Seelenfutter: Schicksal

Im Dezember ist unser großer Sohn vier Jahre alt geworden und zu seinem Geburtstag hat er – neben anderen Dingen – auch das Spiel „Affenalarm“ geschenkt bekommen. Die meisten Eltern von kleineren Kindern werden dieses Spiel sicherlich kennen. Es ist ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem es darum geht, dünne verschiedenfarbige Stäbchen, die zuvor in eine Palme geschoben wurden und an denen viele kleine Äffchen mit ihren kringeligen Schwänzen dran hängen, vorsichtig und mit ruhiger Hand so wieder aus der Palme herauszuziehen, dass dabei keine Äffchen herunter auf den Boden fallen. Dabei entscheidet die gewürfelte Farbe, welches Stäbchen herausgezogen werden muss. Um das Spiel also zu gewinnen, benötigt es eine Mischung aus Geschicklichkeit, Konzentration und Glück. Wie feinmotorisch geschickt wir dabei mit den Stäbchen hantieren und wie raffiniert wir uns dabei anstellen, die Äffchen von einem herauszuziehenden Stäbchen auf ein anderes zu bugsieren, damit sie hängen bleiben statt zu fallen, können wir dabei selbst beeinflussen, welche Farbe wir würfeln dagegen nicht. Demzufolge können wir den Spielverlauf zu einem Teil selbst lenken und steuern und zu einem anderen Teil hängt er jedoch vom Zufall ab und liegt somit außerhalb unseres Einflussbereichs.

In unserem alltäglichen Leben ist das ganz ähnlich gelagert. So gibt es zahlreiche Dinge, die wir selbst entscheiden, bewirken und verursachen können wie zum Beispiel, welches Hobby wir ausüben, welche Ausbildung wir absolvieren oder welche Freundschaften wir uns aussuchen möchten. Ebenso gibt es Dinge, die wir dagegen nicht selbst wählen und beeinflussen können wie zum Beispiel unsere genetische, körperliche und geistige Ausstattung, die wir bei unserer Geburt mitbekommen haben oder auch Erkrankungen und Unfälle, die uns unverschuldet widerfahren. Letzteres wird häufig dem Schicksal oder dem Zufall zugerechnet und obwohl beides sich darin unterscheidet, dass das Schicksal im Gegensatz zum Zufall als durch eine höhere Macht gesteuert gilt, werden beide Begriffe oft synonym gebraucht.

Die Frage danach, wie sehr wir in unserem Leben einer höheren, vorherbestimmenden Schicksalsmacht ausgeliefert sind oder inwiefern wir selbstbestimmt und autonom die Zügel unseres eigenen Lebens in die Hand zu nehmen vermögen und Einfluss nehmen können, ist nicht neu, hat sie doch in den letzten Jahrhunderten bereits die großen Weltreligionen beschäftigt, die sich hierzu mehr oder weniger eindeutig positioniert haben. So gehen das Christentum, der Islam und auch das Judentum davon aus, dass Gott (bzw. Allah bzw. Adonai) alles Geschehen auf der Welt lenkt und somit Vieles schicksalhaft vorherbestimmt ist, gleichwohl den Menschen selbst mehr oder weniger auch ein freier Wille zugesprochen wird, sodass sie auch selbst Verantwortung tragen für ihr eigenes Handeln. Dabei fällt auf, dass der Glaube an eine vorherbestimmende Göttlichkeit den Menschen in Sachen Schicksalsschlägen oft viele Antworten schuldig bleibt, was gerne mit Phrasen wie „Gottes Wege sind unergründlich.“ stehen gelassen wird. Hier wird ein Dilemma deutlich, dass alle drei Religionen bis heute nicht zu lösen vermochten: Warum lässt ein freundlicher, barmherziger Gott (bzw. Allah bzw. Adonai) zu, dass von Zeit zu Zeit auch der Teufel seine Finger mit im Spiel hat und Menschen harte, unbarmherzige und unerwartete Schicksalsschläge ereilen (Theodizee)? Auch die Tatsache, dass der jeweiligen Göttlichkeit ein belohnender oder bestrafender Charakter zugesprochen wird (wer Verwerfliches tut, kommt in die Hölle), macht die Sache nicht einfacher, mutet dies nämlich in vermessener und anmaßender Weise an, dass manche Menschen ein bestimmtes Unheil mehr verdient hätten als andere. Die Debatte darüber, ob unser Leben nun vom Schicksal, vom Zufall oder durch unseren eigenen Willen und unsere Selbstbestimmung gelenkt wird, können das Christentum, der Islam und das Judentum daher nur äußerst unbefriedigend beantworten. Alle drei bleiben hier sehr vage. Der Buddhismus und auch der Hinduismus dagegen werden in der Beantwortung dieser Frage konkreter, denn in beiden religiösen Weltanschauungen wird der Schicksalsbegriff entschieden abgelehnt. Das bedeutet, dass es dort keine festgelegte (fatalistische) Vorherbestimmung gibt, sondern es gilt die Karmalehre: Alles, was man im jetzigen Leben tut, zieht Konsequenzen für ein späteres Leben nach sich. Jemand, der in seinem jetzigen Leben mehr Gutes als Schlechtes tut, hat eine positive Karmabilanz und kann in seinem nächsten Leben auf positive Umstände hoffen. Hier wird den Menschen also mehr Entscheidungsfreiheit, mehr Selbstbestimmung und mehr Verantwortungsübernahme in ihrem eigenen Tun und Handeln zugestanden, denn jeder erntet das, was er zuvor durch sein eigenes Verhalten gesät hat. 

