Seelenfutter: Winter

„Für die kommenden Tage ist bei uns endlich der erste Schnee vorhergesagt. Anders als einige meiner Freunde, die diese kalte, graue Jahreszeit regelrecht verfluchen und am allerliebsten hätten, dass der Sommer niemals endet, gehöre ich zu der Sorte Mensch, die es kaum abwarten kann, dass die Tage rau und eisig werden und sich endlich eine dicke, weiße Decke aus Schneeflocken über die Straßen und Felder legt, die einen dazu einlädt, sich in einen wohlig-flauschigen XXL-Schal einzumummeln und draußen spazieren zu gehen. Der Winter hält nämlich da draußen viele Schätze für uns bereit: Zugefrorene Pfützen, auf denen man entlang schlittern kann, glitzernde Schneedecken auf den Dächern, die wie Zuckerguss anmuten, spitze, gläserne Eiszapfen, die funkelnd von den Dachrinnen hängen und manchmal findet man an den kahlen Bäumen sogar noch ein paar verschrumpelte Äpfel oder Birnen, die dort bei der Ernte vergessen wurden. Den Winter als eine graue, nasse, trostlose und Depressionen fördernde Jahreszeit zu verteufeln ist meiner Meinung nach nicht fair, lässt ein solch hartes Urteil nämlich völlig außer Acht, dass der Winter im Kreislauf der Jahreszeiten eine ausgesprochen wichtige Funktion erfüllt.

Der Frühling ist die Zeit des Erwachens. Die ersten Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die grauen, trüben Wolken und bringen uns Licht, in den Wäldern kann man hören, wie die ersten Knospen an Sträuchern und Bäumen beim Öffnen leise knacken, alles beginnt zu grünen, zu sprießen und zu wachsen, es herrscht Aufbruchstimmung, das Leben beginnt. Der Sommer ist die Zeit der Reife, des Lichts und der Energie. Was im Frühling herangewachsen ist, trägt nun Früchte, die wir zum Teil im Sommer schon ernten können. Mit der Sommersonnenwende (also dem Sommeranfang Ende Juni) erleben wir den längsten und somit hellsten Tag des Jahres, wir orientieren uns nach außen, verbringen laue Sommernächte draußen, bestaunen den Sternenhimmel, der im Sommer am klarsten ist und uns anhand der Sternbilder Orientierung geben soll, wir feiern Feste, sind aktiv und voller Energie und Tatendrang. Der Herbst ist die Zeit der Ernte und des Loslassens. Wir ernten den Großteil der Früchte, die im Sommer gereift sind, und staunen über die Farbenpracht der Natur, wenn das satte Grün des Sommers sich von leuchtenden Gelb-, Orange- und Rottönen allmählich zu einem verwelkten Braun verwandelt und uns plötzlich Zerfall und Vergänglichkeit bewusst macht. Mit dem Erntedankfest feiern wir noch ein letztes Mal die Ergebnisse unseres Fleißes, bevor wir uns nach drinnen zurückziehen und ruhiger werden.

Und dann kommt der Winter, die Zeit der Ruhe und der Achtsamkeit. Zumindest theoretisch. Die Tage werden kürzer, die Nächte länger und zwingen uns dazu, die Arbeit früher ruhen zu lassen und mit unseren Kräften und Ressourcen gut zu haushalten. Durch die früher einsetzende Dunkelheit werden wir schneller müde und unser Körper verlangt in dieser dunklen, eisigen Jahreszeit nach nährstoffreicherer Kost. Schauen wir ins Tierreich, dann kommt uns das bekannt vor. Igel, Eichhörnchen, Dachse, Waschbären, Murmeltiere oder Fledermäuse fressen sich Fettpölsterchen an und halten Winterschlaf oder zumindest Winterruhe. So hat es die Natur und der jahreszeitliche Kreislauf vorgesehen. Doch was tun wir Menschen? Wir ignorieren diesen natürlichen, von den Jahreszeiten vorgegeben Rhythmus, indem wir auch im Winter dieselben Arbeitszeiten pflegen wie im Rest vom Jahr, ja wir kaufen uns sogar noch eine Tageslichtlampe, die unsere Leistungsfähigkeit auch in der dunklen Jahreszeit erhalten soll. Anstatt, dass wir unser Tun verlangsamen und zur Ruhe kommen, hetzen wir zeitnotgeplagt durch die Läden auf der Suche nach den perfekten Weihnachtsgeschenken oder konkurrieren mit unseren Kollegen, wer die ausgefalleneren Weihnachtsplätzchen backt. Wen wundert es da, dass sich Phänomene wie Winterblues, Winterdepression oder Frühjahrsmüdigkeit breit machen, denen wir dann mit modernen Konzepten wie Selbstfürsorge entgegen zu wirken versuchen? Wahrscheinlich wäre Letzteres gar nicht nötig, würden wir einfach im Einklang mit unserem natürlichen Jahreszeiten-Rhythmus leben und uns genau jetzt, im Spätherbst und im Winter, zurückziehen, Kräfte sammeln, das vergangene Jahr reflektieren, dankbar sein für alles, was wir Gutes erlebt haben und neue Pläne schmieden für den bevorstehenden Frühling.

