geht, war ich noch nie ein Nörgler. Im Gegenteil. Ich liebe Regen, besonders, wenn er kräftig auf die Straßen prasselt und sich meterlange Pfützen bilden. Ich liebe Sturm, besonders, wenn er gegen die Fenster peitscht und die Baumkronen sich verbiegen, während sie versuchen, den heftigen Böen Stand zu halten. Ich liebe auch Gewitter, besonders den Donner, wenn er mit schwerem Geröll den Himmel erschüttert. Und ja, ich liebe auch Schnee, besonders, wenn man in der Eiseskälte seinen eigenen Atem sehen kann und man, völlig vermummt mit Schal, Mütze und Handschuhen, durch den kniehohen Schnee hindurch stapft und wenn immer wieder kleinere Schneebatzen von den Bäumen fallen und ein dumpfes Geräusch auf dem Boden hinterlassen. Das war bei mir schon immer so. Während mein Umfeld sich nicht selten über die Wetterlage beschwerte, ließen mich Wettervorhersagen stets unbeeindruckt. Zum Einen mag das daran liegen, dass ich jedem Wetter, genauso wie auch jeder Jahreszeit, etwas Positives abgewinnen kann, zum Anderen spüre ich, dass insbesondere das vermeintlich schlechte Wetter meine Neigung zur Selbstfürsorge verstärkt. Immer dann, wenn draußen raue klimatische Bedingungen herrschen, dann erinnert mich dies häufig daran, dass es mal wieder an der Zeit wäre, mich gut um mich selbst zu kümmern. Dann ziehe ich mir zum Beispiel gemütlich-flauschige Kleidung an, ich trinke heißen Kakao, kuschele mich mit einer Decke auf’s Sofa oder ich krame mein Kirschkernkissen aus der Schublade hervor, erhitze es und nehme es mit ins Bett. Alles, was irgendwie dazu beiträgt, dass ich mich in meinem Körper wohl fühle und dass ich physisch wie mental gesund bleibe.

Neben einer schlechten Wetterlage gibt es natürlich auch noch andere Lebensumstände, die Menschen belasten und dazu führen können, dass wir uns ganz bewusst um selbstfürsorgliches Verhalten bemühen. Eines der wohl am weitesten verbreitetsten Beispiele ist Stress im Job. Die unterschiedlichsten Gründe können dazu beitragen, dass wir uns an unserem Arbeitsplatz nicht wohl fühlen: Ein tyrannischer Chef, mobbende Kollegen, eine zu große (oder auch zu kleine) Arbeitslast, schlechte Bezahlung, ein extrem weiter und umständlicher Arbeitsweg und, nicht zuletzt, natürlich auch die große Herausforderung, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. All solche Umstände können uns auf Dauer massiv stressen und dazu führen, dass wir unzufriedener, nervöser, reizbarer und unbelastbarer werden und dass unsere Leistungsfähigkeit sinkt. Wir leiden unter Schlafmangel, unsere Akkus sind leer und oft reichen dann kleinste Ärgernisse aus, die das Fass sprichwörtlich zum Überlaufen bringen. Wir explodieren schneller und brechen schneller in Tränen aus bei Ereignissen, die unter normalen Umständen nur Lapalien für uns gewesen wären. Auch unser Körper beginnt zu opponieren, indem unsere Verdauung streikt, wir weniger Lust auf Intimität mit dem Partner haben und wir häufiger krank werden, weil unser Immunsystem herunterfährt.

Wenn diese Punkte erreicht sind, dann ist es eigentlich schon zu spät, denn dann haben wir die Anzeichen einer Überlastung entweder nicht rechtzeitig erkannt oder ihnen nicht rechtzeitig entgegen gewirkt. Das Gute, wenngleich zumeist Unerwünschte, an solchen Dauerbelastungszuständen ist, dass wir uns dann wenigstens auf unseren Körper verlassen können, denn wenn wir schon die Signale massiven Dauerstresses nicht wahrnehmen (wollen), so tut es doch unser Körper, indem er seine Funktionen auf Sparflamme herunterschraubt und damit um Hilfe ruft. Evolutionsbiologisch betrachtet, ist das auch äußerst sinnvoll, denn wenn Menschen in früheren Zeiten beispielsweise einem Säbelzahntiger gegenüber standen und der Körper sich somit entweder auf Flucht oder Angriff einstellen musste, dann war es unbedingt erforderlich, dass er alle nicht dafür notwendigen körperlichen Vorgänge ausschaltete oder zumindest nur im Sparmodus laufen ließ, da er ansonsten nicht die nötige Energie hätte bereitstellen können, um eine solch lebensgefährliche Situation zu überleben. War die Gefahr jedoch vorüber, so fuhr der Körper seine Funktionen wieder nach oben in den normalen Ausgangszustand und der Mensch konnte friedlich und entspannt weiter seines Weges gehen und sich ausruhen. Das Problem bei Dauerstress ist allerdings, dass unser Körper aus diesem – eigentlich für seltene Notfälle gedachten – Ausnahmezustand nicht mehr herauskommt und die auf Sparflamme gesetzten Körperprozesse somit gar nicht mehr in einen Normalzustand zurückwechseln können. Dass das nicht lange gut gehen kann, ist uns wohl allen klar. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass wir heute je wieder einem Säbelzahntiger über den Weg laufen, doch eine stressige und möglicherweise existenzbedrohende – und damit gewissermaßen ja auch lebensgefährliche – Jobsituation vermag ähnlichen Stress bei uns zu verursachen wie das Aufeinandertreffen mit einem wilden Tier zu Urzeiten. Doch muss es soweit kommen? Wie können wir schon früher ansetzen und dafür sorgen, dass wir möglichst frühzeitig aus einer solchen Stress-Spirale aussteigen?

Wir alle wissen inzwischen, was sich hinter dem längst abgedroschenen und in den Medien weit verbreiteten Begriff der Selbstfürsorge verbirgt. Es meint – wie das Wort ja auch zu erkennen gibt – unsere eigene Fürsorge um unser Selbst. Oder noch etwas konkreter ausgedrückt: Es bedeutet, dass wir 1) achtsam und liebevoll mit uns selbst umgehen, indem wir unsere Bedürfnisse, unser Stresslevel wahrnehmen (das ist für mich die kognitive, mentale, gedankliche Ebene) und dass wir 2) ganz aktiv dafür sorgen, ein potentielles Ungleichgewicht zwischen dem, was im Alltag von uns gefordert wird und dem, was wir zu bewältigen imstande sind, wieder ins Gleichgewicht zu bringen und somit Grenzen zu setzen (das ist für mich die aktive Handlungsebene). Selbstfürsorge bedeutet also für mich, in regelmäßigen Abständen immer wieder eine Art Update auf diesen beiden Ebenen stattfinden zu lassen: Wie geht es mir in meinem Alltag gerade? Welche Bedürfnisse habe ich und wie gut kann ich mir diese erfüllen? Wo könnte ich vielleicht Grenzen setzen, damit es mir (wieder) besser gehen kann? Wer oder was sind meine Energieräuber?

Doch was sich so einfach und theoretisch dahersagen lässt, ist längst nicht so leicht umzusetzen, denn anders ist die ansteigende Zahl an Menschen, die unter einem Dauererschöpfungszustand leiden, nicht zu erklären. Als ich während meines Psychologiestudiums in diversen psychosomatischen Rehabilitationskliniken Praktikum machte, in denen neben einer Vielzahl psychischer Erkrankungen vor allem auch Patienten mit Burnoutsyndrom – beziehungsweise Erschöpfungsdepression, wie es im Fachjargon bezeichnet wird – behandelt wurden, hatte ich das Glück, an einem Stress-Seminar teilnehmen zu dürfen. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie der leitende Pädagoge zu Beginn des Seminars vor das Patientenpublikum trat und Folgendes sagte:

„Stellen Sie sich einmal vor, Sie laufen durch die Stadt, als plötzlich direkt vor Ihnen ein Kind auf die Nase fällt. Was tun Sie?“

Als die breite Masse an Patienten wie selbstverständlich so etwas sagte wie „Na, hingehen, dem Kind aufhelfen, es trösten und das Aua wegpusten.“, da schrie er:

„UND WARUM IN ALLER WELT MACHEN SIE DAS DANN NICHT AUCH BEI SICH SELBST???“

Nach einigen Sekunden des Gelächters verstummten die Patienten und es wurde erkennbar, wie sie alle für einen kurzen Augenblick lang in sich gingen und mit sich selbst beschäftigt waren. Das war ein sehr bewegender und emotionaler Moment, der viele Patienten zu Tränen rührte. Der Mann hatte Recht. Viel zu oft im Alltag gehen wir hart und erbarmungslos mit uns selbst ins Gericht. Viel zu oft haben wir Mitgefühl mit anderen, jedoch selten mit uns selbst. Auch wir fallen – bildlich gesprochen – einmal auf die Nase, auch wir erleben Niederlagen und Misserfolge, werden enttäuscht und ungerecht behandelt. Auch wir sind tief in unserem Inneren – mehr oder weniger – verletzte Kinder, die es verdient haben, dass man sich liebevoll um sie und ihre Befindlichkeiten kümmert. Doch nur, weil aus uns inzwischen Erwachsene geworden sind, haben wir damit aufgehört, uns zuzugestehen, dass auch wir uns im Alltag manchmal traurig, wütend oder verletzt fühlen und dass wir uns manchmal nichts mehr wünschen, als dass unsere (vor allem seelischen) Wunden von lieben Menschen verarztet werden. Doch anstatt uns um unsere (seelischen) Verletzungen zu kümmern, haben wir gelernt, nicht zu jammern und eine Fassade aufzusetzen, die bloß nichts von unserer Verletzlichkeit und unserer Sensibilität verrät. Da heißt es Zähne zusammenbeißen und durch! Oder lieber doch nicht?

Greifen wir noch einmal das vorangegangene Beispiel Stress im Job auf. Vielleicht liegt mal wieder eine anstrengende und kräftezehrende Arbeitswoche hinter euch, vielleicht war euer Chef nicht zufrieden mit eurer Arbeit und hat euch das spüren lassen, vielleicht gab es Unstimmigkeiten mit einem Kollegen oder einem Kunden oder vielleicht hat euch eure Tätigkeit einfach mal wieder keinen Spaß gemacht. Doch weil nun das Wochenende vor der Tür steht, versucht ihr, euren Kopf abzuschalten und euch auf andere Gedanken zu bringen. Vielleicht werdet ihr ausschlafen, die Natur genießen, ins Kino oder mit guten Freunden essen gehen, shoppen oder einfach nur daheim herumgammeln und Playstation spielen. Hauptsache, es bereitet euch Freude und ihr könnt euch von der stressigen Arbeitswoche ablenken. Doch wie wird es Montag Morgen aussehen? Was hat sich bis dahin an eurem Arbeitsalltag verändert? Geht die zermürbende Tretmühle dann nicht wieder genauso von vorne los, wie sie in der Woche zuvor aufgehört hat? Vielleicht wird euer Chef ja diesmal bessere Laune haben und eure Arbeit mehr wertschätzen, vielleicht wird euer Kollege ja diesmal netter zu euch sein und euch in der Kaffeepause Gesellschaft leisten? Wenn ihr so denkt, dann gebt ihr die Zügel eines zufriedenstellenderen Arbeitsalltags leichtfertig aus der Hand und macht euch von äußeren Umständen abhängig. Warum erzähle ich euch das?

Nun, blättern wir durch Lifestyle-Magazine oder schauen wir TV, dann erleben wir seit einigen Jahren eine regelrechte Welle der Selbstfürsorge, in der uns die Medien darin unterrichten wollen, wie wir mit diversen Selbstfürsorgepraktiken unseren Körper und unsere Psyche von Stress befreien können. Da ist die Rede von einem ausgedehnten Spaziergang in der Natur, von wohltuenden Atemübungen, von Jogging am Morgen oder einem ausgiebigen Brunch in der Mittagspause. Versteht mich nicht falsch. Es ist ja durchaus nichts dagegen einzuwenden, sich im stressigen Alltag immer wieder auch ein bisschen Wellness für Körper und Seele zu gönnen, nichtsdestotrotz, kann ich mich nicht recht des Eindrucks erwehren, dass all diese gut gemeinten, zur Selbstnährung bestimmten Methoden uns jedoch in der Regel nur kurzzeitig zu erfreuen und abzulenken vermögen, allerdings greifen sie meistens nicht tief genug, um den Stress bei der Wurzel zu packen. Damit wir auch langfristig zufriedener und glücklicher im Job sein können, sollte Selbstfürsorge mehr sein, als ein Gläschen Wein und ein Vollbad am Abend.

Als Systemische Therapeutin, die berufsbedingt davon überzeugt ist, dass psychische Erkrankungen meist im Wechselspiel mit einer krankmachenden Umgebung entstehen, bin ich der Meinung, dass es nicht ausreichen kann, sich selbst zu verwöhnen, wenn dieselben krankmachenden Gegebenheiten und dieselben toxischen Beziehungen, die uns umgeben, auch nach erfolgreicher „Selbstbehandlung“ immernoch dieselben geblieben sind. Ein Job, der mich – aus verschiedenen Gründen – in erheblichem Maße über längere Zeit hinweg belastet, wird für mich nicht angenehmer, wenn ich am Wochenende wandern gehe oder meinen Kreislauf regelmäßig durch Kneipp-Fußbäder ankurbele. Mich selber zu verwöhnen, jedoch nichts an meinem schädlichen Umfeld zu verändern, ist aus meiner Sicht nichts mehr als Schadensbegrenzung. Vielmehr erscheint es erforderlich, dass wir lernen, der Belastung, der Überforderung Grenzen zu setzen, indem wir uns aktiv dafür einsetzen, dass sich die destruktive Umgebung, in der wir arbeiten, so verändert, dass wir besser mit ihr klarzukommen imstande sind. Selbstfürsorge heißt also demzufolge auch, dass wir Verantwortung für uns selbst übernehmen können.

Doch wie könnte eine solche Veränderung aussehen? Nicht alles liegt in unserer Macht. Beispielsweise können wir um eine Gehaltserhöhung bitten und diese auch sachlich wie fachlich möglichst gut begründen, ob wir sie jedoch bekommen, entscheiden andere. Doch auch dann, wenn wir sie nicht bekommen, kann allein schon die Bitte darum etwas Neues in Gang setzen. Vielleicht merkt unser Chef, dass wir nicht zufrieden mit der Bezahlung oder mit der Würdigung unserer Arbeit sind und vielleicht muss er befürchten, dass wir uns nach einem neuen Job umschauen könnten. Allein dies könnte ihn schon dazu veranlassen, uns respektvoller und wertschätzender zu behandeln. So haben wir zwar auf den ersten Blick nicht unser ursprünglich anvisiertes Endziel – nämlich eine Gehaltserhöhung – erreicht, doch vielleicht können wir mit unserer – zwar abgeschlagenen – Bitte trotzdem etwas Gewinnbringendes für uns erreichen. Nichts ist schlimmer, als nichts zu tun.

Wunderbar anschaulich erklären kann man dies anhand der Mobile-Metpapher, die ich ganz zu Beginn meiner Systemischen Therapeutenausbildung kennenlernen durfte und die erklärt, wie wir in unserem Alltag in zwischenmenschliche Beziehungen verstrickt sind und dass wir sehr wohl Einfluss auf unsere Beziehungen zu anderen nehmen können: Jeder weiß, was ein Mobile ist. Besonders Eltern kleiner Kinder haben diese frei hängenden Windspiele beispielsweise über dem Wickeltisch hängen, die schon von einem geringen Luftzug in Bewegung gebracht werden können und an denen sich Babys und Kleinkinder herrlich erfreuen. Es gibt sie in allerlei erdenklichen Ausführungen, mit Muscheln, mit Perlen, mit Treibholz, mit Flugzeug- oder Wolken-Motiv, manche klirren und klappern bei Bewegung, andere geben keine Töne von sich, sondern sind einfach nur hübsch anzuschauen. Alle Elemente in einem solchen Mobile sind über (Nylon-)Fäden miteinander verbunden. Ziehen wir an einer Stelle, an einem Element des Mobiles, so verändern sich auch alle anderen Elemente desselben Mobiles und das ganze „System“ gerät in Schieflage.

Auch sämtliche unserer Beziehungen, die wir im Alltag pflegen, funktionieren ganz genauso wie ein solches Mobile, sind wir nämlich – zum Beispiel auf der Arbeit – alle wechselseitig miteinander verstrickt, verbunden und verwoben. Wenn beispielsweise ein Mitarbeiter kündigt, dann hat dies nicht selten zur Folge, dass die Arbeitslast, die der ausgeschiedene Kollege zuvor übernommen hatte, nun für geraume Zeit auf sämtliche andere Mitarbeiter verteilt werden muss, bis die Stelle neu besetzt werden konnte, was den Stress der übrigen Mitarbeiter sehr wahrscheinlich erstmal vergrößern und vielleicht auch etwas organisatorisches Chaos hervorrufen wird, weil die Zuständigkeiten für die Mehrarbeit nun neu geklärt werden müssen. Oder wenn der Chef einen Mitarbeiter mahnt und rügt und dieser in der Folge schlechte Laune hat oder schlechte Arbeit vollbringt, so werden in der Regel auch die anderen Mitarbeiter dessen Unmut zu spüren bekommen und vielleicht wird der getadelte Mitarbeiter seine Arbeit nun etwas unzuverlässiger vollbringen, wodurch für die anderen Mitarbeiter möglicherweise ebenfalls Mehrarbeit entstehen könnte.

Jeder kleine Impuls, jede kleine Veränderung in einem System (im Mobile, auf der Arbeit) hat Einfluss auf alle übrigen Elemente (Mitarbeiter), die sich in diesem Gesamtsystem befinden. Je nachdem, wie groß oder klein dieser Veränderung herbeiführende Impuls ist, desto stärker oder schwächer wird das Gesamtsystem aus seiner bisherigen Balance geworfen und umso mehr oder weniger ist das Gesamtsystem irritiert, wodurch es dazu herausgefordert wird, wieder ein neues Gleichgewicht zu finden, indem es sich neue Verhaltenswege sucht. Und genau an dieser Stelle kann etwas Neues im System entstehen. Genau aus diesem Grund kann es sich – wie oben dargestellt – sehr wohl lohnen, beispielsweise den eigenen Chef um eine Gehaltserhöhung zu fragen. Es wäre natürlich schön, wenn es dann auch wirklich klappt, doch wenn nicht, dann war es in den allermeisten Fällen nicht umsonst, denn es kommt etwas in Gang, was zwar vielleicht nicht immer sofort sichtbar wird, was sich jedoch ganz allmählich seinen Weg im System bahnen wird. Vielleicht wird der Mitarbeiter nun in den Genuss anderer Gratifikationen (z.B. Lob) kommen oder vielleicht wird eine Ablehnung der gewünschten Gehaltserhöhung auch einfach dazu führen, dass der Mitarbeiter nun öfter auch mal ganz bewusst pünktlich nach Hause geht, ohne Überstunden zu machen, da diese gehaltsmäßig ja sowieso nicht gewürdigt werden, sodass der Mitarbeiter jetzt etwas mehr Zeit für sich hat und das ganz ohne schlechtes Gewissen. Was auch immer passieren wird, es kommt etwas in Bewegung und das wiederum bringt immer auch die Chance mit sich, dass die Umstände sich verbessern. Nichts ist schlimmer, als nichts zu unternehmen. Nichts ist schlimmer, als wenn sich das Mobile fest verhakt, wenn destruktive Umstände und Beziehungen sich so verhärtet und eingeschliffen haben, dass keine fließende Bewegung, keine Veränderung mehr stattfindet. Solange das Mobile in Bewegung bleibt, wird es immer Raum für etwas Neues, etwas Innovatives, etwas Besseres geben. Neben der eigenen Arbeit gibt es übrigens zahlreiche weiterer solcher menschlichen Systeme, wie Beispiel die eigene Herkunftsfamilie, eine Paarbeziehung, eine Schulklasse, ein Sportverein oder eine Theatergruppe. Und alle funktionieren nach demselben „Mobile-Prinzip“.

Selbstfürsorge bedeutet also vor allem auch, unsere Beziehung zu anderen immer wieder neu aktiv zu gestalten und zwar so, dass es uns selbst dabei gut geht. Wir müssen Umstände nicht einfach nur passiv hinnehmen, ertragen und erdulden, sondern wir können sie – bis zu einem höheren Grad, als wir denken – mitgestalten und verändern, indem wir etwas unternehmen, indem wir mit anderen kommunizieren und uns mitteilen. Als ich vor einigen Jahren meine Ausbildung zur Systemischen Therapeutin begann, lernte ich in diesem Zusammenhang – neben vielen anderen nützlichen Dingen und Techniken – einen ganz bestimmten Leitsatz kennen, der mich in meiner Arbeit in der Erziehungsberatung immer wieder begleitete und der auch für das Thema Selbstfürsorge eine große Bedeutung hat: „Wir können nicht nicht kommunizieren.“. Dieser zugegebenermaßen auf den ersten Blick etwas klobig und ungelenk daherkommende Satz stammt vom österreichischen Kommunikationswissenschaftler und Psychotherapeuten Paul Watzlawick und möchte Folgendes ausdrücken: Wir kommunizieren andauernd. Permanent. Die ganze Zeit über. Ob wir wollen oder nicht. Wir kommunizieren nicht nur mit unserer Sprache, sondern auch mit unserem Verhalten; um zu kommunizieren sind also nicht notwendigerweise Worte nötig. Immer dann, wenn Menschen aufeinander treffen, ist Kommunikation allgegenwärtig und dessen müssen wir uns bewusst werden. Alles, was wir sagen oder nicht sagen, alles, was wir tun oder nicht tun, hat Mitteilungscharakter. Wenn es uns selbst nicht gut geht und wir entscheiden, dies aus den unterschiedlichsten Gründen nicht zu sagen, nicht mitzuteilen, sondern für uns zu behalten und in uns hinein zu fressen, dann werden die Menschen um uns herum trotzdem zu spüren bekommen, dass etwas an uns „seltsam“ ist. Die Folge ist: Es kommt zu Missverständnissen und dies kann sich mitunter viel schlimmer auswirken als wenn wir „das Kind beim Namen genannt“ hätten.

Was ist der Unterschied zwischen einem Mitarbeiter, der sich nicht traut, den eigenen Chef um eine Gehaltserhöhung zu bitten und der lieber schweigend weiter seine Arbeit verrichtet und einem Mitarbeiter, der seinen Chef um eine Gehaltserhöhung bittet, jedoch keine bekommt? Auf den ersten Blick würden die meisten vielleicht sagen, dass es keinen Unterschied gibt, denn beide Mitarbeiter werden auf ihrem bisherigen Gehaltsniveau bleiben. Auf den zweiten Blick jedoch haben beide Mitarbeiter durch ihr Handeln (oder Nicht-Handeln) etwas gänzlich Unterschiedliches kommuniziert: Der erste, schweigende Mitarbeiter teilt seinem Chef durch sein Verhalten in etwa mit „Ich bin zufrieden mit meiner jetzigen Gehaltssituation, meine Arbeit wird angemessen entlohnt.“, während der zweite Mitarbeiter durch sein Verhalten so etwas ausdrückt wie „Ich bin nicht zufrieden mit meinem Gehalt, ich mache gute Arbeit und möchte dafür besser entlohnt werden.“. Das ist ein großer Unterschied. Und wir können davon ausgehen, dass beide Verhaltensweisen unterschiedliche Reaktionen beim Chef hervorrufen werden.

Leider ist die Sache mit der Kommunikation im Alltag gar nicht so einfach, denn – wie weiter oben bereits angedeutet – wir kommunizieren oft uneindeutig, indem wir zum Beispiel nicht das sagen, was wir wirklich meinen oder indem das, was wir sagen, nicht mit dem übereinstimmt, wie wir uns verhalten. Wieso fällt es uns so schwer, das auszusprechen und gegenüber anderen zu vertreten, was wir uns in unserem Innersten denken und wünschen? Weil wir nicht unhöflich rüberkommen wollen, wenn wir von unserem Gegenüber etwas einfordern? Weil wir uns schuldig oder gar egoistisch fühlen, wenn wir unserem Gegenüber klar machen, was für uns selbst jetzt gerade das Beste wäre? Weil wir vielleicht in unserer Herkunftsfamilie gelernt haben, zurückzustecken und genügsam, ja geradezu maximal leidensfähig zu sein? Weil wir vielleicht selbst nicht genau wissen, was wir wollen? Oder liegt es an unserer eigenen Bequemlichkeit? Mir fallen hier unzählige Gründe ein, weshalb Menschen mehrdeutig kommunizieren, doch wir müssen uns darüber im Klaren werden, dass es uns nicht weiterbringt, unsere Wünsche und Bedürfnisse schwammig und dehnbar wie Kaugummi zu formulieren und es anderen zu überlassen, ob sie verstanden haben, was wir brauchen. Wenn wir – wie in Watzlawicks Maxime beschrieben – ja sowieso schon die ganze Zeit über (unfreiwillig) kommunizieren und unserem Gegenüber Signale senden, dann können wir doch auch gleich eindeutig und authentisch dabei sein. Was wäre einfacher als das? Selbstfürsorge bedeutet demzufolge auch, authentisch und integer zu sein, das heißt, dass unsere inneren Überzeugungen sich auch weitgehend in unserem Verhalten gegenüber anderen ausdrücken. Wenn wir es also schaffen, eindeutig und im Einklang mit unseren Bedürfnissen zu kommunizieren, dann lassen wir so wenig Spielraum wie möglich übrig für Missverständnisse, für Grauzonen, für dehnbare black Boxen. „Der andere wird schon wissen, was ich meine.“. Sind wir da sicher? Niemand wird kommen und uns unsere Wünsche von unseren Lippen ablesen.

„Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“ (Molière)

„Wer sich nur für ein kleines Rädchen im Getriebe hält, dokumentiert mangelnde Selbstachtung und Eigenverantwortung.“ (Margit Kraker)

Natürlich kann nicht jeder Arbeitstag ein buntes, leuchtendes Feuerwerk sein und ja, es gibt auch unliebsame Umstände, die wir kaum oder gar nicht beeinflussen können. Vielleicht üben wir einen Job aus, dessen Inhalte uns überhaupt keinen Spaß machen, doch wir haben keine Möglichkeit, in eine interessantere Abteilung zu wechseln und der Arbeitsmarkt bietet uns im Moment keine bessere Alternative. Vielleicht gehören wir einem Team an, in das wir uns auch nach längerer Arbeitsdauer einfach nicht gut integrieren können, weil es zwischen den einzelnen Teammitgliedern einfach nicht zu harmonieren scheint, doch wir können nicht in ein anderes Team wechseln.

Immer dann, wenn das, was wir denken oder fühlen („Meine Arbeit macht mir keinen Spaß.“ oder „Im Team fühle ich mich nicht wohl.“) nicht mit dem zusammenpasst, was wir tun („Ich muss die Arbeit trotzdem ausüben, um Geld zu verdienen.“ oder „Ich muss trotzdem in dem Team bleiben und mit den anderen zusammenarbeiten.“), dann stoßen wir auf etwas, das im (sozial-)psychologischen Fachjargon als „kognitive Dissonanz“ (nach Festinger, 1957) bezeichnet wird und das sich für uns sehr unangenehm anfühlen kann. Unser Denken, unsere Gefühle stehen dann in einem deutlichen Widerspruch zu dem, wie wir uns verhalten (müssen). Dann kann etwas Anderes hilfreich sein, nämlich, dass wir lernen, unsere Haltung zu einer problematischen Situation zu verändern, damit wir uns wieder stimmiger fühlen können. Ich gebe zu, dass dies auf den ersten Blick wie Selbstverrat wirken mag. Auch auf den zweiten Blick vermag sich der Umstand nicht besser anzufühlen, dass wir uns scheinbar verstellen sollen, um mit einem Übel besser klar zu kommen. Doch lassen wir diesen Gedanken einmal wirken, dann kann damit die Chance verbunden sein, dass wir zu ganz neuen Denkweisen gelangen, die unser Leben nachhaltig positiv beeinflussen können.

Über eine Sache, über die wir uns längst eine feste Meinung gebildet haben, noch einmal völlig neu nachzudenken und somit die eigene Meinung, die eigenen Gedanken dazu ganz bewusst zu verändern, bezeichnet man als „Mindshift“ . Können wir eine für uns unangenehme und belastende Situation nicht verändern, dann vermag es manchmal hilfreich zu sein, dass wir uns beispielsweise fragen: „Wie kann ich die Situation noch sehen?“ oder „Wofür könnte all das hier gut sein?“ . Eine Arbeit, die uns inhaltlich keinen Spaß macht, kann uns beispielsweise dazu herausfordern, unsere Interessen zu erweitern. Ein Team, mit dessen einzelnen Mitgliedern wir nur schwer zurechtkommen, kann zum Beispiel ein Hinweis darauf sein, dass wir uns bestimmte Fähigkeiten noch nicht angeeignet haben, die allerdings hilfreich wären, damit wir im zwischenmenschlichen Kontext besser zurechtkommen können. Wenn uns während der Arbeit ein Fehler passiert, dann können wir vielleicht lernen, beim nächsten Mal rechtzeitig um Hilfe zu bitten, wir können auch lernen, um Verzeihung zu bitten oder wir können lernen, in ein liebevolles, konstruktives Selbstgespräch mit uns selbst zu gehen anstatt uns – wie sonst – mit Selbstvorwürfen selbst zu vernichten. Unsere größten Stolpersteine im Alltag beherbergen unser allergrößtes Wachstumspotential, doch es braucht Mut, sie auch anzugehen. Es braucht Mut, um unsere eigene Komfortzone zu verlassen und uns auf völlig neue Wege des Denkens und Handelns zu begeben, um persönlich daran zu wachsen.

„If you change the way you look at things, the things you look at change.“ (Wayne Dyer)

„Mich gut um mich selbst zu kümmern heißt nicht „ich zuerst“, sondern es heißt „ich auch“. (L.R. Knost)




Psychofutter: Optimismus

Ich bin kein großer Fernsehgucker. Ich schaue selten Fernsehen, zappe selten ziellos durch’s Programm, war nie ein Serienliebhaber und bei den üblichen Smalltalk-Gesprächen über Filme kann ich nie mitreden. Wenn überhaupt, dann schaue ich gerne ausgewählte Reportagen und Dokumentationen. Oder auch Filme mit einer positiven Message, so wie beispielsweise den Film „das Streben nach Glück“ , der mir aufgrund seiner Thematik und seiner schauspielerischen Besetzung besonders gut gefallen hat. In diesem Film geht es um Chris Gardner, der unerwartet von seiner Frau verlassen und von heute auf morgen zu einem alleinerziehenden Vater eines 5-jährigen Sohnes wird. Als er schließlich auch noch seine Wohnung verliert, weil er die Mietrückstände nicht länger begleichen kann, hat er nur noch 21 Dollar auf seinem Konto und steht vor der schier unmöglichen Aufgabe, sich und seinen Sohn über Wasser zu halten. Ein harter Schicksalsschlag, der ihn nicht nur in die Obdachlosigkeit führt, sondern ihn auch massiv unter Druck setzt, so schnell wie möglich einen neuen Job zu finden. Doch in diesen schweren Wochen und Monaten gibt Chris seinen Glauben daran nicht auf, sich und seinem kleinen Sohn ein besseres Leben zu ermöglichen und so arbeitet er sich ganz allmählich wieder nach oben, zunächst mit einem unbezahlten Praktikum und einem Nebenjob als Haustürverkäufer, bis er am Ende eine feste Anstellung als Investmentbanker bekommt, wodurch er wieder ein gutes und regelmäßiges Einkommen hat und er dem obdachlosen Leben endlich entfliehen kann.

Interessant ist, dass es sich bei der Filmhandlung um eine wahre Begebenheit handelt, denn Chris Gardner gibt es wirklich. Genau wie es im Film dargestellt wird, hat auch der echte Chris den Weg „vom Tellerwäscher zum Millionär“ durchlaufen, indem er sich durch Fleiß, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen bis ganz nach oben kämpfte. Und noch eine Eigenschaft kann man Chris zuschreiben: Er verlor nie die Hoffnung, dass seine harte Arbeit sich irgendwann lohnen und ihm eines Tages bessere Zeiten bescheren würde. Denn in der Tat hätte es auch andere Möglichkeiten gegeben, wie man mit einer solch ausweglosen Situation hätte umgehen können. Nicht wenige Menschen, die ihren Job verlieren oder obdachlos werden, ertränken ihre Sorgen beispielsweise in Alkohol, doch nicht Chris Gardner. Trotz aller Niederlagen und Schicksalsschläge blieb er optimistisch, indem er sich jeden Morgen auf’s Neue aufraffte, sich anstrengte und sein Bestes gab, weil er am Ende des dunklen Tunnels auf Licht hoffte. Und es geschah. Positives Denken und Optimismus scheinen sich auszuzahlen, denn sie erschaffen eine Vision, die Wirklichkeit werden kann. Doch was ist das Geheimnis optimistischer Menschen? Und warum können nicht alle Menschen Optimisten sein, wenn es für unser Glück doch so förderlich ist?

Die berühmte Wasserglas-Metapher ist wohl das bekannteste Instrument, anhand dessen gerne versucht wird, Menschen mit einer optimistischen von Menschen mit einer pessimistischen Grundhaltung zu unterscheiden. Bekanntermaßen geht es hier darum, zu beurteilen, ob ein halb mit Wasser gefülltes Glas nun halb voll oder halb leer ist, wobei der Optimist das Glas als halb voll betrachtet, während der Pessimist es als halb leer ansieht. Auch wenn diese Herangehensweise vielleicht etwas profan daherkommen mag, so geht die Persönlichkeitspsychologie allerdings tatsächlich davon aus, dass es Menschen gibt, die tendenziell eher optimistisch oder eher pessimistisch eingestellt sind und dass es sich demzufolge bei Optimismus und Pessimismus um zeitlich relativ stabile Charaktereigenschaften handelt, die sich vor allem in unserer Kindheit durch persönliche Erfahrungen herausgebildet haben und die sich auf sämtliche Lebensbereiche einer Person niederschlagen. Das würde bedeuten, dass Menschen, die grundsätzlich optimistischer eingestellt sind, also generell über viele verschiedene Situationen hinweg positiver denken und daran glauben, dass insbesondere auch Konflikte und Probleme sich eher zu ihren Gunsten entwickeln und lösen lassen, während grundsätzlich pessimistischer eingestellte Menschen sich über viele verschiedene Situationen hinweg eher durch ein schwarzseherisches, sorgenvolles und bekümmertes Denken auszeichnen und sich Herausforderungen kaum gewachsen fühlen.

Nichtsdestotrotz, kann davon ausgegangen werden, dass in unserer – an sich sehr stabilen, gleichbleibenden – Persönlichkeit je nach Laune und Tagesform jedoch auch gewisse Schwankungen möglich sind und dass ein überwiegend positiv und optimisitisch gestimmter Mensch zeitweise auch pessimistischer empfinden kann und umgekehrt. Der deutsche Psychologe Jens Asendorpf erklärt dies sehr anschaulich mithilfe einer „Gummiband-Analogie“ (Quelle). Diese besagt, dass unsere Persönlichkeit wie ein Gummiband ist. Genauso wie wir ein Gummiband auseinander ziehen können, genauso verändern sich von Tag zu Tag auch unsere Stimmungen. Je nach Alltagssituation sind wir mal besser und mal schlechter drauf, an dem einen Tag sind wir fröhlicher, gelassener und gehen mehr auf andere Menschen zu und an dem anderen Tag sind wir in uns gekehrter, ruhiger und mögen nicht so gerne viel Gesellschaft um uns herum. Doch derartige Stimmungszustände verändern nicht gleich maßgeblich unsere ganze Persönlichkeit, denn genauso wie ein Gummiband schnippt auch unsere Laune, unsere Stimmung, unsere Persönlichkeit an den meisten Tagen doch immer wieder in seine ursprüngliche Ausgangsposition zurück. Genau dies macht es auch so schwierig, wenn wir uns ein Urteil über einen Menschen bilden, den wir nur selten gesehen und erlebt haben, denn erst über viele verschiedene Begegnungen hinweg können wir wirklich einen verlässlicheren Eindruck davon bekommen, wie dieser Mensch ist.

Unsere Persönlichkeitseigenschaften und Charakterzüge, aber auch unsere aktuelle Lebenssituation haben einen erheblichen Einfluss darauf, wie wir unsere Welt wahrnehmen. Beispielsweise kann ich mich noch sehr gut daran erinnern, als ich schwanger war und ich in meinem Alltag plötzlich übermäßig viele Schwangere bemerkte, die mir vorher als Kinderlose nie aufgefallen waren. Als ich schließlich Mutter wurde und mich zum ersten Mal mit Themen wie Stillen, Wickeln und Tragen beschäftigte, passierte mir dasselbe, denn auf einmal fielen mir in meinem näheren Umfeld plötzlich zahlreiche andere Mamis mit ihren Babys ins Auge, die sich alle in einer ganz ähnlichen Situation wie der meinen befanden. Das ist keinesfalls ungewöhnlich, denn durch unsere persönlichen Erfahrungen und Lebensumstände machen wir es uns zur Gewohnheit, unser Augenmerk, unseren Fokus auf ganz bestimmte Dinge in unserer Umgebung zu richten und dagegen alles andere, das nicht zu der Art gehört, wie wir denken, uns verhalten und unser Leben führen, zu übersehen. Unsere Wahrnehmung wirkt hier also wie eine Art Filter, der sämtliche Reize, die für uns nicht relevant sind, herausfiltert und dagegen sämtliche Reize, die für uns wichtig sein könnten, sichtbar macht. Für mich als Schwangere oder Mutter war es nämlich äußerst hilfreich (oder, evolutionär gesprochen, sogar überlebenswichtig), mit anderen Schwangeren oder Müttern in Kontakt zu kommen und mir von ihnen abzuschauen, wie man vernünftig mit einem Säugling umgeht und, nicht zuletzt, natürlich auch Teil dieser sozialen Gruppe zu werden und mich somit Gleichgesinnten anzuschließen.

„Es ist absolut möglich, dass jenseits der Wahrnehmung unserer Sinne ungeahnte Welten verborgen sind.“ (Albert Einstein)

„Würden die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, erschiene den Menschen alles, wie es ist: Unendlich.“ (William Blake)

In der Psychologie bezeichnet man diesen Vorgang übrigens als selektive Aufmerksamkeit (selektieren = auswählen), das bedeutet, unser Gehirn arbeitet so hochfunktional, dass es für uns auswählt, was wir wahrnehmen und was nicht. Ein klassisches Phänomen in diesem Zusammenhang – und zugleich eines der ersten psychologischen Phänomene, die ich ganz zu Beginn meines Psychologiestudiums überhaupt kennenlernen durfte – ist das sogenannte „Cocktailparty-Phänomen“ , das sich ganz speziell auf unsere Fähigkeit bezieht, selektiv hören zu können. Stellt euch einmal vor, ihr seid auf einer Cocktailparty. Es ist laut, Musik dröhnt in voller Lautstärke aus allen erdenklichen Richtungen, unzählige Menschen stehen um euch herum und alle reden wie wild durcheinander, dabei wird getanzt, ausgelassen gelacht und gefeiert, während ihr euch mit eurer Begleitung unterhaltet. Und diese auch noch versteht! Hier zeigt sich, dass das menschliche Gehör in der Lage ist, unwichtige Schallgeräusche einfach zu unterdrücken und nur die Geräusche für euch verständlich zu machen, die für euch gerade wichtig sind. Ist das nicht beeindruckend? Wäre unser Gehirn dazu nicht in der Lage, dann würden uns bereits nach kürzester Zeit die Ohren schmerzen und wir würden Kopfweh bekommen, weil die schier unendliche Anzahl an auf uns hereinprasselnden Sinnesreizen uns ganz einfach überfordern würde.

Doch warum erzähle ich euch das alles? Warum all dies Vorgeplänkel, wo es in diesem Beitrag doch eigentlich um das Thema Optimismus geht? Nun, ganz einfach, weil es sich in Bezug auf unsere innere Einstellung ganz ähnlich verhält. Wir nehmen die Welt so wahr, wie wir innerlich eingestellt sind, das bedeutet, dass also auch unsere Einstellung wie eine Art Filter funktioniert und dafür sorgt, dass wir ganz selektiv wahrnehmen. Ein Mensch, der beispielsweise in seiner Kindheit die wiederholte Erfahrung von zuverlässigen, berechenbaren und warmherzigen Bezugspersonen machen durfte, wird auch als Erwachsener erst einmal mit der Erwartung an seine Mitmenschen herantreten, dass auch diese es gut mit ihm meinen. Dagegen wird ein Mensch, der in seiner Kindheit seine Bezugspersonen wiederholt als unzuverlässig, unberechenbar oder bedrohlich erlebt hat, auch als Erwachsener erstmal eher Misstrauen gegenüber anderen fremden Menschen hegen. Unsere Erfahrungen prägen uns also dahingehend, wie wir auf die Welt zugehen.

Und noch mehr, denn unsere Erwartungen, die wir im Hinblick auf unser Umfeld, unsere Mitmenschen unbewusst entwickelt haben, bestimmen ebenfalls, was wir an anderen wahrnehmen und was nicht. So wird ein grundsätzlich eher positiv und zuversichtlich gestimmter Mensch auch eher die guten Seiten an anderen Menschen bemerken, während ein grundsätzlich eher negativ und misstrauisch gestimmter Mensch vor allem die schlechten Seiten an anderen sehen wird. Und so kommt es, dass wir uns mit dem, was wir an anderen wahrnehmen, immer wieder in dem selbst bestätigen, was wir sowieso schon glauben, ganz im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Unsere persönlichen Erfahrungen haben uns in unserer Wahrnehmung also derart geprägt, dass wir dazu neigen, weniger offen und zugänglich für neue Erfahrungen zu sein, die nicht mit unseren alten Erfahrungen und Überzeugungen übereinstimmen. Wir selektieren die Welt. Weil es uns zu viel wertvolle Zeit und Energie kosten würde, alles genauer zu analysieren und wir alles, was uns begegnet, möglichst schnell und ohne viel Aufwand einordnen wollen. Und dafür zahlen wir mitunter einen hohen Preis, denn durch unsere selektive Wahrnehmung sind gleich zwei Dinge zu beklagen: Einerseits, nehmen wir unserem Gegenüber damit die Chance, dass wir ihn in all seinen Facetten und Einzigartigkeiten wahrnehmen, stattdessen stecken wir unser Gegenüber in eine grobe Schublade, und, andererseits, nehmen wir uns damit selbst die Möglichkeit, neue Gedanken zu denken, stattdesssen verharren wir in unseren alten Denkmustern.

„Ob du denkst, du kannst es oder du kannst es nicht. Du wirst auf jeden Fall Recht behalten. “ (Henry Ford)

Unsere Neigung zu tendenziell eher positivem oder eher negativem Denken haben wir also im Verlauf unseres Lebens – vor allem während unserer Kindheit – zu einem beträchtlichen Teil erlernt, was wiederum bedeutet, dass niemand als Optimist oder Pessimist geboren wird. Und genau das ist die gute Nachricht: Wir können unser Denken auch verändern und sind unserer – leider oft vorherrschenden – destruktiven, selbstvernichtenden Gedankenwelt somit nicht hilflos ausgeliefert. Die schlechte Nachricht ist allerdings, dass dies nicht von selbst passiert, sondern dass wir ein bisschen (mentale) Arbeit investieren müssen, denn Optimismus kann man lernen. Oder verhaltenstherapeutisch ausgedrückt: Pessimismus kann man auch wieder verlernen. Aber wie?

„Welche Geschichte erzähle ich mir selbst über mich und über meine Erfolge und Misserfolge?“

Ob wir eher Optimisten oder eher Pessimisten sind, hängt nicht unbedingt davon ab, wieviele Misserfolge, Niederlagen oder Schicksalsschläge wir erlebt haben oder wie heftig diese ausgefallen sind (z.B. Jobverlust, das Ende einer Liebesbeziehung oder auch ernsthafte Erkrankungen), sondern ausschlaggebend ist, wie wir uns Schicksalsschläge erklären und welche Geschichte wir uns darüber erzählen. Den eigenen Job zu verlieren oder von seinem Partner verlassen zu werden, das sind zweifelsohne gravierende, schmerzhafte Einschnitte im Leben eines Menschen, die definitiv das Potential besitzen, uns nachhaltig herunterzuziehen und uns zu deprimieren, doch nicht jeder zerbricht daran. Besonders diejenigen, die einen solchen Verlust nicht (nur) ihrem eigenen Versagen zuschreiben, sondern auch anderen (externen) Ursachen (z.B. weil der Chef schwierig war, weil die Arbeit keinen Spaß gemacht hat oder weil der Partner auch kein einfacher Mensch war), haben gute Chancen, diese Krise gut zu überstehen.

Dasselbe gilt übrigens nicht nur für unsere Misserfolge, sondern auch für unsere Erfolge. Wer glaubt, dass er einen Job nur deshalb bekommen hat, weil er Glück hatte, weil er gut aussieht oder weil er die Frauenquote halten musste (also aufgrund günstiger äußerer Umstände, auf die man selbst kaum Einfluss hat), der wird nicht besonders stolz darüber sein, den Job ergattert zu haben. Dagegen wird jemand, der davon überzeugt ist, dass er die Stelle bekommen hat, weil er fachlich am besten dafür geeignet war oder weil er besonders intelligent und redegewandt ist (also aufgrund des eigenen Könnens, der eigenen Fähigkeiten), sich entsprechend selbstbewusst fühlen.

Unsere eigenen (konstruktiven oder destruktiven) Gedanken über unsere Erfolge und Misserfolge können uns also entweder darin bestärken und bestätigen, dass wir fähig und talentiert sind oder dass wir unfähig und untalentiert sind. Je nachdem, ob wir gut oder schlecht über uns und unsere Fähigkeiten denken, kann dies entweder positive und vielversprechende oder aber auch negative und mitunter sogar verheerende und vernichtende Folgen für den Verlauf unseres weiteren Lebens haben, denn all dies steht in einem sehr engen Zusammenhang damit, was wir von unserem zukünftigen Leben noch erwarten und hat somit maßgebenden Einfluss auf unsere eigenen Selbstwirksamkeitserwartungen

„Der Optimist ist ein Mensch, der ein Dutzend Austern bestellt in der Hoffnung, sie mit der Perle, die er darin findet, bezahlen zu können.“ (Theodor Fontane)

Die Menschen unternehmen allerhand Anstrengungen, um gesund zu bleiben, doch Gesundheit kann sich auf viele verschiedene Bereiche beziehen. Um zum Beispiel körperlich gesund zu bleiben, können wir regelmäßig Sport treiben, wir können uns ausgewogen und gesund ernähren, wir können für eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr oder für ausreichend Schlaf sorgen. Doch was können wir tun, um mental gesund zu bleiben? Welche Möglichkeiten haben wir, damit unser Denken, unsere innere Einstellung gesund, konstruktiv und heilsam bleiben? Wie können wir verhindern, dass unsere Gedanken über uns selbst und über unser Leben keine selbstzerstörerische Kraft entfalten?

Die Antwortet lautet: Wir müssen lernen, unser Denken und die damit verknüpften emotionalen Reaktionen gewissermaßen zu kontrollieren. Immer dann, wenn wir in unserem Leben Rückschläge erleben, steigen in uns Gedanken dazu auf. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich bei diesen Rückschlägen um kleinere Widrigkeiten handelt (z.B. verpassen wir auf dem Weg zur Arbeit den Bus oder wir werden auf dem Fußweg von einem Passanten angerempelt) oder ob es sich um größere, gravierendere Misserfolge und Niederlagen handelt (z.B. Jobverlust). Schon bei kleineren Ärgernissen werden sich in den dabei aufkommenden Gedankenschleifen von Optimisten und Pessimisten einige gravierende Unterschiede feststellen lassen, die auch Einfluss auf unsere Emotionen nehmen:

1) Spielt es eine wesentliche Rolle, ob wir Widrigkeiten, die uns widerfahren, als zufällige, einmalig auftretende Ereignisse betrachten oder ob wir sie persönlich nehmen. Werden wir beispielsweise auf offener Straße von einem Fremden angerempelt, so können wir entweder denken „Oh, der Arme hat heute wohl einen schlechten Tag.“ oder wir können denken „Das hat der Idiot bestimmt mit Absicht gemacht. Der wollte mich ärgern.“. An diesem Beispiel wird – wie bereits weiter oben beschrieben – erneut deutlich, dass Optimisten die Ursache für eine Widrigkeit nicht (vordergründig) bei sich selbst suchen, sondern bei anderen, bei äußeren Faktoren, während Pessimisten den Grund eher bei sich selbst, also in ihrer eigenen Person suchen.

2) Ist es nicht unerheblich, ob wir der Meinung sind, dass eine Widrigkeit, die wir in einem bestimmten Lebensbereich erleben, rein gar nichts mit anderen unserer Lebensbereiche zu tun hat oder ob wir eine einzelne Widrigkeit als Hinweis dafür nehmen, dass wir auch in sämtlichen anderen unserer Lebensbereiche erfolglos bleiben. Wenn wir beispielsweise unseren Job verlieren, dann führt dies zweifelsohne dazu, dass wir unter dieser Situation massiv leiden, denn wir bekommen – direkt oder indirekt – die Rückmeldung, dass wir den Job unzureichend erfüllt haben, wodurch wir uns möglicherweise unfähig und minderwertig fühlen und gleichzeitig verlieren wir auch noch unsere finanzielle Existenzgrundlage. Nichtsdestotrotz, können Menschen in einer solch dramatischen Situation ganz unterschiedlich reagieren. Optimisten nämlich vermögen trotz ihres Frustes über ihre misslungene Jobsituation dennoch Freude im Rest ihres Leben zu empfinden, indem sie sich zum Beispiel weiterhin als wertvollen, geliebten Menschen und Partner fühlen, indem sie trotz Jobverlust weiterhin das Gefühl haben, eine gute Mutter oder ein guter Vater für die eigenen Kinder zu sein oder indem sie weiterhin soziale Kontakte pflegen und der Meinung sind, dass sie es Wert sind, dass andere mit ihnen befreundet sein möchten. Pessimisten dagegen neigen dazu, ihre Trauer über ihren Jobverlust ganzheitlich auf ihr Leben zu übertragen, indem sie sich als ganze Person wertlos fühlen und sie zu der Überzeugung gelangen, dass auch alle anderen Menschen in ihrem Umfeld (z.B. der eigene Partner, die eigenen Kinder, Freunde) nichts von ihnen halten, was sich unter anderem auch darin äußern kann, dass sie anfangen, sich optisch gehen zu lassen, sich kaum noch zu etwas motivieren zu können und sie getreu der Einstellung leben, dass alle Mühe sowieso nichts nützt.

3) Macht es einen großen Unterschied, ob wir glauben, dass Widrigkeiten, die uns widerfahren, nur einen kurzen, temporären und somit zeitlich begrenzten Einfluss auf unser Leben haben oder ob sie unser Leben permanent und damit für immer negativ beeinflussen werden. Wenn wir beispielsweise eine wichtige Verabredung mit einer Freundin vergessen haben, dann können wir entweder unsere Freundin um Entschuldigung bitten und anschließend davon ausgehen, dass unsere Freundin uns bedingungslos verziehen hat und wir uns ihr gegenüber nicht mehr weiter schuldig fühlen müssen, oder wir können uns bei ihr entschuldigen und dennoch weiterhin heimgesucht werden von inneren Schuldgefühlen und die heimliche Sorge in uns tragen, dass unsere Freundin uns deshalb vielleicht in Zukunft nicht mehr mögen und uns nachhaltig für unzuverlässig halten könnte. In beiden Fällen haben wir uns bei unserer Freundin entschuldigt und dennoch führen beide Fälle zu ganz unterschiedlichen Gedanken und Emotionen, die uns im positiven Falle entweder von Schuld befreien können oder uns im negativen Falle weiterhin belasten werden.