Doch ganz egal, wie wir für uns selbst die Geschehnisse in der Welt erklären möchten – ob durch Schicksal, durch Zufall oder durch Selbstbestimmung gelenkt oder auch durch eine unterschiedliche Gewichtung aller drei -, die Tatsache, dass wir überhaupt derartige Phänomene heranziehen, spiegelt letztendlich wider, wie wenig wir Menschen über unsere Existenz wissen und wie sehr es uns antreibt, Antworten und Erklärungen zu erhalten für das, was wir eben nicht erklären können. Wir wissen nicht, woher wir kommen und wir wissen nicht, wohin wir gehen und zwischen unserem Kommen und unserem Gehen versuchen wir, einen Sinn in unserem Leben zu finden, der unser Fragen aufwerfendes Dasein lebenswert macht. Die Suche nach dem Sinn des Lebens scheint uns Menschen angeboren. Da Vieles im Leben unerklärbar bleibt, suchen wir in unserem Alltag nach rationalen, logischen Erklärungen, nach Mustern, nach allem, was das Leben ein Stück kontrollierbarer und steuerbarer erscheinen lässt, um mit der großen Unsicherheit unserer Existenz besser zurechtzukommen. In diesem Zusammenhang scheint es auch wenig verwunderlich, dass Menschen sich leicht zu übernatürlichen Phänomenen hingezogen fühlen wie etwa der Wahrsagerei, die eben genauso wie die Konstrukte Schicksal, Zufall oder Selbstbestimmung versucht, Antworten auf Unerklärliches zu geben, doch spätestens dann, wenn den Menschen mit derartigen Praktiken eine nicht unerhebliche Summe Geld aus der Tasche gezogen werden soll, wird die Gefühlslage und die Neugier von ratsuchenden Menschen schlichtweg ausgenutzt, beinhaltet die Wahrsagerei doch in Wirklichkeit nicht mehr als wilde Zukunftsspekulationen und kann allenfalls als eine Lebensberatung mit sehr breitem Interpretationsspielraum betrachtet werden. Sind wir ehrlich zu uns selbst, dann müssen wir uns eingestehen, dass Dinge wie ernsthafte Erkrankungen, Unfälle, Todesfälle oder auch Naturkatastrophen nicht vorsehbar sind und wir jeden Tag mit dem Risiko leben müssen, dass jederzeit etwas Schlimmes passieren kann. Das macht uns Menschen große Angst und wir suchen verständlicherweise im Alltag nach Wegen, uns von diesen Sorgen und Ungewissheiten zu befreien.

Im Leben der meisten Menschen gibt es etwas, das sie als sinnstiftend bezeichnen würden, wie etwa einer erfüllenden Tätigkeit nachzugehen oder eine nährende, liebevolle Beziehung zu führen oder Kinder groß zu ziehen. Solange diese Sinnhaftigkeit in unserem Leben gegeben ist, setzen wir uns selten tiefgreifender mit so grundlegenden und existentiellen Fragen wie dem Sinn des Lebens auseinander. Erst, wenn unser eigenes Sinnkonzept gestört wird, weil wir beispielsweise unseren Job verlieren oder unser Partner uns verlässt, geraten wir in eine Krise und die Frage nach dem Sinn des Lebens klopft wieder an unsere Türe. Bei Menschen, die sich psychisch sehr belastet fühlen, die vielleicht sogar psychische Auffälligkeiten entwickeln und die sich deshalb in Psychotherapie begeben, steckt nicht selten ein durch Schicksalsschläge abhanden gekommener Lebenssinn dahinter, der mithilfe eines Therapeuten wiedergefunden werden soll (Harry Stroeken, 1998). Doch warum kann uns das Fehlen eines Sinns in unserem Leben offenbar so krank machen?

Nun, in einem Leben, in dem Vieles so ungewiss und ungeklärt ist, brauchen wir etwas, das uns sowohl Sinnhaftigkeit als auch Sicherheit verleiht. Wir Menschen brauchen ein bedeutungsvolles Leben, wir wollen uns wirksam und produktiv fühlen, wir wollen einen wichtigen Beitrag leisten und uns gebraucht fühlen und wir wollen unsere Umstände gewissermaßen kontrollieren und steuern anstatt ihnen hilflos ausgeliefert zu sein. Daher suchen wir in unserem Alltag nach einer definierten Rolle, einer klar umgrenzten Aufgabe, einem sinnvollen Job, nach Freude bringenden Hobbies und nach beständigen und wertvollen Kontakten um uns herum, denn all das gibt unserem Alltag Struktur und füllt ihn mit Bedeutung. Routine und feste Gewohnheiten sind etwas, das wir vorwegnehmen und vorhersehen können und das wiederum macht unser Leben planbarer, denn auf diese sich täglich wiederholenden Alltagsmuster können wir uns verlassen und es gibt wenig Raum für größere unliebsame Überraschungen. In einer Welt, in der uns der Sinn unseres Lebens im Universum große Rätsel aufgibt und wir uns dadurch oft zutiefst verängstigt und ohnmächtig fühlen, sind diese fest eingespielten Muster und Rituale etwas, das unser menschliches Bedürfnis nach Kohärenz (Verstehbarkeit und Selbstgestaltung des eigenen Lebens, vgl. das Salutogenese-Modell nach Antonovsky) beantwortet und uns gewissermaßen Kontrollierbarkeit im Leben vorgaukelt. Damit vereinfachen wir unsere Realität und das ist auch in Ordnung so. Die Tatsache, dass weder eine göttliche Schaffung unseres Daseins noch seine zufällige Entstehung wissenschaftlich nachgewiesen werden können, führt dazu, dass wir mit dieser großen Ungewissheit leben müssen und das ist verständlicherweise schwer zu ertragen. Oder wie Irving Yalom, einer meiner Lieblingspsychoanalytiker, einmal sinngemäß sagte: Mit unserem Bewusstsein für unsere Endlichkeit hat man uns Menschen ein sehr schwieriges Geschenk gemacht. 

Doch um an diesem großen Rätsel unserer Existenz nicht zu verzweifeln, liegt es an uns selbst, wie wir unser Leben auf dieser Erde nutzen und gestalten möchten. Vielleicht haben wir keine Antwort auf der Makroebene, wir wissen also nicht, was der Sinn des Lebens im Allgemeinen ist, doch wir können Antworten auf der Mikroebene finden, indem wir unserem eigenen kleinen Leben einen Sinn geben. Wenn wir genauer hinschauen, dann können wir erkennen, dass uns der Alltag viele Sinnangebote macht, aus denen wir uns etwas Erfüllendes für uns heraussuchen können. So täten wir sicherlich gut daran, wenn wir uns öfter Tätigkeiten widmen würden, die uns solch großen Spaß bereiten, dass wir dabei völlig die Zeit vergessen, entweder, indem wir alte geliebte, jedoch einst vernachlässigte Hobbys wieder aufnehmen oder, indem wir uns ganz neue Hobbys suchen. Vielleicht gibt es etwas, das wir schon immer mal ausprobieren wollten, es aber aus Zeitmangel nie umgesetzt haben. Der Glücksforscher Csíkszentmihályi (über den wir uns in der Motivationspsychologie-Vorlesung während des Studiums immer herrlich amüsiert haben, weil keiner ihn richtig auszusprechen vermochte) prägte dafür den Begriff des Flow-Zustandes, der uns die Welt um uns herum vergessen lässt, während wir innerlich beglückt und ausgefüllt unsere ganze Aufmerksamkeit dieser einen bestimmten Sache zuwenden, die wir nur um seiner selbst Willen tun, ohne dabei Erfolg oder Lob zu erwarten, einfach, weil sie uns zufrieden und unbeschwert sein lässt und wir dabei unsere Ängste und Sorgen für einen Augenblick vergessen können.