Denn Winter heißt nicht nur, dass etwas zu Ende geht, sondern auch, dass schon bald wieder etwas Neues beginnen wird. Frühling bedeutet Wiedergeburt und die kann man im Winter schon vorbereiten. Was habe ich im vergangenen Jahr alles erreicht? Welche Ziele musste ich vielleicht aufgeben? Was möchte ich im kommenden Jahr noch erreichen? Was im vergangenen Jahr hat mich belastet und welche Rituale helfen mir, dies zu verarbeiten bzw. mich versöhnlich damit zu stimmen? Wovon möchte ich mich trennen, weil es mich nicht weiterbringt? Welche Fehler möchte ich mir und anderen vergeben? All diese Fragen und Gedanken warten darauf, dass wir uns mit ihnen beschäftigen. Geben wir ihnen also jetzt im Dezember Raum, damit wir mit dem zu Ende gehenden Jahr versöhnlich abschließen können und uns mit mehr innerer Zufriedenheit und Leichtigkeit zielbewusst auf das neue Jahr einstellen können.“

Seelenfutter: Stille

„Wir wohnen schon seit einiger Zeit am Bodensee und sind es gewohnt, mit einem großen Touristenansturm zurechtzukommen. Zwischen April und Oktober stockt es auf den Straßen, in den Innenstädten flanieren unzählige Menschen und die Hotels und Ferienwohnungen sind hoffnungslos ausgebucht. Einerseits hab ich dadurch sehr zu schätzen gelernt, in was für einer wunderschönen Gegend wir wohnen, denn offenbar zieht es viele Menschen hierher, andererseits erschwert uns dieser Trubel manchmal den gewöhnlichsten, alltäglichsten Gang zum Supermarkt, da wir nicht immer im gewünschten Tempo vorankommen. Alles hat zwei Seiten. Wo Sonne ist, da ist auch Schatten. Umso mehr genieße ich den Ausklang der Saison, denn genau jetzt, Anfang November, wird es ruhiger am Bodensee. Selten sieht man noch ein Boot auf dem See entlang schippern, ein grau-trüber Nebelschleier legt sich über den See und verleiht ihm ein mystisches Antlitz, zahlreiche Eisdielen und Gasthäuser schließen vorübergehend, die Flaniermeilen sind wie leer gefegt und am Hafen legen weniger Schiffe an. Es kehrt Stille ein und es wirkt, als wollte die Region sich erholen, sich regenerieren, um neue Kraft zu tanken für die bevorstehende nächste Saison im kommenden Frühjahr.

In der heutigen Zeit ist Stille zu einem seltenen Ort geworden. Viele Menschen finden in ihrem mit Terminen vollgestopften Alltag keinen Platz mehr für stille Momente, einige Menschen meiden die Stille sogar ganz bewusst, weil sie Angst davor haben, dass sich in ihrem Kopf unangenehme Themen breit machen, die sie in ihrem hektischen Alltag erfolgreich verdrängen konnten. Doch um alltägliche Stressoren gut verarbeiten zu können und somit auf Dauer psychisch gesund zu bleiben, ist es unabdingbar, dass wir uns immer wieder stille Pausen gönnen. Während meiner 4-jährigen Ausbildung zur Familientherapeutin konnte ich die „Blumentopf-Metapher“ aufschnappen, die sehr schön erklärt, warum Stille unserem Gehirn so gut tut: Unser Gehirn funktioniert wie ein Blumentopf, in dem eine Pflanze heranwächst. Damit die Pflanze wachsen und gedeihen kann, braucht sie Wasser, doch zu viel Wasser würde sie ertränken. Daher ist es notwendig, einige Zeit zu warten, bis das Wasser versickert ist, bevor wir erneut Wasser nachgießen. Genauso wie mit der Pflanze, verhält es sich auch mit uns Menschen. Damit unser Gehirn den ganzen Stress verarbeiten kann, den wir tagtäglich erleben, braucht es Zeit und Stille, um anschließend wieder bereit für neue Reize und neue Herausforderungen sein zu können.“