 (vgl. 3P-Modell der Resilienz nach Martin Seligman)

Diese 3 genannten Schritte zeigen auf, dass wir positives, optimistisches, zuversichtliches Denken erlernen können, so wie eine Strategie. Der Alltag bietet uns haufenweise (mehr oder weniger gravierende) Ereignisse, die uns verzweifeln lassen und die uns genau deshalb geradezu dazu einladen, Optimismus einzuüben. Am Anfang wird sich das vielleicht noch seltsam, ungewohnt, aufgesetzt und künstlich anfühlen, denn viel zu schnell schießen uns die üblichen negativen Gedankenschleifen in den Kopf, die wir ja Jahre zuvor ebenso eingeübt haben, wenn auch unbewusst, und die uns deshalb jeden Tag hartnäckig begleiten. Nun aber haben wir die Möglichkeit, ein anderes, optimistischeres Denken an diese Stelle zu setzen. Und zwar ganz bewusst. Je öfter wir uns darin üben, wohlwollend, liebevoll, freundschaftlich und gnädig über uns selbst und unsere Lebensumstände zu denken, desto mehr wird dieses positive, optimistische Denken zu unserer neuen Gewohnheit werden, die irgendwann ganz automatisch vonstatten geht. Doch bis es soweit ist, bedarf es Übung.

Es geht bei einer optimistischen Lebenseinstellung nicht darum, alles schön zu reden, alles durch eine rosarote Brille zu betrachten und so zu tun, als gäbe es keine Misserfolge und sich somit gewissermaßen selbst zu betrügen. Nein, vielmehr ist mit einer optimistischen Lebenseinstellung gemeint, dass wir unsere Denkart grundlegend verändern, weg von einer destruktiven, selbstzerstörerischen, lähmenden Mentalität hin zu einer zuversichtlichen und lebensbejahenden inneren Haltung, die besonderes Augenmerk auf alles Gelingende legt und die aus Fehlern und Niederlagen lernen will und die uns somit in die Lage versetzt, negative Gedanken und Gefühle, die mit belastenden Ereignissen verknüpft sind, zu reduzieren.

„Zu viel nachdenken ist wie schaukeln. Man ist zwar beschäftigt, aber man kommt kein Stück weiter.“ (Verfasser unbekannt)

Interessant ist außerdem, dass das Streben nach Glück(seligkeit) sogar als ein menschliches Grundrecht in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 04. Juli 1776 verankert ist. Dagegen findet sich ein vergleichbares Grundrecht weder in der deutschen noch in irgendeiner anderen europäischen Verfassung (Quelle). Nun könnte man dies spöttelnd abtun als eine „typisch amerikanische Floskel“, die vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem jeder alles werden kann, auch so zu erwarten gewesen wäre, doch wir können nicht verleugnen, dass die Sprache, die wir wählen, – und ein Grundrecht mit dem Namen „Glück“ zu schaffen, ist zweifelsohne eine schöne Sprache – einen nicht unerheblichen Einfluss auf unser Denken und unsere innere Einstellung hat. Worte (und natürlich auch Gedanken) können uns motivieren oder sie können uns demotivieren. Und genau das zeigt sich auch bei Optimisten und Pessimisten. So werden sicherlich die meisten zustimmen, dass es beispielsweise einen großen Unterschied macht, ob man nach einem missglückten Bewerbungsgespräch pessimistisch und deprimiert sagt „War ja wieder klar. Die anderen Bewerber sind besser als ich, da hab ich nie eine Chance.“ oder ob man optimistisch und zuversichtlich sagt „Es hat diesmal noch nicht geklappt, doch beim nächsten Mal kommt wieder eine neue Chance für mich.“. Welche von den beiden Denkweisen sich hier eindeutig motivierender auf zukünftige Bewerbungsbemühungen auswirken wird, brauche ich wohl nicht mehr zu erwähnen. In diesem Sinne: Seid realistisch! Erwartet Wunder!

„Wie groß die Macht der Worte ist, wird selten recht bedacht.“ (Friedrich Hebbel)

„Worte und Zauber waren ursprünglich ein und dasselbe. Auch heute besitzt das Wort eine starke, magische Kraft.“ (Sigmund Freud)

„Wir brauchen keine Magie, um die Welt zu verändern. Wir tragen die notwendige Kraft [bereits] in uns. Und zwar die Macht, uns eine bessere Welt vorzustellen.“ (J. K. Rowling)




Psychofutter: Provokation

Dieses Foto stammt aus dem Jahr 2004 und zeigt mich in einem Einkaufszentrum im Kings County im US-Bundesstaat Kalifornien, wo ich damals ein Austauschjahr verbrachte. Mein Erscheinungsbild auf diesem Foto verrät zumindest ansatzweise, dass ich mich damals einer Subkultur zugehörig fühlte, die ich durch mein Äußeres preis zu geben versuchte: Bunt gefärbte Haare und Tartanhose. Ich hörte Ramones, Sex Pistols und Rancid, ging auf Punkkonzerte und ließ dort keinen Moshpit aus. Gitarre spielte ich schon seit der Grundschule, in den USA lernte ich schließlich auch das Schlagzeugspielen. Ich trug bereits mehr als zehn Ohrringe und kurz, nachdem das Foto entstand, ließ ich mir auch noch Unterlippe und Nase piercen. Ich zerriss meine Hosen und flickte sie mit Sicherheitsnadeln wieder zusammen, trug Nietenarmbänder und Krawatten, schminkte mir Smokey Eyes und mein Schulrucksack war mit Badges und Aufnähern übersäht. Ich kaufte mir Springerstiefel, fing an zu rauchen (in den USA natürlich heimlich, da ich zu diesem Zeitpunkt erst 17 Jahre alt war) und schloss mich gleichgesinnten Jugendlichen an. Wenn ich heute daran zurückdenke, dann war das eine magische Zeit. Sicherlich schon allein deshalb, weil die Teenagerzeit an sich ja schon eine spannende und aufregende Lebensphase ist, die geprägt ist von Hormonchaos und körperlichen Veränderungen, von Orientierungslosigkeit und Selbstfindung, von Auflehnung und Rebellion. Und da fügte sich der Punk natürlich wunderbar ein, ist es schließlich der Inbegriff einer rebellischen Lebenseinstellung, die den Zweck verfolgt, der Gesellschaft zu zeigen, dass man anders, dass man individuell ist. So diente mir mein Äußeres damals also in erster Linie als Mittel zur Abgrenzung, aber auch zur Provokation, denn bunte Haare und schrille Kleidung luden die Menschen geradezu dazu ein, „hinzuglotzen“ und empört zu sein. Zu dieser provokanten äußeren Fassade gesellte sich selbstverständlich auch die für Punks typische Attitüde hinzu, nämlich der Verzicht auf unnötigen Konsum, stattdessen mehr Do It Yourself, und die Verweigerung, sich Konkurrenz- oder Leistungsdenken hinzugeben, stattdessen machte sich eine Alles-Egal-Einstellung breit. Doch weshalb schließen sich Menschen überhaupt einer Subkultur an?

Spulen wir einmal das letzte Jahrhundert zurück, so finden wir eine ganze Reihe von Subkulturen, die zu unterschiedlichen Zeiten in den verschiedensten Ländern rund um den Erdball in Erscheinung traten. Da wären zum Beispiel die sogenannten Swing Kids, die sich in den 1920er Jahren speziell in Deutschland gegen den Nationalsozialismus auflehnten, indem sie anglo-amerikanische Kleidung trugen, Anglizismen nutzten, Swing tanzten und die Hitlerjugend ablehnten. Da wäre die Beat Generation, die sich in den 1940er Jahren in den USA formierte, als ein wirtschaftlicher Aufschwung dafür sorgte, dass die Menschen plötzlich zu Wohlstand kamen und der technische Fortschritt voran schritt (z.B. konnte sich jetzt fast jeder einen Fernseher leisten), woraufhin sich junge Schriftsteller zusammenschlossen und sich durch provokantes Verhalten (wie Konsumverzicht, Drogenkonsum oder ein bevorzugtes Leben in Armut) sowie provokante literarische Werke (die zum Beispiel Themen wie Sex beinhalteten) gegen die Gesellschaft auflehnten, weil sie durch den zunehmend in den USA voran schreitenden Kapitalismus ihre individuelle Selbstentfaltung in Gefahr sahen. Da wären die Hippies, die sich in den 1960er Jahren durch farbenfrohe Kleidung, lange Haare und einen Hang zum Drogenkonsum auszeichneten, sich für den Schutz von Mutter Natur, für Frieden und für die freie Liebe einsetzten und die mit Peace-Ketten behangen in bunten Hippie-Bussen umher fuhren. Weitere Subkulturen, die das vergangene Jahrhundert zu bieten hatte, waren unter anderem Gothics, Raver, Hooligans, Skinheads, Metaler, Rocker, Emos, Skater und sogar die Fridays for Future Bewegung, die jüngst immer wieder für Schlagzeilen sorgte, wird inzwischen ebenfalls als eine neue Jugendsubkultur angesehen. Allen gemeinsam ist vor allem eines, nämlich, dass es vorrangig Jugendliche und junge Erwachsene waren, die sich zu den genannten Subkulturen zusammenschlossen und die allesamt gegen die bestehende Gesellschaft rebellierten, daher ist anzunehmen, dass es einen bedeutenden Zusammenhang gibt zwischen der Phase der Jugend und der Entstehung einer Subkultur. Doch welchen?

Die Jugend ist eine ganz besondere Phase unseres Lebens, spannend, emotional und beängstigend zugleich, ist es nämlich die Zeit der Ablösung vom eigenen Elternhaus. Jugendliche reifen jetzt nicht nur körperlich zu Erwachsenen heran, sondern auch psychisch, indem sie nun mehr und mehr einen eigenen Standpunkt entwickeln, der sich deutlich von dem ihrer Eltern unterscheiden kann, was nicht selten für ein hohes Konfliktpotential zwischen Eltern und Jugendlichen sorgt. Doch so nervenaufreibend und kräftezehrend diese Zeit auch für alle Beteiligten sein mag, genauso essenziell ist sie auch, denn wie sonst sollen Jugendliche sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln?

Ein Grund, weshalb die Jugendphase so wichtig und turbulent zugleich ist, liegt vor allem darin begründet, dass Jugendliche einer Vielzahl von Entwicklungsaufgaben gegenüberstehen, nämlich, die rasant voran schreitenden und mitunter verstörenden körperlichen Veränderungen zu akzeptieren, die eigene Geschlechterrolle anzunehmen, die eigene Sexualität kennenzulernen, wertvolle Freundschaften aufzubauen oder aufrechtzuerhalten und erste Partnerschaftserfahrungen zu sammeln, ab jetzt vermehrt selbst Verantwortung übernehmen zu müssen, sei es im elterlichen Haushalt oder, weil man nun strafmündig ist und somit für Fehlverhalten auch rechtlich zur Rechenschaft gezogen werden kann, und so ganz nebenbei auch noch gute Noten in der Schule zu schreiben, um sich einen guten Start ins Berufsleben zu ermöglichen. Und dies alles gleichzeitig. Wer wäre in einem solchen „Entwicklungsdschungel“ nicht überfordert? Auf diesem anstrengenden und mühsamen Weg zur eigenständigen Persönlichkeit sind Jugendliche also nicht nur mit einer unüberschaubaren Anzahl von Erwartungen konfrontiert, sondern auch noch mit welchen, die teilweise gar nicht miteinander vereinbar sind. Wie sollen Jugendliche lernen, selbstständig und selbstverantwortlich zu denken und zu handeln, wenn sie nach wie vor den elterlichen Erziehungsansprüchen gerecht werden und „ihre Füße unter den elterlichen Tisch stellen“ müssen? Wie sollen Jugendliche sich und ihren eigenen Körper annehmen und mögen, wenn drastische körperliche Veränderungen und Ablehnungserfahrungen im Kreise Gleichaltriger sie in Selbstunsicherheit und Selbstzweifel stürzen? Wie sollen Jugendliche sich ablenkungsfrei auf die Schule konzentrieren, wenn so viele andere (Entwicklungs-)Themen es ihnen so unsagbar schwer machen, den Fokus für das Wesentliche zu behalten? Und wenn dann noch andere Belastungen im Leben der Jugendlichen eine Rolle spielen – wie zum Beispiel körperliche oder psychische Erkrankungen eines Elternteils oder eine konflikthafte Scheidung der Eltern -, dann wird das Erwachsenwerden zu einer Herkulesaufgabe.

„Manchmal muss man aus der Rolle fallen, um aus der Falle zu rollen.“ (Virginia Satir)

Was Jugendliche in einem solchen Zustand von Überforderung dann häufig tun, ist es, zu provozieren und aus der Reihe zu tanzen. Durch ein wunderlich schräges Aussehen, durch merkwürdig kurioses Verhalten, durch Aufmüpfigkeit und Ungehorsam, durch Regelbrüche und Experimentierfreudigkeit. All dies kann als ein Versuch des Ausbruchs gewertet werden, als ein Aufbegehren gegen unerfüllbare Erwartungen und gegen Erwachsene, die kein Verständnis für das Gefühlschaos der Jugendlichen haben. Wie ein „Schiff auf stürmischer See“ gerät der Alltag von Jugendlichen mächtig in Schieflage, denn waren sie vor Kurzem noch kindisch und niedlich, so bricht mit einem Mal ein gewaltiger Sturm der Veränderung auf sie herein und der Versuch, das Ruder zu packen und das Schiff wieder in ruhigere Gewässer zu lenken, will nicht gelingen, denn zu groß und zu zahlreich sind die Wellen (die Erwartungen und Anforderungen), die immer wieder das Deck des Schiffes fluten. Auf der Suche nach etwas, das ihnen auf dieser stürmischen Reise ein bisschen Halt und Orientierung gibt, schließen die Jugendlichen sich schließlich einer Clique (oder Szene) an, denn dort finden sie Gleichgesinnte, die mit ganz ähnlichen Turbulenzen zu kämpfen haben. Denn gemeinsam ist man stärker und gemeinsam kann es gelingen, die Kontrolle über den stürmischen Alltag wiederzuerlangen. Die eigene Clique wirkt wie ein Leuchtturm. Fest und aufrecht hält er den hereinbrechenden Wellen Stand. Kein Sturm kann ihn bezwingen. Egal, wie rau und erbarmungslos die Welt da draußen auch sein mag, im Inneren des Leuchtturms ist es warm und sicher. Viele Eltern fürchten Jugendcliquen, weil sie Sorge haben, dass ihr Kind „abrutschen“ und zu riskantem Verhalten (wie Rauchen, Drogenkonsum, Diebstahl, usw.) hingezogen werden könnte und weil es Eltern verständlicherweise schmerzt, plötzlich nicht mehr der erste Ansprechpartner für ihr Kind zu sein, das jetzt Gleichaltrige vorzieht, doch eines sollten wir uns immer vor Augen halten: Für Jugendliche hat die Clique eine immens wichtige Funktion, denn sie hilft den Jugendlichen, diese stürmische, turbulente und verletzliche Phase der Jugend zu bewältigen.

Manchmal handelt es sich dabei um relativ harmlose Jugendcliquen. Und manchmal schließen Jugendliche sich nicht nur einer Clique, sondern gleich einer ganzen Szene an, mit der sie sich identifizieren und in der sie sich für den Moment aufgehoben und geborgen fühlen. Dann fangen sie an, das typische Erscheinungsbild und auch typische Verhaltensmuster zu übernehmen, die für die jeweilige Szene typisch sind. Alles, was nötig ist, um sich zugehörig und akzeptiert zu fühlen, um Teil eines Ganzen zu werden. Gemeinsam stark. Gemeinsam gegen den Rest der Welt. Die Neigung, sich in sozialen Gruppen zu organisieren, um das eigene Überleben zu sichern, ist uns Menschen nun mal angeboren und gerade dann, wenn das eigene Elternhaus mehr und mehr in den Hintergrund tritt, muss etwas anderes an diese Stelle treten. Doch von einer festen, stabilen Partnerschaft, die Treue, Loyalität, Heirat und vielleicht auch Kinder und somit die Gründung einer eigenen Familie beinhaltet, sind die Jugendlichen noch weit entfernt. Die Jugendlichen befinden sich in einer sehr sensiblen Zwischenphase zwischen Kindheit und Erwachsensein. Ein Vakuum, in dem die Jugendlichen verloren wären, gäbe es keine Cliquen und Szenen, die sie auffangen, in denen sie sich angenommen fühlen, mit denen sie sich identifizieren und in denen sie wertvolle Erfahrungen in sämtlichen Bereichen sammeln können, wie zum Beispiel Anerkennung durch andere zu erfahren, Rückmeldung zu erhalten über die eigene Attraktivität oder auch Meinungsverschiedenheiten auszutragen.

Die Zugehörigkeit zu einer Clique oder Szene ist für alle Jugendlichen wichtig, unabhängig davon, ob sie aus gesunden, intakten Familien stammen oder ob sie in schwierigeren Verhältnissen aufwachsen, denn die Ablösung vom eigenen Elternhaus und Neuorientierung sind fester Bestandteil der Jugendzeit und müssen daher auch von allen Jugendlichen gleichermaßen durchlebt werden. Dennoch scheinen Cliquen und Szenen besonders für Jugendliche aus prekären Lebenslagen eine besondere Bedeutung zu haben. In einem Interview mit der Punkband Rancid sagte Tim Armstrong, der Sänger der Band, auf die Frage, ob Punkrock heute noch relevant sei, ob Punk denn nicht inzwischen tot sei, sinngemäß Folgendes:

„Solange es Kinder gibt, die Probleme haben, die aus zerrütteten Elternhäusern stammen und solange diese Kinder Instrumente zum Spielen haben, wird Punkmusik niemals aussterben. […] Ich war immer ein Außenseiter, einer, der nicht reinpasste, mein ganzes Leben lang. Mein Zuhause war verrückt, mein Vater war Alkoholiker, meine Familie war sehr, sehr arm. Für mich war es ein Entkommen daraus, dass ich einen Ort hatte, an den ich gehen konnte. Es wäre arrogant, wenn ich behaupten würde, Punk ist tot, denn auch jetzt gibt es Kinder, die in kaputten Verhältnissen aufwachsen. 15-, 16-Jährige, die festhalten an der gleichen Punkmusik, die mir damals geholfen hat. […]“

Wenn Eltern erfahren, dass ihr Kind sich einer bestimmten Szene zugetan fühlt, wie etwa dem Punk, der Gothickultur oder der Hippiezene, dann befürchten Eltern häufig das Schlimmste, doch in Wirklichkeit sind diese Bezeichnungen in der Regel nichts mehr als thematische Aushängeschilder, die lediglich darauf hinweisen, dass ihr Kind mit anderen Jugendlichen ein gemeinsames Interesse teilt (Quelle), nämlich beispielsweise das Hören lauter, aggressiver Musik, das Tragen von überwiegend schwarzer Kleidung oder eine Vorliebe für Räucherstäbchen und lange Haare. Im Kern jedoch sind sich alle Szenen, ganz egal, um welche es sich handelt, insofern ähnlich, als dass sie Zufluchtsort und Übungsfeld zugleich sind für die Jugendlichen. Sie bieten etwas, das Eltern ihnen – so engagiert, mitfühlend und junggeblieben Eltern auch sein mögen – nicht bieten können und dies zu akzeptieren, kann für Eltern zu einer Mammutaufgabe werden. In meiner Arbeit in der Erziehungsberatung konnte ich in diesem Zusammenhang schon häufiger ein ganz bestimmtes Phänomen miterleben: Sobald Kinder anfangen, sich mehr und mehr von ihrem Elternhaus abzusondern, sich also mehr nach außen hin zu orientieren und sich Jugendgruppen anzuschließen und sowohl mit ihrem Aussehen als auch mit ihrem Verhalten herumzuexperimentieren – wenn Kinder also flügge werden -, dann reagieren nicht wenige Eltern mit einem Verhalten, das in Fachbüchern gerne als „Turbo-Erziehung“ bezeichnet wird (vgl. z.B. Jesper Juul). Gemeint ist damit, dass Eltern spüren, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt, bis ihr Kind sich von zu Hause abnabelt und dass ihr Erziehungseinfluss sich somit allmählich dem Ende neigt, weshalb sie dann dazu tendieren, in kurzer Zeit noch schnell alles richtig machen zu wollen, bevor das Kind endgültig den elterlichen Fingern entgleitet, was sich häufig darin äußert, dass Eltern in der Folge meist besonders viel Druck auf ihr Kind ausüben. Das Kind wiederum, das sich altersbedingt sowieso schon von den Eltern abgrenzt – wie sonst sollte es auch unabhängig und selbstständig werden? -, wird sich im Zuge des vermehrten elterlichen Drucks nun noch vehementer abgrenzen, es wird entweder noch mehr rebellieren und provozieren oder es wird sich noch mehr zurückziehen und sich einigeln. Dadurch kann ein kontraproduktiver Kreislauf in Gang kommen: Die Eltern üben immer mehr Druck aus und das Kind verhält sich immer „schwieriger“.

„Bevor ein Kind Schwierigkeiten macht, hat es welche.“ (Alfred Adler)

Eine weitere – noch ganz andere – sehr interessante Erklärung dafür, weshalb es vorrangig Jugendliche sind, die sich zu Subgruppen wie Punks, Hippies & Co. zusammenschließen, habe ich außerdem im Buch „Aufwachsen heute: Veränderungen der Kindheit – Probleme des Jugendalters“ von Rolf Göppel gefunden, welches vor allem kulturelle Aspekte in den Blick nimmt. Demnach entstehen die eingangs erwähnten Subgruppen überwiegend in den westlichen, modernen Kulturen, dagegen jedoch kaum in archaischen (d.h. altertümlicheren oder primitiveren) Kulturen, die noch sehr stark an alten Traditionen festhalten (wie zum Beispiel in muslimischen Ländern oder auch bei Naturvölkern wie in Papua-Neuguinea). So zeichnen sich Letztere nämlich dadurch aus, dass Heranwachsende sich während des Jugendalters einem sogenannten „Initiationsritual“ unterziehen müssen, um symbolisch in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen zu werden, indem die Heranwachsenden ihre Familien verlassen und eine Zeit lang an abgeschiedenen Orten leben (Trennung vom Elternhaus), indem sie einen anderen Namen erhalten und somit der Tod ihres früheren, kindlichen Ichs symbolisiert wird, indem sie sich mitunter schmerzhaften Prozeduren hingeben müssen (wie Tätowierungen oder Beschneidungen) oder, indem sie in bestimmte kulturelle Geheimnisse und Bräuche eingeweiht werden. In westlichen Gesellschaften dagegen gibt es solche Rituale, die den Übergang vom Jugendalter ins Erwachsenenalter begleiten, kaum noch. Zwar stellen zum Beispiel in Deutschland Feste wie die Konfirmation oder die Kommunion und in nicht-religiösen Kreisen auch die Jugendweihe ebenfalls Initiationsrituale dar, doch diese werden längst nicht mit der gleichen Ernsthaftigkeit zelebriert wie in archaischen Gesellschaften. Doch was hat das jetzt mit Jugendsubkulturen zu tun?

Nun, auch dies wird in Göppels Buch nachvollziehbar beschrieben, denn Initiationsrituale haben eine wichtige Funktion: Sie sorgen nämlich dafür, dass die Jugendlichen die alten Traditionen und Werte ihrer Vorfahren übernehmen, ja, dass sie sich praktisch im Rahmen dieser Rituale geradezu dazu verpflichten, dass diese am Leben erhalten werden. Sie sorgen also dafür, dass die Jugendlichen – überspitzt gesagt – nicht auch noch anfangen, selber zu denken und die alten Traditionen und Werte in Frage zu stellen. Damit wird verhindert, dass die Gesellschaft sich weiterentwickelt, weil keine neuen Traditionen, keine neuen Weltanschauungen entstehen können, die die alten womöglich ablösen. Umgekehrt, können sich in Gesellschaften, die keine oder kaum noch ernsthafte Initiationsrituale pflegen, sehr viel leichter neue Bewegungen, neues Gedankengut etablieren, wodurch das Wesen einer Gesellschaft dynamisch und veränderbar wird. Und genau hier setzen Jugendsubkulturen (wie Punk, Hippie, Beat Generation, usw.) an, denn sie sind es, die der Gesellschaft durch ihr provokantes, grenzüberschreitendes Verhalten zeigen, dass sie mit aktuellen Zuständen und Bräuchen nicht mehr länger einverstanden sind und die der Gesellschaft sozusagen neue Ideen und Impulse einhauchen, ja fast schon aufzwingen, mit denen sie sich zweifelsohne nicht immer beliebt machen, mit denen sie jedoch Aufmerksamkeit erregen und Beachtung finden. Solche Subkulturen können für eine Gesellschaft Fluch und Segen zugleich sein: Zum Einen, werden dadurch alte, mitunter wertvolle Traditionen bedroht, ja sie mögen geradezu verschwinden und in Vergessenheit geraten, doch, zum Anderen, besteht damit auch die Chance, dass alte, mitunter ungesunde Traditionen ausgetauscht werden können durch neue, gesündere, konstruktivere.