Ebenfalls glücklich machen kann uns innere Dankbarkeit, indem wir uns immer wieder bewusst darin üben, dankbar zu sein für alles, was wir haben oder was uns Gutes widerfährt. Das kann die nette Person in der Bahn sein, die uns einen Sitzplatz neben sich anbietet genauso wie die kleine Kaffeepause zwischendurch oder die Tatsache, dass wir gesund sind.

Auch sich von Zeit zu Zeit immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen, kann uns erfüllen. Immer in der eigenen Komfortzone zu bleiben und nur die Dinge zu tun, die wir eh schon können, ist zwar sehr bequem und sicher, aber dort kann gewiss nichts Neues wachsen. Sich gelegentlich auch mal aus der eigenen Komfortzone herauszuwagen, kostet zwar Überwindung, macht aber persönliche Entwicklung und Wachstum überhaupt erst möglich und verschafft uns Erfolgserlebnisse ebenso wie einen Anstieg unseres Selbstwertgefühls, was uns zufriedener macht.

Anderen Menschen zu helfen oder ihnen Zeit zu schenken, ist eine weitere Möglichkeit, sich innerlich erfüllt zu fühlen. Erst neulich habe ich in einer älteren Folge vom Nachtcafé (ja, ich bin ein großer Fan dieser Sendung) mitverfolgen können, wie es glücklich machen und erfüllen kann, den Fokus weg von sich selbst zu lenken hin zu anderen Menschen, was letztendlich dazu führt, dass man sich weniger mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt, dass man in Kontakt mit anderen (auch fremden) Menschen kommt (hier werden unsere sozialen Grundbedürfnisse angesprochen und befriedigt wie Kommunikation, Zuwendung, Gemeinschaft, Partizipation und Solidarität) und dass man für seine Hilfsbereitschaft von anderen gemocht wird (hier werden unsere Grundbedürfnisse nach Wertschätzung und Anerkennung befriedigt) und all dies gibt uns schließlich auch die Möglichkeit, uns selbst zu definieren (z.B. „Ich bin ein hilfsbereiter, gütiger, liebenswürdiger und angesehner Mensch.“; hier wird unser Grundbedürfnis nach Selbsverwirklichung befriedigt, vgl. Bedürfnispyramide nach Maslow). Kurz gesagt: Hilfsbereitschaft bedeutet doppelte Freude, nämlich für denjenigen, dem geholfen wird und für denjenigen, der hilft.

Abschließen möchte ich dieses Thema mit einer Geschichte, die ich vor einigen Jahren auf einer beruflichen Tagung kennengelernt habe und anhand derer wir erkennen, was in unserem Leben wirklich zählt. Es ist die Geschichte vom „Glas des Lebens“:

Ein Professor trat vor seine Studenten und stellte einen großen Glaskrug vor ihnen auf den Tisch. Dann füllte er den Krug nach und nach mit großen Steinen, bis dieser randvoll gefüllt war und fragte seine Studenten „Ist der Krug voll?“. Die Studenten antworteten ohne großes Zögern mit „Ja“, als der Professor plötzlich Kieselsteine hervor holte, sie in den Glaskrug füllte und etwas schüttelte, bis die Kieselsteine schließlich die Lücken zwischen den großen Steinen ausfüllten. Erneut fragte er seine Studenten „Ist der Krug voll?“. Wieder antworteten die Studenten mit „Ja“, als der Professor plötzlich Sand hervor holte, ihn ebenfalls in den Krug füllte und etwas schüttelte, bis der Sand noch die kleinsten Zwischenräume zwischen den großen Steinen und den Kieselsteinen ausfüllte. Ein letztes Mal fragte der Professor seine Studenten „Ist der Krug voll?“, woraufhin die Studenten ungläubig schauten und bereits erahnen konnten, dass die Antwort darauf „Nein“ lautete. Nun holte der Professor noch eine Flasche Bier hervor und goss es ebenfalls in den Krug, bis dieses sich an den verbliebenen freien Stellen verteilte. „Nun, was soll uns dieses Experiment lehren?“, fragte der Professor und beantwortete seine Frage zugleich selbst: „Dieser Glaskrug symbolisiert euer Leben. Die großen Steine sind die wirklich wichtigen Dinge im Leben wie zum Beispiel Familie, Freunde oder Gesundheit. Die Kieselsteine sind andere, weniger wichtige Dinge wie zum Beispiel Arbeit, Haus, Auto oder Reisen. Der Sand steht für die ganz kleinen Dinge im Leben, die kaum wichtig sind, wie zum Beispiel Haushalt, Partys, Kleidung oder das Fußballspiel im Fernsehen. Wenn ihr den Sand und die Kieselsteine zuerst in euren Glaskrug füllt, dann bleibt kein Raum mehr für die großen Steine. Zum Schluss fragte ein Student schließlich „Aber was hat es mit dem Bier auf sich?“ und der Professor antwortete lächelnd: „Für ein Bier mit guten Freunden ist immer Zeit.“.