Seelenfutter: Loslassen

Mit diesem Post möchte ich auf meinem Blog eine neue Rubrik einführen, nämlich die Rubrik „Seelenfutter“. Ich war ja schon mein ganzes bisheriges Leben ein kleiner Schreiberling. Seit meiner Kindheit habe ich immer wieder Texte, Gedichte und Lieder geschrieben über Dinge und Themen, die mich in den jeweiligen Lebensphasen beschäftigten. Es war und ist auch heute noch wie Therapie für mich, die Gedanken und Gefühle, die sich in mir befinden und die mich mitunter auch belasten, einfach aus mir herauszuschreiben und damit auch zu entwirren, zu klären, zu benennen oder eine Analogie dafür zu finden, in die ich das jeweilige Thema packen kann. Ohne es selbst bewusst zu wissen, habe ich damit schon damals eine sehr konstruktive und selbstfürsorgliche Methode angewendet, die meiner psychischen Gesundheit in all den vergangenen Jahren sehr dienlich war. Vielleicht ist es kein Wunder, dass ich später Psychologie studiert und eine Therapeutenausbildung gemacht habe. Nach reiflicher Überlegung habe ich mich nun dazu entschlossen, meine Gedanken hier zu veröffentlichen und sie euch somit zugänglich zu machen, damit auch ihr vielleicht etwas davon mitnehmen könnt, das euch hilft. Zwar ist dies ein Foodblog, den ich einst ins Leben gerufen habe, weil ich gerne koche und backe und weil ich für gut befundene Rezepte mit der Welt teilen und meinen kochtechnischen Fortschritt für mich selbst dokumentieren wollte, doch ich bin der Meinung, dass es nicht nur gutes, nährstoffreiches Essen braucht, um unseren Körper und unsere Seele zu nähren und zu stärken, sondern eben auch psychologisches Futter. Darum wird mein Blog euch in Zukunft nicht mehr nur mit kulinarischen Inhalten versorgen, sondern auch mit psychologischen. Der nachstehende Text wird also mein erster Beitrag in dieser Rubrik sein und ich habe ihn bereits Anfang Oktober geschrieben, als sich draußen die Blätter verfärbten und der Herbst allmählich Einzug hielt. Lasst euch also inspirieren…

„Der Herbst ist eine Zeit des Wandels und des Loslassens. Die Tage werden kürzer, das Licht wird weniger, die Temperaturen sinken und die Bäume merken, dass es allmählich Zeit wird, sich von allem, was übermäßig Energie raubt, zu verabschieden. Im Zuge dessen schraubt der Baum die Photosynthese zurück, indem er seinen Blättern den grünen Blattfarbstoff Chlorophyll entzieht und diesen in Wurzeln, Stamm und Ästen einlagert. Die Blätter verfärben sich, sterben ab und fallen mit dem nächsten Windstoß zu Boden. Der Baum hat gelernt, sich an die Witterung, also an die äußeren Umstände anzupassen und sich seine Ressourcen gut einzuteilen, um den bevorstehenden rauen Winter zu überleben. Loszulassen von unnötigem Ballast ist für ihn ein natürlicher und sich jedes Jahr wiederholender Vorgang.

Wir Menschen könnten viel von Bäumen lernen. Auch unser Leben ist häufig geprägt von zahlreichen Belastungen. Wir wechseln nicht den Job, obwohl er uns keinen Spaß macht und wir viel zu gering dafür entlohnt werden, wir bleiben in einer Partnerschaft, obwohl diese uns nicht glücklich macht, wir umgeben uns mit vermeintlichen Freunden, die uns jedoch runterziehen oder sich nur dann bei uns melden, wenn sie etwas von uns brauchen. Ähnlich wie bei den Bäumen, würde es auch uns Menschen gut tun, sich hier und da regelmäßig von kräfteraubendem Ballast zu befreien und loslassen als etwas zu begreifen, das unserer Gesundheit, unserer Selbstfürsorge dienlich ist. Loszulassen bedeutet, die Hände frei zu haben für Neues. „Loszulassen kostet uns weitaus weniger Kraft als festzuhalten und dennoch ist es oft schwerer.“ (Detlev Fleischhammel). Vielleicht können wir im Kleinen damit beginnen, uns von überschüssigem Ballast zu befreien und damit unser Leben etwas leichter und beschwingter zu machen. Das können die eingestaubten Kisten auf dem Dachboden sein, die ich endlich beginne, zu entrümpeln oder das Zeitschriftenabo, das ich endlich kündige, weil ich die Zeitschrift eigentlich gar nicht mehr gerne lese und sie nach ihrem Erhalt ein Schattendasein auf dem Wohnzimmertisch fristet, bevor sie in die Altpapiertonne wandert. Wir brauchen nur anzufangen.“