Hält man sich dies also vor Augen – und ist man gegenüber neuen Entwicklungen aufgeschlossen -, dann können wir Jugendsubkulturen also prinzipiell als etwas Nützliches betrachten. Das sonderbare Erscheinungsbild, das aufmüpfige Verhalten, diese ganze jugendliche Provokation ist in Wirklichkeit eine äußerst produktive Kraft, eine Problemlösestrategie, um den Weg vom abhängigen, naiven Kind zur selbstdenkenden, eigenständigen, selbstverantwortlichen Erwachsenenpersönlichkeit zu meistern. Und das wiederum macht sie – die Provokation, die Rebellion – fast schon wieder legitim.

Leider gibt es zum Thema Provokation bisher nur wenig psychologische Grundlagenforschung, denn tatsächlich handelt es sich dabei um eine Art „umbrella term“ (Regenschirm-Begriff), was bedeutet, dass die Provokation ein sehr unspezifischer Begriff ist, der, ähnlich wie unter einem großen aufgespannten Regenschirm, sehr viele verschiedenartige Ausprägungen umspannt, die zum Teil nur wenig miteinander zu tun haben (Quelle). So kann man beispielsweise provozieren, um sein Gegenüber einzuschüchtern oder Macht zu demonstrieren, doch man kann genauso gut auch provozieren, weil man Angst hat, weil man sich hilflos fühlt und zu provozieren der einzige Handlungsspielraum zu sein scheint, der einem noch geblieben ist, da man nichts mehr zu verlieren hat. Manchmal wird man vom Chef oder von Arbeitskollegen provoziert, die einen zum Beispiel vor dem gesamten Team bloßstellen, manchmal provoziert auch ein Kleinkind, das auch nach mehrmaliger Aufforderung, sich endlich anzuziehen, immer noch nicht tut, was es soll und dabei vielleicht sogar noch frech die Zunge herausstreckt. Auch ein Gesprächspartner, der während des Gesprächs permanent auf sein Handy schaut und augenscheinlich nicht zuhört und damit Geringschätzung und Desinteresse signalisiert, kann sein Gegenüber provozieren und ärgerlich stimmen. Man kann bewusst und gezielt provozieren oder unbewusst und ausversehen, weil man mit bestimmten Benimmregeln nicht vertraut ist. Man kann intellektuell provozieren, indem man sprichwörtlich klugscheißt und andere damit dumm dastehen lässt, man kann aber auch sexuell provozieren durch aufreizende Kleidung und anzügliches Verhalten. Die Bandbreite an möglichen Provokationsarten scheint schier unendlich und kann beliebig fortgeführt werden. Dies verdeutlicht noch einmal mehr, wie schwer dieser Begriff zu greifen ist. Und weil das, was uns provoziert und das, womit wir glauben, andere provozieren zu können, auch sehr subjektiv ist, wird das Phänomen Provokation nur schwer tiefgründiger spezifiziert werden können.

Zu einer weiteren, ganz speziellen Form der Provokation gehört es beispielsweise, dass wir uns von unserem Gegenüber provoziert fühlen, obwohl dieses das möglicherweise gar nicht bewusst beabsichtigt hat. Eine subtile Bemerkung, eine winzige Äußerlichkeit oder eine bestimmte Verhaltensweise reichen da oft schon aus, damit wir uns getroffen fühlen. In der Tiefenpsychologie (genauer gesagt, in der Psychoanalyse) bezeichnet man diesen Vorgang übrigens als „Übertragung“ . Damit ist gemeint, dass sämtliche Gefühle, die wir insbesondere während unserer Kindheit verdrängt haben, weil sie zu schmerzhaft und unangenehm waren, durch einen kleinen Reiz (Trigger) im Hier und Jetzt wieder hervorgeholt werden können. Meistens sind genau die Dinge, von denen wir uns im Alltag provoziert fühlen, die, die wir vorher erfolgreich verdrängt und in unser Unterbewusstsein verbannt haben, doch klitzekleine Auslöser im Alltag vermögen sie wieder an die Oberfläche zu befördern, wo sie uns heftig erschüttern können. Dann reagieren wir gereizt, verärgert, aggressiv und wütend auf die Person, die den Auslöser ausgesendet hat und werden schnell in einen Konflikt mit dieser Person verwickelt, doch selten bemerken wir dabei, dass unser Unbehagen gar nichts mit der auslösenden Person zu tun hat, sondern dass es unsere eigenen Themen sind, die uns gerade um die Ohren fliegen. Wer sich das bewusst macht und wer ein bisschen Mut hat, der hat die Möglichkeit, an genau dieser Stelle, an der wir so verletzlich sind, etwas genauer hinzuschauen. Wann immer wir die Erfahrung machen, das uns etwas provoziert, haben wir die Chance, dies als Wachstumsangebot zu betrachten, das wir entweder annehmen oder ablehnen können. Dann können wir uns beispielsweise fragen: Was genau provoziert mich gerade? Ist es ein Wort, ein Satz, ein optisches Merkmal, eine Verhaltensweise? An wen oder was erinnert mich das? Wo habe ich so etwas Ähnliches schon einmal erlebt? Und wie war das für mich? Die gute Nachricht ist: Wenn wir es schaffen, unsere eigenen wunden Triggerpunkte zu erkennen, an denen uns unsere Mitmenschen (oft unbeabsichtigt) immer wieder verletzen können, dann lernen wir uns selbst nicht nur besser kennen, sondern wir erlangen auch gewissermaßen Kontrolle darüber, wie wir auf solche schmerzlichen Verletzungen reagieren möchten. Wir haben es dann selbst in der Hand.

„Sei dankbar für alle Trigger, denn sie zeigen dir, wo du nicht frei bist.“ (Verfasser unbekannt)

„Trigger zu vermeiden, schafft keine Heilung. Heilung passiert, wenn man getriggert wird und man in der Lage ist, durch diesen Schmerz, dieses Muster und diese Geschichte hindurch zu gehen – und den Weg weiter zu gehen, bis man ein anderes Ende daraus macht.“ (Vienna Pharaon)




Psychofutter: Ermutigung

Als ich vor wenigen Tagen unsere Schränke aufräumte und ausmistete, fiel mir dabei mein Uni-Abschlusszeugnis in die Hände. Masterstudium der Psychologie, bestanden mit Note Sehr Gut. Dies erreicht zu haben, hat mich damals im Jahr 2013 mit großem Stolz erfüllt, denn viele Jahre schweißtreibenden Lernens lagen hinter mir. Und nun lag es endlich vor mir, das Zeugnis, das mir einen hoffnungsvollen Blick in meine berufliche Zukunft versprach. Mutig und zuversichtlich bewarb ich mich auf ein paar offene Psychologenstellen, nahm an ein paar Vorstellungsgesprächen teil und bereits 6 Wochen später trat ich meine erste Arbeitsstelle an, an der ich übrigens auch heute noch bin.

Doch was so vielversprechend begann und sich scheinbar alles so reibungslos zu fügen scheinte, stand nicht immer unter einem so guten Stern. Besonders, wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, dann denke ich nicht nur an lustige Klassenstreiche und abenteuerliche Klassenfahrten, an meine Lieblingsfächer, an die ersten Schmetterlinge im Bauch oder an das gesellige Beisammensein auf dem Pausenhof. Nein, ich denke auch an niederschmetternde Kommentare von Lehrern, an öffentliche Bloßstellungen vor der gesamten Klasse und an Leistungsvergleiche mit anderen Mitschülern. Die mit Abstand frustrierendste Erfahrung während meiner gesamten Schulzeit war für mich jedoch der Kunstunterricht, hatte meine damalige Kunstlehrerin es sich nämlich zur Angewohnheit gemacht, zu Beginn einer jeden Unterrichtsstunde von allen Werken, an denen wir gerade arbeiteten, die aus ihrer Sicht allerschönsten vor der Klasse lobend hochzuhalten, für alle sichtbar und stets kommentiert mit den dazugehörigen Namen der Schüler, unmittelbar gefolgt von den allerschlechtesten und natürlich durften auch hierbei die Namen der offensichtlich künstlerisch am allerwenigsten begabten Schüler der Klasse nicht fehlen. Leider zählte ich fast immer zur letzten Kategorie, sodass mir damals viel öffentliche Beschämung zuteil wurde. Ich lernte, zu malen, um nicht schlecht bewertet und ausgelacht zu werden und nicht, weil es mir innerlich Freude bereitete. Ich hatte mehr und mehr das Gefühl, nie besser als Note 3 werden zu können, ganz egal, wieviel Mühe ich mir auch gab. Vor den Kunststunden hatte ich meistens Bauchweh und schleppte mich mit allergrößter Überwindung dennoch pflichtbewusst dorthin, nur, um wieder die gleiche deprimierende Erfahrung zu machen, die ich immer machte. Rückblickend war das eine emotionale Tragödie für mich. Meine Freude, mein Interesse an Kunst? Nachhaltig verschwunden. Malerisches oder gestalterisches Talent? Fehlanzeige. Alles im Keim erstickt, noch ehe es sich entwickeln durfte. Es überrascht wohl wenig, dass ich das Fach Kunst nach der zehnten Klasse erleichtert abgewählt habe und dass ich mich auch in meiner Freizeit nie freiwillig künstlerisch beschäftigte. Genauso wenig überraschend ist es, dass ich auch keinen Beruf im kreativen Bereich gewählt habe, obwohl ich früher zeitweise großes Interesse an Modedesign oder Mediengestaltung hatte. Alles verpufft. Alle meine Hoffnungen zerstört, dass in einem solchen Bereich etwas aus mir werden könnte.

Dieses Phänomen, die Anstrengungen und Bemühungen eines Menschen derart herabzuwürdigen, ja regelrecht zu verspotten, hat einen Namen. Es nennt sich Entmutigung und so harmlos dieses Wort auch klingen mag, genauso dramatisch kann es sich auf die Entwicklung eines Menschen auswirken. Wie das Wort „Ent-Mutigung“ erkennen lässt, ist damit gemeint, dass einem Menschen der Mut genommen wird. Der Mut, an sich und seine eigenen Fähigkeiten zu glauben, der Mut, ein Ziel zu erreichen, das zwar vielleicht herausfordernd sein mag, das man mit Fleiß, Anstrengung und Durchhaltevermögen jedoch sehr wohl erreichen kann und an dem man selbst wachsen könnte. Entmutigt zu werden, bedeutet, seiner eigenen Hoffnung beraubt zu werden, dass man etwas aus eigener Kraft heraus positiv beeinflussen kann, was wiederum unseren inneren Motor, unseren inneren Antrieb so bleiern und schwer werden lässt, dass wir jegliche Motivation verlieren, uns überhaupt noch weiter anzustrengen. Entmutigt zu werden, bedeutet, deprimiert und verunsichert zu werden, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu verlieren, sich (handlungs-)unfähig zu fühlen und von Selbstzweifeln geflutet zu werden. Kurz gesagt: Entmutigung kann unsere Entwicklung nachhaltig hemmen.

Wenn es um das Thema Entmutigung geht, dann sind wir alle gebrannte Kinder. Wir alle haben irgendwann schon einmal erleben müssen, dass unsere Fähigkeiten nicht erkannt oder angezweifelt wurden oder dass andere nicht an uns glaubten. Entmutigung findet ständig und überall statt. Meistens ist sie so subtil, dass wir sie gar nicht bemerken. Ein klassisches Beispiel, das mir in meiner Arbeit in der Erziehungsberatung in der Art schon des Öfteren aufgefallen ist, ist das folgende: Ein Elternpaar mit zwei Kindern, Junge und Mädchen, sitzt vor mir und wir unterhalten uns zum lockeren Einstieg ins Beratungsgespräch zunächst einmal darüber, wie die Familie ihre Freizeit verbringt und was jedes Familienmitglied gerne tut. Noch ehe eines der Kinder darauf antworten kann, wirft ein Elternteil ein „Unser Sohn liest gerne Winnetou-Bücher, aber für Mädchen ist das nichts.“. Und zack! Passiert! Ob die Tochter sich insgeheim wirklich nicht für diese Buchreihe interessiert oder ob sie nicht eigentlich doch gerne einmal darin blättern würde, wissen wir nicht, doch das ist auch ganz egal, denn eines ist nun sehr wahrscheinlich: Nach einem solchen Kommentar wird die Tochter die Bücher wohl eher nicht mehr anrühren, denn a) spürt sie die elterliche Erwartung, dass nur bestimmte Buch-Genres für sie geeignet sind und b) spürt sie, dass die Eltern ihr ein solches jungenhaftes, abenteuerliches Gebiet nicht zutrauen, wodurch sie es sich in der Folge vermutlich auch selbst nicht mehr zutrauen wird. Das Fatale an der ganzen Sache ist, dass es hier zu einem sich selbst verstärkenden Prozess kommt: Die Tochter wird Winnetou vermutlich nie lesen und die Eltern fühlen sich darin bestätigt, dass es tatsächlich nichts für ihre Tochter ist. Anstelle der Winnetou-Bücher können hier sämtliche andere Dinge stehen, wie zum Beispiel Interesse am Kochen, an Technik, an Fußball oder Ballett. Doch warum lassen wir uns von entmutigenden Worten so leicht beeinflussen? Wieso kann es uns nicht einfach egal sein, was andere über uns denken?

Die Antwort darauf gibt uns – wie so oft – die Evolution. Wir Menschen sind von Natur aus soziale Wesen und als diese leben wir immer in einem gesellschaftlichen Bezug, das heißt, wir brauchen zwischenmenschlichen Kontakt, emotionale Zuwendung und einen festen, akzeptierten Platz in einer Gruppe und wir sind auf die Hilfe und Unterstützung durch andere angewiesen, sonst könnten wir nicht überleben. Um dafür zu sorgen, dass wir unseren (überlebenswichtigen) Platz in unserem sozialen Umfeld nicht verlieren, müssen wir uns daher an bestimmte in unserer sozialen Umgebung vorherrschende Regeln halten, auch, wenn diese nicht immer mit unseren eigenen innersten Wünschen und Bedürfnissen vereinbar sind. Um also erfolgreich in der Gemeinschaft mitschwimmen zu können, müssen wir daher den ein oder anderen Teil von uns selbst zurückstellen oder manchmal sogar aufgeben und uns anpassen.

Im Alltag tun wir genau das andauernd, meistens unbewusst. Angenommen, ihr wollt am Abend mit drei Freunden ins Kino gehen, doch während die anderen drei sich darüber einig sind, dass sie sich gerne eine lustige Komödie ansehen möchten, stimmt ihr jedoch für Star Wars. Und nun? Mit größerer Wahrscheinlichkeit werdet ihr euch gruppenkonform verhalten und euch der Mehrheit anpassen, indem ihr der Komödie zustimmt und eure Vorliebe für Science-Fiction hinten anstellt. Um die Harmonie zu wahren und keinen Konflikt zu provozieren und um eure Zugehörigkeit zu ebendieser Gruppe nicht auf’s Spiel zu setzen, denn das sind nachvollziehbare, zutiefst menschliche Grundbedürfnisse, die ihr selbstverständlich nicht durch Selbstbezogenheit gefährden wollt. Überspitzt könnte man auch sagen: Um in unserer sozialen Umgebung nicht negativ aufzufallen und unseren Herdenschutz nicht zu verlieren, bedienen wir uns gewissermaßen der Schauspielerei, wir setzen uns eine Maske auf und lassen uns bestechen; als Dank winken Akzeptanz und Zugehörigkeit, allerdings oft zulasten unserer eigenen Authentizität und Integrität. Wir lassen uns entmutigen, unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu vertreten und geben uns stattdessen mit etwas zufrieden, das nicht unsere erste Wahl gewesen wäre. Wie gesagt, das ist menschlich, ja, wir haben häufig gar keine andere Wahl, als dies zu tun, denn ansonsten droht uns Ausschluss.

Dieser Vorgang tritt verständlicherweise noch stärker zu Tage, wenn es sich bei den Personen, mit denen wir Meinungsverschiedenheiten haben, um Familienangehörige (z.B. Mutter oder Vater) handelt. Insbesondere Kinder, die noch völlig abhängig davon sind, dass sie von ihren Eltern ernährt werden und emotionale Nähe und Fürsorge erhalten, werden sich daher eher der Meinung ihrer Eltern anpassen, denn diese Bindung zu verspielen, würde – wieder evolutionsbiologisch gesprochen – ihren sicheren Tod bedeuten. Deshalb wird auch die Tochter, für die laut Aussage ihrer Eltern Winnetou nichts ist, sich den Erwartungen ihrer Eltern sehr wahrscheinlich anpassen und sich mit anderen Buch-Genres abfinden.

Und noch etwas spielt eine Rolle, wenn es speziell um die Entmutigung von Kindern geht: Kinder haben häufig noch nicht die notwendige soziale Kompetenz erwerben können, um sich gegenüber Entmutigungsangriffen angemessen zur Wehr zu setzen, was, zum Einen, daran liegt, dass die Gehirnareale, die für unser Sozialverhalten bedeutsam sind, sich erst etwa bis zum 20. Lebensjahr vollständig ausgebildet haben (Quelle) und dass Kinder, zum Anderen, auch schlichtweg auf weniger Lebenserfahrung zurückgreifen können als Erwachsene, wodurch sie in schwierigen sozialen Situationen weniger konstruktive Handlungsstrategien zur Verfügung haben. In meinem eingangs dargestellten Beispiel mit dem Kunstunterricht wird genau dies deutlich. Was es auch für ein Auftrag war, den wir Schüler damals im Kunstunterricht zu erbringen hatten – ein Stillleben, Masken aus Pappmaschee oder simples Malen mit Wasserfarben -, meine Leistungen wurden von der besagten Lehrerin durchgehend als mittelmäßig vor der gesamten Klasse offenbart. Regelmäßig versank ich verlegen und eingeschüchtert in meinem Stuhl und sagte nichts. Aber was hätte ich tun können?

Nun, ich hätte mich erheben und der Lehrerin mitteilen können, dass es mich beschämt, dass es mir peinlich ist, wenn sie meine Werke vor der Klasse verspottet. Doch wie gesagt: Die meisten Kinder und Jugendlichen haben reifebedingt noch nicht die nötige Souveränität entwickeln können, um ihren eigenen Unmut einer – noch dazu – Autoritätsperson mitzuteilen, die imstande ist, sie durch die Vergabe von guten oder schlechten Noten entweder an die Klassenspitze oder in die Versetzungsgefährdung zu katapultieren. Dass ich also damals in der Lage gewesen wäre, selbstbewusst aufzutreten und ein respektvolleres Verhalten von Seiten der Lehrerin einzufordern, ist demzufolge eher unwahrscheinlich. Ich hätte aber auch noch einige andere Optionen gehabt, wie ich mich damals hätte verhalten können. So hätte ich nämlich beispielsweise den Unterricht durch blödsinniges Verhalten stören und den Klassenclown raushängen lassen können oder ich hätte den Unterricht gleich ganz schwänzen können, um der Entmutigung und der Demütigung zu entfliehen, der ich damals über lange Zeit hinweg ausgesetzt war. An dieser Stelle können wir uns alle einmal fragen, wie oft sich wohl hinter einem aufmüpfigen, schuleschwänzenden, kriminellen oder mit Drogen in Kontakt kommenden Jugendlichen in Wirklichkeit ein entmutigtes Kind verbergen mag, das tief in seinem Inneren gute Absichten hatte, in seiner Welt zurechtzukommen und das jedoch durch wiederholte Entmutigungserfahrungen auf die schiefe Bahn geraten ist, weil es auf der Suche nach Auswegen aus seiner Misere in regelwidrigem Verhalten fündig geworden ist?

Entmutigungserfahrungen finden längst nicht nur in der Schule statt, sondern überall im Alltag, doch wenn Entmutigung im schulischen Kontext stattfindet, dann ist dies in der Tat immer ganz besonders brisant, denn die Bewertungen (und Abwertungen), die wir vor allem von Lehrern erhalten, sind in den meisten Fällen nachhaltig wegweisend für unsere eigene berufliche (und mitunter auch persönliche) Laufbahn. Im schlimmsten Fall führen wiederholte und als extrem belastend empfundene Entmutigungserfahrungen dazu, dass der Betroffene sich zurückzieht, sich selbst als unfähig und wertlos wahrnimmt und er daraufhin die Erwartung ausbildet, dass andere Menschen ihn sowieso nicht akzeptieren und seine Bemühungen nicht schätzen werden und er dadurch völlig resigniert. In der Psychologie kennt man in diesem Zusammenhang auch den Begriff der „gelernten Hilflosigkeit“ , der vom US-amerikanischen Psychologen Martin Seligman geprägt wurde. Durch die wiederholte Erfahrung, keinen (positiven) Einfluss auf unsere Lebensumstände nehmen zu können, gewinnen wir mehr und mehr die Überzeugung, keine Kontrolle zu haben und widrigen Umständen hilflos ausgeliefert zu sein, sodass wir in der Folge auch kaum noch Mühe investieren und wir unsere Handlungsspielräume zunehmend einengen. Laut Seligman kann dieser entmutigte, hoffnungslose Zustand im schlimmsten Fall einer Depression vorausgehen.

Psychologen gehen sogar noch weiter und stellen die These in den Raum, dass wiederholte, andauernde Entmutigungserfahrungen bei Weitem nicht nur zu Depressionen führen können, sondern zu allen möglichen Auffälligkeiten, angefangen bei leichtem Fehlverhalten eines scheinbar unartigen Kindes über kriminelle Handlungen eines Jugendlichen bis hin zu schwerwiegenden, diagnosewürdigen, psychischen Erkrankungen (Quelle). Daher halte ich es für dringend angezeigt, ein Bewusstsein für das – meiner Meinung nach vor allem von pädagogischen Lehrkräften sehr unterschätzte – Thema Entmutigung zu schaffen und es in sämtlichen Berufen und Bereichen, in denen man insbesondere mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, immer wieder auf den Tisch zu bringen und dafür zu sorgen, dass wir stattdessen ERmutigung praktizieren. Doch wie funktioniert Ermutigung?

„Was Menschen über ihre eigenen Fähigkeiten glauben, hat einen starken Effekt auf ebendiese Fähigkeiten.“ (Albert Bandura)

Das Zauberwort lautet Selbstwirksamkeit, ein Begriff, der in den 1970er Jahren vom kanadischen Psychologen Albert Bandura geprägt wurde und der auf der Annahme fußt, dass alle Menschen ein natürliches Bedürfnis danach haben, selbstwirksam zu sein, das bedeutet, wir alle möchten aus unserer eigenen Kraft heraus etwas bewirken, wir möchten unsere eigenen Fähigkeiten einsetzen, um Herausforderungen zu bewältigen. Jemand, der daran glaubt, Schwierigkeiten mit dem Einsatz seiner eigenen Kräfte meistern und somit selbst Einfluss auf seine Lebensumstände nehmen zu können, hat demzufolge eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung. Mit jedem Mal, bei dem es uns gelingt, eine Schwierigkeit aus eigener Kraft zu bewältigen, wird dieser Glaube an uns selbst und an unsere Fähigkeiten gestärkt und wir fühlen uns motiviert und zuversichtlich, auch in Zukunft weitere Hürden und Herausforderungen zu überwinden. Umgekehrt kann unser Glaube an unsere eigenen Fähigkeiten allerdings ebenso gut durch wiederholt erlebte Misserfolge erschüttert werden.

Die schlechte Nachricht ist: Wir Menschen machen bereits als Babys die ersten entscheidenden Selbstwirksamkeitserfahrungen, nämlich in der Interaktion mit unseren Eltern. Da wir als Babys noch völlig hilflos und abhängig von unseren Eltern sind, haben wir selbst kaum Einfluss darauf, ob diese Erfahrungen gut oder schlecht für uns verlaufen. Ein schreiendes Baby, das wiederholt die Erfahrung macht, dass sein Schreien von den Eltern gehört und durch Zuwendung beantwortet wird, lernt, dass es mit seinem Verhalten etwas bewirken kann und wird sich daher auch in Zukunft ermutigt fühlen, selbst aktiv zu werden, wenn es etwas braucht. Ein Baby, das allerdings wiederholt alleine schreien gelassen wird, lernt dagegen, dass es mit seinem Verhalten nichts bewirken kann und wird demzufolge sehr wahrscheinlich irgendwann ruhiger (weil handlungsunfähiger) werden und aufhören, nach Hilfe zu rufen.

Die gute Nachricht ist allerdings: Unsere Selbstwirksamkeitserwartung kann nachträglich noch verändert werden. Dafür stehen uns laut Bandura vier Möglichkeiten zur Verfügung, wie wir unsere eigene Selbstwirksamkeit erhöhen können:

1) Durch eigene Erfolgserlebnisse: Hierbei steht nicht im Vordergrund, dass uns stets und ständig alles gelingt und wir permanent erfolgreich sind, sondern viel wichtiger ist, dass wir uns bewusst machen, dass es eine große Rolle spielt, worauf wir unsere Erfolge und auch Misserfolge zurückführen. Jemand, der beispielsweise glaubt, er habe eine Prüfung nur deshalb bestanden, weil der Lehrer ihn mochte oder jemand, der glaubt, er habe einen Job nur deshalb bekommen, weil er Glück hatte oder weil er die Frauenquote halten musste, wird sich entsprechend eher wenig selbstwirksam fühlen, da er zu der Überzeugung gelangt ist, dass er seinen Erfolg äußeren Umständen zu verdanken hat und nicht seinem eigenen Können und Handeln. Dagegen wird jemand, der glaubt, er habe eine Prüfung bestanden, weil er sich angestrengt und sich gut vorbereitet hat, oder jemand, der glaubt, er habe einen Job bekommen, weil er unter allen Bewerbern am besten dafür geeignet war, sich selbstbewusst und selbstwirksam fühlen, da er seinen Erfolg auf seine eigenen (inneren) Fähigkeiten zurückführt. Es geht hier also grundsätzlich darum, dass wir (wieder) lernen, unsere Erfolge und Misserfolge möglichst objektiv zu beurteilen und zu reflektieren. Es geht nicht darum, sich etwas vorzumachen, denn natürlich wird es auch immer mal wieder Situationen geben, in denen wir selbst etwas vermasseln und da nützt es wenig, sich einzureden, dass andere dafür die Verantwortung tragen. Wenn ich für eine Prüfung nicht ausreichend gelernt habe, dann brauche ich mich nicht wundern, wenn ich durchfalle. Für die nächste Prüfung kann ich aber etwas an diesem Zustand ändern und dann ändert sich vermutlich auch das Ergebnis.