Nehmt euer Schicksal ein Stückchen selbst in die Hand. Fragt euch, was eure großen Steine im Leben sind. Was ist euch am allerwichtigsten und räumt ihr diesen Dingen (oder Menschen) wirklich Vorrang und Priorität in eurem Alltag ein? Oder verschwendet ihr viel zu viel Zeit, Geld, Energie und Nerven in Kieselsteine oder gar in Sand, also in Dinge (oder Menschen), die euer persönliches Glück, eure Zufriedenheit gar nicht direkt beeinflussen und die euch vielleicht sogar noch Energie rauben? Wenn ihr euch im Leben zu sehr auf Kieselsteine und Sand konzentriert, dann haben die großen Steine kaum noch Platz. Deshalb: Nehmt euch Zeit für eure Liebsten. Geht mit eurem Partner schick essen. Spielt mit euren Kindern. Besucht eure Eltern und Großeltern (wenn ihr noch welche habt). Beschäftigt euch mit euren Haustieren. Das ist, was wirklich zählt im Leben. Gestaltet euer Leben entsprechend danach, was euch glücklich macht.

In diesem Sinne: Ich wünsche euch ein fröhliches neues und besinnliches Jahr 2020!

Seelenfutter: Vorbilder

Wisst ihr noch, wer früher eure Kindheitshelden waren? Unser vierjähriger Sohn hat auch schon ein paar Lieblingshelden. In den letzten Jahren schwankte es immer mal wieder zwischen der Paw Patrol, Feuerwehrmann Sam, Super Wings und PJ Masks und ganz aktuell liebt er die Ninja Turtles. Er besitzt etliche Kuscheltiere, Spielfiguren und Kleidungsstücke davon. Wenn wir miteinander spielen, dann liebt er es, in die jeweiligen Rollen zu schlüpfen und Zitate seiner Helden nachzusprechen. Und genauso war das auch bei mir damals, als ich noch ein Kind war, nur, dass meine Helden eben andere waren. Ich wollte immer sein wie Mogli aus dem Dschungelbuch, bin nur im Schlüppi bekleidet auf Bäume geklettert, hab mir aus gebogenen Ästen einen Bumerang gebaut, unsere vielen Katzen waren für mich ein Wolfsrudel, ich versuchte, mich nur von dem zu ernähren, was es draußen zu finden gab und wollte am liebsten auch nachts draußen schlafen. Als ich älter wurde, fand ich neue Helden, darunter Gregor von den Kickers, Mila Superstar oder Sailor Moon. Alle hatten in einer bestimmten Phase meiner Kindheit und Jugend eine wichtige Bedeutung für mich und obwohl jeder Held irgendwann auch wieder verblasste, so war er doch für einen kurzen Lebensabschnitt mein treuer Begleiter und eine immense Bereicherung für meine Identität und für mein psychisches Wachstum.

Egal, welche Figur gerade besonders angesagt ist, die Figuren haben alle eines gemeinsam: Sie geben Kindern die Möglichkeit, sich mit ihnen zu identifizieren und mit ihnen zu wachsen. Kinder übernehmen dabei die typischen Denk- und Verhaltensmuster ihrer Vorbilder und fast immer handelt es sich dabei um jene Muster, die Kinder bewundern und die sie sich auch an sich selbst wünschen. Mit der Paw Patrol zum Beispiel löst man schwierige Fälle und erlebt dabei, was Freundschaft, Zusammenhalt und Teamwork bedeuten, mit Feuerwehrmann Sam rettet man Menschen und Tiere aus misslichen Lagen und erlebt dabei Hilfsbereitschaft, Mut und auch Wertschätzung und Anerkennung für geleistete Heldentaten, mit Mogli lernt man das Leben und die Gefahren in der Natur sowie die Nähe zu Tieren kennen und mit Mila Superstar erfährt man, wie man durch Ehrgeiz, Übung und Durchhaltevermögen immer besser in dem werden kann, was man tut. Für eine kurze Zeit begleiten uns diese Helden und Vorbilder, so lange, bis wir genug von ihnen gelernt haben und wir bereit sind, ohne sie weiterzugehen.

Doch nicht nur fiktive Fernseh- oder Bücherhelden können als Vorbilder fungieren, sondern auch ganz reale Personen. Ganz besonders in den ersten Lebensjahren nehmen Kinder sich zunächst einmal ihre Eltern sowie andere nahestehende Bezugspersonen zum Vorbild. Durch diese lernen sie zum Beispiel, wie man sich gegenüber anderen Menschen verhält, wie man mit seinen Gefühlen umgeht oder wie man Konflikte löst. Lernen am lebenden Modell sozusagen. Wir beobachten Verhalten und ahmen es nach. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang, der ebolutionsbiologisch betrachtet überlebenswichtig ist. (Auf die negativen Folgen vom Nachahmen, die am Beispiel von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ und der damit verbundenen Nachahmungswelle von Suiziden besonders deutlich werden, werde ich hier übrigens nicht eingehen.)

Doch Vorbilder können noch mehr, denn wir können sie nutzen, um eine Menge über uns selbst zu erfahren, sind sie nämlich ein wichtiger Hinweis auf unsere innersten Sehnsüchte. Wir können uns beispielsweise fragen: „Was hat oder kann mein Vorbild, das ich gerne hätte oder können würde? Wohin möchte ich mich entwickeln?“. Häufig haben Kinder gleich mehrere Vorbilder gleichzeitig und das ist auch gar nicht unlogisch, denn die Wahrscheinlichkeit, das uns jemand so sehr gefällt, dass wir ihm oder ihr in absolut jeder Beziehung nacheifern möchten, ist eher gering. Vielmehr sind es nur ganz vereinzelte Eigenschaften, die uns gefallen und die wir uns von ihnen abschauen möchten. Vielleicht wollen wir so rebellisch, furchtlos und selbstbestimmt sein wie Pipi Langstrumpf, so abenteuerlustig wie Huckleberry Finn, so schelmisch wie Michel aus Lönneberga, so fleißig und bescheiden wie Aschenputtel, so clever und einfallsreich wie Wickie, so frei, emanzipiert und entschlossen wie Ronja Räubertochter, so tiefgründig wie Momo oder so mutig wie Buffy, die Vampirjägerin. Was es auch immer ist, das wir sein wollen, durch die Nachahmung unserer kleinen Helden können wir all das im Alltag spielerisch ausprobieren und einüben.

Auch haben wir als Kinder noch einen entscheidenden Vorteil: Wir sind naiver und denken noch nicht so rational wie Erwachsene. Wir halten es absolut für möglich, dass wir geschrumpft auf Miniaturformat wie Nils Holgersson auf Wildgänsen durch die Lüfte fliegen können und wir kümmern uns auch noch nicht darum, ob die Geschichte um die Turtles – humanoide Schildkrötenmutanten, die in der Kanalisation leben und eine ebenfalls mutierte und in Kampfkunst ausgebildete Ratte als Ziehvater haben -, wirklich realistisch ist. Als Kinder hatten wir noch eine lebhaftere Fantasie, wir waren spontan und leichter zu begeistern, wir haben mehr im gegenwärtigen Moment gelebt und haben uns voller Hingabe ins Spielen vertieft, ohne dabei über die Vergangenheit zu grübeln oder uns mit Zukunftsängsten zu lähmen. Doch mit dem Erwachsenwerden steigen auch unser Realitätsanspruch und unsere Verantwortung und wir können heute mit vielen unserer damalig geliebten Heldencharaktere nicht mehr so viel anfangen. 

Es gibt eine weitere Fähigkeit, um die ich Kinder beneide, weil sie uns Erwachsenen nämlich oft schon lange abhanden gekommen ist, und die sicherlich mit ein Grund ist, weshalb Kinder ganz unterschiedliche Helden aus verschiedenen Themenzweigen haben: Kinder sind vielen (vielleicht allen) Dingen gegenüber sehr viel mehr aufgeschlossen als es Erwachsene sind. Meiner Meinung nach hat das wahrscheinlich am ehesten etwas damit zu tun, dass Kinder sich vor allem beruflich noch nicht festgelegt haben und ihnen noch viele verschiedene Optionen für ihr späteres Leben möglich erscheinen. Sie mögen vielleicht Tiere, fühlen sich von Kinderserien wie Lassie oder Wendy angesprochen und liebäugeln innerlich mit einer späteren Karriere als Tierarzt oder Reitsportler. Gleichzeitig sind sie vielleicht neugierig, lieben Schnitzeljagden, schauen TKKG und halten durchaus auch eine spätere Laufbahn als Detektiv oder Privatermittler für denkbar. Zur selben Zeit sind sie vielleicht absolut sportbegeistert und mögen den Manschaftsgedanken, lieben die Kickers oder Tsubasa von den tollen Fußballstars und sehen sich in ihrem späteren Leben ebensogut als Fußballer. Alles ist möglich. Bei uns Erwachsenen ist das längst nicht mehr so. Haben wir erstmal unseren Schulabschluss in der Tasche, eine Ausbildung oder ein Studium in einem bestimmten Themenbereich absolviert und haben wir vielleicht sogar noch einige Jahre Berufserfahrung und Zusatzqualifikationen in ebendiesem Bereich gesammelt, dann sind wir inhaltlich festgelegter, sind thematisch spezialisierter und interessieren uns vorrangig für Themen, die unserer Profession entsprechen, während wir uns mit anderen Disziplinen – wenn überhaupt – nur noch am Rande beschäftigen. Als Erwachsene glauben wir, zu wissen, wer wir sind, doch damit vergeben wir uns selbst die Möglichkeit, noch jemand Neues werden zu können. 

Doch wir brauchen auch als Erwachsene wieder Vorbilder. Viele Vorbilder. Denn Vorbilder inspirieren uns und machen uns Mut. Wie kleine innere Helfer sprechen sie auch in schwierigen Momenten zu uns und geben uns motivierende Denk- und Handlungsanstöße, die es uns ermöglichen könnten, über uns hinaus zu wachsen und uns weiterzuentwickeln. Wenn wir heute als Erwachsene in unserem Leben auf Hindernisse stoßen, dann kann es sich durchaus als hilfreich erweisen, einmal unsere kleinen, heimlichen Helden um Hilfe zu bitten: „Wie würde Bibi Blocksberg den Konflikt mit meinem Arbeitskollegen lösen?“, „Was würde die Gummibärenbande mir zum Thema Jobwechsel raten?“, „Was würde Steve Urkel über meine derzeitige Freizeitgestaltung denken?“. Zugegeben, den ein oder anderen inneren Schmunzler könnte man sich an dieser Stelle sicher nicht verkneifen, doch tatsächlich kann ein inneres Gespräch mit einem früheren Kindheitsheld oder auch mit einem aktuellen Vorbild ganz neue Impulse hervorbringen, denn in dem Moment, indem wir uns einen kleinen Held wieder ins Gedächtnis rufen, können auch mit dieser Heldenfigur verknüpfte Ressourcen in uns (wieder) wirksam werden. Auf diese Weise kann uns ein Held dazu verhelfen, persönliche Ressourcen und Potentiale, die in uns schlummern und in den letzten Jahren (oder Jahrzehnten) verborgen und ungenutzt blieben, hervorzuholen und für unsere Ziele und Bedürfnisse einzusetzen. 

Seelenfutter: Selbstannahme

Bei meinem gestrigen Gemüseeinkauf bin ich über dieses Bund Möhren gestolpert, an dem gleich zwei von der Norm abweichende Möhrchen dran hingen und die ich so ansprechend und einzigartig fand, dass ich genau diesen einen Bund unbedingt mitnehmen musste. Oft werden leider genau diese unförmig anmutenden Lebensmittel im Preis gesenkt, aus dem normalen Gemüseregal herausgenommen und unter der Überschrift „krumme Dinger“ oder „Gemüse mit Schönheitsfehlern“ in eine extra dafür vorgesehene Ecke verfrachtet. Wieso eigentlich? Diese Extraplatzierung macht den Makel doch erst so richtig sichtbar, der mir so vielleicht gar nicht als Makel aufgefallen wäre. Und ich möchte auch nicht weniger Geld für dieses Gemüse bezahlen, denn nur weil es optisch von der Norm abweicht, hat es doch seinen Geschmack (seinen Wert) nicht verloren. Ich möchte nicht meckern, bin ich doch heilfroh, dass dieses Gemüse überhaupt in den Verkauf gelangt ist statt nach dem Motto „unvermittelbar“ auf dem Feld liegen gelassen worden zu sein.
 