2) Durch stellvertretende Erfahrungen (Vorbilder): Beobachten wir, dass eine Person, die uns selbst ähnlich ist, es schafft, eine Schwierigkeit zu bewältigen, dann trauen wir es uns meist automatisch auch eher zu, dieselbe Schwierigkeit zu überwinden. Dies macht sich übrigens auch die Werbebranche zunutze: Denken wir nur einmal an Diät-Werbespots, in denen meist eine sich auf dem Weg zu einer schlankeren Linie befindliche Frau davon berichtet, dass sie schon unzählige Diäten ausprobiert und sie nun endlich die ultimative Lösung gefunden hat, nämlich ein Protein-Pulver, das sie nicht nur satt macht, sondern das auch nach und nach die Pfunde purzeln lässt. Hält man sich vor Augen, dass die Hälfte der Erwachsenenbevölkerung in Deutschland als übergewichtig gilt (d.h. einen Body Mass Index / BMI von mehr als 25 hat; Quelle) und sich darunter wahrscheinlich eine nicht unerhebliche Anzahl von Betroffenen findet, die sich einen schlankeren Körper wünscht, dann werden sich mit großer Wahrscheinlich viele dieser Menschen mit der Protagonistin aus ebendiesem Spot identifizieren. Genauer gesagt, wird Folgendes passieren: Die Protagonistin erscheint ihnen sympathisch und zwar deshalb, weil sie den Zuschauern in ihrem Wunsch nach einem schlankeren Körper und in ihren Bemühungen um einen solchen sehr ähnlich ist (vgl. Ähnlichkeits-Attraktions-Paradigma nach Byrne, 1971) und weil die Zuschauer in der Folge zu der Überzeugung gelangen „Was die kann, kann ich also auch schaffen!“ (ihre eigene Selbstwirksamkeitserwartung steigt). Auf diese Weise können uns Vorbilder dazu ermutigen, uns eine Herausforderung auch zuzutrauen und dies wiederum kann bewirken, dass wir dabei tatsächlich erfolgreich sind. Dass allerdings in diesem konkreten Beispiel die Werbeindustrie mit unserer Selbstwirksamkeitserwartung spielt, um an uns zu verdienen, sollten wir dabei nicht vergessen.

3) Durch verbale Ermutigung: Hier geht es darum, dass wir durch verbalen Zuspruch darin ermutigt werden, uns weiter anzustrengen. Dagegen geht es nicht darum, dass wir Honig um den Mund geschmiert bekommen. Lob zu erhalten für etwas, das wir geleistet haben, ist jedoch nur ein Teil davon, denn viel wichtiger ist es, auch den Prozess, also den Weg zum Ziel positiv zu kommentieren und zwar noch, bevor das Endziel erreicht ist. Für einen Schüler, der über einer kniffligen Matheaufgabe grübelt, wäre es beispielsweise sicher hilfreich, so etwas zu hören wie „Mensch, es ist toll, wie du dran bleibst. Bestimmt findest du bald eine Lösung.“. Für ein Kleinkind, das seiner Mutter beim Aufräumen hilft, wäre es motivierend, so etwas zu hören wie „Wenn du mir beim Aufräumen hilfst, dann geht es viel schneller.“. Und wenn man die Leistung eines Schülers überhaupt nicht wertschätzen kann, weil sein Talent in Kunst vielleicht unterirdisch ist, dann gibt es keinen Grund, weshalb man auch hier nicht wenigstens seine Bemühungen anerkennen kann – vorausgesetzt natürlich, dass er nicht wirklich nichtstuend auf seinem Stuhl gesessen und Löcher in die Luft gestarrt hat -, indem man zum Beispiel sagt „Ich habe gesehen, du hast dich heute angestrengt.“ oder einfach nur „Das wird schon.“. Dass Mimik und Gestik hier auch mit dem Gesagten übereinstimmen sollten, versteht sich von selbst.

4) Durch Steuerung / Kontrolle unserer emotionalen Erregung: Wenn wir in einer stressgeladenen Anforderungssituation bemerken, dass wir vor Aufregung eine zittrige Stimme, weiche Knie oder schweißnasse Hände bekommen, dann kann dies leicht dazu führen, dass sich diese mit Angst assoziierten körperlichen Vorgänge auch auf unsere Psyche niederschlagen und wir infolgedessen ängstlicher und unsicherer werden, dass wir beginnen, an uns selber zu zweifeln und dass wir uns eine Herausforderung weniger zutrauen. Dies wiederum kann – im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung – dazu führen, dass wir tatsächlich versagen. Aus diesem Grund kann es hilfreich sein, wenn wir ganz bewusst versuchen, einer solchen körperlichen und letztendlich auch psychischen Stressreaktion entgegen zu wirken, indem wir zum Beispiel vor einer schwierigen Aufgabe oder Prüfung ein Entspannungsritual einüben, das uns dabei hilft, unsere Ängste zu steuern. Zum Beispiel können wir Entspannungsmusik hören, unsere Sorgen aufschreiben, tief in den Bauch einatmen, einen Glücksbringer bei uns tragen oder destruktive Gedankenspiralen unterbrechen. All das kann uns dabei helfen, dass wir trotz unserer Anspannung handlungsfähig bleiben und Herausforderungen meistern können.

„Jedes Kind ist eine andere Art von Blume. Und alle zusammen machen diese Welt zu einem wunderschönen Garten.“ (Verfasser unbekannt)

Heute bin ich erwachsen und als erwachsener Mensch kann ich selbst Bemühungen anstellen, um mein Selbstwertgefühl und meine Selbstwirksamkeit zu verbessern. Als Kind und Jugendliche war ich jedoch noch nicht so reflektiert, sodass ich damals in hohem Maße davon abhängig war, dass Erwachsene mir Ermutigung zukommen ließen. Ein Kind, das das Gefühl bekommt, dass Erwachsene an es glauben, fängt selbst an, an sich und seine Fähigkeiten zu glauben. Ein Kind, das an sich selbst glaubt, entwickelt eine positive Einstellung sich selbst gegenüber und gewinnt somit ein positives Selbstwertgefühl. Und dieses wiederum kann besonders in schwierigen, dunklen Phasen, in denen das Leben es nicht so gut mit uns meint, sehr hilfreich sein, denn es macht uns widerstandsfähiger und befähigt uns dazu, Herausforderungen auszuhalten und zu überstehen (Resilienz). Aus diesem Grund kommt insbesondere Lehrkräften, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, neben der Wissensvermittlung tatsächlich eine weitere sehr wichtige Rolle zu: Sie tragen in erheblichem Maße dazu bei, dass Kinder und Jugendliche Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit entwickeln, die für das weitere Leben dieser Kinder und Jugendlichen in beträchtlichem Ausmaß wegweisend sein werden. Im Übrigen betrifft dies längst nicht nur Lehrer, nein, denn zum Beispiel auch Führungskräfte, die Mitarbeiter führen, sollten ebenso dazu in der Lage sein, ihre Mitarbeiter zu ermutigen, denn ein Mitarbeiter, der sich ermutigt fühlt, kann über sich hinauswachsen und dies wiederum kommt ja auch der ganzen Firma zugute. Und dies wiederum entlastet auch unser Gesundheitssystem, da weniger Mitarbeiter aufgrund psychischer Erkrankungen professionelle Hilfe benötigen und aus dem Job aussteigen.

Menschen zu ermutigen, heißt, sie zu respektieren und ihnen vor allem Kritik auf eine Weise zu vermitteln, dass der Kritisierte sich gewertschätzt und zugleich motiviert fühlt, sich in Zukunft trotz – oder gerade wegen der – Kritik weiter anzustrengen. Und nicht, ihn so einzuschüchtern, dass er sowohl den Glauben an sich selbst als auch seine Motivation verliert. Vor allem in Bezug auf Kinder und Jugendliche ist es nicht damit getan, von ihnen zu verlangen, sich halt mal nicht so anzustellen, sich doch nichts aus solchen kränkenden, entmutigenden Worten zu machen und darüber zu stehen, denn nicht einmal die meisten Erwachsenen stehen Entmutigungen souverän gegenüber, sondern lassen sich durch sie stark verunsichern. Wie sollen also Kinder souverän damit umgehen können?

Eines müssen wir uns immer mal wieder in Erinnerung rufen: Wir Menschen sind von Natur aus selbstbewusst, doch entmutigende Erfahrungen und unschöne Erlebnisse haben mit der Zeit dazu beigetragen, dass wir es verlernt haben, uns selbstbewusst und selbstwirksam zu fühlen. Wenn wir Liebesentzug, Ablehnung, Beschämung, Demütigung, Enttäuschungen und Misserfolge erleben, dann führt dies leider nicht selten dazu, dass wir den Fehler bei uns selbst suchen, dass wir uns selbst die Schuld daran geben und dass wir uns zunehmend unzulänglicher und ungenügender fühlen. Jeder von uns schleppt einige solcher „blinden Flecke“ mit sich herum, die ihren Ursprung oft in der Kindheit haben und die uns bis ins heutige Erwachsenenleben – meistens unterbewusst – in unserem Potential beeinträchtigen, uns selbst zu entfalten. Einer meiner blinden Flecke seit meiner Schulzeit war die Kunst. Mich künstlerisch auszuprobieren und Spaß daran zu entwickeln, ist mir aufgrund einer sehr gravierenden und über mehrere Klassenstufen hinweg andauernden Entmutigungserfahrung für lange Zeit abhanden gekommen. Erst zwei Kinder und einige Therapieerfahrungen später konnte ich diese „Wunde“ für mich selbst überwinden und heilen, sodass ich heute sagen kann, dass sie mich nicht mehr länger blockiert. Viel zu gerne male, bastle und gestalte ich inzwischen mit unseren Kindern die kreativsten Dinge und finde meine eigenen Leistungen dabei ansehnlich und schön, doch bis ich das so empfinden konnte, hat es viele Jahre gedauert. 

In der kognitiven Verhaltenstherapie würde man sagen, dass „mein innerer Zensor“ (bzw. innerer Kritiker) – das ist die kritische Stimme in mir, die mein Können anzweifelt und mich damit verunsichert – sich regelmäßig zu Wort gemeldet hat, wann immer ich in irgendeiner Form künstlerisch-kreativ gefordert wurde. Dann sorgte er dafür, dass in mir Gedanken aufkamen wie „Das kannst du sowieso nicht.“ und „Probier es gar nicht erst, denn sonst lachen wieder alle.“. Der innere Zensor hat Botschaften, die wir in unserer Kindheit wiederholt verbal oder auch non-verbal bekommen haben, verinnerlicht und ist nun im Alltag permanent damit beschäftigt, uns an diese zu erinnern. Er hat sozusagen die Aufgabe, unser Tun zu zensieren, das bedeutet, er teilt uns mit, wie wir uns verhalten sollten und was wir besser bleiben lassen sollten, damit wir in der Gesellschaft unauffällig mitschwimmen können, ohne anzuecken und schlimmstenfalls ausgeschlossen zu werden. Er möchte uns also im Grunde genommen nur beschützen und das ist an sich ja erstmal eine gute Sache. Die Kehrseite ist allerdings, dass zu viel Schutz unsere Weiterentwicklung hemmt. Wenn mein innerer Zensor mich also immer wieder davon abhält, mich künstlerischen Herausforderungen zu stellen, dann werden mein künstlerisches Interesse und mein Können mit der Zeit verkümmern. 

„Die Komfortzone ist ein gemütlicher Ort, aber dort wächst nichts.“ (Verfasser unbekannt)

„Dein Leben beginnt dort, wo deine Komfortzone endet.“ (Verfasser unbekannt)

Deshalb sind zwei Dinge für uns wichtig: Zum Einen, müssen wir überhaupt erst einmal wahrnehmen und bemerken, wann sich unser innerer Zensor unter unsere Gedanken mischt und, zum Anderen, haben wir dann die Wahl, an welcher Stelle wir ihn höflich in seine Schranken weisen möchten, weil er nämlich gerade dabei ist, unsere Entwicklung zu boykottieren. 

Eine liebevolle Auseinandersetzung mit unserem inneren Zensor kann zum Beispiel so aussehen:

„Danke, mein lieber innerer Zensor, du bist ein Freund für mich, der es gut mit mir meint und der mich vor unangenehmen Erfahrungen beschützen möchte und das schätze ich an dir. Doch im Augenblick habe ich mehr Lust auf Veränderung. Ich möchte das Alte, Vergangene loslassen und Neues ausprobieren und über mich hinaus wachsen. Und dir, lieber innerer Zensor, möchte ich damit die Möglichkeit geben, die alte, destruktive Botschaft, die du aus früheren Zeiten für mich abgespeichert hast, zu löschen und mit einer neuen, konstruktiveren, heilsameren Botschaft zu überschreiben. Damit ich wachsen kann.“ 🖤🖤🖤




Psychofutter: Genügsamkeit

Angesichts der Tatsache, dass ein Urlaub in ausländischen Gefilden aufgrund der aktuellen Corona-Krise derzeit leider in weite Ferne gerückt ist, schwelge ich momentan gerne sehnsüchtig in Erinnerungen, wenn ich mir unsere schönen Fotos von unserem letzten Campingurlaub im vergangenen Jahr anschaue. Wir sind mit einem alten Wohnwagen nach Italien gereist und haben dort zwei Wochen lang auf einem bekannten Campingplatz verbracht, nur wenige hundert Meter vom Meer entfernt. Einen Campingurlaub würde ich jederzeit einem komfortablen Hotelurlaub vorziehen. Beschränkt auf das Wesentliche, mit provisorischer Schlafmatratze und kleinem Kühlschrank, naturnah, bodenständig und ursprünglich. Inmitten von einheimischen Touristen, die italienische Volkslieder singen, während sie ihre nassen Badehandtücher auf Wäscheleinen aufhängen, die sie zuvor notbehelfsmäßig zwischen zwei Baumstämmen festgespannt haben. Sich morgens nach dem Aufstehen mit einer alten, abgenutzten Filterkaffeemaschine frischen Kaffee aufbrühen und zum Duschen die sanitären Anlagen auf dem Campingplatz nutzen. Provinziell und kinderfreundlich, überall das Lachen spielender Kinder zu hören. Klirrendes und klimperndes Geschirr und aromatische Gerüche, die zur Siesta-Zeit den ganzen Campingplatz erfüllen. Sich draußen im Freien auf dem Grill etwas zu essen machen und zum Einkaufen mit dem eigenen Bollerwagen zum nahegelegenen Obst- und Gemüsehändler laufen. Und dann diese romantischen Nächte, die man eingemummelt in eine Decke und bei schimmerndem Kerzenschein (und mit einem Jahresvorrat an Mückenvernichtungsspray) unter dem Sternenhimmel verbringt. Das ist die Art von Urlaub, die ich liebe. Ohne viel luxuriösen Schnickschnack. Und die zumeist voll ausgebuchten Campingplätze lassen mich vermuten, dass ich längst nicht die Einzige bin, die eine solche Einfachheit, eine solche Schlichtheit zu schätzen gelernt hat. Die inzwischen doch sehr abgedroschene Formel stimmt für mich: „Weniger ist mehr“. Doch was hat es damit auf sich?

„Genügsamkeit ist natürlicher Reichtum, Luxus künstliche Armut.“ (Sokrates)

Als im Jahre 1998 die sogenannte Positive Psychologie begründet wurde – und zwar maßgeblich von Martin Seligman, einem bekannten US-amerikanischen Psychologen -, rückte zunehmend die Frage in den Vordergrund, was Glück sei und unter welchen Bedingungen Menschen sich als glücklich bezeichnen würden. Während Psychologen und Psychotherapeuten sich bis dahin vorrangig damit beschäftigten, bereits psychisch erkrankte Menschen von deren Leiden zu befreien, begann der Blickwinkel sich allmählich dahingehend zu verändern, dass man auch psychisch gesunde Menschen darin unterstützen könnte, ihr bestehendes Glück und Wohlbefinden aufrechtzuerhalten und zu stabilisieren. Somit war der Grundstein gelegt für das, was heute im Alltagsjargon gerne als Glücksforschung bezeichnet wird und was es sich zum Ziel gesetzt hat, herauszufinden, welche Faktoren es sind, die uns Menschen auf Dauer glücklich und zufrieden machen. Eine wesentliche Erkenntnis daraus ist, dass eine genügsame, bescheidene und auf das Wesentliche besinnte Lebensführung Menschen glücklicher und zufriedener machen soll als eine anspruchsvolle, verschwenderische und unersättliche Lebensart. Doch warum sollte das so sein, sorgen eine Gehaltserhöhung oder ein Lottogewinn schließlich dafür, dass wir uns mehr leisten können und wir weniger Sorgen haben. Oder etwa doch nicht?

„Die Ironie will es so, dass wir dann, wenn wir das Objekt unserer Wünsche erlangt haben, immer noch nicht zufrieden sind. Auf diese Weise nimmt die Begierde nie ein Ende und ist eine ständige Quelle der Schwierigkeiten. Das einzige Gegenmittel ist die Genügsamkeit.“ (Dalai Lama)

Die westliche Konsumgesellschaft, in der wir leben, verführt uns immer wieder dazu, uns neue Dinge anzuschaffen und dies stets unter dem Vorwand, dass wir dadurch glücklicher werden würden. Schimmerndes Make-Up und Cremes mit irgendeinem wissenschaftlich anmutenden Wirkkomplex sollen unsere Poren feiner und glatter und unseren Teint frischer und jungendlicher machen. Eiweiß-Shakes, Superfood und Joghurtdrinks mit speziell zugesetzten Bakterienkulturen sollen unseren Körper schlanker, fitter und vitaler und unser Immunsystem robuster machen. Outfits für jeden erdenklichen Anlass, die bereits als Fertigpaket zusammengestellt sind und uns direkt an die Haustür geliefert werden, sodass man sich selbst nicht mal mehr den eigenen Kopf darüber zerbrechen muss, was man zum Geschäftsessen oder zur Familienfeier anziehen könnte. Immer das neueste Handy, den neuesten Fernseher, die neueste Spielekonsole haben, um auch technisch stets up to date zu sein. Die Erfinder all dieser modernen, innovativen Ideen und Gerätschaften arbeiten mit Hochdruck daran, uns das Leben immer angenehmer und bequemer zu machen – selbstverständlich nicht zuletzt auch mit dem Ziel, an uns zu verdienen -, doch mal ernsthaft: Brauchen wir all das wirklich? Brauchen wir den zehnten Mascara, der unsere Wimpern fünf Grad stärker in Schwung bringt als unsere neun anderen? Brauchen wir die zwölfte Leggings, nur weil sie dank ihres hohen Taillenbundes unsere feminine Silhouette (angeblich) noch etwas deutlicher zum Ausdruck bringt als die elf anderen Leggings in unserem Kleiderschrank, der so vollgestopft ist, dass wir gar nicht mehr recht wissen, was sich alles darin befindet? 

Die Psychologie weiß inzwischen, dass immer mehr Besitz und Reichtum uns auf Dauer nicht glücklich machen. Am Anfang begehren wir vielleicht ein Auto, das wir in einem Werbespot gesehen haben oder eine sündhaft teure Handtasche von Louis Vuitton, doch haben wir uns diesen Wunsch erst einmal erfüllt, dann gewöhnen wir uns sehr schnell an diesen Zustand. Kurzzeitig mögen wir vielleicht ein freudiges Hochgefühl erleben, doch genauso schnell wie es gekommen ist, flacht dieses auch schon wieder ab. Denn auch die neue Handtasche nutzt sich mit der Zeit ab, wird schmutzig, gefällt uns mit der Zeit nicht mehr, weil sich unsere Vorlieben, unser Stil verändern und so geht unsere Unzufriedenheit wieder von vorne los. Deshalb nennt man diesen Gewöhnungseffekt in der Psychologie auch eine „hedonistische Tretmühle“ (Hedonismus = das Streben nach Freude und Genuss), weil wir unserem (vermeintlichen) Glück immer wieder auf’s Neue hinterher rennen müssen, nie endend, wie ein Hamster im Hamsterrad, indem wir immer weiter konsumieren und glauben, dass wir dadurch endlich glücklich werden. Doch dies ist ein fataler Trugschluss, der uns teuer zu stehen kommen kann. Aber worin, wenn nicht in materiellen Luxusgütern, können wir dann beständige Zufriedenheit, beständiges Glück finden? Wie können wir genügsamer leben und trotzdem glücklich sein? 

Als Gegenbewegung zu einer nach Konsum geifernden Überfluss-Gesellschaft entwickelte sich der Minimalismus, der besonders im letzten Jahrzehnt immer bekannter wurde und dem sich immer mehr Menschen mehr oder weniger radikal anschlossen, die ihren Besitz auf ein Minimum herunterschrauben, um ein einfacheres Leben zu führen. Doch was sich so einfach anhört, ist gar nicht so leicht, umzusetzen, denn obwohl unsere Wohnungen bis oben hin vollgestopft sind mit ungeliebtem Krempel und nutzlosem Klimbim, tun wir uns dennoch oft schwer damit, uns von solchen Dingen zu trennen. Warum das so ist, beschreiben zwei psychologische Phänomene: Der „Besitztumseffekt“ besagt, dass wir Dinge, die uns gehören, als wertvoller einschätzen als Dinge, die uns nicht gehören und wir uns in der Folge nur schwer von unserem Besitz trennen können. Dies führt übrigens häufig dazu, dass Menschen, die Dinge aus ihrem eigenen Besitz verkaufen wollen, den Verkaufspreis nicht selten unrealistisch hoch ansetzen, wodurch sie ihre Sachen oft nicht loswerden. Die „Verlustaversion“ (Aversion = Abneigung) bezeichnet unsere Neigung, einen Verlust als schwerwiegender zu gewichten als einen Gewinn, sodass wir es demzufolge als schmerzhaft empfinden, unseren Besitz zu verlieren, wegzugeben, zu verkaufen oder zu verschenken. In der Tat konnten neurophysiologische Studien nachweisen, dass, wenn Menschen aufgefordert wurden, sich von ihrem Besitz zu trennen, die gleichen Gehirnregionen aktiv waren wie bei der Verarbeitung von Schmerz (nämlich die sogenannte Inselrinde). Kein Wunder also, dass es uns oft große Mühe bereitet, Kleiderschrank, Dachboden oder Keller auszumisten und nutzlose Dinge loszulassen und wegzugeben.

Was die genauen Hintergründe beider Phänomene sind, ist aus evolutionsbiologischer Sicht bisher nur unzureichend geklärt, doch es ist zu vermuten, dass wir deshalb so sehr an unseren Habseligkeiten festhalten, weil sie unser Überleben zu sichern vermögen. Diese Tendenz, unseren Besitz unbedingt behalten zu wollen, konnte zum Beispiel in einer Affenstudie von Jones und Brosnan (2007) nachgewiesen werden: Schimpansen bekamen Erdnussbutter und Saft angeboten und konnten sich für eines von beiden entscheiden; so fanden die Forscher zunächst heraus, was jeder Schimpanse präferierte, also lieber mochte. Als man den Schimpansen dann im weiteren Verlauf der Versuchsanordnung beliebig eines von beiden Nahrungsmitteln in die Hand gab und sie anschließend die Möglichkeit hatten, es gegen das jeweils andere einzutauschen, lehnten signifikant mehr Schimpansen den Tausch ab und zwar unabhängig davon, ob sie ihr präferiertes Nahrungsmittel bereits in der Hand hielten oder nicht. Die Forscher schlossen daraus, dass unsere nächsten Verwandten ihren Besitz vermutlich deshalb nicht eintauschten, weil für sie das Risiko zu groß war, dass ihr Gegenüber sie täuschen könnte und sie am Ende gar nichts mehr hatten. Um ihr Überleben zu gewährleisten, musste die Evolution sie daher gewissermaßen mit einem Misstrauen (oder man könnte auch sagen, mit einer gewissen Grundzufriedenheit) ausstatten, das (die) sie dazu veranlasst, das zu behalten, was sie bereits besitzen. Interessanterweise konnte in derselben Studie ebenfalls gezeigt werden, dass die Schimpansen allerdings ihren Besitz bereitwillig einzutauschen bereit waren, wenn es sich bei den Tauschobjekten nicht mehr um Nahrung handelte, sondern um Spielzeug (Seile und Gummiknochen).

Dies zeigt, dass unsere Neigung, an unserem Besitz festzuhalten, sehr wahrscheinlich zumindest in Teilen einen evolutionären Ursprung hat. Während Affen jedoch vorrangig an (lebenserhaltenden) Nahrungsmitteln festhalten und sie materielle (nicht zum Überleben notwendige) Gegenstände ohne großes Zögern abzugeben bereit sind, scheinen materielle Güter für den Menschen häufig eine ähnlich große Bedeutung zu haben wie Nahrung. Auf den ersten Blick mag dies unsinnig klingen, doch bei genauerer Betrachtung wird klar, dass uns Menschen etwas Wesentliches von unseren nahen Verwandten, den Affen, unterscheidet: Die Dinge, die wir besitzen, stehen in engem Zusammenhang zu dem, was wir sind oder sein wollen und damit zu unserer Persönlichkeit, unserer Identität. Unser Besitz zeigt, wohin wir gehören, zu welcher sozialen Schicht, zu welcher Clique, und er grenzt uns von dem ab, zu dem wir nicht gehören (wollen). Wir definieren uns über unsere Kleidung, unseren Schmuck, unsere CD-Sammlung, unsere Wohnzimmerdekoration oder auch über unsere Sporttrophäen. Etwas davon auszusortieren, bedeutet überspitzt gesagt, einen Teil von uns wegzugeben. Zwar sind all diese materiellen Dinge streng genommen nicht überlebensnotwendig im evolutionären Sinne, doch sie symbolisieren unsere soziale Zugehörigkeit, unseren sozialen Status und sind daher für unser gesellschaftliches Leben sehr wohl relevant, ja geradezu unabdingbar. Es erscheint daher sinnvoll, dass wir uns nicht so leichtfertig von unserem Besitz trennen wollen.