Ähnlich wie mit makeligem Gemüse, gehen wir Menschen auch oft mit unseren eigenen vermeintlichen Makeln und Schwächen um. Wir schämen uns für unsere Tollpatschigkeit oder unser Stottern, wir überschminken Hautunreinheiten und photoshoppen unsere Beine schlanker oder wir lügen unsere Mitmenschen an und erfinden Ausreden, dass wir am Freitagabend leider nicht zur Party kommen können, weil wir zu viel zu tun hätten, doch in Wirklichkeit liegen wir abends einfach viel lieber mit Kuschelsocken und Chips auf der Couch. Wir hobeln und schleifen sprichwörtlich alle unsere Ecken und Kanten weg, an denen unsere Gesellschaft sich stoßen könnte und büßen dadurch einen erheblichen Teil unserer Authentizität ein. Warum ist das so? Warum fällt es uns so schwer, uns selbst anzunehmen und uns der Gesellschaft so zu zeigen, wie wir wirklich sind?
 
Der Grundstein für die Fähigkeit zur Selbstannahme und Selbstakzeptanz wird bereits im Babyalter gelegt. Eine Mutter, die liebevoll, fürsorglich und prompt die Bedürfnisse ihres Babys beantwortet, signalisiert ihrem Baby Liebe, Beachtung und Angenommensein. Unsere Selbstannahme ist daher in den ersten Lebensjahren stark von anderen Menschen abhängig (von der Mutter, aber auch von anderen Bezugspersonen). Gleiches gilt später für Kindergarten, Schule und Freizeit. Wir lernen schnell, dass wir vor allem dann angenommen sind, wenn wir uns angemessen verhalten, nicht als sonderbar auffallen und gute Leistungen erbringen. Dies impliziert auch, dass wir einige unserer Eigenschaften und Äußerlichkeiten vor der Öffentlichkeit zu verbergen versuchen, da wir sie aus unserer Lerngeschichte heraus nicht für liebens- und annehmenswürdig halten und wir auf keinen Fall riskieren wollen, damit unangenehm aufzufallen und dafür von unseren Mitmenschen abgelehnt zu werden.
 
Da wir uns selbst oft nicht oder zumindest nicht mit all unseren Facetten annehmen können, suchen wir nach Bestätigung, Akzeptanz und Liebe im Außen, bei unseren Mitmenschen. Dagegen ist an sich erstmal nichts einzuwenden, denn a) haben wir das – so wie oben bereits beschrieben – ja von Kindesbeinen an gelernt und b) sind wir Menschen soziale Wesen und somit ist es eines unserer natürlichsten und existenziellsten Grundbedürfnisse, dazu zu gehören und angenommen und akzeptiert zu sein. Gehören wir nicht dazu und haben wir keinen akzeptieren Platz in unserer Herde, dann verhungern wir, dann beschützt uns niemand, dann sterben wir. So ist das im Tierreich; bei uns Menschen würde es sicher nicht gleich so dramatisch ausfallen, doch wir würden vielleicht einsam, depressiv und unglücklich werden. Dass wir uns so abhängig von der Bewertung unserer Mitmenschen machen, ist für uns also, zum Einen, Gewohnheit und Teil unserer Erziehung und, zum Anderen, sichert es uns evolutionsbiologisch betrachtet unser Überleben.
 
Das Problem dabei ist nur, dass Bestätigung von außen uns meist nur vorübergehend, meist nur kurzweilig glücklich macht, sodass wir immer wieder auf’s Neue die Bestätigung und Beachtung anderer Menschen suchen müssen, zum Beispiel, indem wir den Menschen tolle Storys über uns erzählen oder indem wir in den sozialen Netzwerken besonders ansprechende Fotos posten oder die Anzahl unserer vermeintlichen Freunde künstlich nach oben treiben. Das kann auf Dauer ganz schön anstrengend sein und nicht zuletzt lügen wir uns damit in die eigene Tasche. Tatsächlich hat all das nichts damit zu tun, dass wir uns selbst annehmen, sondern eher damit, dass wir wollen, dass andere Menschen uns annehmen. Wir leben also meist keine SELBSTannahme, sondern sind eher auf FREMDannahme aus und genau da liegt häufig die Ursache unserer eigenen inneren Unzufriedenheit. Wir leihen uns die Liebe von anderen Menschen anstatt uns selbst zu lieben. 
 
Sich selbst im Ganzen anzunehmen, heißt, sich emotional unabhängig vom Feedback anderer zu machen und seine Erfüllung und seinen Selbstwert nicht nur aus dem zu ziehen, was andere über uns denken und sagen oder wie andere sich uns gegenüber verhalten. Viel mehr geht es darum, (wieder) zu entdecken, wer wir sind, was unsere Werte im Leben sind, was uns Spaß macht und was nicht, was wir uns wünschen und was nicht. Also kurz gesagt: Eine Bestandsaufnahme über uns selbst, über unsere Persönlichkeit zu machen und dazu gehören unsere Stärken, Vorzüge und Vorlieben genauso wie unsere Macken und Unzulänglichkeiten. Um ein halbwegs objektives Bild von uns selbst zu bekommen, kann es hierbei hilfreich sein, auch ein paar uns vertraute Menschen zu bitten, eine ehrliche Einschätzung über uns abzugeben. Zu wissen, wo wir (noch) unzulänglich sind, kann sich besonders dann als vorteilhaft erweisen, wenn andere Menschen uns kritisieren oder gar angreifen wollen, denn jemand, der seine eigenen Schwachstellen kennt, wird nicht überrascht werden, wenn jemand anders sie ihm vorhält und jemand, der seine eigenen Schwachstellen angenommen hat, kann auch nicht mit ihnen verletzt werden. 
 
An dieser Stelle möchte ich die Geschichte von den zwei Wölfen anbringen, auf die ich während meiner psychologischen Arbeit in den letzten Jahren gestoßen bin und die inzwischen auch im Internet weit verbreitet ist. Die Geschichte ist eine schöne Metapher dafür, warum es sich lohnt, dass wir uns selbst annehmen und dass wir gut zu uns selbst sind:
 
Ein Indianerhäuptling sitzt mit seinem Enkel am Lagerfeuer und erzählt ihm davon, dass jeder von uns zwei Wölfe (zwei Anteile) in sich trägt, die gegeneinander kämpfen. Der eine Wolf ist böse. Er steht für Ängste, Sorgen, Selbstzweifel, Minderwertigkeitsgefühle, Vorwürfe, Selbstmitleid, Schuldgefühle, Gier, Neid, Vorurteile, Arroganz, Hass, Lügen und Missgunst. Der andere Wolf ist gut. Er steht für Liebe, Freude, Hoffnung, Mitgefühl, Großzügigkeit, Wohlwollen, Akzeptanz, Selbstannahme, Vertrauen, Demut und Aufrichtigkeit. Nach einiger Zeit fragt der Enkel: „Und welcher Wolf gewinnt den Kampf?“. Und der Indianerhäuptling antwortet: „Der, den du fütterst.“.
 
Nur, wenn wir unsere Stärken kennen, wenn wir unsere Schwachstellen annehmen, akzeptieren und vielleicht sogar zu verbessern suchen, wenn wir alte Wunden und Verletzungen liebevoll versorgen, dann können wir den Herausforderungen des Lebens trotzen und standhalten, dann können wir gesunde Beziehungen führen und dann können wir uns mit unserem ganzen Potenzial selbstverwirklichen. Seid gut zu euch selbst!

Seelenfutter: Winter

Für die kommenden Tage ist bei uns endlich der erste Schnee vorhergesagt. Anders als einige meiner Freunde, die diese kalte, graue Jahreszeit regelrecht verfluchen und am allerliebsten hätten, dass der Sommer niemals endet, gehöre ich zu der Sorte Mensch, die es kaum abwarten kann, dass die Tage rau und eisig werden und sich endlich eine dicke, weiße Decke aus Schneeflocken über die Straßen und Felder legt, die einen dazu einlädt, sich in einen wohlig-flauschigen XXL-Schal einzumummeln und draußen spazieren zu gehen. Der Winter hält nämlich da draußen viele Schätze für uns bereit: Zugefrorene Pfützen, auf denen man entlang schlittern kann, glitzernde Schneedecken auf den Dächern, die wie Zuckerguss anmuten, spitze, gläserne Eiszapfen, die funkelnd von den Dachrinnen hängen und manchmal findet man an den kahlen Bäumen sogar noch ein paar verschrumpelte Äpfel oder Birnen, die dort bei der Ernte vergessen wurden. Den Winter als eine graue, nasse, trostlose und Depressionen fördernde Jahreszeit zu verteufeln ist meiner Meinung nach nicht fair, lässt ein solch hartes Urteil nämlich völlig außer Acht, dass der Winter im Kreislauf der Jahreszeiten eine ausgesprochen wichtige Funktion erfüllt.

Der Frühling ist die Zeit des Erwachens. Die ersten Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die grauen, trüben Wolken und bringen uns Licht, in den Wäldern kann man hören, wie die ersten Knospen an Sträuchern und Bäumen beim Öffnen leise knacken, alles beginnt zu grünen, zu sprießen und zu wachsen, es herrscht Aufbruchstimmung, das Leben beginnt. Der Sommer ist die Zeit der Reife, des Lichts und der Energie. Was im Frühling herangewachsen ist, trägt nun Früchte, die wir zum Teil im Sommer schon ernten können. Mit der Sommersonnenwende (also dem Sommeranfang Ende Juni) erleben wir den längsten und somit hellsten Tag des Jahres, wir orientieren uns nach außen, verbringen laue Sommernächte draußen, bestaunen den Sternenhimmel, der im Sommer am klarsten ist und uns anhand der Sternbilder Orientierung geben soll, wir feiern Feste, sind aktiv und voller Energie und Tatendrang. Der Herbst ist die Zeit der Ernte und des Loslassens. Wir ernten den Großteil der Früchte, die im Sommer gereift sind, und staunen über die Farbenpracht der Natur, wenn das satte Grün des Sommers sich von leuchtenden Gelb-, Orange- und Rottönen allmählich zu einem verwelkten Braun verwandelt und uns plötzlich Zerfall und Vergänglichkeit bewusst macht. Mit dem Erntedankfest feiern wir noch ein letztes Mal die Ergebnisse unseres Fleißes, bevor wir uns nach drinnen zurückziehen und ruhiger werden.

Und dann kommt der Winter, die Zeit der Ruhe und der Achtsamkeit. Zumindest theoretisch. Die Tage werden kürzer, die Nächte länger und zwingen uns dazu, die Arbeit früher ruhen zu lassen und mit unseren Kräften und Ressourcen gut zu haushalten. Durch die früher einsetzende Dunkelheit werden wir schneller müde und unser Körper verlangt in dieser dunklen, eisigen Jahreszeit nach nährstoffreicherer Kost. Schauen wir ins Tierreich, dann kommt uns das bekannt vor. Igel, Eichhörnchen, Dachse, Waschbären, Murmeltiere oder Fledermäuse fressen sich Fettpölsterchen an und halten Winterschlaf oder zumindest Winterruhe. So hat es die Natur und der jahreszeitliche Kreislauf vorgesehen. Doch was tun wir Menschen? Wir ignorieren diesen natürlichen, von den Jahreszeiten vorgegeben Rhythmus, indem wir auch im Winter dieselben Arbeitszeiten pflegen wie im Rest vom Jahr, ja wir kaufen uns sogar noch eine Tageslichtlampe, die unsere Leistungsfähigkeit auch in der dunklen Jahreszeit erhalten soll. Anstatt, dass wir unser Tun verlangsamen und zur Ruhe kommen, hetzen wir zeitnotgeplagt durch die Läden auf der Suche nach den perfekten Weihnachtsgeschenken oder konkurrieren mit unseren Kollegen, wer die ausgefalleneren Weihnachtsplätzchen backt. Wen wundert es da, dass sich Phänomene wie Winterblues, Winterdepression oder Frühjahrsmüdigkeit breit machen, denen wir dann mit modernen Konzepten wie Selbstfürsorge entgegen zu wirken versuchen? Wahrscheinlich wäre Letzteres gar nicht nötig, würden wir einfach im Einklang mit unserem natürlichen Jahreszeiten-Rhythmus leben und uns genau jetzt, im Spätherbst und im Winter, zurückziehen, Kräfte sammeln, das vergangene Jahr reflektieren, dankbar sein für alles, was wir Gutes erlebt haben und neue Pläne schmieden für den bevorstehenden Frühling.