Unsere Schwachstelle, Dinge nicht mehr hergeben zu wollen, die einst in unseren Besitz gekommen sind, machen sich übrigens auch Händler zunutze: Jeder, der einmal etwas bestellt und zur zweiwöchigen Probe nach Hause bekommen hat, hat vielleicht bemerkt, dass es schwerer fällt, etwas zu retournieren, das wir bereits für längere Zeit in den Händen hatten, anprobiert oder ausprobiert haben. Um also nicht in einen solchen Automatismus zu verfallen, müssen wir uns ganz bewusst dafür entscheiden, nicht in unseren Habseligkeiten zu versinken, denn diese können uns, wenn sie Überhand nehmen, auf Dauer ganz schön belasten. Doch warum ist es für uns so wichtig, unsere Wohnungen aufzuräumen, sie von Zeit zu Zeit zu entrümpeln und uns von unnötigem Ballast zu befreien?

Die Kapazität unseres Gehirns ist begrenzt. Das bedeutet, wir können nur eine begrenzte Menge an Informationen gleichzeitig in unserem Arbeitsgedächtnis aufnehmen und verarbeiten, uns nur auf eine begrenzte Anzahl an Dingen und Einflüssen konzentrieren (vgl. Cognitive Load Theory). Je komplexer und unübersichtlicher jedoch die Welt um uns herum ist, umso schwerer fällt es uns, den Fokus für das Wesentliche zu behalten. Mediale Reize strömen tagtäglich ungefiltert auf uns ein, seien es die überquillenden Werbeprospekte in unserem Briefkasten, die Werbeplakate an der Bushaltestelle oder das Handy, das sich alle paar Minuten bemerkbar macht und über das wir stets und ständig erreichbar sind. Ein volles E-Mail-Postfach, das vor Spam-Nachrichten und unbearbeiteten Mails überschäumt. Dazu Chaos in der eigenen Wohnung, weil wir viel zu viele Dinge besitzen, von denen wir nicht wissen, wo wir sie überhaupt verstauen sollen geschweige denn, wofür wir sie überhaupt benötigen. Morgens wissen wir nicht, was wir anziehen sollen, weil sich in unserem Kleiderschrank 3587 Anziehsachen tummeln, von denen wir aber gerade mal drei Handvoll gerne anziehen und alle restlichen Kleidungsstücke jeden Tag auf’s Neue konsequent ignorieren, weil sie zu klein, zu groß, zu ausgeblichen, zu neonfarben oder zu unserem Stil nicht mehr passend sind, doch davon trennen können wir uns auch nicht. All dies lenkt uns ab von den Dingen, die in unserem Leben wirklich wichtig sind. Wie in einem großen Wimmelbild wissen wir nicht, wohin wir zuerst schauen sollen, was wir zuerst tun oder denken sollen. Viel zu viele Sinneseindrücke, die gleichzeitig auf uns hereinprasseln. Wir fühlen uns zerstreut, wir verlieren den Überblick und vor allem verlieren wir eine nicht unerhebliche Menge an wertvoller Lebenszeit, während wir ständig damit beschäftigt sind, unseren ganzen Krempel abzustauben, ihn immer wieder neu aufräumen oder etwas Wichtiges darunter wiederfinden zu müssen. Die Folge ist: Mentaler Overload. Wir fühlen uns erschöpft und überfordert und kompensieren unsere geistige Zerstreuung mit reichlich Kaffee, Yoga und anderen Tricks. Tief in unserem Inneren wünschen wir uns nichts mehr, als unser Leben, unseren Alltag zu vereinfachen. Doch wie soll das denn bitteschön gehen?

„Die wichtigsten Dinge im Leben sind keine Dinge.“ (Verfasser unbekannt)

Der Gedanke, dass ein genügsameres, anspruchsloseres, bescheideneres Leben uns Menschen zufriedener machen könnte, ist keineswegs neu, denn bereits seit Jahrtausenden stellt es für einige große Weltreligionen (z.B. Christentum, Hinduismus, Buddhismus) eine erstrebenswerte Tugend dar, einem materiellen Leben zu entsagen und sich im Leben stattdessen auf einige wesentliche Dinge zu beschränken, die uns erfüllen. Um herauszufinden, was uns im Leben wirklich erfüllt, können wir uns selbst fragen: Was macht mir wirklich Spaß? Womit beschäftige ich mich richtig gerne? Was kann ich so richtig genießen? Mit welchen Menschen bin ich so richtig gerne zusammen? Wie möchte ich meine Zeit nutzen, um danach das Gefühl zu haben, dass sie nicht vergeudet war? Was gibt mir Energie und was raubt mir welche? Was fordert mich angenehm heraus und regt mich dazu an, mich weiterzuentwickeln? Wann, unter welchen Bedingungen geht es mir am besten? Das Problem ist, dass wir in der heutigen medial überfluteten Welt gar nicht merken, wie sehr wir fremdgesteuert werden. Wir glauben, Pläne zu verfolgen, die unsere eigenen sind, doch in Wirklichkeit sind es häufig gesellschaftliche Zwänge und Einflüsse, die dahinter stecken und die uns vorgaukeln, dass wir etwas wollen. Wollen wir also dem wahren Kern auf den Grund gehen, der uns Erfüllung bringt, kommen wir nicht umhin, uns mit uns selbst und mit unserem Konsumverhalten zu beschäftigen. Dabei geht es längst nicht mehr nur darum, unsere Kleiderschränke, Briefkästen oder Dachböden auszumisten, sondern auch gleich unsere Gewohnheiten und Alltagsabläufe, unsere Hobbys, unsere destruktiven Gedanken oder auch unsere Bekanntschaften. Hier geht es vor allem darum, (wieder) wahrzunehmen und zu bemerken, welche (vor allem immateriellen) Schätze und Kostbarkeiten wir bereits in unserem Leben haben und dafür ernsthaft dankbar zu sein. 

„Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“ (Francis Bacon)

Schlägt man das Wort Genügsamkeit im Duden nach, so findet man dort neben Einfachheit, Bescheidenheit und Enthaltsamkeit auch das Synonym „Dankbarkeit“. Das ist deshalb so interessant, weil vielen Menschen nicht bewusst ist, dass eine wesentliche Voraussetzung für ein genügsameres Leben die Dankbarkeit ist. Erst, wenn wir lernen, dankbar zu sein für die Dinge, die wir haben, streben wir nicht mehr danach, noch mehr zu wollen. Dankbar zu sein, bedeutet weit mehr als „danke“ zu sagen, weil dir jemand beim Betreten der Bäckerei die Tür aufgehalten hat oder weil du von der netten Verkäuferin an der Wursttheke im Supermarkt eine Scheibe Lyoner umsonst bekommen hast, sondern es ist eine innere Einstellung, die man sich selbst (zunächst mühsam) antrainieren muss. Sich in Dankbarkeit zu üben, bedeutet, zu lernen, unsere Aufmerksamkeit vor allem auf das zu richten, was wir an und in unserem Leben mögen, was wir schätzen und was wir nicht missen wollen. In unserer konsumdominierten (westlichen) Welt wird unser Blick dagegen leider immer auf das Mangelhafte gelenkt, also auf das, was uns fehlt, was wir nicht haben, aber unbedingt haben wollen (sollen). Ist ja auch kein Wunder, schließlich wollen die Hersteller ja an uns verdienen. Wer kauft schon teure Cremes, feuchtigkeitsspendende Glanzshampoos oder aufhellende, kieselsäurehaltige Zahnpasta, wenn er glaubt, dass sein Hautbild in Ordnung, seine Haare gesund und seine Zähne weiß genug sind? Das beste Gegenmittel, um für solch verlockende Werbeversprechen nicht länger empfänglich zu sein, ist es, mit sich und seinem Leben zufriedener zu werden und dies schafft man, indem man zuallererst einmal anerkennt, was schon alles Gutes im eigenen Leben vorhanden ist und dafür ganz bewusst dankbar zu sein. Dabei kann man Dankbarkeit empfinden in Bezug auf alle erdenklichen Zeitpunkte im Leben, für Dinge aus der Vergangenheit, für Dinge im Hier und Jetzt und auch für Dinge, die noch in der Zukunft liegen.

Jedoch scheint wohl eine der größten Herausforderungen hierbei zu sein, dass wir Dankbarkeit im hektischen, schnelllebigen und mit Konsumverlockungen gespickten Alltag immer wieder neu entwickeln müssen. Das bedeutet, es ist nicht damit getan, einmal zu überlegen, wofür wir alles dankbar sind und es dann wieder monatelang bleiben zu lassen, sondern Dankbarkeit ist ein fortlaufender Prozess, ein Zustand, den wir immer wieder neu bewusst herbeiführen müssen. Wenn es uns gelingt, den Wert von Dingen, Menschen und Ereignissen (wieder) zu erkennen, dann werden wir bemerken, dass wir plötzlich weniger Neues brauchen, dass wir weniger begehren und demzufolge auch weniger kaufen. Das soll keineswegs heißen, dass wir gar nicht mehr konsumieren sollen, sondern, dass wir bewusster konsumieren und uns sehr gut überlegen, ob wir etwas wirklich benötigen oder nicht, um zu verhindern, dass Werbeversprechen vermeintliche Bedürfnisse in uns erzeugen, die vorher gar nicht in uns existent waren. Genügsamkeit hat nichts mit Armut zu tun, denn während Armut bedeutet, einen tatsächlichen Mangel an etwas zu erleiden, meint die Genügsamkeit den bewussten Verzicht auf materielle Dinge, die man zwar haben könnte, bei denen man jedoch zu dem Entschluss gekommen ist, dass man sie in Wirklichkeit nicht braucht, weil sie kein ernsthaft vorhandenes Bedürfnis befriedigen. Es ist eine bewusste Entscheidung gegen Verschwendung, Überfluss und Prasserei (Quelle). Es ist ein bewusstes Genießen der Dinge, Menschen und Ereignisse, die wir in unserem Leben bereits haben und ein Verabschieden all dessen, was uns keine Freude, keine Erfüllung bringt. 

Die „Kieselsteine-Übung“ ist eine geeignete Methode, um im Alltag den eigenen Blick für all die kleinen angenehmen, positiven Dinge zu schärfen, die uns tagtäglich widerfahren und die wir in unserem hastigen Alltag leicht übersehen. Und so wird’s gemacht: Steckt euch am Morgen einige Kieselsteine in eure linke Hosentasche. Wann immer euch im Verlauf des Tages etwas Schönes, Angenehmes, Positives begegnet, nehmt ihr dafür jeweils einen Kieselstein aus eurer linken Hosentasche heraus und lasst ihn in eure rechte Hosentasche wandern. Worüber habt ihr euch heute gefreut? Was ist euch heute gut gelungen? Am Ende des Tages – vielleicht immer abends vor dem Zubettgehen – nehmt ihr euch eine kleine Reflektionszeit, in der ihr all eure Kieselsteine, die im Tagesverlauf von der linken in die rechte Hosentasche gewandert sind, noch einmal Revue passieren lasst, indem ihr sie euch noch einmal ganz bewusst ins Gedächtnis ruft und sie genießt. Am Anfang werdet ihr euch vielleicht noch etwas schwer tun damit, denn unseren Fokus auf das Gelingende, auf das Funktionierende, auf die Erfolgserlebnisse zu richten – und seien diese auch noch so klein -, ist etwas, das wir nicht gewöhnt sind und das wir regelrecht einüben müssen, doch je öfter ihr die Übung macht, desto leichter wird es euch mit der Zeit fallen, das Gute zu bemerken. Dabei geht es hier nicht um Bauchpinselei beziehungsweise darum, alles schön zu reden, sondern schlicht darum, echte kleine Tageshighlights wahrzunehmen, angefangen bei der wohlduftenden Tasse frisch aufgebrühtem Kaffee am Morgen, der netten Nachbarin, die uns beim Verlassen der Wohnung grüßt, dem fremden Herren in der U-Bahn, der uns seinen Sitzplatz anbietet über die Kollegin, die uns fragt, ob wir nicht die Mittagspause mit ihr verbringen wollen bis hin zu unserer Lieblingssendung, die nach einem langen, stressvollen Tag abends auf uns wartet. Statt Kieselsteinen könnt ihr übrigens auch andere kleine Gegenstände verwenden, wie zum Beispiel Murmeln, getrocknete Erbsen oder – wer nichts gegen den Geruch hat – auch Kaffeebohnen. Ihr könnt die Übung täglich anwenden, wenn ihr wollt.

Eine tolle Erweiterung dieser „Glücksmethode“ könnte sein, dass ihr euch das, wofür die einzelnen Kieselsteine jeweils standen und das euch dankbar, zufrieden und glücklich gemacht hat, auch in einer Art Dankbarkeits-Tagebuch notiert. Dies hat den Vorteil, dass ihr schwarz auf weiß nachlesen könnt, welche Dinge, Menschen und Ereignisse es sind, die euch in eurem Alltag wirklich erfüllen. Ein weiterer Vorteil ist, dass ihr euch euer Dankbarkeits-Tagebuch auch an besonders miesen Tagen heranziehen könnt, um euch daran zu erinnern, dass es auch andere, bessere, hellere, leichtere Tage gibt. 

Für welche Dankbarkeitsübungen ihr euch auch entscheiden mögt, lasst sie zu einem festen Ritual werden, denn dann werden sie euch auf Dauer dazu verhelfen, mit dem, was oft so selbstverständlich erscheint, zufriedener zu sein, nämlich mit den kleinen „Dingen“.

„Viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das große vergebens warten.“ (Pearl S. Buck)




Psychofutter: Überraschung

Genauso wie ich früher als Kind, so liebt heute auch unser Vierjähriger Überraschungseier. Deshalb bringe ich ihm vom Lebensmitteleinkauf meistens auch eins mit, worüber er sich jedesmal riesig freut und er hastig und ungeduldig dem Moment entgegen fiebert, herauszufinden, was wohl darin verborgen sein mag. Ein Überraschungsei zu öffnen, gleicht ja geradezu einem immer wieder auf die gleiche Weise ablaufenden Ritual voller Nervenkitzel: Das von Knistern und Rascheln begleitete Ablösen der weiß-roten Folie, das dumpfe Geräusch der aufbrechenden braun-weißen Schokoladenhülle und schließlich das aufploppende Geräusch des typisch gelben Plastik-Eis, das nun endlich die mit großer Neugier und Spannung erwartete Überraschung preisgibt. Mal davon abgesehen, dass die Figuren von früher um ein Vielfaches schöner und sammelwürdiger waren, so hat das Ü-Ei, das es übrigens bereits seit 1974 zu kaufen gibt, seinen Reiz bis heute nicht verloren. Kein Wunder, haben sich die Hersteller schließlich etwas dabei gedacht, wenn sich alle paar Wochen der Inhalt verändert, je nachdem, welche kleinen Kinderhelden gerade so angesagt sind. Egal, ob Minions, Pets, Trolls, PJ Masks, Star Wars oder Masha und der Bär, denn da ist garantiert für jeden etwas dabei. Als sich vor zwei Jahren sogar die Turtles in den Eiern versteckten, da habe sogar ich als Erwachsene mitgesammelt. 

Doch neben solchen angenehmen Überraschungen gibt es in unserem Alltag auch eine ganze Reihe unerwünschter Überraschungen. Wir alle kennen das: Unangemeldeter Besuch, auf den man nicht vorbereitet ist und der unsere Wohnung wie ein Schlachtfeld vorfindet, sodass es uns Schamesröte ins Gesicht treibt, ein plötzlich auftretender Stau auf der Autobahn, den wir nicht einkalkuliert haben, während wir gerade auf dem Weg zu einem wichtigen geschäftlichen Meeting sind oder der Aufzug, der ganz plötzlich und unerwartet auf halber Strecke stecken bleibt, sodass wir in panische Schnappatmung verfallen, weil wir die Enge im Aufzug nur schwer ertragen können und wir befürchten, drei Stunden warten zu müssen, bis der Notdienst eintrifft. Doch all dies sind in Wirklichkeit nur einige wenige Überraschungsmomente, auf die wir uns im Alltag nicht einstellen können, denn tatsächlich versteht der moderne Mensch es inzwischen sehr gut, seinen Alltag weitgehend überraschungsarm zu gestalten. Wetter-Apps oder auch der Wetterbericht im Fernsehen klären uns frühzeitig darüber auf, an welchem Tag wir wohl besser keine Fahrradtour unternehmen, um nicht in ein Unwetter zu geraten, Internet-Bewertungsportale verraten uns, in welchem Restaurant man das leckerste Essen in gemütlichstem Ambiente bekommt und welchen Gaststättenbesuch man aufgrund mangelnder Hygiene oder eines schlechten Services besser vermeidet, ja sogar ein Mondkalender möchte uns wertvolle Auskunft darüber geben, wann für uns der beste Zeitpunkt ist, um Geld anzulegen, die Gartenarbeit zu erledigen oder uns die Haare schneiden zu lassen. Es scheint, als täten wir alles dafür, um in unserem Alltag nicht unangenehm überrascht zu werden und sämtliche unserer Lebensumstände zu kontrollieren, um die komplexe Welt, in der wir leben, ein Stück planbarer und vorhersehbarer zu machen. Doch warum bereitet es uns solche Schwierigkeiten, wenn wir nicht wissen, wie sich die Dinge in unserem Leben entwickeln werden?

In der Psychologie weiß man inzwischen, dass der Mensch – neben physiologischen (körperlichen) Grundbedürfnissen wie Hunger, Durst, Schlaf und Sexualität – auch psychologische Grundbedürfnisse hat und eines davon ist die Kontrolle (Grawe, 2004). Wir streben danach, unser Leben selbstbestimmt zu gestalten, indem wir eigene Entscheidungen treffen, wir möchten Geschehnisse in unserem Leben sinnvoll erklären können, wir brauchen das Gefühl, Einfluss auf unsere Lebensumstände nehmen zu können, sie mitzubestimmen und sie somit auch gewissermaßen kontrollieren und vorhersagen zu können. Andersherum formuliert: Die Kontrolle zu verlieren bereitet uns mitunter großen Stress und wenn wir dies dauerhaft erleben, dann können wir davon ernsthaft krank werden. Von welch unangenehmen Gefühlen und Empfindungen ein Kontrollverlust begleitet wird, wird spätestens dann deutlich, wenn wir in eine Prüfungssituation kommen. Wir spüren Angst, vielleicht sogar Panik, fühlen uns unbehaglich, wir bekommen schweißnasse Hände und zittrig-weiche Knie, wir werden vielleicht bleich im Gesicht und in unserem Kopf kreisen Katastrophengedanken, wir werden unsicher, sind voller Selbstzweifel und fühlen uns ohnmächtig und hilflos. Weil wir nicht wissen, welche Fragen an uns gestellt werden und ob es genau die sind, für die wir gelernt haben. Weil wir befürchten, dass unsere Klassenkameraden oder Kollegen uns auslachen könnten, wenn wir versagen. Doch Kontrollverlust kann noch weitaus gravierendere Folgen haben, wie man an helfenden Berufsgruppen sehen kann, die immer wiederkehrend einem hohen Maß an Kontrollverlust ausgesetzt sind. Kriminalbeamte, die sich beispielsweise während einer Geiselnahme dem Willen des Geiselnehmers beugen müssen, Feuerwehrleute, die einen Brand nicht eindämmen können oder Ärzte, die trotz aller Bemühungen das Leben eines Patienten nicht retten können (Quelle). Es ist kein Zufall, dass es vor allem genau diese Berufsgruppen sind, die häufig unter ernsthaften psychischen und/oder somatischen Störungen leiden. Ganz Ähnliches zeigt sich übrigens auch in Tierstudien. So konnte das Forscherteam um Myers (2010) nämlich beispielsweise nachweisen, dass Ratten, die im Verlauf eines Experiments gelernt hatten, das Erhalten von Stromschlägen zu beeinflussen, signifikant gesünder waren (ihr Immunsystem war stärker und sie erkrankten seltener an Krebs) als Ratten, die keine Möglichkeit hatten, ihre Stromschläge zu beeinflussen. Das Interessante an dieser Studie war, dass beide Ratten-Gruppen tatsächlich exakt gleich viele Stromschläge bekamen und somit der objektive Stress für alle Ratten identisch war, doch es war ganz offensichtlich der subjektiv empfundene Stress, hinsichtlich dessen sich beide Ratten-Gruppen unterschieden. Die Ratten, die gelernt hatten, dass sie verlässlich Einfluss auf die Stromschläge nehmen konnten, blieben handlungsfähig und hatten gewissermaßen die Macht, ihre Umstände zu kontrollieren, während die Ratten, die keinen Einfluss auf die Stromschläge nehmen konnten, keine Kontrolle, keinen Handlungsspielraum hatten und somit ihrem Schicksal ohnmächtig ausgeliefert waren. Unvorhergesehene Überraschungen sind also vor allem deshalb so bedrohlich für uns, weil uns dadurch (wenn auch meist nur kurzzeitig) die Kontrolle über unsere Lebensumstände abhanden kommt und somit ein wesentliches psychologisches Grundbedürfnis verletzt wird. Doch was genau geschieht in unseren Köpfen, wenn wir überrascht werden?

Hier ein klassisches Beispiel, von dem wahrscheinlich jeder Psychologiestudent mindestens einmal in seinem Studium etwas gehört hat: Stellt euch vor, ihr spaziert entspannt durch euren Garten, vielleicht mit einer Tasse Kaffee in der Hand, ihr genießt das lauwarme Frühlingswetter und lauscht dem trällernden Vogelgezwitscher, als ihr plötzlich aus eurem entspannten Zustand heraus gerissen werdet, denn direkt vor euren Füßen liegt … eine Schlange! Ihr erschreckt, ihr verschüttet euren Kaffee und schnell flüchtet ihr panisch zurück in eure Wohnung, denn damit habt ihr nicht gerechnet. Doch stopp! Ihr seid irritiert, sind Schlangen in unseren mitteleuropäischen Breiten schließlich eher unwahrscheinlich. Also nehmt ihr all euren Mut zusammen und lauft noch einmal an die Stelle im Garten zurück, an der ihr die vermeintliche Schlange gesehen habt, um schließlich festzustellen, dass es sich bei diesem Schreckensobjekt um nichts Geringeres handelte als um euren eigenen Gartenschlauch, den ihr am Abend zuvor aus Zeitgründen einfach nicht mehr geschafft habt, aufzuräumen. Puh, das ist nochmal gut gegangen. Aber was war hier gerade passiert?

Damit wir uns in unserer komplexen Welt schnell und unkompliziert zurechtfinden können, ordnet unser Gehirn alles, was wir kennen und erleben, in sogenannte Schemata an. So wissen wir zum Beispiel, dass ein Hund vier Beine hat, auf allen Vieren läuft, bellt und gerne an Knochen herumkaut (Hund-Schema) oder dass ein Vogel eher klein ist, Flügel hat und daher fliegen kann, dass er Nester baut und Eier legt und gerne auf Ästen herumsitzt und lieblich zwitschert (Vogel-Schema). Auch ein Schlangen-Schema hat unser Gehirn für uns „angelegt“, das unter anderem beinhaltet, dass Schlangen einen langen, dünnen Körper ohne Beine haben, dass sie sich auf dem Boden entlang schlängeln, um sich fortzubewegen, dass es giftige, ungiftige und würgende Arten gibt und dass sie – abgesehen von einigen wenigen Nattern-Arten und außer im Zoo oder in Terrarien von Reptilienliebhabern – in unserer mitteleuropäischen Lebensumgebung kaum vorzufinden sind. In dem Moment, in dem wir in unserem Garten jedoch auf eine (vermeintliche) Schlange treffen, wird dieses Schlangen-Schema somit erheblich gestört und erschüttert. In der Psychologie nennt man diesen Vorgang deshalb auch „Schema-Diskrepanz“ . Die Folge: Wir sind überrascht, irritiert, wir erschrecken und wir müssen schnell handeln und – in dem Fall – fliehen. Dieser Prozess vollzieht sich binnen weniger Sekunden und entzieht sich weitgehend unserer bewussten Kontrolle. Das hat die Evolution gut hingekriegt, denn somit befähigt sie uns dazu, die (vermeintlich) brenzlige und lebensbedrohliche Situation so schnell wie möglich zu verlassen, damit wir nicht zu Schaden kommen. Haben wir uns in Sicherheit gebracht, dann erst fangen wir an, nachzudenken und zu reflektieren. Diese Zeit haben wir nicht, wenn wir im direkten Antlitz einer potentiell gefährlichen Schlange stehen. Dieser Überraschungsmoment hilft uns also dabei, uns im Leben zurechtzufinden und sehr schnell zu bemerken, wenn etwas plötzlich unstimmig und anders ist, als wir es gewohnt sind. Überrascht zu sein, kann uns also, überspitzt gesagt, das Leben retten.