Denn Winter heißt nicht nur, dass etwas zu Ende geht, sondern auch, dass schon bald wieder etwas Neues beginnen wird. Frühling bedeutet Wiedergeburt und die kann man im Winter schon vorbereiten. Was habe ich im vergangenen Jahr alles erreicht? Welche Ziele musste ich vielleicht aufgeben? Was möchte ich im kommenden Jahr noch erreichen? Was im vergangenen Jahr hat mich belastet und welche Rituale helfen mir, dies zu verarbeiten bzw. mich versöhnlich damit zu stimmen? Wovon möchte ich mich trennen, weil es mich nicht weiterbringt? Welche Fehler möchte ich mir und anderen vergeben? All diese Fragen und Gedanken warten darauf, dass wir uns mit ihnen beschäftigen. Geben wir ihnen also jetzt im Dezember Raum, damit wir mit dem zu Ende gehenden Jahr versöhnlich abschließen können und uns mit mehr innerer Zufriedenheit und Leichtigkeit zielbewusst auf das neue Jahr einstellen können.

Seelenfutter: Stille

Wir wohnen schon seit einiger Zeit am Bodensee und sind es gewohnt, mit einem großen Touristenansturm zurechtzukommen. Zwischen April und Oktober stockt es auf den Straßen, in den Innenstädten flanieren unzählige Menschen und die Hotels und Ferienwohnungen sind hoffnungslos ausgebucht. Einerseits hab ich dadurch sehr zu schätzen gelernt, in was für einer wunderschönen Gegend wir wohnen, denn offenbar zieht es viele Menschen hierher, andererseits erschwert uns dieser Trubel manchmal den gewöhnlichsten, alltäglichsten Gang zum Supermarkt, da wir nicht immer im gewünschten Tempo vorankommen. Alles hat zwei Seiten. Wo Sonne ist, da ist auch Schatten. Umso mehr genieße ich den Ausklang der Saison, denn genau jetzt, Anfang November, wird es ruhiger am Bodensee. Selten sieht man noch ein Boot auf dem See entlang schippern, ein grau-trüber Nebelschleier legt sich über den See und verleiht ihm ein mystisches Antlitz, zahlreiche Eisdielen und Gasthäuser schließen vorübergehend, die Flaniermeilen sind wie leer gefegt und am Hafen legen weniger Schiffe an. Es kehrt Stille ein und es wirkt, als wollte die Region sich erholen, sich regenerieren, um neue Kraft zu tanken für die bevorstehende nächste Saison im kommenden Frühjahr.

In der heutigen Zeit ist Stille zu einem seltenen Ort geworden. Viele Menschen finden in ihrem mit Terminen vollgestopften Alltag keinen Platz mehr für stille Momente, einige Menschen meiden die Stille sogar ganz bewusst, weil sie Angst davor haben, dass sich in ihrem Kopf unangenehme Themen breit machen, die sie in ihrem hektischen Alltag erfolgreich verdrängen konnten. Doch um alltägliche Stressoren gut verarbeiten zu können und somit auf Dauer psychisch gesund zu bleiben, ist es unabdingbar, dass wir uns immer wieder stille Pausen gönnen. Während meiner 4-jährigen Ausbildung zur Familientherapeutin konnte ich die „Blumentopf-Metapher“ aufschnappen, die sehr schön erklärt, warum Stille unserem Gehirn so gut tut: Unser Gehirn funktioniert wie ein Blumentopf, in dem eine Pflanze heranwächst. Damit die Pflanze wachsen und gedeihen kann, braucht sie Wasser, doch zu viel Wasser würde sie ertränken. Daher ist es notwendig, einige Zeit zu warten, bis das Wasser versickert ist, bevor wir erneut Wasser nachgießen. Genauso wie mit der Pflanze, verhält es sich auch mit uns Menschen. Damit unser Gehirn den ganzen Stress verarbeiten kann, den wir tagtäglich erleben, braucht es Zeit und Stille, um anschließend wieder bereit für neue Reize und neue Herausforderungen sein zu können.

Seelenfutter: Loslassen

Der Herbst ist eine Zeit des Wandels und des Loslassens. Die Tage werden kürzer, das Licht wird weniger, die Temperaturen sinken und die Bäume merken, dass es allmählich Zeit wird, sich von allem, was übermäßig Energie raubt, zu verabschieden. Im Zuge dessen schraubt der Baum die Photosynthese zurück, indem er seinen Blättern den grünen Blattfarbstoff Chlorophyll entzieht und diesen in Wurzeln, Stamm und Ästen einlagert. Die Blätter verfärben sich, sterben ab und fallen mit dem nächsten Windstoß zu Boden. Der Baum hat gelernt, sich an die Witterung, also an die äußeren Umstände anzupassen und sich seine Ressourcen gut einzuteilen, um den bevorstehenden rauen Winter zu überleben. Loszulassen von unnötigem Ballast ist für ihn ein natürlicher und sich jedes Jahr wiederholender Vorgang.

Wir Menschen könnten viel von Bäumen lernen. Auch unser Leben ist häufig geprägt von zahlreichen Belastungen. Wir wechseln nicht den Job, obwohl er uns keinen Spaß macht und wir viel zu gering dafür entlohnt werden, wir bleiben in einer Partnerschaft, obwohl diese uns nicht glücklich macht, wir umgeben uns mit vermeintlichen Freunden, die uns jedoch runterziehen oder sich nur dann bei uns melden, wenn sie etwas von uns brauchen. Ähnlich wie bei den Bäumen, würde es auch uns Menschen gut tun, sich hier und da regelmäßig von kräfteraubendem Ballast zu befreien und loslassen als etwas zu begreifen, das unserer Gesundheit, unserer Selbstfürsorge dienlich ist. Loszulassen bedeutet, die Hände frei zu haben für Neues. „Loszulassen kostet uns weitaus weniger Kraft als festzuhalten und dennoch ist es oft schwerer.“ (Detlev Fleischhammel). Vielleicht können wir im Kleinen damit beginnen, uns von überschüssigem Ballast zu befreien und damit unser Leben etwas leichter und beschwingter zu machen. Das können die eingestaubten Kisten auf dem Dachboden sein, die ich endlich beginne, zu entrümpeln oder das Zeitschriftenabo, das ich endlich kündige, weil ich die Zeitschrift eigentlich gar nicht mehr gerne lese und sie nach ihrem Erhalt ein Schattendasein auf dem Wohnzimmertisch fristet, bevor sie in die Altpapiertonne wandert. Wir brauchen nur anzufangen.