Es ist deshalb wenig verwunderlich, dass die Überraschung – neben Freude, Ekel, Furcht, Wut, Verachtung und Traurigkeit – zu den sieben grundlegenden menschlichen Basisemotionen gehört. Das bedeutet, dass alle Menschen auf der ganzen Welt, völlig unabhängig davon, woher sie kommen oder unter welchen Bedingungen sie aufwachsen und leben, in der Lage sind, diese sieben genannten Gefühle selbst zu empfinden und somit nach außen hin auszudrücken oder sie bei anderen Menschen sofort zu erkennen. Es war Paul Ekman, ein US-amerikanischer Psychologe, der bereits im Jahre 1966 nach Papua-Neuguinea reiste, um die dort lebenden Urwaldbewohner zu erforschen, die noch in äußerst steinzeitlichen Verhältnissen lebten und nichts von unserer moderneren westlichen Welt wussten. Er legte ihnen Fotos vor, die eine Vielzahl von emotionalen Gesichtsausdrücken zeigten und fand heraus, dass die Menschen dort trotz ihres abgeschiedenen und rückständigen Lebens eben genau diese sieben genannten Emotionen – genauso wie die fortschrittlicheren Menschen aus westlichen Kulturen – einwandfrei zu entschlüsseln wussten und schloss daraus, dass diese daher genetisch bedingt und somit angeboren sein und nicht erst durch soziales Nachahmen erlernt werden müssen. Dies wiederum muss bedeuten, dass es sich bei diesen sieben Grundgefühlen um welche handeln muss, die im Laufe unserer Menschheitsgeschichte so wesentlich waren, dass wir ohne sie vermutlich nicht überlebt hätten. Und die Überraschung ist eine davon, wie das oben beschriebene Schlangen-Beispiel eindrucksvoll darlegt.

Paul Ekman hat ebenfalls genau beschrieben, wie die sieben genannten Kernemotionen sich in unseren Gesichtern niederschlagen und auch, warum das aus evolutionsbiologischer Sicht so ist. Sind wir beispielsweise überrascht, so zeigen alle Menschen (mehr oder weniger, denn natürlich gibt es individuelle Unterschiede) weit aufgerissene Augen mit nach oben gezogenen Augenbrauen und Augenlidern sowie einen (mehr oder weniger) weit aufgerissenen Mund. Wozu ist das gut? Ganz einfach, aufgerissene Augen erleichtern es uns, möglichst gut und viel sehen zu können und ein geöffneter Mund verbessert die Atmung, indem sich unsere Sauerstoffzufuhr erhöht; beides konnte auf der Flucht vor einem Säbelzahntiger über unser Überleben entscheiden. Und da – wie bereits oben beschrieben – ja alle Menschen einen solchen überraschten Gesichtsausdruck zweifelsfrei und auf Anhieb erkennen können, war dies in früheren Zeiten auch gleichzeitig für die umliegende Verwandtschaft ein sofortiger Hinweis auf eine potenzielle Gefahr, woraufhin auch sie sich schnellstmöglich in Sicherheit bringen und somit überleben konnten. Folglich haben die sieben Grundemotionen also gleich zwei wesentliche Funktionen: Zum Einen bereiten sie unseren Körper für’s Überleben vor (Flucht oder auch Angriff/Kampf) und zum Anderen dienen sie unserer zwischenmenschlichen Kommunikation.

Wie eingangs erwähnt, kennen wir angenehme und unangenehme Überraschungen und selbstverständlich sind uns Erstere grundsätzlich lieber. Dennoch sind es vor allem die unliebsamen Überraschungen, die unser Leben und unsere Persönlichkeit in erheblichem Maße zu bereichern vermögen. Geraten wir überraschend in eine ungeplante Situation, die wir nicht kommen sahen und für die wir im ersten Augenblick kein Handlungsschema parat haben, sodass wir sprichwörtlich aufgeschmissen sind, dann sind wir herausgefordert, kreativ zu werden und Neues auszuprobieren und das wiederum führt dazu, dass wir uns weiterentwickeln können. Oder andersherum formuliert: Wenn wir uns permanent in einer Umgebung befinden, die keine (vor allem unangenehme) Überraschungen mehr für uns bereithält, dann drohen Langeweile, Trägheit und Unterforderung und das kann auf Dauer mindestens genauso belastend sein wie eine übermäßige Arbeitslast. Denken wir nur einmal daran, wie unzufriedenstellend und unerfüllend es für uns sein kann, jeden Tag der gleichen monotonen Arbeit nachzugehen, bei der nie etwas Neues, Aufregendes, Unvorhergesehenes passiert. Wenn man sich dauerhaft intellektuell unterfordert fühlt und einem die eigene Arbeit sinnlos erscheint, wenn man seine Fähigkeiten kaum noch einsetzen kann und sie in der Folge zu verkümmern drohen, dann gleicht dies einer (geistigen) Amputation (Ellinger, 1975).

„Wenn du denkst, Abenteuer sind gefährlich, dann versuch’s mal mit Routine. Die ist tödlich.“ (Paulo Coelho)

Mit überraschenden Ereignissen fertig zu werden und kreative Lösungen und Ideen zu entwickeln, das alles sind Relikte aus früheren Zeiten, das heißt, das mussten wir Menschen schon immer leisten, andernfalls hätten wir nicht überlebt. Da wir keine scharfen Reißzähne oder keine spitzen Krallen haben wie ein Tiger, weil wir nicht so schnell rennen können wie ein Gepard, weil wir nicht so klein und winzig sind, dass wir uns in jedem Erdloch verstecken können und weil wir vor Gefahren auch nicht einfach so davon fliegen können wie ein Vogel, mussten wir Menschen uns im Verlauf der Evolutionsgeschichte deshalb etwas anderes einfallen lassen, um zu überleben, und das war unsere menschliche Fähigkeit, zu denken und Schwierigkeiten auf sehr kreative, einfallsreiche, clevere Weise zu lösen. In diesem Zusammenhang weist der Verhaltensbiologe Simon Reader darauf hin, dass der Mensch vermutlich gar keine andere Wahl hatte, als kreativ zu werden, weil er gegenüber seinen eigenen Fressfeinden derart körperlich unterlegen war, dass er erfinderisch werden musste, um nicht auszusterben (Spiegel).

Es ist also für unser Dazulernen durchaus förderlich, sich von Zeit zu Zeit auch ganz bewusst neuen Situationen auszusetzen, die einem zugegebenermaßen zunächst Angst machen können, da wir ihren Ausgang nicht kennen, die uns jedoch in unserer persönlichen Entwicklung weiterbringen können. Dies könnte zum Beispiel bedeuten, heute mal einen anderen Arbeitsweg zu nehmen als den gewohnten und sich somit in unbekanntes Gebiet vorzuwagen und zu schauen, wer oder was einem dabei begegnet. Es könnte bedeuten, in seiner Arbeit auch mal Tätigkeiten zu übernehmen, die sonst nicht in den eigenen Aufgabenbereich fallen oder sich freiwillig dazu bereit zu erklären, einen Vortrag über ein Thema zu halten, in dem man nur unzureichend bewandert ist. Es könnte auch bedeuten, sich ein ganz neues Hobby zu suchen, das einem bisher nicht ferner hätte liegen können und sich ernsthaft darum zu bemühen, gut darin zu werden und in dem Zuge auch gleich neue Menschen kennenzulernen. Kurz gesagt: Die eigene Komfortzone zu verlassen und Überraschungen in Kauf zu nehmen. Lasst euch darauf ein, nicht alle Umstände vorweg nehmen, planen und kontrollieren zu können und lernt, diesen Zustand auszuhalten. Ganz egal, wie sehr ihr euch darum bemühen mögt, unbekannte und angstmachende Erfahrungen zu vermeiden, macht euch bewusst, dass unerwartete Wendungen und vor allem auch Enttäuschungen und Misserfolge Teil einer natürlichen Lebensumgebung sind. Es scheint vielmehr das Problem unserer westlichen Gesellschaft zu sein, die völlig überzogene Illusion zu verbreiten, alles beeinflussen zu können und maximal selbstwirksam zu sein (In-Mind Magazin). Brecht hier und da mal aus euren alteingesessenen Mustern und Routinen aus, die euch im Alltag nämlich ganz zuverlässig davor bewahren, unbekannten Menschen und Ereignissen zu begegnen. Zweifelsohne haben routinierte Abläufe ihren Zweck, sollen sie uns schließlich im Alltag Struktur und Sicherheit geben, doch mit Routinen ist es wie mit Medikamenten. Zu gering dosiert, haben sie kaum eine Wirkung, kaum einen Nutzen, doch bei Überdosierung lassen sie uns unfähig werden, das Leben zu spüren. Das Leben mit all seinen Eigenarten und Zufällen, mit all seinen Begegnungen und Herausforderungen, mit all seinen Widersprüchen und Widrigkeiten und mit all seinen Chancen und Möglichkeiten. Und natürlich mit all seinen Überraschungen, die es für uns bereithält und mit denen es uns einlädt, daran zu wachsen.

„Eine Komfortzone ist ein gemütlicher Ort. Aber dort wächst nichts.“ (Verfasser unbekannt)




Psychofutter: Heimat

Nachdem ich letztens den Song „Heute hier, morgen dort“ von Hannes Wader im Radio hörte, hatte ich tagelang einen wirklich sehr hartnäckigen Ohrwurm davon. Ständig musste ich die Zeilen dieses 1972 erschienen Liedes singen, das ich bereits seit meiner Schulzeit aus dem Musikunterricht kenne und dessen Text sich seither bei mir eingebrannt hat, sodass ich es auch nach bald 20 Jahren noch auswendig mitsingen kann:

Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort, hab mich niemals deswegen beklagt. Hab es selbst so gewählt, nie die Jahre gezählt, nie nach gestern und morgen gefragt.

Manchmal träume ich schwer und dann denk‘ ich es wär Zeit zu bleiben und nun was ganz And’res zu tun. So vergeht Jahr um Jahr und es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt wie es war.

Obwohl das Lied nun also inzwischen knapp 50 Jahre alt ist, könnte sein Text aktueller nicht sein, ist unser heutiges modernes Leben geradezu geprägt von ständigen Veränderungen. Berufsbedingte Wohnortwechsel, eine hochkomplexe und sich stetig wandelnde digitale Welt und rasanter technischer Fortschritt sowie schnelllebige Beziehungen, die wir viel zu schnell verlassen anstatt sie zu reparieren und an ihnen zu wachsen. In unserer heutigen globalisierten Welt ist unser Bedürfnis, in die Ferne zu schweifen und Neues kennenzulernen, inzwischen sehr leicht zu befriedigen. Rastlos, getrieben, anpassungsfähig und flexibel bewegen wir uns durch die Welt, immer auf der Suche danach, unser eigenes Glück zu maximieren. Was dabei jedoch meist auf der Strecke bleibt, ist Beständigkeit, Dauerhaftigkeit. An einem Ort festzuwachsen, an dem man jeden Winkel kennt, dessen Geräusche und Gerüche uns vertraut sind und wo Menschen leben, die uns wichtig sind und mit denen uns Erlebnisse verbinden, an die wir uns gerne zurückerinnern. In Hannes Waders Song geht es um beides: Um die Sehnsucht nach der Ferne (Fernweh) und auch um den schmerzlichen Verlust der eigenen Heimat (Heimweh). 

Wenn ich an meine Heimat zurückdenke, in der ich geboren und aufgewachsen bin (Thüringen), dann fallen mir auf Anhieb zahlreiche Bilder, Erinnerungen, Gerüche, Geräusche, Gefühle, Stimmen und Melodien, Speisen und Traditionen ein, die ich mit diesem Ort verbinde. Beispielsweise erinnere ich mich an die leckeren Thüringer Klöße, die es immer sonntags zum Mittagessen bei meiner Oma gegeben hat und an die kleinen Toastbrotwürfel (Kräckerchen haben wir sie immer genannt), die meine Oma immer liebevoll in den Klößen versteckt hat. Ich denke an die alte Speisekammer meiner Großeltern und an den Geruch der Knackwürste, die dort immer an der Decke hingen. Ich denke an fröhliche, unbeschwerte Kindergeburtstage mit Topfschlagen und Mehlschneiden und an heiße Sommertage beim Baden mit Tschisi-Eis und Botinchen mit der (roten oder grünen) Kaugumminase. Ich denke an unsere alte Scheune, in der wir im Heu herumsprangen, an den Hühnerstall und das Gegacker der Hühner und an die große, in die Jahre gekommene Zinkwanne im verstaubten Schuppen, in der die Körner drin waren, die wir jeden Tag an die Hühner verfütterten. Ich denke daran, wie wir nach der Schulspeisung immer in Windeseile mit unserem schweren, überdimensionalen Scout-Schulranzen nach Hause gerannt sind, um ja nicht den Anfang der Kickers zu verpassen und an Nachmittage auf dem staubigen Bolzplatz mit Freunden und an aufgeschürfte Knie. Ich denke an andere Nachmittage, an denen wir mit Freunden stundenlang in den Kirschbäumen gesessen und uns die Bäuche mit Süßkirschen vollgeschlagen haben. Ich denke daran, als wir mit sämtlichen Kindern aus dem Dorf gemeinsam im Wald verstecken gespielt haben und an den großen Kastanienbaum, der uns zum Zählen diente. Ich denke an stundenlanges Schaukeln im Garten mit meiner Schwester, bei dem wir alle möglichen Lieder gesungen haben und das gegen jedes Trübsal half. An den Spaziergang zum Bäcker Sonntag Morgen, bei dem es die allerbesten Brötchen gab und bei dem wir Kinder immer Dreh-und-Trink-Flaschen bekommen haben, die zuckersüß schmeckten. Ich kenne noch genau den Geruch der Klassenzimmer in meiner alten Grundschule und auch die langen Gänge in meinem alten Gymnasium. Ich denke an das Kulturhaus, in das wir zu Jugendzeiten immer an den Wochenenden zum Tanzen gegangen sind und an meine damalige Lieblings-Coverband Swagger. All diese Erinnerungen berühren mich auch heute noch sehr, wenn ich an sie zurückdenke, und sie stimmen mich nicht nur fröhlich. Die Tatsache, dass all dies nun der Vergangenheit angehört und dass einige Menschen, die ich mit dieser wunderbaren Zeit verbinde, nicht mehr leben, überfällt mich ebenso mit Wehmut und Traurigkeit. Wenn ich an meine Kindheit und Jugend und somit an meine Heimat von damals zurückdenke, dann gibt es in mir eine Seite, die großes Heimweh verspürt und dies ungeachtet der Tatsache, dass ich inzwischen ein gutes Leben im Süden von Deutschland führe, ich eine eigene kleine, glückliche Familie habe und dass ein tatsächliches Zurückkehren in meine alte Heimat unrealistisch wäre und keine Zukunft für mich versprechen würde, denn zu mau und unattraktiv sehen meine beruflichen Chancen dort aus. Doch was der Kopf rational weiß, muss das emotional fühlende Herz nicht verstehen, denn Heimat, das ist einfach etwas Magisches, etwas Zauberhaftes. Es ist mehr als nur ein Ort. Es ist ein Gefühl, es sind nostalgische Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, die wir nicht selten idealisieren, denn natürlich war nicht alles schön. Doch wieso hat unsere Heimat, auch nachdem wir sie verlassen haben, noch eine solch anziehende Wirkung auf uns? 

An dem Ort, den wir Heimat nennen, gibt (gab) es einen festen Platz für uns. Wir haben (hatten) ein eigenes Bett, einen für uns vorgesehenen Stuhl im Klassenzimmer und eine eigene Rückennummer auf dem Fußballtrikot, die Verkäuferin in der Bäckerei grüßt(e) uns jeden Morgen, unsere Klassenkameraden kennen (kannten) wir bereits aus dem Kindergarten und wir werden (wurden) jedes Jahr auf die gleichen Geburtstage von Verwandten und Freunden eingeladen. Heimat bedeutet also vor allem eines, nämlich Sicherheit, Geborgenheit, Zugehörigkeit und Stabilität. Wir kennen uns aus und leben nach wiederkehrenden Routinen, wodurch es wenig Fremdartiges und somit wenig Bedrohliches gibt. Jeder, der schon einmal umgezogen ist, weiß, wie komplex, unüberschaubar und fremd einem ein neuer Wohnort in der ersten Zeit erscheinen kann und wie wenig heimisch man sich dort fühlt. Erst, wenn wir unseren Mut zusammennehmen und uns hinaus wagen, um erste Eindrücke und Erfahrungen mit dem neuen Wohnort zu sammeln (z.B. sich beim Sport anmelden oder die neuen Arbeitskollegen besser kennenlernen), reduziert sich diese anfängliche Komplexität und die neue räumliche Umgebung wird zunehmend vertrauter, vorhersehbarer und sicherer. Hier spielen sich also im Hintergrund auch ganz simple, primitive, evolutionäre Mechanismen ab, denn in einer fremden Umgebung ohne festen sozialen Verband bin ich allein und ungeschützt und laufe Gefahr, nicht zu überleben. Unsere Gene haben noch längst nicht kapiert, dass wir in der heutigen Zeit auch ganz gut alleine klarkommen können. Ein anderer Grund, warum Heimat für uns so magisch und besonders ist, liegt außerdem darin begründet, dass dies der Ort ist, an dem wir als Kind zum allerersten Mal die Welt mit all unseren Sinnen erkundet und kennengelernt haben. Die ersten Schritte als Baby, das erste Spielen im Sandkasten, die ersten Freundschaften, das erste Mal woanders übernachten, das erste Mal Fahrrad fahren, eingeschult werden, das erste Mal verliebt sein, das erste Mal enttäuscht werden, das erste Mal in die Disco gehen, die erste Zigarette probieren, den Schulabschluss machen. All dies sind äußerst prägende Ereignisse, die wir emotional sehr intensiv erleben, die uns für immer im Gedächtnis bleiben werden und die wir für immer mit unserem Heimatort in Verbindung bringen werden.

Der Ort, an dem wir aufwachsen, prägt und formt außerdem, wie wir die Welt sehen und er beeinflusst, was wir normal finden und was nicht. Verlässt man seine Heimat, sind herkunftsbedingte Missverständnisse daher vorprogrammiert. Als ich vor 13 Jahren meine Heimat Thüringen verlassen habe und in den darauffolgenden Jahren verschiedene andere deutsche Bundesländer bewohnte, wurden missverständliche und unangenehme Vorkommnisse mit meinen Mitmenschen zu meinem ständigen Begleiter. Wenn ich an der Bäckertheke nach einem Pfannkuchen fragte, wurde ich seltsam beäugt, wenn ich die Uhrzeit mit „viertel drei“ oder „dreiviertel sechs“ angab, verstand mich plötzlich keiner mehr, wenn ich meine Mitmenschen lieber per Handschlag begrüßte anstatt Wangenküsschen zu verteilen, war mein Gegenüber regelmäßig irritiert und als ich mich nach einer Feier von einer Kommilitonin verabschieden wollte und sagte „ich mache mich dann los“, hallte mir großes Gelächter entgegen. Ich fühlte plötzlich das Gegenteil von Zugehörigkeit, denn, wohin ich auch ging, schien ich auf einmal gegen sämtliche offenbar in meiner neuen Lebensumgebung herrschende Benimmregeln und Sprachgepflogenheiten, mit denen ich schlichtweg nicht vertraut war, zu verstoßen und als Sonderling aufzufallen. Eine Vielzahl der Sprach- und Verhaltensstandards, die ich einst als Kind in meiner früheren Heimat gelernt und verinnerlicht hatte, konnten mir plötzlich nicht mehr länger dienlich sein, um mich in meiner neuen Lebensumwelt zurechtzufinden. Ich fühlte mich plötzlich gesellschaftsfremd und deplatziert. Plötzlich entstand ein Gefühl des Abgelehnt-Werdens und des Nicht-Dazu-Gehörens und das ist für uns Menschen, die wir ja soziale Wesen sind, fast unerträglich. Um zu verhindern, dass wir uns ausgeschlossen fühlen, werden wir daher in der Regel große Anstrengungen unternehmen, um auch am neuen Lebensort schnell wieder Zugang zur Gesellschaft zu finden und Teil einer sozialen Gruppe zu werden.

Aber noch etwas bringt der Verlust der eigenen Heimat mit sich: Wenn wir uns mit einem bestimmten Heimatort verbunden fühlen, wenn wir dessen Werte, Normen und Eigenheiten in uns aufgenommen haben, wenn wir gelernt haben, seine typische Sprache zu sprechen und nach seinen typischen Traditionen zu leben, dann hat all dies auch dazu beigetragen, dass wir eine bestimmte Persönlichkeit, eine bestimmte Identität entwickelt haben. Gewissermaßen kann man sagen, wir SIND unsere Heimat, denn in ihr wurde im Laufe unserer Kindheit unsere Identität zum allerersten Mal konstruiert. Doch in dem Moment, in dem wir unsere Heimat verlassen und in die Fremde ziehen, lassen wir all diese Wurzeln, die unsere Identität ausmachen, zurück. Plötzlich keimen Fragen auf wie „Wo ist nun mein Platz?“, „Welche Menschen stehen mir jetzt noch nahe?“, „Wer war ich früher?“ und „Wer bin ich heute?“. Wie wichtig der eigene Heimatort für die eigene Identität ist, wird besonders dann deutlich, wenn gravierende Umbaumaßnahmen bevorstehen, die in aller Regel von einem Großteil der Bürger des Heimatortes abgelehnt oder sogar mit Protest und Demonstrationen beantwortet werden. Die alte Schule, die saniert werden und einen frischeren Anstrich bekommen soll, der kleine Tante Emma Laden um die Ecke, der nun durch einen gigantischen Supermarkt mit grellen Leuchtbuchstaben ersetzt werden soll oder auch das Stückchen Wald, das nun gerodet und einer Schnellstraße weichen muss. All solche Veränderungen machen das Leben in einem Ort nicht nur moderner und futuristischer, nein, es stürzt die Bewohner dieses Ortes häufig auch in Trauer, da sie mit ihrem Wohnort zahlreiche eigene emotionale Erlebnisse und Erinnerungen verbinden, die durch die Umbaumaßnahmen gleich miterschüttert werden. Dies macht deutlich, wie identitätsstiftend Orte und Umgebungen für uns Menschen sein können und wirft die Frage auf, wie man noch ein und dieselbe Person bleiben kann, wenn sich die Umgebung plötzlich verändert. Seine Heimat durch Wegzug zu verlieren, bedeutet demzufolge nicht nur, ein großes Stück Identität zurückzulassen, sondern es heißt auch, umso mehr gefordert zu sein, seine Identität am neuen Wohnort wiederzufinden und zu stabilisieren. Für jemanden, der gläubig ist und an seinem alten Wohnort regelmäßig die Kirche besucht hat, könnte es daher zum Beispiel heilsam sein, dass er sich auch am neuen Wohnort schnell einer Glaubensgemeinschaft anschließt und in Zukunft auch dort wieder in die Kirche geht.

Die britische Psychologin Margaret Stroebe bezeichnet Heimweh als eine Art Trauer. Während Menschen, die nahe Angehörige durch Tod verloren haben, um ebendiese Personen trauern, trauern Menschen mit Heimweh um eine verloren gegangene Umgebung, veränderte Alltagsroutinen und um den Verlust von vertraut gewordenen Gerüchen, Geräuschen und anderen Sinnesempfindungen, die mit der früheren Heimat verbunden sind. Das Buch „Flucht vor der Heimat – ewige Trauer oder Aufbruch zu neuen Ufern?“ schlägt vor, dass zwei Dinge gleichsam darüber entscheiden, ob jemand es schafft, einen guten Umgang mit seinem Heimweh zu finden oder nicht: Zum Einen komme es darauf an, wie man mit der eigenen Sehnsucht nach der alten Heimat umgeht, zum Anderen sei wichtig, dass man sich bemüht, sich dem neuen Wohnort gegenüber aufzuschließen und gewillt zu sein, sich an diesen neu anzupassen. Anders ausgedrückt könnte man auch sagen, dass sowohl der Blick zurück in die Vergangenheit als auch der Blick nach vorn in die Zukunft gleichwertig bedeutsam scheinen. Jemand, der immer nur zurück schaut, seine frühere Heimat permanent vermisst und sich selbst dauerhaft bemitleidet, wird kaum in der Lage sein, seiner neuen Heimat etwas Positives abzugewinnen geschweige denn sich überhaupt auf diese einzulassen. Umgekehrt, wird jemand, der sich sofort in ein völlig neues Leben am neuen Wohnort stürzt, sehr wahrscheinlich irgendwann von starken Heimweh-Gefühlen eingeholt werden. Genauso wie in der Trauer um einen verstorbenen Menschen pendeln Menschen mit Heimweh permanent hin und her zwischen einem hoffnungsvollen, enthusiastischen Blick in die Zukunft und einem trauernden, schmerzhaften Blick in die Vergangenheit (vgl. Duales Prozessmodell der Trauerbewältigung nach Stroebe & Schut, 1999). Während zu Beginn eines Wohnortwechsels sich noch beide Zustände – der enthusiastische und der trauernde – einigermaßen gleichmäßig abwechseln, sollte – vorausgesetzt, die betreffende Person ist ernsthaft darum bemüht, sich den neuen Wohnort zu eigen zu machen – die Trauer mit der Zeit abnehmen und die Freude am neuen Wohnort überwiegen. Positiv zu vermelden in diesem Trauerprozess ist außerdem, dass es uns die modernen Zeiten von Social Media inzwischen deutlich erleichtern, den Kontakt zu unserer alten Heimat zu halten, indem wir auch über große räumliche Distanzen hinweg die Verbindung zu uns wichtigen Menschen aufrechtzuerhalten imstande sind und wir sogar per Video miteinander kommunizieren können, fast so, als säße man tatsächlich nebeneinander.

Eine Metapher, die man gut mit dem Thema Heimat und Identität in Zusammenhang bringen kann, ist der Baum. Dort, wo unsere Heimat ist, sind wir verwurzelt; haben wir dagegen unsere Heimat verlassen, fühlen wir uns häufig entwurzelt. Daher wird der Baum gerne auch in der Therapie eingesetzt, um Menschen dazu einzuladen, in sich hinein zu spüren und sich selbst, ihre Identität, ihre Herkunft und ihre Werte besser kennenzulernen. Eine ganz spezielle Selbstwahrnehmungstechnik ist „der Rosenbusch“, der vom US-amerikanischen Psychologie-Dozent John O. Stevens entwickelt wurde und eine klassische gestalttherapeutische Methode darstellt, die ich selbst bereits zahlreich in der Therapie eingesetzt habe. Es ist eine kleine Phantasiereise, eine Wahrnehmungsübung, zu der ich euch hiermit einladen möchte. Sucht euch ein gemütliches Plätzchen, vielleicht in einem weichen, bequemen Sessel oder auch auf einer weichen Decke auf dem Boden, und lasst die nachfolgenden Fragen und Anregungen auf euch wirken. Wenn ihr wollt, könnt ihr die Fragen im Stillen für euch beantworten. Achtet darauf, welche eurer Körperteile sich während der Übung bemerkbar machen, indem sie sich beispielsweise mehr verspannen und verkrampfen; solltet ihr das bemerken, so versucht, die Spannung behutsam zu lösen und euren Körper anders auszurichten. Ihr könnt eure Augen während der Übung schließen oder offen lassen. Es empfiehlt sich, die Übung zu zweit mit einer euch vertrauten Person zu machen. Die nachstehende Version ist meine abgewandelte Form des Originals. 

„Stell dir vor, du bist ein Rosenbusch. Aus deinen Füßen erwachsen Wurzeln, dein Körper ist der Stamm und deine Arme sind die Äste und Zweige, an denen Knospen, Blüten und Blätter entspringen. 

Was für eine Art Rosenbusch bist du? Bist du besonders groß oder eher klein? Bist du sehr breit und dick oder eher dünner und schmächtiger? 

Wo wächst du? In was für einem Boden steckst du? Fühlt der Boden sich eher fest und hart an oder ist er eher locker und weich? Wieviel Spielraum lässt der Boden dir, um dich zu bewegen?

Deine Wurzeln sind tief in der Erde verankert. Spüre nach, wie sie sich anfühlen. Sind sie besonders fest verankert oder eher locker? Geben sie dir Halt oder fühlst du dich eher wackelig? Sind es viele Wurzeln oder eher wenige? Sind sie lang und reichen sehr tief in die Erde hinein oder sind sie eher kurz und befinden sich eher an der Erdoberfläche? Was brauchst du, um dich sicherer, fester, standhafter zu fühlen? 

Wie ist dein Stamm? Ist er dick und kräftig oder eher dünner und schwächer? Ist er starr und fest oder eher biegsam und flexibel?

Wie sind deine Äste und Zweige? Sind sie dick und kräftig oder eher dünner und schmächtiger? Sind sie starr und fest oder eher biegsam und flexibel?

Wie sind deine Knospen, Blüten und Blätter? Sind es viele Knospen, viele Blüten und Blätter oder eher wenige? Sind die Blüten prächtig und farbenfroh oder eher mickrig und farblos? Halten die Blüten und Blätter dem Wind stand oder werden sie davon geweht? 

Wo liegen deine Kraftquellen? Woher beziehst du deine Kraft? Was brauchst du, um gut wachsen und gedeihen zu können?

Wie sieht es in deiner Umgebung aus? Stehen dort weitere Büsche, Bäume, Blumen? Sind es viele oder eher wenige? Wie fühlst du dich in der Umgebung, in der du stehst? Fühlst du dich in guter Gesellschaft oder fühlst du dich eher einsam und allein oder gar bedroht? 

Wie geht es dir im Wechsel der Jahreszeiten? Wie leicht können dich raue oder veränderte Bedingungen erschüttern? Wer oder was hilft und unterstützt dich dabei, widrige Zeiten zu überstehen? Was brauchst du, um dich von schlechten Einflüssen und Einschnitten wieder gut erholen zu können? 

Versuche immer mehr, zu erspüren, wer du bist und was dir zustößt. Entdecke alle Einzelheiten darüber, wie es ist, ein Rosenbusch zu sein.“

Wenn ihr wollt, könnt ihr, nachdem ihr euch in euren Rosenbusch eingefühlt habt, diesen auch aufmalen und somit bildlich veranschaulichen. Wie ihr euch selbst in dieser Übung wahrnehmt, kann mitunter Einiges über eure eigene Identität, über eure eigenen Wurzeln verraten. Wer bin ich? Was macht mich aus? Was ist typisch für mich? Es ist eine Einladung, sich wirklich intensiv und begleitet von sämtlichen Emotionen mit sich selbst auseinanderzusetzen. Wo komme ich her und wo gehöre ich hin? Was ist von dem, wer ich einst war, heute noch übrig? Kindheit und Jugend, das ist eine unwahrscheinlich prägende Zeit und egal, wohin wir als Erwachsene gehen, wir nehmen immer ein Stück mit davon und tragen es in uns wie kleine Mosaiksteinchen. Verändert sich unsere Umgebung, fühlen wir uns oft nicht mehr vollständig, nicht mehr authentisch, nicht mehr stimmig. Wie kann ich also meine aktuelle Lebensumwelt so beeinflussen, dass ich mich wieder vollständiger, authentischer, stimmiger fühle? In einer Welt, die sich stets und ständig verändert, scheint es permanent notwendig, sich selbst und seine Identität immer wieder neu finden und stabilisieren zu müssen. Dies ist und bleibt ein dynamischer, nie endender Prozess.




Psychofutter: Träume

„Von dem Moment an, in welchem du zweifelst, dass du fliegen kannst, wirst du es nie mehr wieder können. Der Grund, warum Vögel fliegen können und wir (Menschen) nicht, ist einfach, weil die Vögel den perfekten Glauben daran haben. Daran zu glauben, bedeutet, Flügel zu haben.“

Dieses träumerische Zitat stammt aus dem Buch „The Little White Bird“ (zu Deutsch: der kleine weiße Vogel) aus dem Jahre 1902, das von J.M. Barrie, einem schottischen Schriftsteller, geschrieben wurde. Darin geht es um einen kleinen Jungen namens Peter, der sich für einen Vogel hält und fest daran glaubt, fliegen zu können, was ihm auch tatsächlich gelingt. Doch dabei handelt es sich nicht um irgendeinen Peter, sondern um Peter Pan. Tatsächlich wissen die Wenigsten, dass hierin der Ursprung des beliebten Kinderstars liegt. Erst zwei Jahre später, im Jahre 1904, koppelte Barrie diese vogelähnliche Figur aus dem Buch heraus und erfand im Rahmen eines eigenen Theaterstücks eine umfangreiche Geschichte um den Jungen, die sich bei den Zuschauern so großer Beliebtheit erfreute, dass er schließlich ein Kinderbuch daraus kreierte, das seither viele Menschen durch ihre Kindheit begleitet hat. Peter Pan, ein abenteuerlustiger, faszinierender, kleiner Junge, der sich etwa im vorpubertären Alter befindet und dessen Kindheit sich demzufolge allmählich dem Ende zu neigen droht, der allerdings in Folge dessen von zu Hause wegläuft, um auf der Insel Nimmerland zu leben, wo er niemals erwachsen werden kann und somit dem Eintritt in ein mehr und mehr Verantwortung forderndes Leben entflieht. Nimmerland beherbergt alles, was die kindliche Vorstellung zu begeistern vermag, nämlich Piraten, Indianer, Elfen, Meerjungfrauen und noch vieles mehr. Alle Kinder, die auf dieser Fantasie-Insel leben – einschließlich Peter Pan selbst-, bleiben dort ewig kindlich und haben das beneidenswerte Glück, alles Wirklichkeit werden zu lassen, was sie sich erträumen. Ein erstrebenswerter Zustand, nicht wahr?

Wahrscheinlich können sich die meisten von uns noch sehr genau an ihre Kindertage zurückerinnern, als wir davon träumten, alles mögliche zu sein oder zu haben: Wir wollten Sänger(-in) oder Tänzer(-in) sein, Feuerwehrmann (-frau) oder Fußballstar, wollten Superkräfte haben, fliegen oder zaubern können, unsichtbar sein, ein bestimmtes Tier sein oder im Schlaraffenland in Süßigkeiten baden. Wir haben uns wenig darum geschert, ob das alles wirklich realistisch ist, denn in unseren Träumen war alles möglich. Tatsächlich unterscheiden sich Kinderträume meist erheblich von den Träumen erwachsener Menschen, denn weil Kinder mehr im Hier und Jetzt leben, sind ihre Träume nicht so zukunftsgerichtet wie die von Erwachsenen und Fantasie und Realität vermischen sich je nach Alter noch häufig. Dies hat vor allem hirnanatomische Ursachen. Der sogenannte Präfrontalcortex (auch Stirnhirn genannt, da es direkt hinter unserer Stirn liegt) ist dasjenige Gehirnareal, das unter anderem für die Zukunftsplanung, das Festsetzen von Zielen, das Treffen von (zukunftsgerichteten) Entscheidungen sowie auch für unsere Selbstreflexion und unsere Selbstkontrolle zuständig ist. Genauer gesagt, sorgt unser Präfrontalcortex dafür, dass wir Erwachsenen eine sehr konkrete Vorstellung darüber entwickeln, was wir uns wünschen und in Zukunft erreichen möchten, welche Zwischenziele erforderlich sind, um am Endziel anzukommen und dass wir emotional antizipieren können, wie erfüllt und zufrieden wir uns fühlen werden, wenn wir unsere Ziele und Wünsche schließlich erreicht haben. Um unsere Träume zu verwirklichen, müssen in unserem (erwachsenen) Gehirn also hochkomplexe Prozesse ablaufen und wir wissen, dass in der Regel noch viel Zeit verstreichen muss, bis wir unser Ziel endgültig erreicht haben. So viel zu uns Erwachsenen, doch bei Kindern ist das (noch) ganz anders. Da Babys sehr gehirnunreif auf die Welt kommen und es mehrere Jahrzehnte benötigt (die Forschung sagt etwa bis zum 25. Lebensjahr), bis das Gehirn vollständig ausgereift ist, erscheint es logisch, dass Kinder ihren Gehirnapparat nicht im gleichen Umfang nutzen können, wie das Erwachsene tun. Tatsächlich ist der Präfrontalcortex eines der Areale in unserem Gehirn, die sich zu allerletzt entwickeln, sodass einige Dinge jetzt klarer werden sollten: Wenn Kinder sich etwas wünschen, wenn sie sich etwas erträumen, dann sicherlich eher nichts, das in der Zukunft liegt und für das sie zahlreiche Handlungsschritte anvisieren müssen. Dass Kinder also ein Bedürfnis aufzuschieben imstande sind und somit gut ertragen können, dass ein Wunsch noch nicht in Erfüllung geht, ist unwahrscheinlich. Wenn wir ganz genau hinschauen, dann fällt uns auf, dass sich bereits in kleinen, banalen Alltagsepisoden zeigt, dass kleine Kinder nichts planen (können). Wenn wir beispielsweise nach draußen zum Spielen gehen wollen, der Wetterbericht jedoch Regen vorhergesagt hat oder aufgrund von sich allmählich zuziehenden Wolken ein Regenschauer zu erwarten ist, dann ist uns Erwachsenen schon beim Anziehen klar, dass wir uns wohl besser regensicher einkleiden sollten, um nicht von einem Unwetter überrascht zu werden. Das kleine Kind jedoch wird für diesen gut gemeinten Rat, sich regenfest zu kleiden, kaum zugänglich sein, denn während es – im Hier und Jetzt – in der Wohnung noch nichts vom Regen spürt, wird es nicht begreifen, weshalb es dann Schirm und Matschhose benötigt. In einem solchen Augenblick verstricken sich Eltern und Kind häufig in zähe, frustrierende Diskussionen, die sich schnell zu einem Machtkampf entwickeln können („Warum brauche ich einen Schirm?“ – „Weil ich es dir sage!“, usw.). Mit dem Wissen darüber, dass kleine Kinder allein schon aus gehirnentwicklungstechnischen Gründen kaum fähig sind, in die Zukunft zu denken (und dazu gehört auch, vorwegzunehmen, was am selben Tag noch passieren wird), sollten wir Eltern gelassener werden und Lösungen anbieten, mit denen beide Seiten (Eltern und Kind) sich gut fühlen. Im oben beschriebenen Beispiel mit dem Regen wäre es eine Möglichkeit, das Kind mit einer normalen Jacke nach draußen gehen zu lassen, die Regenkleidung jedoch mitzunehmen und sich sämtliche Diskussionen darüber zu ersparen. 

Da Erwachsene also vor allem zukunftsorientiert denken, während Kinder vorrangig gegenwartsorientiert sind, ist es keine große Überraschung, dass beide sich meist auch gravierend darin unterscheiden, WAS sie sich wünschen. Kinder träumen meist davon, ein bestimmtes Spielzeug zu bekommen oder einen bestimmten Ausflug zu machen (und zwar am besten jetzt sofort), während Erwachsene sich wünschen, sich irgendwann ein bestimmtes Auto oder einen bestimmten Traumurlaub leisten zu können, ihr Wunschgewicht zu erreichen, einen interessanteren oder besser bezahlten Job zu ergattern oder eine Liebesbeziehung mit einer Person einzugehen, in die sie verliebt sind. Hier fällt schnell auf, dass die Träume der Erwachsenen meist viel Zeit, Mühe oder auch finanzielle Mittel notwendig machen, bis sie sich erfüllen. Erwachsene wissen das und arbeiten zielstrebig, ausdauernd und geduldig darauf hin, ihre Träume umzusetzen (dank ihres Präfrontalcortex).

Doch neben der Tatsache, dass Kinder über einen unausgereiften Präfrontalcortex verfügen, spielen auch noch andere Dinge eine Rolle, wenn es darum geht, weshalb Kinder so schlecht planen, vorausdenken, abwarten und geduldig sein können und weshalb Kinder auch häufig noch sehr unrealistische Vorstellungen und Ideen haben: Sie haben noch kein oder nur ein sehr vages Zeitgefühl und denken daher noch nicht in zeitlichen Dimensionen und sie verfügen noch über relativ wenig Wissen über die Welt. Vor allem Letzteres führt bei Kindern dazu, dass sie sich selbst eigene (abenteuerliche und fantasiereiche) Theorien zurechtlegen, wie sie sich die Welt erklären möchten. So wird aus einem Schatten an der Kinderzimmertür schnell ein gefräßiges, angsteinflößendes Monster, aus einem Eimer Sand wird ein leckerer Schokokuchen oder es tauchen plötzlich unsichtbare Fantasiefreunde auf. Als unserem großen Sohn (4 Jahre alt) letztens auf einer Autofahrt die Sonne unangenehm ins Gesicht schien, sagte er „Mama, können wir die Sonne nicht in ein Paket packen, zur Post bringen und wegschicken? Sie blendet mir!“. Für uns Erwachsene klingt diese Idee auf den ersten Blick total abwegig, ja geradezu absurd, wissen wir doch, dass die Sonne sehr, sehr weit von der Erde entfernt ist (nämlich knapp 150 Millionen Kilometer) und dass man sie nicht einfach einpacken und von A nach B bugsieren kann. Unser Sohn meinte das jedoch völlig ernst. Doch wie kommt er auf so eine eigenwillige Idee? Die Antwort ist ganz einfach: Seit ich Kinder habe, war ich kaum mehr shoppen. Klamotten einzukaufen ist für mich seither also zu einer absoluten Rarität geworden, weswegen ich mir ganz gelegentlich Second Hand Kleidung über das Internet bestelle. Mein Sohn hat mich schon einige Male dabei beobachtet, wie ich daheim Klamotten anprobiert und einen Teil davon behalten habe, während ich einen anderen Teil, der mir nicht gepasst oder nicht gefallen hat, wieder in den Karton zurück gepackt und zur Post gebracht habe, um die Sachen zu retournieren. Natürlich habe ich ihm erklärt, was ich da tue. Er hat verstanden: Wenn mir etwas nicht gefällt, dann packe ich es in einen Karton, bringe diesen zur Post und schicke ihn weg. Dies hat er nun auch auf andere Situationen übertragen: Alles, was mir nicht gefällt, schicke ich mit der Post weg. Dieses Phänomen ist übrigens auch als sogenanntes „magisches Denken“ bekannt und gibt Kindern trotz ihrer gehirnbezogenen Unreife und ihres Unwissens die Möglichkeit, sich ihre Welt sinnhaft zu erklären. Es handelt sich hierbei also in Wirklichkeit um eine kreative, schöpferische, intelligente Leistung des Kindes und nicht um wahlloses Herumfantasieren. Unser Sohn kann noch nicht einschätzen, dass seine Idee unrealistisch ist, da ihm Wissen fehlt, aber aus einer Beobachtung heraus hat er ein „Gesetz“ abgeleitet, das er infolgedessen situationsübergreifend verallgemeinert hat. Seine Fantasie hilft ihm hier also dabei, seine erlebte Wirklichkeit zu verarbeiten und zu verstehen. Ab einem Alter von etwa 6 oder 7 Jahren beginnt dieses magische Denken ganz allmählich zu verschwinden, nämlich dann, wenn die Gehirnentwicklung zunehmend voranschreitet, das Zeitgefühl sich langsam einstellt und Kinder sich mehr und mehr (realistisches) Wissen über die Welt aneignen.

Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich es heimlich bedauere, im Laufe meines Erwachsenwerdens meiner Fantasie gewissermaßen beraubt worden zu sein, ist uns Erwachsenen das Verweilen in unrealistischen Fantasien und Träumen nämlich schon lange fremd geworden. Dass unser Gehirn inzwischen vollständig ausgereift ist und wir daher neben unserer Fähigkeit, zu planen und zu reflektieren, auch wunderbar zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden gelernt haben, ist dafür nur ein Grund. Hinzu kommt, dass wir Erwachsenen viel mehr als Kinder großen äußeren Zwängen unterliegen, indem wir arbeiten gehen müssen, um uns selbst eine Existenzgrundlage zu schaffen oder dass wir große Verantwortung tragen, wenn wir eine Familie ernähren, Kinder erziehen und den Haushalt regeln müssen. Auch haben wir Erwachsenen meist schon viel gesehen und erlebt, wodurch wir voreingenommener geworden sind und wir schon eine genaue Vorstellung darüber entwickelt haben, was wir wollen und was nicht; wir sind nicht mehr so neugierig und aufgeschlossen neuen, unbekannten Dingen gegenüber, lassen uns nicht mehr auf alles ein und sind viel vorurteilsbehafteter als Kinder. Es scheint, als sei unser Gehirn mit der Zeit träger und uninteressierter geworden. Auch unsere Sozialisation spielt hier eine wesentliche Rolle. Während wir Kindern aufgrund ihres Alters noch eine rege Fantasie und wilde Träumereien zugestehen, werden Erwachsene nicht selten misstrauisch beäugt, wenn sie eine blühende Fantasie erkennen lassen. Ein Erwachsener, der laut ausspricht, dass er zum Beispiel von einer Karriere als Topmodel träumt oder davon, sich mit einer eigenen, augenscheinlich verrückten Idee selbstständig zu machen, läuft schnell Gefahr, als Traumtänzer oder gar Lügner abgestempelt zu werden und dafür Spott und Hohn zu ernten. Dies führt bei uns Erwachsenen (und übrigens auch schon bei Schulkindern) dazu, dass wir unsere Träume, Ziele, Wünsche und Vorstellungen zunehmend einer Rationalität anpassen, von der wir glauben, dass sie gesellschaftlich akzeptiert ist oder anders gesagt: Wir hören auf, (unrealistisch) zu träumen oder zumindest hören wir damit auf, offen über unsere Träume zu sprechen. Doch das ist fatal, wiesen nämlich bereits in den vergangenen Jahrhunderten kluge Köpfe wiederholt darauf hin, dass unsere Sprache unser Denken formt. Das bedeutet überspitzt gesagt, wenn wir aufhören, Worte für etwas zu finden, dann hören wir auch auf, darüber nachzudenken und damit werden wir das, was wir nicht mehr aussprechen und somit aus unserem Denken verbannen, auch kaum mehr verwirklichen können (vgl. hierzu z.B. J.G. Herder oder W.v. Humboldt oder auch die „Sapir-Whorf-Hypothese“). Ein simples Beispiel: Im deutsch- sowie englischsprachigen Raum verwenden die Menschen zur Orientierung Ausdrücke wie links und rechts. „Die Marmelade steht links neben der Butter“ oder „Um zum Bahnhof zu kommen, müssen Sie an der Kreuzung rechts abbiegen“. Unter den Aborigines in Australien gibt es jedoch beispielsweise Stämme, die zur Orientierung stattdessen Himmelsrichtungen verwenden. Sie würden zum Beispiel sagen „Die Marmelade befindet sich südwestlich von der Butter.“. Die Art und Weise, wie wir Sprache gebrauchen, bestimmt, wie wir denken und wahrnehmen. So konnten Studien nämlich zeigen, dass Menschen, die Himmelsrichtungen zur Orientierung verwenden (und diese somit auch in ihrer Sprache verankern), sich signifikant besser in unbekannten Gebäuden und Gegenden zurechtfinden als Menschen, die – beispielsweise wie wir Deutschen – nur grobe Ausdrücke wie links und rechts benutzen. Daraus ist zu schlussfolgern, dass unsere Sprache uns dazu befähigt, bestimmte kognitive Fertigkeiten auszubilden oder eben auch nicht (Quelle).

Doch was bedeutet das nun für’s Thema Träume? Nun, es bedeutet, dass wir auch als Erwachsene nicht damit aufhören sollten, mutige Träume zu haben und diese zu benennen, zu diskutieren und zu verfolgen und zwar unabhängig davon, wie realistisch oder unrealistisch sie auf den ersten Blick erscheinen mögen. Träume – auch unrealistische, utopische – fungieren wie ein Leuchtturm, wie eine Wegbeschreibung; sie geben uns vor, in welche Richtung wir uns bewegen könnten. Ob wir dann tatsächlich dort ankommen oder auf dem Weg dorthin einen Abzweig nehmen, weil wir plötzlich doch andere Ideen bekommen haben, ist dabei nicht wichtig. Träume bringen uns dazu, uns weiterzuentwickeln und Neues zu entdecken. Sie sind unsere Triebfeder, unsere Motivation, um uns anzustrengen und um entweder in uns verborgene Kräfte und Ressourcen hervorzuholen, deren Existenz wir im Alltagstrott längst vergessen haben oder um neue Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln, über die wir bislang noch nicht verfügen, die aber für das Erreichen unserer Träume und Ziele vonnöten sind. Ohne Träume droht Stillstand. 

Eine wunderbare Möglichkeit, um an der Verwirklichung seiner eigenen Träume zu arbeiten, sind sogenannte „Visionboards“. Dies ist eine Zielcollage, die alle eure Wünsche, Träume und Ziele enthält, die ihr in eurem Leben erreichen möchtet. Zum Beispiel könnt ihr ein Poster oder auch eine Pinnwand selbst gestalten, indem ihr dort Bilder, Sprüche, Stichwörter, Affirmationen (selbstbejahende Sätze) oder kleinere Gegenstände anbringt, die irgendwie im Zusammenhang mit der Umsetzung eurer Ziele stehen. Hängt euer Vision Board an einem schönen Plätzchen in eurer Wohnung auf, an dem ihr tagsüber öfter vorbei kommt, denn so werdet ihr tagtäglich an eure Träume und Ziele erinnert und habt sie sprichwörtlich immer vor Augen. Macht eure Träume sichtbar, sprecht über sie, feiert kleine Fortschritte und Erfolge. Wenn ihr merkt, dass sich auf eurem Weg zu eurem Traum Hindernisse und Stolpersteine breit machen, dann versucht zunächst, eure Bemühungen zu verändern oder zu intensivieren, bevor ihr auf die Idee kommt, das Ziel zu korrigieren (aber auch das ist manchmal sinnvoll). Umgebt euch mit Menschen, die euch in erster Linie dazu ermutigen und darin unterstützen, an euren Träumen festzuhalten und einen Weg zu finden, diese umzusetzen. Natürlich sind auch kritische Stimmen erwünscht, die die Machbarkeit bzw. Realisierbarkeit eurer Träume in Frage stellen, solange die Kritik positiv und konstruktiv ist und nicht darauf abzielt, euch einen Traum per se auszureden oder schlecht zu machen.

Die sogenannte Walt Disney Methode könnte hierbei ein geeignetes Mittel sein, um einen Traum zu konkretisieren und auch, um abzuwägen, wie realistisch dieser umsetzbar ist. Dabei kann man seinen Traum rollenspielartig durchdenken, indem man abwechselnd folgende drei Rollen einnimmt, die man beispielsweise durch entsprechende Stühle repräsentiert, auf die man sich abwechselnd setzt: 1) der Träumer, 2) der Realist und 3) der Kritiker. Auf dem Stuhl des Träumers dürft ihr wild und frei herumspinnen und euch die verrücktesten, utopischsten Ideen, Wünsche und Träume überlegen und diese gerne auch laut aussprechen, ohne euch dafür zu schämen oder zu rechtfertigen. Auf dem Stuhl des Realisten sollt ihr eure Ideen, Wünsche und Träume möglichst realistisch, sachlich, pragmatisch bewerten und euch überlegen, wie eine Umsetzung eures Traums in der Realität aussehen könnte. Auf dem Stuhl des Kritikers dürft ihr zum Beispiel die Vor- und Nachteile eurer Ideen, Wünsche und Träume analysieren oder auch konstruktive Fragen stellen (z.B. „Woran könnte mein Traum scheitern?“). Hierbei dürft ihr so lange zwischen den einzelnen Stühlen / Rollen hin- und herwechseln wie ihr wollt, bis ihr für euch einen Traum herausgearbeitet habt, der sich für euch zufriedenstellend und realisierbar anfühlt.

Entdeckt euer inneres Kind wieder, fantasiert, träumt, spielt, gebt euch abenteuerlichen Tagträumen hin, spinnt Gedanken, erfindet Neues und lasst es euch als Erwachsene niemals nehmen, eure Träume umzusetzen.

„Das ist das wirkliche Problem der Welt. Zu viele Menschen sind erwachsen geworden.“ (Walt Disney)